Teneriffa


Zu den Fotos


Mit jedem Besuch gefallen mir die Kanaren besser. Ich wage die kühne Aussage, dass sich seit 1982 so einiges getan hat. Bei jedem Besuch entdecke ich mehr von den Inseln. Alleine auf Teneriffa war ich schon mindestens zweimal, vermutlich öfters. Wer die Strände im trockenen Südwesten verlässt, verabschiedet sich vom organisierten Tourismus und kann sich eines abwechslungsreichen Angebots für Unternehmungen sicher sein. Aber der Reihe nach!

Untergebracht sind wir im trockenen Südwesten im Hotel Royal Hideaway Corales Beach, dem Hotel mit der höchsten Michelin-Sternedichte zumindest Spaniens. Da schau her, was für ein Zufall! Wir sind im „Adults only“-Teil. Das ist ein bisserl befremdlich für mich. Fehlen doch die Experten für Hoppalas aller Art. So ist es ruhig und gediegen. Nicht einmal Mio hätte Zutritt, noch so ein Beitragsleister in Sachen Unfug. Kurz, ein wesentlicher Teil des Lebens fehlt. So ist es halt ruhig und zivilisiert. Ich fokussiere mich auf andere Erwachsene und habe auch jede Menge Gelegenheit zum Kopfschütteln. Was, wenn ich mich selbst beobachten würde?

Geplant war die Besteigung des Pico del Teide mit seinen 3.715m. Renate hatte schon die Seilbahn reserviert und die staatliche Erlaubnis für die Besteigung des Gipfels eingeholt. Aber schon beim Abflug war klar, dass daraus diesmal nichts werden wird. Die Seilbahn fährt seit Wochen nicht, so viel Schnee hat es schon lange nicht gegeben. Wir lassen die Bergausrüstung also daheim. Und trotzdem besteigen wir zwei Berggipfel spontan.

Um 21 Euro pro Tag leihen wir uns für drei Tage bei Sixt einen Renault Clio. Oh ja, das unterbietet jede meiner Preiserwartungen. Okay, wir schlagen die Vollkaskoversicherung und die Sorglos-Tankvereinbarung aus. Das spart über 200 Euro. Der Clio ist tadellos, einzig er meint unentwegt, dass ich mich doch konzentrieren soll.

Am ersten Tag fahren wir Richtung Norden. Hier haben wir eine Wanderung ausgesucht, die leider doch eher an eine Runde mit Mio erinnert als an eine alpine Unternehmung. Am „Höhepunkt“ der Tour angekommen treffen wir auf Spanier in Kletterausrüstung im Wald. Aber wo geht da etwas? Ich vermag nichts zu erkennen, wofür sie die Ausrüstung brauchen könnten. Bietet Dr. Roland hier einen Wochenendkurs für die Umschulung zum Baumschneider in zehn Stunden an? Egal, wir entscheiden spontan, dass wir noch den Montaña de Limón, zu Deutsch den Zitronenkogel, mit 2.100 m Höhe besteigen. In Laufschuhen, kurzen Hosen, T-Shirt und dafür ohne Plan. Da kann doch nichts schiefgehen. Tut es auch nicht. Der Zitronenhaufen mit Blick auf den Teide wird erklommen. Schön ist es, mit dem Auto kann man auch noch ein bisserl höher rauffahren. Der Abstieg ist ein bisserl zach. Laufschuhe taugen nicht fürs Lavagestein, meine Fußsohlen fragen mich, ob ich noch ganz bei Trost bin. Na ja, ganz so freundlich sind meine Selbstgespräche nicht, aber ich will niemand hier verschrecken. Die Laufschuhe schauen jetzt aus wie der Große Fetzenfisch. Montaña de Limón haben wir jedenfalls in der Tasche.

Am zweiten Tag begleiten uns Carina und ihre Freundin Mia. Wir werden von der einspurigen, abenteuerlichen Bergstraße nach Masca überrascht. Kommt ein Bus, verstopft sich die Verkehrslage schnell. Wie das in der Hochsaison zugeht? Irgendwie muss es gehen, aber wie? Lustig ist, dass die Strecke nach Masca auch in der Tacx-App verfügbar ist. Das heißt, ich kann virtuell zurückkehren und völlig ungestört im Wintergarten die Strecke nachfahren. Es gibt in der Tacx-App übrigens einige Strecken von der Küste Richtung Teide. Diese sind real wie auch virtuell irre. Für mich sind 2.700 Höhenmeter jedenfalls schon ein bisserl sehr über dem Machbaren.

Weiter geht es an die Naturpools an der Küste im Norden. Ans Baden denkt heute aber keiner. Bei einer Tankstelle verköstigen wir uns zu Mittag. Für die Mädels ist im Hotel Halbpension gebucht. Wir als Frühesser müssen uns außerhalb des Hotels verköstigen. Also, keine Sorge, dass wir uns nicht ausreichend um die kulinarische Versorgung der jungen Damen gesorgt hätten.

Am Nachmittag dann noch der tausendjährige Drachenbaum. Ah, oh! Vermutlich ist er auch erst 800 Jahre alt. Auch wenn wir Eintritt zahlen, kommt das nicht so ganz raus. Korrektheit hilft in der Sache aber eh nicht, sonst müsste man das Wahrzeichen ja jedes Jahr umbennen.

Am dritten Clio-Tag nehmen wir uns den Berg El Sombrero vor. Im Abstand von ein paar hundert Metern gibt es zwei Berge, die gleich heißen, namentlich El Sombrero – und ein dritter heißt El Sombrerito. Einer dieser drei sieht aus wie ein Sonnenhut und ist über 2.500 m hoch. Den wollen wir besteigen. Es sind nur 500 Höhenmeter, aber die sind nicht uneingeschränkt als „einladend“ zu bezeichnen. Beim Aufstieg über den Steig „Better up than down“ – der heißt in der Alpenvereinskarte wirklich so -, schrammen wir an einer aktuell so modernen Alpine Divorce vorbei. Während einer meint, dass es nur noch ein paar Meter bis auf den Bergkamm sind, meint die andere, dass es reicht. Über ein Jahrhundert an Lebenserfahrung weisen wir gemeinsam auf und damit wissen wir, das Geduld zum Ziel führt. Unser Verhandlungsergebnis ist, dass wir auf den Kamm steigen und von dort dann weitaus flacher wieder absteigen können. Wenn wir übermütig sind, können wir schauen, wie der restliche Weg zum Gipfel ist. So kommt es, dass wir immer wieder noch ein Stückerl weiterschauen, um irgendwann dann einen eingezäunten Gipfel mit Drehkreuz zu erreichen. Was ’n das? Habe ich auch noch nie gesehen. Ordentlich kalt ist es geworden. Im Nebel und Wind stehe ich da in meinen kurzen Hosen und T-Shirts (ja, ich habe zwei übereinander an), und friere. Zumal wir ja nicht im Laufschritt immer noch ein bisserl weitergeschaut, sondern uns vorsichtig genähert haben, stehe ich nun mit einer leichten Unterkühlung da. Aber den spanischen Bergrettern und den spanischen Zeitungslesern gönne ich den Genuss an der Empörung über den Touristen in Turnschuhen und T-Shirts, der aus seiner misslichen Lage mit dem Hubschrauber gerettet werden musste, nicht. Und alle wüssten sie es besser, der depperte Touri soll die Rettung ruhig selbst zahlen.

Wieder am Bergkamm gäbe es die Option, dass einer, wahrscheinlich ich, den Weg Better-up-than-down zum Auto nimmt, während die andere auf der anderen, flacheren Seite zur Straße absteigt und um den Berg herummarschiert. Renate hat Sorge, ob ich den Weg meistern würde. Ich staune, sage nichts und entscheide mich zur gemeinsamen Umrundung. Was mache ich denn, wenn sie mir da mittlerweile wieder im Wald irgendwo verlorengeht. Handyempfang ist da keiner. Und wie wir wieder auf der Straße sind, ist all die Anspannung weg. So spazieren wir in einem permanenten Redeschwall die drei Kilometer zum Auto zurück. Ich bleibe ein bisserl hinten und schweige mal. Gut gegangen, fein war’s, wenn auch kalt.

Was haben wir noch getan abseits von den Versuchen, uns in Bergnot zu bringen? Essen, herrliches Essen. Adeje bietet so schon feine Lokale mit viel Fisch und Meeresfrüchten. Bei uns im Hotel sind drei von Michelin ausgezeichnete Restaurants. Wir genießen das San Hô mit einem Stern und steigern dann gar noch mit dem El Rincón de Juan Carlos. Zum Abschluss verputze ich noch den Nachspeisenbaum inklusive Zuckerwattenhut und mache Eindruck.

Ach ja, eine Sache ist noch zu erwähnen. Wir machen einen Strandlauf, wie von mir ausgewählt. So etwas schweißt Paare zusammen. Es gibt halt keinen durchgängigen Strand. Es muss improvisiert werden. So geht es mal über Treppen den Berg hinauf und entsprechend auf der anderen Seite wieder einen Pfad hinunter, das mehrmals. Weil es ja eine Runde sein soll, geht es weiter im Landesinneren zurück. Hier nimmt der Lauf durch die geneigte Gstetten von Adeje ein bisserl gar den Charakter eines Military-Laufs an. Kurz, abwechslungsreich halt.

Wir schaffen es jedenfalls wieder als Paar mitsamt den beiden Mädels zurück nach Wien. Zu berichten gäbe es noch einiges von beispielsweise Romero oder vom Leben am wahrlich steilen endlosen Hang, das mich so fasziniert hat. Wie eingangs erwähnt, sind die Kanaren vielfältig und werden bei jedem Besuch interessanter. Wahrlich einen Besuch wert!


Zu den Fotos