Nach Glocknerwand und Stüdlgrat ist sich Gernot sicher, wir sind für höhere Schwierigkeiten gemacht. Wir wollen einen Kletterkurs in der Schwierigkeit III bis IV beim Alpenverein machen. Nur der Kurs ist schon ausgebucht. Wir können aber eine geführte Tour anfragen. Eigentlich ist die Sache längst vergessen, da landet eine E-Mail in Gernots Inbox. Für den Montag hat sich nun ein Klettertrainer erbarmt und führt uns in die Wachau oder Wiener Hausberge. Wachau? Die Marillenblüte ist doch im Frühjahr? Wurscht – mach ma!
„Hohe Wand – geführtes Klettern“ weiterlesenAkademikersteig
Tadellose Bedingungen warten, ab mit Renate ins Höllental, der Akademikersteig steht an. Über die Schönbrunnerstiege, dann ein Stück bis knapp vor die Forststraße auf der Höhenlinie, ehe es Richtung Wand geht. Elegant rechts abgebogen und entlang der Wand hinauf.
„Akademikersteig“ weiterlesenGroßglockner – Stüdlgrat
Spontan sind wir wieder auf der Stüdlhütte. Und es ist nicht, weil man hier so gut schläft. Ein Wetterfenster hat sich noch kurz vor Saisonende geöffnet und das wollen wir nützen. Der Wetterbericht passt. Es könnte herbstlich kalt werden und das ist auf über 3.500m Höhe dann wirklich kalt. Gernot hat im Bergführerbüro Kals einen Bergführer angefragt. Bernhard wird uns über den Stüdlgrat führen.
„Großglockner – Stüdlgrat“ weiterlesenRote Schlurze
Die „Rote Schlurze“ ist eine historische und selten begangene Alpinklettertour im Schwierigkeitsgrad 2+ an den Hohen Umschweifwänden der Rax. So steht’s am Internet. Mühsamer Zustieg, aber schöne Kraxelei. Werden Gernot und ich das Seil brauchen oder können wir uns die Schlepperei ersparen? Wir nehmen es mit und wenn es nur ist, um ein bisserl das Abseilen zu üben.
„Rote Schlurze“ weiterlesenStadelwandgrat
Der Stadelwandgrat war bislang der Höhepunkt der Saison. Dieses Mal starten wir damit. Der Zustieg inklusive Gassel fällt leichter als erwartet. Das mag daran liegen, dass wir schon wissen, was kommt. Gernot meint, ich soll notieren, dass der Weg bei 900m verlassen werden soll. Nun aber aufpassen, dass man nicht dem breiteren Steig zur Wand folgt, sondern eher eben in den Wald quert. Wer diesem Tipp folgt, kann in etwa 25 Höhenmeter sparen. Okay, aufgeschrieben ist es.
Gegen den fetten roten Pfeil und schon sind wir bei unserem ersten Turm. Ui, haben wir schon lange nichts am Fels getan. Sogar der erste HMS-Knoten will mir nicht gelingen. Wie ruft man sich diesen in Erinnerung, wenn er sonst doch immer automatisiert und ohne nachzudenken von der Hand geht? Einfach machen, nicht überlegen und geht schon. Die Saison kann beginnen.
„Stadelwandgrat“ weiterlesenKanzelsteig
Gernots und mein Novemberklettern will gemacht werden. Wir haben mehr Erwartungen als Zeit für die Vorbereitung der Tour. Die Erwartungen sind: unten Nebel und Temperaturen um die Null, oben Sonne und T-Shirt. Ja, so war es schon ein paar Mal, dann soll es auch heute so sein. Da Gernot ein neues E-Auto bekommen hat, ist er am Vorabend beschäftigt. Ich bin vom Haidsteig auch ein bisserl müde. Niemand gleicht die Erwartungen gegen die Realität ab. Vom Haidsteig weiß ich, dass die Hohe Wand die bessere Wahl sein wird. Und auf der Hohen Wand ist es doch immer warm. Eigentlich sollten wir es besser wissen, aber…
Gernot hat ein paar Tourenvorschläge geschickt. Allesamt III und schwieriger. Boah, da ist mir nicht ganz wohl dabei. Ich suche und finde Leichteres. Wir nehmen den Kanzelsteig und können ja oben dann noch die Technikervarianten mitnehmen.
Beim Seiser Toni folgt der erste Wettercheck. Kein Nebel, keine Sonne. Dafür Wind und Schneeflocken. Ich habe beide Mammut-Jacken mit. Die wärmere Jacke habe ich dabei, weil man beim Kraxeln mit Seil viel herumsteht und dabei leicht friert. Jetzt entscheide ich, beide Jacken anzuziehen. Gernot geht es gleich. Der Kanzelsteig ist ein II+. Den sollten wir auch ohne Seil schaffen, meint Gernot. So würden wir weniger herumstehen und nicht auskühlen. Zustimmung! Dann habe ich die glorreiche Idee, dass es noch wärmer wird, wenn wir das Material und das Seil im Rucksack mitschleppen. Für Wärme wäre gesorgt. Machen wir! Ich nehme freiwillig Seil und mein Eisen.
Der Einstieg ist schnell gefunden. Gernot sieht schon die roten Punkte. Diese sehe ich auch, aber erst, wenn ich draufstehe oder ich mich am entsprechenden Fels festhalte. Gernot geht somit vor. Die Kraxelei ist lustig. Ein bisserl viel Nadeln, Bockerln, Steine usw. liegen herum. Das nächste Mal nehme ich noch einen starken Laubbläser mit und mache da ein bisserl Ordnung. Ha, da ist sie schon die „Schlüsselstelle“. Gernot meint, wir gehen ohne Sicherung. Ich bin nicht sicher. Irgendwie muss ich meine Muttropfen heute vergessen haben. So mache ich den Vorschlag, wir nehmen das Seil und Gernot steigt vor. Zustimmung pur, los geht’s!
Bald erkennt Gernot, dass es eh eine gute Idee war, das Seil zu nehmen. Irgendwann rufe ich ihm zu, dass es wieder einmal Zeit wäre für eine Zwischensicherung. Wenn er jetzt einen Abgang macht, kugelt er definitiv an mir vorbei. Somit hat er die Wand eigentlich ohne Sicherung genommen. Zack, da kommt der erste Stein. Deckung und der Kopf ist mal geschützt. Ob der Rucksack schützt? Die Beine sind etwas exponiert. Die Wahrscheinlichkeit für ein Treffer ist eh extrem gering. Schon höre ich dieses grausige Surren des Steins – verfehlt – gut so! Kurze Zeit danach wieder. Diesmal sind es mehrere Steine. Ja, was macht der da oben? Ein dicker Stein springt im Zickzack herunter. Wo jetzt? Links, rechts, links… Deckung und auch verfehlt. Okay, vielleicht bin ich den Steig deswegen noch nicht gegangen. Ist ja ein Wahnsinn da!
Ich steige nach, und das lieber schnell als langsam. Dabei erwische ich es nicht gut. Ja, Himmi! Wo ist der da rauf? Begeistert hat er gerufen, dass er riesige Griffe gefunden hat. Hat er die mitgenommen oder abgebaut? Ich finde da nichts. Keine Sorge, auch ohne die großen Komfortgriffe ist diese Wand, das Testamentwandl, machbar. Gernot wartet schon. Für den ersten Stein übernimmt er die Verantwortung, aber die restlichen schreibt er den Steinböcken zu. So richtig Freund werde ich mit diesen Viechern nicht.
Weiter geht es im „Gehgelände“. Das Seil haben wir schlampig aufgenommen und steigen so eng hintereinander. Dabei reduziert sich die Funktion des Seils darauf, dass keiner alleine heimfahren muss, wenn etwas passiert. Der Steig macht Spaß und bald brauchen wir wieder die Hände. Ah, da drüben startet die erste Techniker-Variante. Die blauen Punkte sehe auch ich aus der Ferne.
Heute bleiben wir mal am Kanzelsteig. Der muss zumindest einmal gemacht werden. Außerdem wird es zunehmend kalt. Gernot steigt wieder vor. Diesmal sucht er ein bisserl nach Griffen. Auch hier gilt: der Steig ist genau richtig, überfordert sind wir kein einziges Mal. Im Nachstieg habe ich dann das Glück auf meiner Seite und spaziere da ohne Erkennen von Schwierigkeiten hinauf. Jetzt sind wir am Grat, der Wind pfeift, der Schnee kommt von rechts. Gemütlich ist anders.
Aha, da ging es zu den anderen Technikervarianten! Fein, aber kalt. Also, aufi! Bald ist das Gipfelkreuz da. Das nenne ich einen komfortablen Standplatz. Sogar eine Kette achtet darauf, dass ich nicht runterfallen kann. Die Finger frieren allerdings und ich könnte noch ein paar Jacken gebrauchen. Gernot kommt den Grat herauf. Was für ein Glück! Die Freude ist groß, die Zeit zum Feiern und Genießen kurz. Wir stopfen das Material in die Rucksäcke und verlassen diesen unwirtlichen Platz.
Die Wilhem-Eichert-Hütte hat offen. Wir können es gar nicht glauben, aber seitdem die neuen Pächter übernommen haben, ist der Besuch hier ein Muss. Die Karte bietet deutlich mehr Speisen als heute Gäste kommen werden. Wir machen Umsatz und wärmen uns auf. Abgesehen vom Steinschlag, ausgelöst durch boshafte Steinböcke, ist der Steig eine wahre Genusskraxelei gewesen. Wir kommen sicherlich wieder. Wärmer sollte es sein. Das schon!
Runter sind wir das Zahme Pechterlein, oder so! Wunderbarer Vormittag in den Bergen, die sich heute deutlich frostiger gezeigt haben als erwartet. Edel war’s!









Wildes Gamseck
Neue Einlagen für Renates Füße sind da. Die müssen probiert werden. Am besten auf vertrautem Terrain und nicht in der Ferne. So starten wir in Hinternaßwald, wo es kalt ist. Also, es ist Herbst, und da starten zwei Wanderer in ihren kurzen Hosen. Der Wind macht Gänsehaut, aber mit dem Wald kommt der Anstieg, und die Kälte weicht. Nach zweieinhalb Stunden sind wir beim Einstieg. Renate wechselt die Schuhe. Aufs Seil will sie verzichten, das bleibt im Rucksack. Ich habe es zur Sicherheit mit.
Viel zu rasch sind wir durch. Die Kletterei, oder Kraxelei, ist so fein wie kurz. Da wir den Steig, oder ist es gar die Route, kennen, tun wir uns vielleicht extra leicht. Ich kenne die „Schlüsselstellen“. Wer Übung hat, meistert sie. Wer Anfänger ist oder sich unwohl fühlt, braucht Sicherung und Unterstützung. Klebehaken und Standplätze gibt es genug. Die Markierung findet man auch leicht, wenn man nicht wie ich eine Rotgrünsehschwäche hat.
So haben wir die Kraxelei rasch hinter uns, und Renate steigt wieder auf die anderen Schuhe um. Wir gehen ohne Pause zum Habsburghaus weiter. Hunger macht sich breit. Noch vor der Hütte fragt mich Renate, ob ich geschaut habe, ob sie geöffnet ist. Ja! Renate hat auch nachgeschaut. Meine Trinkreserve habe ich schon aufgebraucht. Zeit fürs Nachfüllen. Aber siehe da, Montag ist Ruhetag! Ein Schild mit dem launischen Aufdruck „Uns kannst du GERN-haben“ frustriert arg und macht mich zornig. Ehe ich einen Punkt auf Google vergebe, lese ich nochmal nach. Mist, da steht auf der Homepage der Hütte im Kleingedruckten, dass im September der Montag Ruhetag ist. Renate hat nichts überlesen, sie hat nur auf einer Webseite nachgelesen, die eben nicht so gut informiert ist. Da kann der Hüttenwirt nichts dafür.
So steigen wir mit einem Loch im Bauch und etwas dehydriert ab. Weil eh schon alles wurscht ist, wählen wir den Peter-Jokl-Steig. Am Wegweiser steht, dass man da eine halbe Stunde länger geht als über den Kaisersteig. Aber das will ich nicht einsehen, denn kürzer ist der Peter-Jokl allemal. Ein bisserl „zach“ ist er halt, aber das weiß ich bereits. Bei der Hälfte der Entfernung quert man eine Forststraße. Renate fragt hoffnungsvoll, ob wir jetzt unten sind. Nicht ganz, aber den steilen Teil haben wir hinter uns.
Und auch heute geht alles irgendwann zu Ende. Wir erreichen den Parkplatz und fahren zum Raxkönig in Naßwald. Die Raxwirtin, oder Raxkönigin, kommt aus Thailand. Nach Tullnerbach-Pressbaum ist nun Naßwald die nächste Station ihres Lebensweges. Wer hätte das gedacht? Die Suppe mit Shrimps und Zitronengras schmeckt definitiv asiatisch, die Forelle ist auf den Punkt perfekt zubereitet und Sesam-Bällchen in Kokosmilch wie Topfenstrudel runden all das ab. Ist das Fusion-Kitchen? Wir staunen, und es liegt nicht nur am Hunger, dass wir hoch zufrieden sind. Die Wirtin verabschiedet uns mit einem „Kummst guat ham!“.
Ach ja, die Füße haben auf der doch langen Tour gehalten! Wir sind bereit für noch Größeres.









Akademikersteig
Einmal im Jahr muss der Akademikersteig erledigt werden. Erstmals sind wir zu dritt. Wir entscheiden uns für die Variante: „Einer vorne, die beiden anderen nahe beisammen am Ende des Seils“. So schwierig sollte es ja nicht werden.
In einer guten halben Stunde sind wir beim Einstieg. Mah, da ist es schwül. Der anstrengendste Teil sollte geschafft sein. Ich probiere unsere Variante in der ersten Seillänge aus. Funktioniert tadellos. Auch die beiden kommen schnell und problemlos nach. Die beiden sind mit Karabinern ins Seil eingehängt, so können sie sich schnell aushängen und die einfachen Passagen ohne Seil gehen, während ich das Seil aufnehme und folge. Zack, schon ist Renate weg.
Ab der nächsten Seillänge übernimmt Gernot und ich bleibe mit Renate hinten. All das ist überaus entspannt. Wir schießen Fotos und genießen den Tag.
Bald sind wir beim Felsenfenster. Nein, da ist nichts verlorengegangen seit 2015(?). Ein Kommentator hat 2024 erwähnt, dass ein Teil nun fehlt und alles viel schwieriger ist. Es sieht alles gleich aus wie sonst auch. Der gute Mann muss vor über zehn Jahren das letzte Mal hier gewesen sein. Und ein IIIer ist die Passage beim Felsenfenster wirklich nicht. Von Gernot und Renate kann ich coole Fotos machen. Gernot sieht als nächste Option nur noch „Free solo“! Na, das wäre vor ein paar Jahren nicht denkbar gewesen. Auch Renate verspürt keine Schwierigkeiten. Sie steigt gar den Schlussgrat ungesichert vor. Ausstieg erreicht.
Warm ist es nun wieder geworden. Wir rasten, packen zusammen. Dann rückt Gernot raus, dass er nichts dagegen hat, wenn wir gleich absteigen und im Weichtalhaus essen. Am Vortag hatten Renate und ich noch eine schwere Diskussion, was wir nach dem Steig machen. Ihre Füße mögen aktuell keine langen Hatscher. Wie auch immer, mit Zweidrittelmehrheit beschließen wir den Abstieg über den Wachthüttelkamm. So gierig war ich auch nicht auf die Wanderung zum Ottohaus – passt schon! So ist es ein bisserl kurz. Bei so wenig Kalorienverbrauch tue ich mir im Weichtalhaus gar nicht leicht. Aber den Burger, in dem sich Reh und Wildschwein treffen, schaffe ich, und die Heidelbeertatschgerl sind Pflicht.
Tadelloser, vergnügter Tag!


















Stadelwandgrat III
Renate und ich gehen den Stadelwandgrat an. Es ist Renates erster IIIer. Der Grat und die leichte Kletterei passen goldrichtig dafür. Was soll da schon schief gehen? In der Früh und beim Zustieg geht es Renate gar nicht gut. Ihr ist ein bisserl übel, der Magen will nicht bergsteigen! Aber sie will die Tour probieren. Schauen ma a mal!
Wir packen das 40m-Seil ein. Das ist ein bisserl kurz. Wir könnten natürlich auch das 60er mitnehmen. Aber das wäre ein bisserl schwer. So könnten wir auch ein 50m-Seil kaufen. Aber das wäre dann ein bisserl blöd.
Irgendwann muss man im Stadelwandgraben nach links abbiegen. Das kann man weit unten machen und sich dann eines steilen Schotterfeldes erfreuen oder weiter oben. Meist biege ich zu früh ab. So auch diesmal. Aber es ist nicht so schlimm, denn ich denke, es gilt: „Je weiter oben umso besser.“. Aber wer will schon zu weit gehen? Egal, beim Abstieg sehen wir auf 910m Seehöhe Markierungen an einem Baum. Gernot hat sich auch schon mal die 910m auf der Uhr fotografiert. Das Wegerl probiere ich jedenfalls das nächste Mal.
Das Gassl ist nach den irrwitzigen Regenmengen der letzten Tage und Wochen eigentlich in gutem Zustand. Keine Sorge! Der folgende Aufstieg hat jedes Mal bessere Markierungen. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Aufstieg immer besser kenne. Aber selbst in der Kletterstrecke sind auffällig viele rote Punkte. Diese sind mir bislang gar nicht aufgefallen. Hat da wer nachgebessert? Alles wird besser.
Wie üblich folgen wir in entgegengesetzter Richtung dem markanten roten Pfeil und erreichen nach leichter Kraxelei die Anseilstelle. Schon wartet der erste Turm, der heute wieder einmal ein bisserl schwieriger erscheint. Renate schlägt sich tapfer. Dann wird abgeklettert zum ersten richtigen Stand. Von dort geht es gleich wieder scheinbar schwierig bergauf. All das muss Renate Respekt einflößen, aber sie kommt stets brav hinten nach. Der weitere Verlauf ist immer wieder spannend, aber stets machbar.
Die IIIer-Stelle laut Topo liegt Renate im Magen. Erst wollte sie vor dieser Stelle überlegen, ob sie die Stelle angehen will und dann im weiteren Verlauf der Kletterei war sie sicher, dass sie sie umgehen möchte. Aber ich bin ja vorne. Und als erster nehme ich die IIIer-Stelle in einer der Seillängen gleich mit. Uh, die Stelle gehe ich heute weiter rechts an, wo ein Haken aus der Wand schaut. Also, da fehlen irgendwie Griffe und Tritte für unser Können. Die letzten Male war ich ein, zwei Meter weiter links und dort ging es leichter. Trotzdem komme ich sicher über die Stelle und hole Renate nach.
Sie ist schnell da und steht jetzt unter dem Haken in der IIIer-Stelle. „Also, ich steh‘ jetzt an! wie soll ich da rauf kommen?“. „Immer dem Schnürl nach!“ ist meine beliebte Antwort, zur Unterstützung spanne ich das Seil ein bisserl. Jetzt tut sich lange nichts. Gelegentlich gelingt es mir, wieder ein paar Zentimeter das Seil weiter einzuziehen. Die Arme muss ja schon im Klettergurt hängen. Und dann taucht sie plötzlich auf, zuerst der Helm und dann immer mehr von ihr. „Boah, was war denn das jetzt?“. „Na, vielleicht haben wir schon, ganz ohne es zu bemerken, die IIIer-Stelle mitgenommen?“. „Sicher nicht, die kommt erst! Und sicher ist, die gehe ich nicht!“. „Oh ja, das war schon die IIIer-Stelle!“. „Was echt jetzt?“. „Ja!“.
Jetzt fehlt nur noch eine Stelle mit III-. „Spreizschritt“ erwähnt die Topo dazu. In meiner Erinnerung ist das aber eine wahrlich nicht schwere Stelle. Was allerdings in Renates Kopf vorgeht, kann ich nicht sagen. Jedenfalls steige ich vor, überwinde den Spreizschritt ohne sonderliche Aufmerksamkeit. Den nächsten Stand baue ich ums „Eck“ bei einer kräftigen Latsche. Von Renate höre ich derart nichts. Aber das Seil rutscht fein durch meine Sicherung. Sie kommt näher, bis es plötzlich stockt. Das ist nicht ungewöhnlich. Ich warte. Nix tut sich. Ich warte. Minuten, echte Minuten vergehen. Ich warte, ich rufe: „Alles okay?“. Keine Antwort! Ich fixiere den Stand und steige ihr entgegen. Nun bin ich in Rufweite. Renate steht vor dem Spreizschritt und weiß nicht weiter. Sie will mehr Seil. Anscheinend habe ich sie von oben mit meinem Probeziehen immer weiter nach vorne gezogen, und nun ist die Lage misslich. Ja, das auch, aber selbst mit mehr Seil weiß sie eigentlich nicht, wie sie darüber soll. „Nach links absteigen und drüben wieder rauf!“ rufe ich noch. Dann mache ich mich zurück zum Stand, um ihr mehr Seil geben zu können. Diesmal geht etwas weiter. Etwas erschöpft und fertig steht Renate vor mir. Sie war wirklich ratlos, hat das Offensichtliche nicht gesehen und sich nur gewundert, wie ich da rüber bin. Na ja, dass ich mit meiner Hüftprothese, zwei lädierten Knien nicht wie eine Katze gesprungen bin, sollte eigentlich offenkundig sein. Renate meint, dass sie sogar an die Bergrettung gedacht hat. Das wäre ein lustiger Einsatzbericht geworden: „Die gut ausgerüstete 54-jährige, die am Stadelwandgrat unterwegs war, kam bei einem Spreizschritt in eine brenzlige Lage und konnte weder vor noch zurück. Die zu ihr aufgestiegenen Bergretter sicherten die bereits leicht erschöpfte Bergsteigerin bei einem Schritt galant durch Reichen der Hand, ehe diese selbständig ihre Bergtour mit ihrem Partner, der wenige Meter oberhalb von ihr an einer Latsche gesichert, beim Handyschauen aufgefunden wurde, fortsetzen konnte.“. Auch ein Hubschraubereinsatz wäre fein gewesen. Es hätte ja gereicht, wenn sich Renate kurz am herunterhängenden Bergehaken festhalten hätte können, ehe sie sich mit einem „Danke und Tschüssi!“ verabschiedet hätte. Ging aber auch so, mit Geduld!
Nach diesem eigentlich eher unspektakulären Spreizschritt geht es dann nur noch in flacher werdendem und einfachem Gelände weiter. Ein Grat ist noch dabei. Auch wenn das technisch einfach ist, sichern wir weiter. Da ist eine von uns beiden schon ein bisserl über das Maß des Erwarteten hinaus müde. Vergnügt und zuversichtlich, aber eben doch gefordert. So schaffen wir noch eine Seillänge gesichert, ehe wir ungesichert den letzten Anstieg nehmen und über die Märchenwiese zur Forsthütte absteigen. Jippieh, geschafft und Gratulation an Renate.
Nach Jause und Nachbesprechung geht es wieder durch den Stadelwandgraben zum Auto. Nach den Anstrengungen zieht sich der Abstieg ein bisserl sehr. Aber was soll’s? Geht ja alles vorbei!
Besten Dank an meine tolle Begleiterin!






Stadelwandgrat III
Renate liegt mit Fieber im Bett. So brechen Gernot und ich auf, um die Erinnerung an den Stadelwandgrat aufzufrischen. Wieder sind wir die einzigen, die an diesem Wochentag in diesem Gebiet unterwegs sind. Diesmal steigen wir weiter im Stadelwandgraben auf, machen damit sogar ein paar Höhenmeter „zu viel“, gelangen dafür aber komfortabel ins Gassel. Gernot notiert als Abzweighöhe 910m. Das ist knapp unter dem Geröllfeld, bei dem der Weg durch den Stadelwandgraben in Aufstiegsrichtung scharf nach rechts abbiegt.
Das Gassel ist weniger anstrengend als sonst, aber noch recht unbegangen in diesem Jahr. Das bedeutet viel Schotter und loses Gestein. Ein nennenswerter Brocken löst sich fast, bleibt aber liegen. Ich warne noch Gernot, der sich 50 Meter hinter mir befindet. So steige ich weiter und höre irgendwann einen Schrei hinter mir. Gernot musste einen Brocken, der langsam auf ihn zugekommen ist, mit den Händen abwehren. Das bringt ihm eine Schürfwunde und einen ziemlichen Stich im Handgelenk. Ich bin extra vorsichtig aufgestiegen und vermute, dass der sich eine, vorher erwähnte Brocken doch noch langsam auf den Weg gemacht hat. Oh, oh – das hätte schlimmer ausgehen können.
Die Lesson learned daraus ist, dass man eng beisammen bleiben soll, wenn die Steine locker liegen. So düsen wir in kurzem Abstand zum Einstieg hinauf. Der ist wie immer, weiter oben als vermutet. Schön brav, den roten Punkten folgen. Diese führen zuverlässig zum Einstieg, der sich auf knapp unter 1.200 Metern liegt.
Der Zustieg war anstrengend, aber hier ist es nun recht kühl. Die Sonne versteckt sich, der Wind pfeift. Ich ziehe mich um, aber zittere beim ersten Stand. Oha! Jetzt kommt auch noch die „Notjacke“ dran, und ab damit passt dann die Temperatur.
Der erste Stand ist am „Zusatzturm“, den man sich auch sparen kann. Man erreicht ihn, wenn man gegen den fetten, roten Pfeil Richtung Ausstieg Richtersteig(?) spaziert. Ich finde der Turm macht Spaß und ist es wert, auch mitgenommen zu werden. Man muss ihn „überschreiten“, das heißt, hinten wieder runter. Das sieht wilder aus, als es ist.
Der Steig ist auf meiner Website schon ein paar Mal beschrieben. Deswegen kommen hier nun keine Details zum Steig, sondern Erkenntnisse der heutigen Begehung. Gernot und ich wechseln uns im Vorstieg ab, das macht die Sache kurzweiliger. Ein bisserl Zeit sparen wir durch reduziertes Umhängen. Wichtiger erscheint aber die Tatsache, dass das einmal vorne weg und einmal hinten nach abwechslungsreicher ist.
So kommt es auch, dass Gernot vor der IIIer-Stelle im Vorstieg ist, und gemäß Topo einmal II+ und einmal III- nimmt. Ich steige hinten nach und bin voller Staunen, was da bei Gernot im Vergleich zu den ersten Begehungen geht. Beim IIIer bin ich dann vorne. Die Stelle ist auch keine sonderliche Hexerei, wenngleich Gernot meint, dass er die nie und nimmer im Vorstieg gepackt hätte. Vielleicht will er Bescheidenheit an den Tag legen. Ich traue es ihm demnächst zu, und das, obwohl er erst seit ein paar Jahren kraxelt.
Der Steig kommt uns kürzer vor. Die Zeiten vergleichen wir nicht. Wozu auch? Ueli Steck war in deutlich weniger Zeit durch die Eiger Nordwand.
Vorm Forsthaus fehlen leider Bänke und Tisch. So jausnen wir am Boden sitzend, ehe wir absteigen. Am Abend gibt es noch mein erstes MRT. Geht sich alles locker aus. Mit Renate geht es auch bergauf.
Alles tadellos!
Die Tour auf garmin.com





