Bergsteigen: Königsjodler – Hochkönig (2.941m) – Arthurhaus

„Wegen der gewaltigen Dimensionen und anhaltenden Schwierigkeiten ist der Königsjodler eine der schwersten Steiganlagen im Ostalpenraum!“ sagt bergsteigen.com. Das ist respekteinflößend. Anderseits schaffen den Steig so viele, da wird es auch mir gelingen. Schwierigkeit C/D macht mir auch keine Sorgen. Und ich weiß, dass ich danach recht fertig sein werde.

Gernot probiert am Vortag noch einen Steig mit einer D-Stelle. Voller Zuversicht geht er es an, um dann doch zu kapitulieren. Das ist sehr schade, denn so muss ich alleine los. Gernot beschließt, von Hinterthal über die Teufelslöcher aufzusteigen. Wenn alles passt, sollten wir uns am Matrashaus treffen und dann gemeinsam über den Normalweg zum Arthurhaus absteigen. So weit der Plan!

Ich quartiere mich im Alpengasthof Kopphütte ein. Da passt alles sehr gut bis auf die durchgelegene Matratze. Am Abend gewittert es. Nichts Ungewöhnliches für einen Abend im August in den Bergen. „Nach heftigem Einstieg (D)…“ – so beginnt die Tourenbeschreibung auf bergsteigen.com, und das gibt mir nun bei dem Regen zu denken. Immerhin ist Gernot an einem D gescheitert und im nassen Zustand ist dann der Einstieg in den Königsjodler möglicherweise doch eine Herausforderung. Meist mache ich mir vor einer Tour solche Gedanken. Das ist gut so, wenngleich ich noch jedes Mal erfahren habe, dass sie ungerechtfertigt waren. Egal, da sind schon viele rauf. Draußen plätschert es weiter. Ein Wecker wird für 5:20 und einer für 5:25 gestellt.

In der Nacht wache ich auf, höre das Plätschern und denke mir: „Na geh! Das wird was!“. Plötzlich läutet der Wecker für 5:25. Ich kenne mich gar nicht mehr aus und ziehe den Vorhang zur Seite. Siehe da wolkenlos, aber was plätschert da? Ah, das ist nicht die Dachrinne, sondern ein Bach. Aber was ist mit dem ersten Wecker und warum ist es um 3:25 schon hell? Läuft noch nicht so gut bei mir. Kaffee und die Freude über das für mich vorbereitete Lunchpaket geben einen Schub.

Irgendwie kommen die Systeme also doch in Gang und ich blubbere mit meinem getauschten Mercedes S-Klasse Biturbo Nobelhobel aus 2004 zum Parkplatz der Erichhütte am Dientner Sattel. Ein paar andere Bergsteiger starten auch, alle jünger als ich. Schauen ma a mal! Rasch bin ich auf der Forststraße bei der halbleeren, aber Covid-bedingt doch nur halb-belegten Erichhütte. Weiter geht es erst gemächlich über Almen und dann immer steiler bergauf. Ein paar Bergsteiger überhole ich, während ich selbst so einen Vorgang nicht als Überholter erfahre. Meine Kondition sollte also reichen. Falls nicht, dann wird es andere auch erwischen und die Bergrettung wird möglicherweise einiges zu tun haben.

Beim Einstieg hole ich zwei Bergsteigerinnen ein. Der Fels ist trocken, wir sind zuversichtlich, dass das heute klappen wird. Die Bedingungen sind optimal. Nach einigen, nicht notwendigerweise hier tiefsinnigen Wortmeldungen schwinge ich mich auf. Und rutsche bei der D-Stelle aus. Na hallo, es hat noch nicht einmal begonnen und ich mache den Orang-Utan. Die Damen sind beeindruckt und besorgt, dass sie diesen Affen ab nun vor sich haben werden. Zum Glück war es ein einmaliges Hoppala, quasi noch vor der offiziellen Wertung.

Die D-Stelle ist beim Einstieg ist ganz kurz und wirklich nicht schwer. Danach geht es gemütlicher dahin. Die Bedingungen sind top, die Landschaft ist top, der Steig macht Spaß. Es gibt endlos Beschreibungen und Videos zum Steig im Netz. Da werde ich nun nicht eine weitere Abhandlung verfassen. Lediglich ein paar Erkenntnisse meinerseits, die ich für erwähnenswert erachte:

  • Es geht auf 8(?) Türme rauf und wieder runter. Kein einziges Mal ist es an einer „Bergauf“-Stelle senkrecht oder überhängend. Die Arme werden damit wenig belastet, eine erfahrene Technik vorausgesetzt.
  • Bergab ist es teils heftig und speziell bei der Umgehung der „Einseilbrücke“ – , ich vermute, das war früher der „Flying Fox“ – sehr wohl senkrecht. Aber auch das ist machbar.
  • Bei der „Einseilbrücke“ empfiehlt sich die Mitnahme einer Rolle für jene, die sich in das Seil einhängen wollen und frei baumelnd auf die andere Seite gelangen wollen. Mir ist es aber ohnedies unheimlich, hier rumzuspielen. Das hat so einen Kletterpark-Charakter mit dem Unterschied, dass keiner da ist, der dein Equipment prüft. Ich bin lieber abgeklettert und auf der Gegenseite wieder rauf. Langsamer war ich vermutlich nicht.
  • So eine Topo ist nicht maßstabsgetreu! Das heißt beispielsweise, Gehstrecken sind verkürzt dargestellt. Das heißt im Umkehrschluss, am Königsjodler kommt man zwischen den Highlights schon mal auf steilem Gehgelände außer Atem.
  • Schon weit oben hängt ein Schild, das auf den Notausstieg ins Birgkar hinweist. Es meint, dass man die Hälfte hat und noch 3-4 Stunden vor einem liegen. Ich verstehe die Absicht hinter diesen Angaben. Aber sie stimmen nicht, man ist schon weit über der Hälfte.
  • An eine Schlüsselstelle kann ich mich nicht erinnern.

Der Steig ist recht lange und die Höhe macht sich auch bemerkbar. Auf den letzten paar Hundert Metern vor dem Ausstieg Kummetstein taumle ich bereits. Die Beine krampfen teils ordentlich. Es wird bald vorbei sein. Der Steig wird zum Ende hin technisch schwieriger. Hundemüde bin ich. Die Kondition war in den letzten Monaten definitiv besser. Trotzdem geht alles im sicheren Bereich mit ausreichend Reserven zu Ende.

In Zeitangaben heißt das für den Boomer in der Klasse Ü50:

  • Nach 1 h 40 min war ich vom Parkplatz beim Einstieg.
  • 2 h 45 min habe ich für den Königsjodler selbst gebraucht.

Und wie ich vom Steig auf den Kummetstein wanke, ruft mir einer aus 50 Metern Entfernung von der anderen Seite zu. Was will der? Ich taumle weiter und siehe da – es ist Gernot! Setzt das Hirn völlig aus? Das kann es ja nicht geben. Auf die Minute genau! Er ist eine Stunde früher in Hinterthal los, hat bei den Teufelslöchern noch mit der Drohne gefilmt und kommt exakt zum selben Zeitpunkt wie ich an. Sachen gibt’s!

Wir wackeln gemeinsam weiter zum Matrashaus. Ich habe den Königsjodler in den Beinen, bei Gernot sind es schon fast 2.000 Höhenmeter. Am Matrashaus gibt es Verpflegung. Roman, der Hüttenwirt, gibt seine Geschichten zum besten. Auf Facebook kürt er regelmäßig den Deppen des Tages. Das ist vielleicht unterhaltsam, aber nicht notwendigerweise jedermanns Sache. Wir sind rechtzeitig los, gut ausgerüstet und wieder rechtzeitig dahin. Damit finden wir keinen Platz auf seiner Liste.

Roman warnt in jedem seiner Einträge beim Abstieg vor dem Birgkar. Das ist sicherlich berechtigt, macht diese Variante aber schon fast wieder interessant. Wir haben für heute genug und wählen artig den Normalanstieg zum Arthurhaus. Der ist lang und natürlich zach. Noch einmal Rast auf der Mitterfeldalm, ehe wir beim Arthurhaus 9 Stunden netto Gehzeit und ich um 4.768 kcal leichter ins Taxi steigen und zurück zu unseren Autos fahren.

Edler Tag, edle Tour, Königsjodler erledigt! Gerne wieder!

Die Tour auf garmin.com.

Hochtour: Hunerschartensteig – Hunerkogelsteig – Hoher Dachstein (2.995m)

Es gibt viele Argumente für Tirol und ein paar dagegen. Wir halbieren jedenfalls die Reisedauer und bleiben in der Nähe. Am Dienstag geht es zur vertrauten Türlwandhütte. Hier waren wir jedenfalls schon vor zwei Jahren. Am nächsten Morgen starten wir diesmal auf den Hohen Dachstein.

Am Vorabend erhalten wir noch eine Einschulung fürs Vorgehen beim Bergsteigerfrühstück. Gernot ist entzückt beim Anblick des Kaffeeautomaten. Weit weniger entzückt ist er um 6 Uhr am Morgen, als die angekündigt unversperrte Türe fest verriegelt ist. Nix mit Frühstück – bei ungefähr 50% der Bergsteigerschaft drückt das aufs Gemüt. Gar nicht so polternd schauen wir, dass wir nach draußen kommen. Das lockt die Wirtin. Mahh, ist ihr das peinlich. Aber jetzt schmollen wir. Los geht’s!

Erster Stopp ist die Dachsteinsüdwandhütte. Da muss es am Abend zugegangen sein, denn das Geschirr steht noch herum. Ich geh‘ jedenfalls davon aus, dass nicht jemand schon in der Früh Schnaps getrunken hat.

Der Aufstieg unter den Seilen der Gondel ist technisch einfach und landschaftlich recht fein. Im letzten Drittel beginnt ein Klettersteig. Bei A/B hätte ich mir Leichteres erwartet, aber Schwierigkeiten macht der Steig auch nicht. Das Klettersteigset habe ich gleich unten gelassen. Es geht sich leichter ohne.

Pünktlich um 07:50 nimmt die Seilbahn den Betrieb auf und karrt gletscherhungrige Touristen nach oben. Da sind sicherlich auch Dachstein-Besteiger dabei. Wir werden nicht alleine sein!

Knapp unter der Hunerscharte zweigt der Skywalk, ein Klettersteig der Schwierigkeitsstufe E, ab. Den lassen wir links liegen, er muss aber beeindruckend sein. Stattdessen kraxeln wir den Hunerschartensteig. Das Set fehlt nicht, auch wenn der Steig schon recht alpin ist.

Bald bin ich beim Ausstieg und zu meiner Überraschung begrüßt mich Baulärm. In geringer Ferne fuchtelt ein Bagger mit seiner Schaufel über meinem Helm. Na servas, eine Starkstromleitung liegt am Boden und schlängelt sich in ihrer Ummantelung über den Grat zum nächsten Gipfel. Die Gondel hat unter anderem zwei Langläufer ausgespuckt, die etwas desorientiert über die Gletscherreste hasten. Und da sind auch schon die ersten „Bergsteiger“ von der Gondel. Na wusch, falscher Film?

Am Baugerät vorbei ziehen wir zum Einstieg des Hunerkogelklettersteigs. Der ist kurz und mit C/D kategorisiert. Die Sonne brennt plötzlich runter und wir sind zwei von vielen freizeitnarrischen Idioten da heroben. Unser Hobby führt uns direkt zum Gondelausstieg. Der finale Kletterschritt geht über das Geländer. Die Leute staunen nicht viel weniger als wir. Der Kiosk bietet singende Murmeltiere – Oida!

An ein Frühstück ist nicht zu denken. Zu viele ziehen Richtung Hoher Dachstein und ich sehe jede Menge Kletterhelme. Ohne Espresso folgen wir dem Strome, der sich entlang einer Ratrac-Spur über den Gletscher zieht. Gernot ist sicher, dass die meisten zur Seethaler Hütte gehen. Aber ein Bruchteil reicht, um den Steig zu verstopfen. Also, weiter! Espresso kann man auch am Nachmittag schlürfen.

Schon aus größerer Entfernung erkennen wir die Menschentraube am Schnee-Fels-Übergang. Darüber zieht sich eine kurze, bunte Menschenkette in den Himmel. Je näher wir kommen, umso klarer wird, dass hier eine Person den Steig verstopft und zig gut ausgeschlafene Klettersteiggeher auch mal ran wollen.

Wir sind privilegiert und haben Steigeisen mit. So können wir den Randkluftsteig wählen. Ich sehe eine Vierergruppe, die ohne Schwierigkeiten die Randkluft überwindet. Das war noch ganz anders, als ich etwa vor 40 Jahren mit meinem Vater hier war. Da musste man sich vom Schnee über die ein Meter breite Randkluft an den Fels fallen lassen. Brrr! Der Vater hat mich ans „Strickel“ genommen. Aber da wusste ich schon als Kind, dass ich da keine 30 Sekunden drinnen hängen möchte.

So schwitzen wir also das recht steile Schneefeld hinauf. Die Randkluft ist abgesagt. Vielleicht war es der Klimawandel, aber statt Kluft gibt es einen angenehmen Platz zum Wechsel der Ausrüstung. Nach kurzem Stück münden wir in den Schulteranstieg. Da ich keine Sicherung habe, lässt man mich als Möchtegern-Bergfex solange überholen, bis ich keine Luft mehr bekomme. Aber irgendwann erhole ich mich und bin am Gipfel. Gernot hängt irgendwo in der Mitte von Aufsteigern und auch mittlerweile Absteigern. Vielleicht flechten die irgendetwas mit ihren Seilstücken. Nach einiger Zeit mache ich mir Sorgen, wo denn mein Begleiter ist. Und da ist er auch schon. Offensichtlich fehlt ihm auch ein bisserl Treibstoff. Die Schokoriegel haben mir schon geholfen und bewirken Ähnliches bei Gernot. Foto schießen und dann an den Abstieg!

Der geht leichter als vermutet. Uns kommen noch Leute entgegen, die wir in der Schlange unten gesehen haben. Es ist eine bunte Truppe. Eine der Damen meint, dass man mit ihr gerne einen Kaffee trinken gehen kann, auch ein Theaterbesuch wäre fein. Aber wieso sie sich zu diesem Scheiß‘ überreden hat lassen! Dafür hat sie im Moment keine Erklärung parat. Stattdessen hat sie Stilettos und ein Kleid dabei. Denn es hat sicher noch niemand in so einem Outfit Fotos da oben gemacht. Da ist sie sich ganz sicher. Das sehe ich anders und schränke in Gedanken auf „heute“ oder „diese Woche“ ein. Aber irgendwann war da sicher so eine ganz originelle Henn‘ oben. Kurz, überlege ich, ob ich da nicht doch eine Chance auf originelle Fotos verpasse.

Aber wir ziehen wieder über den Randkluftsteig zur Seethalerhütte weiter. Auch hier hat der liebe Herrgott eine bunte Auswahl aus seinem Zoo hergetrieben. Mein Favourite ist ein mittelalter Mann in Racing-Lycra mit kurzen Hosen über dem Hightech-Stoff und einer schnellen Sportbrille. Zwei Stöcke und eine Statur, die auf einen ausgiebigen Bürojob mit entsprechenden Verkürzungen schließen lässt, runden das Bild ab. Er rennt, als gäbe es kostenfreie Getränke hier. Kurz vor der Hütte dann der Griff an die Fitness-Uhr und ein lautes „Wahnsinn! 43:20! Super!“ lässt mich schmunzeln und rätseln. 43:20? Von der Seilbahn? Wurscht, letztlich sind auch wir nur zwei schräge Vögel, die ihre Steigeisen zum Abtropfen aufgehängt haben.

Der Kaffee schmeckt so schlecht, dass nicht einmal ich ihn trinke. Wir steigen ab. Zuerst über die Ratrac-Spur, wo Halbschuhe im Schmelzwasser versinken und dann über die Südwand wieder runter.

Alles in allem war es eine schöne Tour! Wer die Ruhe der Berge sucht, sollte den Dachstein vielleicht gänzlich meiden oder vom Gossausee her aufsteigen. Das hatte ich vor 17(?) Jahren gemacht. Da war es vergleichsweise menschenleer.

Unsere Tour auf garmin.com