Am Plan stehen ÖTK-Steig, Blutspur und Matthias-Prinner-Steig. Die Bedingungen sind recht gut. Das Auto parke ich am Sonnenuhr-Parkplatz. Drei Stunden sollten leicht reichen. Der Zustieg zum ersten Steig ist kurz. Am Wandfußsteig verplaudere ich mich ein bisserl, aber sonst alles normal. Der Fels kommt mir sehr rutschig vor. Hmm, die Schuhe sind dieselben, und so schnell wird Fels auch nicht speckig? Also, es muss an mir liegen. Ich setze die Sohlen besser auf den Fels. Nach ein paar Metern geht es auch schon besser.
Die Schlüsselstelle weit unten nehme ich ohne Anstrengung gut. Dann ein bisserl Tempo rausnahmen, um nicht zu sehr außer Atem zu kommen. Diesem Motto treu bleibend komme ich oben nach 35 Minuten an. Geht doch.
Die Blutspur ist noch kürzer. Wieder ohne Eile sind es gerade Mal weniger als vier Minuten. Wer den ÖTK-Steig schafft, schafft auch die Blutspur. Wer hier festgelegt hat, dass die Schwierigkeit um eine halbe Stufe höher ist? Man darf sich nicht von der Kürze täuschen lassen, da es um die technische Schwierigkeit geht – meinetwegen.
Nächster Abschnitt: Über die Völlerin im Abstieg zum Matthias-Prinner-Steig. Diesen habe ich auch schon hier beschrieben. Die technische Schwierigkeit ist mit B angegeben. Da scheinen sich dann einige doch mehr gefürchtet zu haben. So ist das B auf der Tafel beim Einstieg mit einem C/D überschrieben. Das mag daran liegen, dass der untere Teil an einen alpinen Ninja-Parcours erinnert. Das ist alpintechnisch weniger eine Herausforderung als eine Überwindung. Die metallene Strickleiter wackelt, der darauffolgende Teil ist ausgesetzt und steil, aber mit Metalltritten technisch gänzlich entschärft, und die Seilbrücke ist spektakulär und vermutlich nicht jedermanns Sache. Egal, nach weniger als 15 Minuten bin ich beim Ausstieg.
Runter steige ich über den Frauenluckensteig. Der ist schon uralt und ich bin ihn auch schon oft gegangen. Der Einstieg von oben ist technisch nicht schwer (auch B), hat es aber meiner Meinung nach in sich. Ich überlege mir, ob ich da mit einem Kind runterklettern würde – nein! Die Leiter weist eine Höhe von geschätzt zehn bis 15 Metern auf. Ein Sicherungsseil sucht man vergeblich. Ob man da zu einem Kind sagen darf: „Da kletterst jetzt runter, aber schön festhalten!“? Na, ich weiß nicht.
So sind es eigentlich vier Steige, ehe ich wieder heimzische.
In Wien liegt seit Tagen oder gar Wochen der Nebel. In den Bergen hingegen lacht oft die Sonne. Haidsteig und, wenn es gut geht, auch Königschusswandsteig. Gernot verwendet lieber Knieschusswandsteig. Ihn brauche ich also gar nicht fragen. Renate bevorzugt auch sicherere Bedingungen. Mio wäre für alles zu begeistern, aber.. Also, geht es alleine los.
Der Zustieg geht schnell, weil schneefrei und gar nicht kalt. Die Madonna ist auch bald erreicht, wo ich die beim Spar gekauften Spitzbuben auspacke. Ulli lehnt dankend ab und so mampfe ich das ganze Packerl alleine runter. 500g, immerhin ein halber Kilo! Prompt ist mir auch bald ein bisserl schlecht. Also, genau gesagt, ist noch ein anderer Steiggeher nachgekommen, der mir ein Keks abgenommen hat. Vier Jahre ist er jünger, wir tauschen uns aus. Und dann kommt noch einer daher. Ohne Klettersteigset schwebt er vorbei, biegt nach links ab und tänzelt den Malersteig hinauf. Ich schau‘ nicht schlecht!
Ein bisserl bleibe ich noch, genieße die Sonne und Ullis schweigsame Gesellschaft, ehe ich weiter steige und auch zeitnahe das Preinerwandkreuz erreiche. Ich fühle mich fit und einige mich mit mir selbst auf den Königschusswandsteig. Zwischen den Latschen liegt Schnee, aber sonst alles easy. Also, zum Einstieg.
Die Sonne lacht, das langärmlige Shirt reicht. Mir fehlt ein bisserl die Übung, und so nehme ich den Königschusswandsteig heute als deutlich schwieriger wahr als sonst. Auf die Frage, welcher Steig denn schwieriger sei, hatte ich nie so recht eine Antwort. Hier im Osten sind alle ähnlich, aber heute merke ich den Unterschied. Die Bedingungen sind zumindest richtig fein, womit auch der Königschuss ein Genuss ist.
Runter dann den Holzknechtsteig, an den ich mich auch irgendwann gewöhnt habe. Und ab zum Auto! Edler Tag, Sonne getankt, alles gut!
Tadellose Sonne, aber kalt und sehr einsam. So lässt sich mein diesmaliger Besuch beschreiben. Aus der Ferne möchte man überhaupt bezweifeln, dass ein Aufstieg möglich sein wird. Das Phänomen kennen wir: je näher man kommt, umso weniger Schnee liegt. Der Parkplatz ist verwaist, Iduna fühlt sich einsam, ich starte. Schon herunten liegt Schnee. Schauen ma a mal!
Erst ist noch eine Spur eines Menschen zu sehen, der mit einem Hund spaziert ist. Aber irgendwann gibt es nur noch Tierspuren. Ich bin entsprechend langsam, aber so langsam? Egal, das überlege ich mir wann anders.
Über eine Stunde brauche ich bis zum Einstieg. Im Steig lächeln mir dann früh Eiszapfen entgegen. Der Fels ist entweder aper, mit losem Eis, mit festem Eis oder Pulverschnee überzogen. So muss ich viele Schritte öfters setzen. Oh ja, ich spüre in den Sohlen, was mich erwartet. Am wenigsten Komfort macht sich breit, wenn Eis unter der Sohle ist. Denn dann muss ich mich ordentlich ins Seil hängen. Das ist eigentlich nur zur Sicherung da. Heute wird es aber auch mal von mir an diesen Stellen zum Raufziehen und Reibungsaufbau missbraucht. Der Steigerhalter mag es mir nachsehen.
Bei der Madonna pausiere ich lange. Es ist einer der seltenen Tage, an dem kein Wind geht. Ich trinke meinen Tee und denke mir, dass Ulli die Ewigkeit sicherlich schon auf die Nerven geht. Nun ja, hier kommt wenigstens Unterhaltung vorbei. Vielleicht bin ich heute der einzige Besuch. Und das Portal! Das muss natürlich eingenommen werden. Alles unverständlich – gut so!
Weiter geht es langsam Richtung Plateau und zum Preinerwandkreuz. Den Königschusswandsteig habe ich schon früh von der heutigen Liste gestrichen. Es liegt daran, dass die Bedingungen heute etwas ermüdend waren. So bleibt mir nur noch ein Abstecher zur Neuen Seehütte, wo ebenfalls ein Portal umgefärbt werden will.
Der Holzknechtsteig ist wie erhofft heute erträglich, ja gar fast angenehm. Am Weg liegt Schnee, und dieser dämpft und bremst den Schritt. Schnee kommt in den Schuh, aber das ist angenehmer als die Steinchen, die es sonst sind. Worüber man sich so freuen kann!
Beim Abstieg passiere ich den Einstieg zum Haidsteig. Hier sehe ich, dass noch zwei andere Klettersteiggeher gefolgt sind. Wie gesagt, am Haidsteig ist eigentlich immer etwas los. Und das ist gut so!
So steige ich nach diesem ruhigen, einsamen Tag ins Auto und rolle heim. Passt so!
Ein Auto in der Griesleiten – da ist ja wie damals! Die Sommerferien sind vorbei, da wird es einsam an einem Mittwoch werden. Ich bin alleine unterwegs und will zügig den Haidsteig und den Königschusswandsteig gehen. #beatYesterday lautet Garmins Motto. Ich will auch besser sein als gestern. Schauen ma a mal! So ziehe ich los ohne übertriebene Eile, aber auch ohne Trödeln und verliere bis zum Einstieg gegenüber meinen schnellsten Tagen als Ü50 ganze zehn Minuten. Oida, wie geht denn das? Das muss ich daheim studieren. Nix mit #beatYesterday, eher #beatenByYesterday.
Der Haidsteig ist fein wie immer. So ganz alleine für mich mag ich ihn besonders. Bei Ulli schaue ich vorbei. Da ist ein neuer Aufkleber an der Hüttenbuchbox angebracht – siehe Fotos. Seltsam, ob sie das war? Ich bleibe ein bisserl bei ihr.
Der weitere Aufstieg ist natürlich auch kein Problem, nach knapp über eineinhalb Stunden bin ich am Ausstieg. Da fehlt dann eine Viertelstunde auf die alten Zeiten bzw. die Zeiten eines Ü50-Alten. Damit kann ich leben. Vielleicht will ich es ja einmal wissen und es in weniger als 90 Minuten schaffen. Die eineinviertel Stunden scheinen nicht mehr erreichbar. Wichtig war es nie und ist es nicht. Die Sportuhr muss herhalten! Sie ist schuld, weil sie mir das immer vorzeigt bzw. mich nachschauen lässt. Wie schnell ich mit 30 war? Keine Ahnung, da gab es solche Uhren noch nicht.
Beim Preinerwandkreuz treffe ich dann erste Wanderer. Aber kaum verlasse ich das Plateau und steige zum Königschusswandsteig ab, bin ich wieder alleine. Die Querung treffe ich diesmal gut. Beim Einstieg ein Packerl Schnitten und los geht es. Gut geht es. Das Felsenfenster ist gar nicht so feucht wie befürchtet und diesmal tritt ein, was selten vorkommt. Ich komme fast elegant, also ohne Quetschen, Schieben und Drücken, durch. Recht so, das gibt Auftrieb!
Wieder oben am Plateau sehe ich plötzlich das Gesicht eines finster dreinschauenden Kameraden in der gegenüberliegenden Felswand – siehe Fotos. Den habe ich noch nie gesehen. Es muss an der Wolkenstimmung oder am Sonnenstand bzw. der Jahreszeit liegen. Oder er war schon immer da, nur ich blicke diesmal in die richtige Richtung.
Der Boden ist „übersät“ mit Edelweiß. Die haben sich über die Jahre ausgebreitet. Ich mache Fotos und beschließe, den Haidsteig wieder abzusteigen. Man muss ja variieren. Beim Abstieg kommen mir dann vier Gruppen mit insgesamt zehn Kraxlern entgegen. Gleich viele Frauen wie Männer sind unterwegs. Ich plaudere und hole das soziale Defizit der letzten Stunden nach. Die tschechische Vierergruppe ist sehr jung und etwas verwundert, dass man den Steig auch bergab gehen kann. Kann man, ist leichter als gedacht.
Müde aber doch rolle ich wieder heim. Auch wenn alles unerklärlicherweise laut Uhr langsamer geworden ist, habe ich mich fast so gefühlt wie vor ein paar Jahren. Ich muss das noch einmal überprüfen oder – besser – einfach akzeptieren. Fein war es jedenfalls allemal!
Gernot hat Geburtstag – ein Grund nach Kärnten zu kommen. Am Vortag seines Ehrentages fahren wir gemeinsam vom Wörthersee auf den Plöckenpass. Zwei Klettersteige haben wir uns ausgesucht: den Cellonstollen und den „Weg ohne Grenze“. Ein gut besuchter Parkplatz auf italienischer Seite erwartet uns. Ein Stück müssen wir zurück Richtung Österreich (aber nicht im Tunnel!), ehe, gut angeschrieben, der Steig über die Verbauung bergauf führt. Der Zustieg ist kurz.
Geschichte ist hier angesagt, zumal der Cellon bzw. Frischkofel im ersten Weltkrieg wild umkämpft war. Wer die Gipfel hat, kontrolliert die Pässe und damit die Grenzen – so das damalige Motto. Als der Cellongipfel schon von den Italienern erobert war, schlugen die Österreicher den Stollen in den Stein, um die Stellung auf der Cellon-Schulter halten zu können. Steil geht es im Stollen hinauf. Alle 20 bis 30 Meter ein Luftloch. Damals waren Holzstufen verbaut, heute sind es ein Seil und dort, wo notwendig, Eisenklammern. Bei unserer Begehung war es feucht und ein bisserl rutschig, aber alles gut machbar. Wir haben so viele Fragen und sind voller Respekt, was das für eine Arbeit war. Die Begehung ist ebenso kurzweilig wie spektakulär.
An der Schulter angekommen, geht es weiter zum Klettersteig „Weg ohne Grenze“. Auch der Abschnitt ist nicht sonderlich weit und bald stehen wir am Einstieg des Klettersteigs. Die Schwierigkeit ist mit D angegeben. Entsprechend respektvoll blickt eine von uns den Herausforderungen entgegen. Einige Klettersteiggeher sind unterwegs, aber die lassen wir vor. Renate bekommt eine Blitz-Einschulung von Gernot in die Verwendung des Skylotecs, einem Sicherungsgerät, das die Sturzlänge im Falle eines Falles minimiert. Nicht wissend, was ich zwischenzeitlich mit meiner Zeit anfangen soll, mampfe ich den Proviant für den heutigen Tag in mich hinein.
Dann geht es los. Nach ein paar einfachen Metern erwartet uns eine steile Rampe. Sie ist mit B/C bewertet. Mit Erfahrung ist sie wirklich nicht annähernd so schwer wie sie spektakulär ist. Der gesamte Steig ist toll angelegt, der Fels ist durchgängig griffig und kein bisschen abgeschliffen (2025). Es warten eine C/D- und zwei D-Stellen. Alle drei Stellen sind eher kurz und somit nicht allzu kraftraubend. Dies vorausgesetzt, dass man zügig über die Stellen kommt. Zum Abschluss dann noch eine Wand mit der Schwierigkeit C und das Ende ist erreicht. Was sich kurz liest, ist zeitlich und von den Höhenmetern ein ganzes Stück. Es ist ein überaus feiner Steig, der das Prädikat „Empfehlenswert“ verdient. Für Anfänger und Kinder gibt es Passenderes. Wer es trotzdem probieren will, soll zu jedem Anfänger bzw. Kind jemand mit Erfahrung dabei haben, der gegebenenfalls an einem Seil sichert. Der Steig ist mit Klebehaken ausreichend versorgt.
Gegen Ende des Klettersteigs ist Nebel aufgezogen. Den Frischenkofel, oder besser bekannt als Cellon oder Creta di Collinetta, nehmen wir natürlich mit. Der Weg dorthin ist gesäumt, von von Menschen geschlagenen Höhlen mit Fenstern, um Richtung Plöckenpass feuern zu können. Hier auszuhalten, muss Irrsinn gewesen sein. Wie das im Winter war, 1916 war es sicher deutlich kälter, mag man sich gar nicht vorstellen. Gernots späte Berufung zum Immobilientreuhänder beweist sich hier. Er ist versucht, jede Höhle zu begehen, meint, Schlaf- und Essraum zu erkennen. Er schreitet ab, will ausmessen und überlegt wohl, wie er das potenziellen Mietern schmackhaft machen könnte. Jede Höhle beeindruckt ihn, uns weniger.
Wir rasten am Gipfel, die verbliebenen Kokoskuppeln müssen weg, aber ich explodiere gleich. Eine neue Form der Bedrohung hier heroben. Im Abstieg weichen wir von der geplanten Route ab, steigen kühn einen anderen, möglichweise zwar eingezeichneten, aber nicht offiziellen Weg ab und sparen uns derart doch einiges. Renates Fußballen streiken wieder einmal und so sind wir froh über die abgekürzten Kilometer.
Am Plöckenpass gibt es noch Pasta. Gernot hat nicht nur eine Leidenschaft für Erdlöcher sondern ebenso für alles, was aus Italien kommt. Er bestellt auf Italienisch – die vielen Duolingo-Stunden und Online-Kurse machen sich bezahlt. Ob es dann die beste Pasta war? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich einfach zu viel während der Tour in mich hineingestopft.
Die Runde kann man jedenfalls jedem empfehlen, der Freude an schönen, ausgesetzten und etwas fordernden Klettersteigen hat. Ein toller Tag war es auf jeden Fall!
Der Tassilo-Klettersteig im Toten Gebirge steht auf der Liste. Und weil wir es gemütlicher angehen wollen, reservieren wir uns zwei Plätze auf der Welser Hütte.
Jede Tour beginnt mit einer sorgfältigen Vorbereitung. Diese sieht bei uns so aus, dass eine von uns beiden extrem großes Interesse zeigt, was der andere so einpackt. Also, ob ich eh weiß, dass es am Donnerstag in der Nacht nur 3° am Gipfel haben wird. Mag sein, aber um vier in der Früh werde ich da eh nicht oben sein. Sollen wir nicht doch auch die warmen Jacken mitnehmen? Zusätzlich zu den drei anderen? Mann oh! Während ich also packen will, bekomme ich das Handy vor die Nase gehalten, ob denn diese Kletterstelle mit jener vergleichbar ist, die sie am Hilde-Klettersteig bewältigt hat. Es reicht! Da bietet sich an, dass DPD heute eine neue Kaffeemaschine liefern will. Warum die alte Maschine bei der Reparatur ist? Na, da hat eine von uns beiden solange die Knöpfe gedrückt, bis eine Luftblase im Boiler hängen geblieben ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Den Lieferwagen von DPD kann man am Internet verfolgen, und so kommt mir die Idee, ob Renate nicht dem Lieferwagen entgegenfahren will, um unsere neue Maschine zu holen. Das sollte mir Ruhe zum Packen verschaffen. Claro! Weg ist sie! Den findet sie nie.
Und schon läutet das Handy:
„Ich glaub‘, ich bin gerade am DPD-Auto vorbeigefahren? Kannst du schauen, wo es ist?“ „Wo bist du denn?“ „Da bei der Kreuzung, wo wir eh auch vorgestern waren.“ „Ah, dann kenn‘ ich mich aus!“
Das wiederholt sich so ein paar Mal. Mein Plan war also für die Fische. Tja, dann läutet es erneut: „Ich hab‘ den Fahrer! Er sitzt vorm Billa und macht seine Mittagspause.“. So erjagt Massima die Kaffeemaschine – Respekt! Mein Respekt gilt auch dem Fahrer, denn der hat es mit Humor genommen. Immerhin erspart er sich so eine Fahrt. Sagt er, was er denkt, wissen wir nicht.
Renate hat bei der Anfahrt schon jede Menge Fragen an den Wirt, unter anderem, ob er einen Rucksack-Service anbietet. Der arme Wirt wirkt entnervt. Okay, dann müssen wir schleppen. Ich überlege, Renate das Handy abzunehmen.
Wir starten vom Parkplatz des Almtalerhauses. Zuerst geht es über einige Kilometer eine Schotterstraße bis zur Talstation der Materialseilbahn, nun noch ein bisserl Schonfrist im mäßig steilen Wald, ehe die Route ordentlich bergauf zur bereits früh sichtbaren Welser Hütte ansteigt. Zwei, drei Leitern warten auf dem von der Nachmittagssonne gut ausgeleuchteten Anstieg. Zum Glück ist es heute nicht so heiß.
Es geht erstaunlich gut und wir schaffen es mit Leichtigkeit pünktlich zum Abendessen auf die Hütte. Den Tisch teilen wir mit zwei Oberösterreichern. Es sind zwei Strukturbiologen, der eine unterrichtet an der Uni, der andere erfindet mRNA-Impfstoffe. Na, damit hätte ich nicht gerechnet. Wir diskutieren Renates Lieblingsthema, nämlich die kabellose Stromübertragung mit Tesla-Spulen. Weiter geht es mit Fragen wie, welche Strahlen auf welche Art Körperzellen erwärmen und warum KI auch nur die konsequente und rechenintensive Umsetzung der alten Ideen aus dem vorigen Jahrtausend ist. Yeah, ich war der erste Jahrgang an der TU, bei dem schon einige Übungen auf einem PC gemacht wurden und habe meinen Abschluss am Institut für Datenbanksysteme und Künstliche Intelligenz gemacht. Ja, da schaut ihr alle!
Wir haben ein Achterzimmer zu zweit. Das klingt widersprüchlich, zumal die Hütte keine freien Betten hat. Aber der Wirt und die Infrastruktur sind am Limit und so haben wir zu zweit die geräumige Juniorsuite. Ober uns quietscht der Holzboden, wenn jemand herumgeht, wir hören die abschließende Worte anderer BergsteigerInnen aus anderen Etagen vor dem Einschlafen und sind fast live dabei, wenn jemand noch aufs WC geht. Hüttenleben vom Feinsten, und trotzdem finden wir unseren Schlaf.
Der Morgen erwartet uns mit traumhaften Bedingungen. Renate fühlt sich fit und so geht es nach dem Frühstück los. Die meisten besteigen den Großen Priel, aber wir biegen nach 20 Minuten gemeinsamen Wegs rechts in die Einsamkeit ab und erreichen nach weiteren zehn Minuten den Einstieg des Tassilo-Klettersteigs.
Die Bedingungen sind wirklich einmalig. Der Steig ist wohl selten begangen, denn der Fels zeigt keinerlei oder kaum Abriebspuren. Die technischen Schwierigkeiten sind mit C/D fair beurteilt. D erscheint mir dann doch zu hoch. Ein paar Mal hat man kurz Zug auf den Armen. Nach so einer Stelle lässt der Steig aber sofort wieder locker. So erreichen wir das Almtaler Köpfl, womit wir laut Topo die Schwierigkeiten hinter uns haben sollten.
Ein Hubschrauber schwirrt am Plateau herum. Er setzt Leute am Seil ab und nimmt wieder welche auf. Übt man hier? Jedenfalls stört das Gerattere die Ruhe da heroben. Erst wieder daheim werden wir lesen, dass einer der beiden Wissenschaftler gestürzt ist und aufgrund seiner Verletzung am Unterschenkel vom Hubschrauber geholt werden musste. Uje, ihm alles Gute!
Der restliche Anstieg auf den Schermberg ist dann länger als erwartet und auch noch ein paar Mal zum Anhalten. Renate schnauft. Am Gipfel erwartet uns ein eher bescheidenes „Gipfelkreuz“ und vier andere BergsteigerInnen, die von der anderen Seite heraufgekommen sind. Das Wetter lädt zu einer Pause ein. Tadellos!
Der Abstieg erfolgt über den Hermann-Wöhs-Steig. Der ist technisch nicht schwierig, aber eben der Abstieg. Es geht über Gletscherabschliff an teils ordentlichen Felsspalten und Dolinen vorbei. Die Sohlen halten auf dem steilen Fels recht gut. Aber dann passiert es. Renate hält sich an einem größeren Felsbrocken, und der bricht aus. Die Folge sind ein schmerzverzerrtes Gesicht und ein offenkundig bald blutendes Schienbein. Ich überlege. Blöd, dass der Hubschrauber schon weg ist, sonst hätten die zwei Sturzpiloten in Gegenwart des Hubschrauberpiloten ein bisserl über Renates zweites Lieblingsthema „Herausforderungen des Beamens und Klärung der Frage, ob Renate das noch erleben wird“ fachsimpeln können.
Aber so muss Renate tapfer alleine absteigen. Heute wird nicht gebeamt. Eher mühsam vernichten wir Höhenmeter, bis wir endlich die Welser Hütte wieder erreichen. Es gibt ein ausreichendes Mittagessen und ein bisserl Erholung.
Jetzt fehlen nur 1.012 Höhenmeter im Abstieg. Das klingt nicht übertrieben viel, ist aber so mühsam, dass Renate ab der Talstation der Materialseilbahn nicht mehr so recht weiß, wie sie ihre Füße aufsetzen soll. Die Ballen streiken. Den letzten Kilometer stakst sie mehr als sie geht. Schaue ich sie an, höre ich ein: „Der Klettersteig war es aber wert!“. Na, dann! Und wie so oft erreichen wir dann doch noch den Parkplatz, von wo wir nach einer gelungenen Tour Richtung Heimat gleiten.
Ganz ohne schlechtes Gewissen machen wir uns im E-Auto zu Mittag auf den Weg an die Hohe Wand. Renate möchte einen Klettersteig mit Seilbrücke ausprobieren. Das wird gemacht.
Bin ich mal zu ungewöhnlicher Zeit unterwegs, treffe ich ungewöhnliche Leute. Einige Novizen sind im Steig. Nach einem Klettersteig der Schwierigkeit A/B ist nun dieser Steig mit C/D dran. Und das klappt auch recht gut. Als nächstes Ziel verraten sie mir die Zugspitze. Ah ja, wer denn diese Ideen hat? Einer von den drei jungen Herren schaut YouTube und hat die Klettersteige entdeckt. Und es macht Spaß! Was soll da schon schiefgehen? Die Erfahrung wird kommen. Aufrichtig und ehrlich: alles Gute und viel Freude in den Bergen!
Die Krönung ist aber ein Paar, das wir nach der Frauenlucke im Abstieg treffen. Sie befinden sich im Aufstieg. Auch sie haben sich ein Klettersteigset ausgeborgt und sind begeistert. Welchen Steig sie denn gehen wollen? „We don’t mind!“. Ich vermute, sie wollen den Matthias-Prinner-Steig gehen, sind aber 50 Meter zu früh links weg, wo sie in der Frauenlucke recht wenig mit dem Klettersteigset als Sicherung anfangen können. Denn da fehlt das Seil. Sprachschwierigkeiten und meine vehement Aufmerksamkeit einfordernde Frau lassen es nicht zu, dass diese seltsame Situation aufgeklärt wird. Aber der junge Mann grinst, erkennt den Ernst meiner Lage und macht weiter. Den beiden gefällt es, was könnte besser sein?
Der Steig selbst ist nicht sonderlich lange und wird oft als einer von mehreren an einem Tag gemacht. Renate ist aber hier, um die Seilbrücke zu probieren. Am Königsjodler soll immerhin so ein Seiltanzstück auf sie warten. Da schau‘ her, ist mir gar nicht so erinnerlich.
Die steile Strickleiter am Einstieg des Matthias-Prinner-Steigs macht ihr keine Mühe und auch die Seilbrücke nicht. So sind wir recht rasch durch den Steig. Das Selbstvertrauen ist wieder ein bisserl gewachsen, neue Herausforderungen mögen kommen.
Runter dann durch die Frauenlucke, die mich mit ihrer 15 Meter hohen Leiter immer wieder überrascht. Also, es sind keine technischen Fähigkeiten nötig, wenn man von oben einsteigt. Aber ein bisserl Überwindung muss man schon aufbringen.
So rollen wir nach bestandener Probe wieder nach Breitenfurt. Strom haben wir so viel, da bleibt nur das bisserl Reifenabrieb. Alles gut!
Renate fühlt sich als gebürtige Steirerin verpflichtet, den höchsten Berg der Steiermark zu erklimmen. Der Hohe Dachstein ist mit seinen 2.995 m nicht nur der höchste Berg der Steiermark und Oberösterreichs. Spitzfindige glauben zu wissen, dass das Gipfelkreuz auf der steirischen Seite steht. Nach italienischer Messung ist er übrigens 3.007 m hoch, aber das ist eine andere Geschichte.
Von meinem letzten Besuch vor fünf Jahren weiß ich, dass es sich am Klettersteig in der Früh ziemlich stauen kann. Ich weiß auch, dass damals um die Mittagszeit keine Bergsteiger mehr warteten. Die Wettervorhersage sieht windiges, aber sonst sonniges und trockenes Wetter. Sollte passen! Die Ausrüstung für den Randkluftsteig lassen wir daheim. Ich habe keine Lust auf das Schleppen der Gletscherausrüstung. Wir werden also den Schulteranstieg hinauf- und wieder hinuntersteigen.
Eigentlich wollten wir auf der Seethalerhütte übernachten. Wir hatten auf den Sonnenuntergang und Sonnaufgang gehofft. Aber leider ist laut Hüttenwirt alles voll. Vorort erfahren wir dann, dass eigentlich „alles leer“ richtig gewesen wäre, weil zwei Tage lang spontan geschlossen war oder geschlossen werden musste.
So wählen wir wieder einmal Schloss Pichlarn, von wo es eine knappe Stunde zur Südwand des Dachsteins ist. Wir reservieren unsere Bergfahrt für 10:45. Aber das habe ich mir anders vorgestellt! Die Parkplätze haben sich schon gefüllt, wir parken entlang der Straße und müssen die letzten paar Hundert Meter zu Fuß weiter. Zeitreserven waren eingeplant und wir schaffen es bis 10:45 zur Seilbahn. Aber statt einem „Kommen Sie nur vor!“ erwartet uns eine Schlange. Die 10:30-Reservierungen warten vor uns, wir inmitten der 10:45er. Die Sonne brennt runter, keine Gnade für mich in langen Hosen und langem Shirt, präpariert für den Gletscher. Meine Beobachtungen ergeben: bei normalem Andrang fahren die Gondeln alle 20 Minuten, bei hohem Andrang alle 7,5 Minuten. Da passen die Reservierungen alle 15 Minuten nicht dazu. Entweder ist das genial, weil es letztlich ganz gut gepasst hat – wir haben die Gondel um 10 Uhr 52 und 30 Sekunden erwischt und waren wie geplant um 11:00 bei der Bergstation – oder es ist dann doch im mathematischen Sinne irgendwie vertrottelt. Es gibt noch weitere Parameter wie die Kapazität der Gondel und die Anzahl der verkauften Plätzen. Die Verantwortlichen machen sogar Überbuchungen, cool! Steckt doch Software mit künstlicher Intelligenz hinter dem Algorithmus oder eher steirische Gelassenheit á la „Das geht sich jeden Tag irgendwie aus! Oben geblieben ist auf jeden Fall noch keiner und wenn, dann hat er auch irgendwie runtergefunden!“.
Bei der Bergstation warten die singenden Murmeltiere wie auch vor fünf Jahren auf ihre neuen Pflegeeltern. Wir sind es nicht, wir sind eher happy, dass wir nicht die kurzen Hosen gewählt haben, denn neben den Murmeltieren pfeift auch der Wind anständig. Die Bedingungen sind rauer geworden: Hütte geschlossen, lebhafter Wind,.. Zum Glück hat Renate ihre Polarbären bzw. Polarbeeren in die Trinkflasche gefüllt.
Nur wenige Wanderer sind auf dem Weg Richtung Seethalerhütte. Ich sehe keine Helme, unser Plan könnte aufgehen. Am Einstieg sehen wir dann doch schon aus der Ferne vier Kletterer in der Wand. Weit sind sie noch nicht gekommen. Sie bewegen sich auch nicht. Seltsam, sind die Deko? Wir kommen näher, aber die bunten Kleckse kleben mit gespreizten Beinen an der Wand. Hängen die schon seit den Morgenstunden da? Am Einstieg macht sich eine Einzelgängerin fertig, von der Seethalerhütte stürmt eine Gruppe in voller Montur und gut ausgerüstet aber in Trailschuhen herbei. Turnschuhe und Pickel – eine seltsame Kombi! Die fünf Herren kommen aus dem Osten, also nicht nur von der östlichen Seethalerhütte sondern auch aus Tschechien. Kein Gruß – stattdessen im Stechschritt in die Wand. Das verschreckt die Farbkleckse. Die Verstopfung löst sich und so sind bunte neunköpfige Perlenkette vor uns. Das wird gut gehen. Wir starten zu dritt in die Wand.
Der Steig ist am Anfang ein C und ein bisserl schwer, aber nicht sehr. Bei weniger Schnee ist der Einstieg vielleicht übler. Bei uns tut sich eher nur ein Randklüftchen auf. Trotzdem muss man sich da ein bisserl nach vorne fallen lassen. Nach links sollte man nicht schauen. Da tut sich hinter einem schmalen Spalt dann schon ein bisserl größerer Abgrund auf.
Die Sonne lacht, der Wind pfeift, der Fels ist ein bisserl abgeschliffen, aber okay. Es geht dahin. Die Einzelkämpferin ist Lise aus den USA. Ich plaudere angeregt und vergesse ganz, dass ich ja mit meiner Frau da bin. Renate hängt an einer der C-Stellen unter mir und will den passenden Tritt nicht finden. Ich bin mit meinem Schulenglisch oder besser mit meinem Deutsch-Italienisch-Polnisch-Englisch gut gefordert. Gut, dass mich Duo mit Spanisch und Arabisch unterstützen will, aber ich überhöre meine Frau, die ihre Seele in den Wind schreit. Die Situation könnte eskalieren, alles Welt hätte Verständnis. Da zeigen sich die Qualitäten meiner lieben Frau. Ich steige vorsichtig ab zu ihr. Mein Verhalten hätte eine neue Frisur gerechtfertigt. Und da hätten mich weder Helm noch mein Drei-Millimeter-Schnitt gerettet. Jeder Richter hätte sie verstanden, wenn sie mich in der Randkluft entsorgt hätte. Aber sie bleibt ruhig. Ich sehe nicht einmal einen „Stirb“ doch!“-Blick an ihr. Nichts, gar nichts! Das macht mir noch ein schlechteres Gewissen. Fix ist, ich bleibe besser hinter ihr.
Nun unterhält sich Renate mit Lise. Lise feiert ihren Geburtstag am nächsten Tag. Wir sind in also nur ein paar Jahre älter. Renate posaunt raus, dass sie im November 53 wird. Das ist mir zu dreist, ich erhebe inbrünstig Einspruch: „So ein Blödsinn, du wirst 56!“. Ein weiterer Grund, wenn auch im Affekt, der mir ein restliches und sehr kurzes Leben in der Randkluft bescheren hätte können. Ab jetzt muss das mit dem Zusammenreißen aber klappen für heute. Mann oh!
Der Steig ist mittlerweile leichter geworden, Schwierigkeitsstufe B bis B/C. Und doch ist er länger als gedacht. Das Gipfelkreuz scheint noch fern. Der Randkluftsteig hat optimale Bedingungen, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann. Aber ohne Pickel ist er im Abstieg wohl zu steil. Schade!
Ab dort, wo der Randkluftsteig in den Schultersteig mündet, geht es wieder etwas zünftiger bergauf. Uns kommen jede Menge Kletterer entgegen. Die Trailschuhgruppe springt wohl gelaunt in Richtung Randkluft. Na, das werden wir beobachten.
Wir erreichen das Gipfelkreuz – herrlich! Was für ein Panorama! Die Dohlen fressen mir die Manner-Schnitten aus der Hand. Ja, die Saison ist kurz da heroben. Da darf man nicht schüchtern sein. Ob die Skitourengeher auch so spendabel sind?
Nach den obligatorischen Fotos geht es wieder runter. Immer wieder schaue ich zum Randkluftsteig. Dort könnten wir viel Zeit sparen. Eine Fünfer-Gruppe versucht sich gerade. Sie sind ohne Seil, aber mit Pickel. Ich überlege, da stürzt einer in die Tiefe. Mit der Hand am Handy für die Bergrettung, „stürzt“ der zweite in die auf dieselbe Art und Weise in die Tiefe – am Hosenboden. Die haben Spaß dabei! Geht’s noch? Ob die beiden die Spalten kennen, die zum Vorschein kommen, wenn der Schnee weggeschmolzen ist? Lise fragt, ob wir das auch machen werden. Für mich ist die Antwort „Sicher nicht!“, schon aus Prinzip nicht.
So steigen wir den Klettersteig wieder ab. Erst gegen Ende, als die C-Stellen warten, halte ich es nicht mehr aus. Da hängt so ein altes Seil eine Felsrinne Richtung Gletscher runter. Ich bin weit vor Renate und Lise und will das probieren. Das Seil endet gut zehn Meter vor dem Gletscher. Das Gelände ist brüchig, aber was soll schon viel passieren.? Im schlimmsten Fall kollere ich da runter, bis ich noch ein paar Meter in den Auslauf des steilen Schneefelds rutsche. Renate ruft von oben. Mein Vorschlag ist also, ich checke, wie der Übergang zum Gletscher und die Querung am Gletscher zur ausgetretenen Spur ist und gebe danach meine Empfehlung. Gesagt, getan. Ich bald stehe ich in der Spur. Alles machbar, ein bisserl fordernd und sicherlich gut für die Erinnerung. „Ja, du kannst nachkommen!“. So stehe ich da und schaue zu, sehe wie Renate in interessanter Haltung absteigt. Ich kann gar nicht recht hinschauen, aber dann ist sie auch schon am Schnee und bald bei mir. Auch Lise ist gefolgt. Ich höre ein „The rope ends here!“, antworte mit „Jepp!“. Es folgt ein „That’s a bit scary!“, aber Angst ist nicht Lises Thema. So quert auch sie erfolgreich zu uns und bestreitet die letzten Meter auf mir fremde Art und Weise. Sie setzt sich in die Spur und rodelt am Hosenboden, offenkundig mit großer Freude, fast bis zum Einstieg des Klettersteigs. Sachen gibt’s!
Wir wandern wieder zur Bergstation und besuchen noch die Eishöhle. Ein Besuch, den ich empfehlen kann. Kalt ist es halt in so einem Gletscher. Hängebrücke und Skywalk sind Attraktionen, die die Besucher hier herauflocken. Auch diese Attraktionen sind beim Ticket inkludiert, aber für jemand, der gerade einen Klettersteig gemacht hat, nicht so beeindruckend, wie für viele andere Gäste. Toll gemacht sind die Sachen allemal.
Für uns geht es wieder mit der Seilbahn runter. Buchung, Reservierung und Verkauf verstehe ich auch jetzt nicht. Zehn Leute sitzen am Dach der Gondel im Freien. Ja, was haben denn die angestellt? Egal, für uns geht ein wunderbarer, kurzer Ausflug in die hohe Bergwelt zu Ende. Prädikat: tadellos!
Der Attersee Klettersteig auf den Mahdlgupf ist recht bekannt und klingt einladend. Vielleicht sind zu viele der Einladung gefolgt. Der Einstieg wurde im August 2020 verlegt und ist nun von furchteinflößender Schwierigkeit D/E. Das soll Anfänger und Ungeübte abhalten. Wer am Einstieg ernste Nöte hat, könnte am Steig in Schwierigkeiten kommen. Fluchtwege gibt es nicht und der Steig ist mit 600 Höhenmetern recht lange.
Leider hat diese Maßnahme auch Renate abgeschreckt. Ich soll mal vorkosten. Sie wird einen anderen Steig ins Höllengebirge nehmen. Wenn es klappt, treffen wir uns beim Dachsteinblick. Wir buchen uns für zwei Nächte im Hotel Das Traunsee ein. Von dort ist es eine gute halbe Stunde zum Klettersteig.
So sind wir an einem Mittwoch mit tadelloser Wettervorhersage in Weißenbach am Attersee. Die Parkplatzflächen lassen vermuten, dass hier am Wochenende so einiges los ist.
Wir wandern los und schon nach kurzer Zeit trennen sich unsere Wege. Renate wählt den Brennerriesensteig und ich zweige rechts bergauf Richtung Wand ab.
Der Einstieg und die Schlüsselstelle ist bald erreicht. Die eigentliche D/E-Stelle ist kurz. Wer geübt ist, hat sie nach kurzer Zeit hinter sich. Fehlen Übung und/oder Kraft, dauert es länger, womit auch die Chancen rasch schrumpfen werden, überhaupt in den Steig einzusteigen. Selbst finde ich die Stelle nicht so schlimm. Bei Nässe sieht das sicherlich anders aus. Aber wer geht so einen Steig schon bei Nässe? Nach der Schlüsselstelle geht es einige Zeit noch anspruchsvoll dahin. Nicht so wild wie auf den ersten paar Metern, aber auch nicht zum Verschnaufen.
Der restliche Steig ist lange, steil und damit anstrengend. Wer in der Früh bzw. am Vormittag geht, steigt im Schatten. Das ist im Sommer nicht zu vernachlässigen. Auch im Schatten habe ich anständig geschwitzt. In eineinviertel Stunden bin ich durch den Steig durch. Dabei versuche ich mich nicht zu hetzen, aber eine Pause baue ich auch nicht ein. Es geht einfach immer weiter, und irgendwann geht mir dabei die Luft aus. Ich gehe kurz langsamer, bis es eben wieder weitergeht. Die meiste Zeit geht es steil bergauf, technische Schwierigkeiten warten eigentlich kaum. Es ist viel Eisen in der Wand. Zwei D-Stellen sind in der Topographie noch erwähnt. Diese brauchen ein bisserl Kraft, sind aber sicher nicht so wild wie der Einstieg. Die D-Stellen sind vor allem kurz. Da ist man mit Übung schnell drüber. Ach ja, und landschaftlich! Landschaftlich ist der Steig ein Hammer. Die steilen Felsen vor einem und Attersee und Traunsee unter einem – edelst!
Nach dem Ausstieg, Abschnitt 30 „Snake Escape“, ist auch der Gipfel des Mahdlgupf schnell erreicht. Ich bin doch recht gefordert. Hier heroben brennt die Junisonne von steil oben mir auf das lichte Haar.
Renate habe ich das inReach umgebunden. Das sendet alle zehn Minuten ihre Position an Satelliten. Diese Positionen kann ich auf meiner Webseite abrufen und schauen, wo sie denn ist. Okay, Mobilfunkempfang vorausgesetzt, könnte ich anrufen und sie fragen. Diese Variante hat jedoch so ihre Tücken. In der inReach-Variante kann ich nachschauen, wo sie ist und wo sie in den letzten Stunden war. Damit das keiner falsch versteht, das ist kein GPS-Tracker für Mio oder eifersüchtige Ehemänner. Das Garmin inReach Mini ist ein ernstzunehmendes Gerät, das ich gerne selbst verwende, wenn ich alleine unterwegs bin.
Am inReach erkenne ich also, dass sich Renate planmäßig und schneller als gedacht unserem Treffpunkt, dem Dachsteinblick, nähert. Ich breche schweren Beines auf. Renate ist so schnell, dass sie gar noch die Bennerin mitnehmen wird. Ich bin so langsam, dass ich einen Holländer kaum abhängen kann und will. Der gute Mann hat irgendwie Orientierungsnöte. Nicht nur, wenn er vorne ist, auch wenn er hinter mir ist, biegt er immer wieder in den Wald ab. Ich bin zu müde, um zu ergründen, was er da macht. Irgendwie kommt er dann doch kurz nach mir beim Dachsteinblick an. Wir plaudern, er ist am Weg zum Hochleckenhaus. Oha, leck Fetten! Da waren wir doch letzte Woche? Mein Hirn braucht dringend Nährstoffe und Flüssigkeit.
„Huh, huh!“ ruft es aus den Latschen. Die Niederlande sind begeistert, dass da meine Wife daherkommt. Verständlich, wenn man alleine kaum den Weg findet! Was für ein Wunder muss es sein, dass sich dann zwei Menschen fast zeitgenau auf einem Gipfel treffen?
So treffen wir beide an unserem Tag der Verlobung – ein Jahr ist es her, dass ich Renate am Preber gefragt habe, ob sie meine Frau werden will – wieder auf einem Berggipfel aufeinander. An diesem 18. Juni ist Renate fitter als ich. Soll sein, alles passt.
Wir wandern zurück zum Mahdlgupf und dann am Schoberstein vorbei Richtung Weißenbach am Attersee. Erst begeistert der Ausblick und dann die Wegführung. Der Weg hat so viele Serpentinen, dass auch der Geduldigste irgendwann abzukürzen beginnt. So verlieren wir gegen Ende unseres Abstiegs auch den Weg. Mit Geschick und Glück schaffen wir es aber bis auf ein paar Minuten Umweg nach abenteuerlicher Dschungeltour fast punktgenau zum Auto.
Mit einem Durst, wie er mich selten quält, geht es zurück ins Traunsee, wo erst rehydriert wird, ehe wir im neuen Restaurant „Belétage“ alles verputzen, was der Koch aufzuwarten vermag. Der Jahrestag klingt dann bei ein, zwei Glaserln Champagner aus. Wunderbar, könnte nicht besser gehen! Mit der Tour und meiner Frau!
Lydia und Nico sind da und wollen den Haidsteig gehen. Es ist Wochenende und am Nachmittag ist Regen möglich. Zwei gute Gründe, nicht allzu spät zu starten. Um neun Uhr sind wir am Parkplatz in Griesleiten und der ist voll. Also, man findet noch diese „Da kann man schon auch stehen, oder?“-Parkplätze. Doch diese werden auch bald weg sein.
Der Zustieg ist gemütlich, und wir treffen erstaunlich wenige Menschen. Da kommen wohl nicht alle her, um zu kraxeln. Wie Lydia am Klettersteig unterwegs ist, weiß ich ja schon. Aber, wie es Nico geht, habe ich mich nicht getraut zu fragen. Das war ein Dilemma, denn einerseits gehört es zu einer ordentlichen Vorbereitung, anderseits: darf man das einen Schweizer fragen? Sind die nicht in Felswänden oder Steilabfahrten geboren? Wir besprechen das also am Zustieg. Nico muss eine Variante im Schweizer Genom haben. Die Höhe im Allgemeinen und Leitern im Speziellen sind nicht so sein Ding. Okay, das bekommen wir hin!
Am Einstieg spielen sich Szenen ab, die an die Fotos vom Hillary Step am Mount Everest Mitte Mai erinnern. Die Leute sind halt leichter gekleidet und kaum einer, oder keiner, hat ein Sauerstoffgerät. Trotzdem staut es. Bunt ist es, schön anzuschauen ist es. Und dann höre ich seltsame Geräusch. Da mag sich doch einer, der wohl gerade den Kopf weit im Nacken hat, um die Wand zu studieren, durch einen Ausritt in eine Geröllrinne unerlaubt von der Truppe absondiert haben. Ich sitze da, schlüpfe gerade in meinen Klettergurt und staune nicht schlecht. Schon sehe ich nur noch einen Arm vom Abtrünnigen. Auch die anderen stehen herum. Niemand eilt zur Hilfe, vielleicht ist der Platz in der Schlange zu wichtig. Vielleicht soll sich jemand anderer darum kümmern. Sachen gibt’s!
Dann kommen auch wir dran. Als bunte Perlen in der Kette steigen wir los. Nico ist anfangs respektvoll, ehe das Selbstvertrauen einschießt. Der Weg ist leicht zu finden: „Immer dem Seil nach!“, und so steigt er vor. Na ja, wir sind wie schon erwähnt mittendrin. Vor uns geht nicht viel weiter und hinter uns klebt ein tschechischer Grünhelm so knapp an Lydias Fersen, dass ich kaum brauchbare Fotos zu schießen vermag. Also, Mio hält definitiv respektvolleren Abstand, auch wenn man Leckerlis in der Tasche hat.
Wir sind jedenfalls nicht Ursache für den Stau und werden auch nicht abgebremst. So genießen wir die Tour. Die Einsamkeit und das Gefühl des Auf-sich-gestellt-Seins erleben wir heute nicht.
Bei der Madonna sind die technischen Schwierigkeiten weitgehend erledigt. Lydia erinnert sich gar nur noch an ein Geröllfeld und ein bisserl Aufstieg, was da folgen wird. Oh, da spielt ihr die Erinnerung aber ein bisserl einen Streich. Jetzt gibt es erst einmal Besuch bei Ulli. Die ist gut abgelenkt. Es sind so viel Leute heute hier. Da bleiben wir dann doch nicht lange.
Weiter geht’s über die Demutsleit’n. So nenne ich den der Madonna folgenden Abschnitt. Technisch leicht und unversichert treibt mir der Abschnitt jedes Mal den Puls in die Höhe. Irgendetwas treibt auch Nico in die Höhe. Bald sehen wir in nur noch weit über uns. Ja, der Stau hat sich gelöst. Nico wird sich in Jahren erinnern, dass der Steig okay war, er aber oben dann doch auf die zwei Österreicher warten musste. Das sei ihm vergönnt.
Wir erreichen das Plateau und wandern zum Kreuz weiter. Was für ein Tagerl! Die Optionen Königschusswandsteig und Holzknechtsteig werden abgelehnt. So steigen wir über den Göbl-Kühn-Steig zum Waxriegelhaus und nach einem Mittagessen zum Auto ab. Beim Abstieg dann Blitzen, Donnern und erste Regentropfen. Aber hallo! Bergfex meinte in der Früh noch Null Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Meine verlässlichste Quelle, Meteoblue, hat die Gewitter für den Nachmittag mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhergesagt. Kurz vor dem Auto kommt Wind auf, daher Laufschritt! Beim Einsteigen dann starker Regen, im Auto sitzend dann Platzregen. Wow, das nenne ich ein Timing. Der Parkplatz ist noch gut gefüllt und die Straße vom Parkplatz raus auch. Da werden wohl einige nass werden, aber wir hatten Glück und eine definitiv feine Tour!