Wildes Gamseck II – Bärenlochsteig

Gernot und ich kehren an den Ort zurück, an dem unsere gemeinsame Kraxelei begann. Das ist gar nicht so lange her. Am 28.08.2018 waren wir hier. Ich hatte damals Seil und Kletterutensilien entstaubt, und Gernot war das erste Mal am Seil im Fels unterwegs. Seit damals haben wir brav geübt und uns verbessert. Diesmal kommen wir ohne Seil und ohne Besorgnis.

Es ist ein herrlicher Herbsttag in den Herbstferien, an dem wir von Hinternasswald zusteigen. Ein paar Leute sind unterwegs. So kommt uns ein Mann mit seinem Sohn im Volksschulalter entgegen. Der junge Mann sieht fertig aus, aber das heißt bei Menschen in diesem Alter bekanntlich nicht viel. Ja, sie sind das Wilde Gamseck runter, was doch etwas viel war. Ich staune. Ja, ohne Seil bzw. Strickerl für den jungen Mann? Da waren doch eh teilweise Stahlseile. Ah, sie sind das Zahme Gamseck runter. Das glaube ich schon eher.

Schon fast beim Einstieg holen wir ein Paar in den Dreißigern ein. In tadellosen Jägerfarben, was definitiv Kontrast zu den bunten Paradiesvogelfarben der Kraxler ist, erkundigen sie sich, wie der Steig denn so sei. Für die Bergsteigerin ist es das erste Mal, und die Höhenangst ist da auch noch da. Na ja, muss halt er, der grüne Fels, dicht hinter ihr steigen. So schwer ist es auch nicht. Da kommt als Erwiderung, dass er auch eher wenig bis keine Klettererfahrung hat. Der Plan ist, soweit zu steigen, wie es möglich ist und gegebenenfalls, falls nichts mehr geht, umzudrehen. Ist zumindest ein Plan und es ist davon auszugehen, dass Bergretter ein gutes Einvernehmen mit Jägern haben. Ich bin zuversichtlich, dass es ohne Zwischenfall abgehen wird, bin aber wie sooft beeindruckt, was so alles gut ausgeht in den Bergen.

Für uns selbst ist der Steig wirklich nur noch Freude. Ein bisserl kalt ist es, aber auch steif in den Gelenken wir Pinocchio kann ich mich des griffigen Fels erfreuen. Gernot steigt vor und findet keine Schwierigkeiten. Dazwischen bedankt er sich immer wieder für meine damalige Geduld, als ich mir für diesen Steig das Seil angetan habe. Der Fortschritt ist unübersehbar. Und so sind wir auch keine Stunden im Steig, sondern zügig durch.

Der rasche Durchstieg hat keinen Hunger aufkommen lassen. Wir wollen durchs Bärenloch runter, und verspeisen bei der Grasbodenalm noch zwei Müsliriegel. Das muss und wird reichen.

Der Bärenlochsteig ist immer wieder lustig. Auch landschaftlich gibt er etwas her. Der Bärenlochsteig mündet in die Wildfährte und das ist Gernots erster Klettersteig gewesen. Eine Nostalgierunde sozusagen, die wir in Pernitz bei Kaffee und einer mächtigen Cremeschnitte ausklingen lassen.

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Klettersteig: Haidsteig – Königschusswandsteig

Gernot übergibt eine Wohnung. Da könnte ich doch… Richtig, meine zwei Steige gehen. Als gäbe es sonst nix in der Gegend. Mio ist bei Rambo und Josefine. Um halbneun geht’s in der Griesleiten los. Jedes Mal frage ich mich, wann der Eigentümer eine Gebühr fürs Parken verlangen wird. Er muss die Menschen mögen. Der Parkplatz ist saniert und gebührenfrei. Sehr fein ist das!

Knapp vor dem Einstieg überhole ich zwei Haidsteig-Geher. Beim Einstieg selbst machen sich drei Kletterer bereit. Im Steig ist aber niemand zu sehen. Also, mit Schwung und ohne Sicherung an den Leuten vorbei. Die wundern sich vielleicht, warum ich denn den Helm am Rucksack trage. Ich hole nur ein bisserl Vorsprung heraus, sodass ich mich nach dem ersten gesicherten Abschnitt und dem ungesicherten Teil in Ruhe andirndeln kann.

Die Bedingungen sind traumhaft. Der Wind aus Süd ist stark und bläst die Wand hinauf. Vom letzten Mal habe ich noch ein bisserl Sorge. Da war es nass und ich habe in beiden Steigen etwas gekämpft. Unter dem zweiten Steigbaum ist es dann auch in der Querung nass. Sagt doch da eine Stimme in mir, dass ich den Königschusswandsteig halt sein lassen soll. Oh ha, wer war denn das?

Im großen Kessel pfeift es anständig. Das hat einen Vorteil, die Wand ist hier staubtrocken. Auch die „Schlüsselstelle“ unter der Madonna ist trocken. Gut so, da kommt der zweite Steig also auch noch dran.

Die „Verfolger“ sind weit hinter mir. So bleibt mir Zeit bei der Madonna und das ist gut so. Hier ist übrigens ein Ingress-Portal. Was das ist? Nicht so wichtig. Jedenfalls war es für fast zwei Jahre in meinem Besitz. Dann ist ein Blauer raufgeklettert und hat es erobert. Der kurtlbuaa von den Grünen hat es aber rasch wieder für uns zurückgeholt. Ob das wichtig ist? Sicher nicht, aber gemacht gehört es trotzdem 😉

Die letzten Meter aufs Plateau pfeift es dann so richtig. Trotzdem muss das Preinerwandkreuz mitgenommen werden. Meine Aufstiegszeit ist recht passabel, ohne dass ich mich gehetzt oder darauf geachtet hätte. Geht langsam wieder schneller.

Der Holzknechsteig fasziniert mich bei jeder Begehung. Der ändert ständig sein Gesicht. Ich weiß mittlerweile, wo die Markierungen sind. Aber der Regen wäscht den Steig von einem aufs andere Mal weg und legt ihn neu an, dass ich aus dem Staunen nicht rauskomme. Diesmal verpasse ich gar die Querung zum Königsschusswandsteig und muss nochmals ein ordentliches Stück aufsteigen. Der Regen hat nämlich eine ein paar Meter tiefe neue Rinne hervorgebracht. Ob von dem Berg in zwanzig oder zweitausend Jahren noch etwas über ist? Man weiß es nicht.

Aus zwei anderen Richtung quälen sich weitere Kraxler Richtung Königschusswandsteig. Daher gleicher Schmäh wie schon am Haidsteig. Da ich den Klettergurt angelassen habe, kann ich ein bisserl eher starten und habe auch diesen Steig für mich alleine. Ich bin erfreulich fit. Auch meine Sorge um die nasse „Höhle“ war unberechtigt. Das letzte Mal war das Stahlseil nass und ich habe echt Nöte gehabt. Aber diesmal ist der Föhn voll aufgedreht. So gut waren die Bedingungen schon lange nicht. Vielleicht tut dem Königschusswandsteig seine unfreundliche Art vom letzten Mal leid, und er will es wieder gut machen. Man weiß es nicht.

Der zweite Steig ist damit auch recht zügig erledigt. Da ich keinen Hunger habe, wackle ich Richtung Holzknechsteig, um abzusteigen. Der wird immer komischer. Jetzt ist das feine Geröll zum Abfahren verschwunden. Vielleicht komme ich mal bei sintflutartigen Regenfällen her. Ich wüsste zu gerne, ob das Material langsam oder mit großem Getöse den Berg runterkommt.

Beim Einstieg des Haidsteigs treffe ich wieder Leute zum Plaudern. Im Steig sieht man die bunt gekleideten Bergsportler am Stahlseil aufgefädelt. Sie sind da oben ganz konzentriert und in ihren Gedanken in ihrer eigenen Welt. Da vergessen sie ganz, dass man ihre Unterhaltung bis nach unten hört. „Und jetzt den linken Fuß da rüber! Na ned den, den anderen!“. Schmunzel und okay, ich bin dahin.

Beim Spar gibt es noch das traditionelle Käsleberkäsekurkumaweckerl mit allem. Woher die Sehnsucht kommt, mich nach so einer gesunden Aktivität gleich wieder ein bisserl vergiften zu wollen? Man weiß es nicht. Aber diese Ketchup-Mayonnaise-Senf-Mischung quetscht es so schön raus, wenn man reinbeißt! Ein Genuss ist das fürwahr fast so wie die Anstrengung davor, aber nur fast.

Klettersteig: Königschusswandsteig – Haidsteig

Um 3:45 läutet der Wecker, aber zum Glück nicht für die Rax. Jasmin startet ihr Auslandssemester in Kanada. Direkt vom Flughafen auf die Rax? Nein, lieber nochmals nach Hause ins Bett. Ich wache um 10 Uhr auf und starte zu Mittag.

Der Parkplatz ist voll, im Haidsteig hängt eine Perlenkette. Das habe ich schon fast erwartet und steige weiter zum Königschusswandsteig. Was der Regen so anrichten kann! Der Zustieg ist immer zäh und heute kein bisserl lustiger. Der Steig lässt mich spüren, dass ich in den letzten Monaten wenig trainiert habe, aber es geht. Es geht einigermaßen gut bis zum Felsfenster. Mah, da ist alles nass. Selbst das Drahtseil ist nass. Die Sohlen halten nicht und ich rutsche am Stahlseil. Echt jetzt? Also, Pause und ein erneuter Versuch. Upps, das ist mir jetzt auch noch nie passiert. Mit schlechter Haltungsnote und hohem Puls schaffe ich es dann durch. Na, glorreich war das nicht. Ich taumle noch zum Preinerwandkreuz und lasse mich dann in den Haidsteig fallen.

Bei der Madonna sehe ich schon von oben eine Menschenansammlung. Um diese Uhrzeit verwundert mich das, aber die Stimmung scheint ausgelassen. Den Platz habe ich gut ausgesucht. Da ist immer ein bisserl etwas los. Diesmal sind die Besucher aus Ungarn. Sie sind zu acht – zwei Experts und zwei Beginners. Sechs Kletterer sitzen bei der Madonna und feiern ausgelassen den unteren Teil des Haidsteigs. Wo ich denn absteigen werde? Komische Frage, als gäbe es mehr als eine Option. Die junge Expertin ist verwundert ob meiner Antwort. Ob ich denn wisse, was ich da tue und ob ich schon einmal hier war. Na ja, das erste Mal vor ungefähr 44 Jahren. Trotzdem warnt sie mich, dass es im Großen Kessel rutschig ist. Na fein!

Ich bleibe bei dem Rummel hier nur kurz und schon nach wenigen Metern sehe ich die zwei weiteren Kletterer. Der Expert hat einen großen Rucksack und weitere 25 Kilogramm Zusatzgewicht eng am Körper verstaut. Die Beginnerin hängt im Steig und ist verzweifelt. Sie kämpft tapfer, aber die Haltung lässt nichts Gutes vermuten. Ich warte und versuche aufzumuntern. Zwanzig Meter sind die beiden entfernt von mir. Es tut sich wenig abgesehen von der Konversation in einer Sprache, in der ich kaum etwas verstehe. Die Minuten vergehen, keine Bewegung. Dann doch und die letzten zwei Meter der „schwierigen“ Stelle sind geschafft. Als die junge Dame dann bei mir ist, erzählt sie, dass das ihr erster Steig ist und sie sonst eher Yoga macht. Mit meiner Frage, ob Yoga ihr im Steig geholfen hat, kann sie wenig anfangen. Ich frage den Experten, wie sie denn absteigen werden. Sie gehen „The red one“. Na dann, dann ist alles klar. Kurz denke ich an die Bergretter, die dann auf der Red One suchen dürfen. Denn die Achtergruppe hat noch ein Stück vor sich. Aber es wird gut gehen, wie eigentlich fast immer.

Und schon hänge ich in der Schlüsselstelle. Die kann es heute aber wirklich. Die Sohlen sind wertlos, als läge da Schnee im Fels. Ich zweifle kurz, wie das dann direkt vor dem Großen Kessel wird. Aber es kommt dann doch anders. Ich steige also den rutschigen Kamin ab. Ja, Spaß ist das heute keiner. Schon sehe ich den Abschnitt, vor dem ich bei Nässe eigentlich mehr Respekt hätte. Die Nachmittagssonne hat ganze Arbeit geleistet, es ist staubtrocken. Und manchmal hat man auch Glück. Uff!

Noch einmal treffe ich ein junges Paar aus Tschechien. Ob es denn noch einen anderen Weg runter gibt. Also, das nenne ich eine Vorbereitung der Tour. Haben sich die denn irgendetwas angeschaut? Zumindest sind sie mit brauchbarer Geschwindigkeit unterwegs.

Unter dem Bachinger Bründl treffe ich sogar noch ein junges Paar, das den Haidsteig gehen will. Gut, die sehen fit aus. Es ist halt schon 16:45. Mir soll’s recht sein.

Völlig geschafft setze ich mich ins Auto. Am Rückweg bringe ich noch etwas ins Möbelhaus zurück und gable danach zwei Autostopperinnen in der Nähe des Brunner Astes auf. Sie wollen nach Linz. Also, das halte ich für hoffnungslos. Vielleicht kann ich sie an eine chancenreichere Stelle bringen. Sie packen ihre Rucksäcke ins Auto. Da hängen ja Kletterhelme dran. Ja, Klettersteige sind ihre Leidenschaft. Sie sind am Weg nach Mondsee und wollen die Drachenwand und den Intersport Klettersteig gehen. Ah ja, super! Wo sie denn übernachten werden? Ach, sie haben gelesen, dass man am Mondsee auf einer Wiese schlafen kann. Dann wacht man schon mit Blick auf die Drachenwand auf. Ich staune und setze die beiden 21-jährigen Studentinnen in ihren kurzen Hosen bei Dämmerung letztlich in der Westausfahrt ab. Ob das schlau war? Ich hoffe so. Wie weit bin ich nur von diesem Alter weg. Fast ein bisserl beängstigend. Egal, mögen sie schöne Tage in den Bergen haben!

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Klettersteig: Haidsteig

Upps, schon wieder da! Gernot schlägt den Haidsteig vor. Mir soll es recht sein. Ich bin wieder fit, das Wetter passt. Heute folgen uns zwei andere Kraxler. Abgesehen von den beiden in der Ferne gehört der Steig uns alleine. Die Sonne knallt runter, es herrscht T-Shirt-Wetter – herrlich!

Einzig, Gernot ist nicht ganz fit. Ihn quälen ähnliche Symptome wie mich in den letzten Wochen: Erschöpfung, hoher Puls,.. Komisches Omikron und seine Nachwirkungen. So schaffen wir den Haidsteig und das Preinerwandkreuz und lassen es danach aber gut sein. Den Plan, über den Göbl-Kühn-Steig zum Waxriegelhaus zu queren, verwerfen wir. Der Schnee auf den vielen Querungen sieht anstrengend aus. Na ja, und erst gestern wurden zwei Bergsteiger unterhalb des Langermanngraben ausgeflogen.

Auch der Plan, über den Trinksteinsattel zum Karl-Ludwig-Haus zu wandern, wird abgelehnt. Der Schnee ist viel weicher als vor einer Woche. Gernot stimmt dem Abstieg über den Holzknechtsteig zu. Im Abstieg sieht es so aus, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Beim Auto ist Gernot aber schon wieder fit. Egal, wir sind auch so müde nach dem etwas verkürzten Tag in den Bergen. Passt!

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Bergsteigen: Haidsteig – Predigtstuhl – KaLu

Für eine Skitour ist in der Nähe zu wenig Schnee, aber für eine Bergtour warten ideale Bedingungen auf mich. Ich starte in der Griesleiten. Der Parkplatz ist nur wenig vom Schnee geräumt. Mit einem Ansturm ist also nicht zu rechnen. Außer mir parkt niemand und auch am Nachmittag wird nur die Q warten.

Mittlerweile mag ich den Haidsteig in der Nebensaison. Kein Mensch weit und breit. Im Sommer wartet man da eine Ewigkeit am Einstieg, Hektiker drängeln, Anfänger bremsen. An einem Montag im März ist hier genau gar nichts los. Heute bin ich langsam, sehr langsam. Liegt es noch immer am Omikron? Mag sein, wird werden. Ich lasse mir Zeit. Über eine Stunde brauche ich bis zum Einstieg. Zehn Minuten länger und ich wäre in meiner besten Zeit schon wieder beim Ausstieg. Macht nichts, ist halt so.

Bei der Madonna raste ich und genieße die Ruhe. Der Steig ist absolut schneefrei, der Himmel uneingeschränkt blau. Entsprechend entspannt erreiche ich dann den Ausstieg – nach über zwei Stunden.

Ich besuche das Preinerwandkreuz und wandere gemütlich zum Trinksteinsattel. Die Schneedecke hat einen festen Harschdeckel, trägt gut und firnt allmählich auf. So kann ich direkt aufsteigen und erspare mir das Queren von Schneefeldern. Die Grödel können im Rucksack bleiben. Viele Gämsen schauen mir zu und wundern sich über den einsamen Wanderer, der da zum Predigtstuhl aufsteigt.

Nach dem Predigtstuhl treffe ich die ersten beiden Menschen, es sind Skitourengeher. Aber Schnee ist auf dieser Seite gar keiner. Sie wollen die Nazrinne abfahren. Oh ha, die kenne ich gar nicht. Ob sie sich über die Wechte am Predigtstuhl direkt in den Siebenbrunnkessel stürzen werden? Ihr ernster Gesichtsausdruck lässt das vermuten. Keine zweihundert Meter treffe ich den nächsten Tourengeher. Der sieht gesprächiger aus. Sein Ziel ist die Nazrinne. Aber hallo, ist da heute ein Skirennen? Der gute Mann kennt sich aus und klärt mich auf. Am Ende des Bismarcksteigs geht es durch die Latschen runter. Ist also eher das Nazfeld als die Nazrinne, wieder was gelernt.

Am Karl-Ludwig-Haus freut sich der junge Mann über den einsamen Besuch. Bald kenne ich einen Teil seiner Lebensgeschichte und seine Pläne. Seit die Hütte neue Pächter hat, kann man hier echt wieder herkommen. Freundliche Wirtsleute und gutes Essen warten.

Ich steige über den Karlgraben ab, gönne mir Kuchen und Kaffee am Waxriegelhaus, ehe ich mich wundere, wieviel Schnee da im Wald Richtung Griesleiten ist. Dort wartet schon einsam die Q, aber das habe ich schon erwähnt.

Feiner Tag bei besten Bedingungen!

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Klettersteig: Haidsteig

Wie sich alles ändert! Früher hätte ich weniger Bedenken gehabt. Auch viel weniger Ausrüstung hatte ich. Nun habe ich viel Auswahl und viele Bedenken. Seit ich mit Garvin den Malersteig gegangen bin und er mir von seinen Winterbegehungen erzählt hat, lässt mich die Idee einer Winterbegehung zumindest des Haidsteigs nicht los. Gernot will lieber den Nandlgrat gehen, lässt sich aber leicht überreden. Und da ist schon das erste Bedenken: „Was, wenn ich ihn überredet habe und er gar nicht wollte?“.

Also, wie wird der Zustieg sein? Liegt viel Schnee im Wald? Geht das überhaupt ohne Schneeschuhe? Nach der Einstiegstelle in den Steig wartet freies Felsgelände. Das ist oft feucht. Wird das voll mit Eis sein? Werden die Seile zumindest abschnittsweise mit Eis überzogen sein? Im großen Kessel könnte viel Schnee liegen und der Abschnitt danach ist bei Feuchte schon unangenehm. Dann noch der Abschnitt nach der Schwarzen Madonna und der Ausstieg…

-14° in der Früh bis -10° auf 2.000m. Da ist nicht nur die Frage nach den richtigen Handschuhen angebracht. Welche Schichten? Welche Hose? Steigeisen, Grödel,..? Pickel, Stöcke,..? Früher hätte ich aufgrund mangelnder Optionen nicht solange nachdenken müssen. Der Anorak wäre mitgekommen. Aber so einfach ist das längst nicht mehr.

Und trotzdem ringen wir uns durch. Wir schleppen fast alles mit. Der Parkplatz ist leer und fast unverspurt. Der Zustieg durch den Wald ist dann wirklich unverspurt. Das heißt, seit Sonntag war noch niemand hier. Ein paar Zentimeter Schnee liegen im Wald. Älterer Schnee ist aufgetaut und festgefroren, da tun die Grödel einen guten Dienst. Den Zustieg werden wir schaffen.

Im Steig sieht es erfreulich schneearm aus. Ich steige den Einstieg rauf, um die erste Sorgenstelle zu inspizieren. Pah, lächerlich, machbar. Das geht leicht mit Grödel und ohne Pickel. Bei sorgfältiger Routenwahl vielleicht gar ohne Grödel. Aber wenn wir sie schon mithaben.

Das Seil ist kalt, aber weder mit Eis überzogen noch unter dem Schnee verschwunden. Wir sind früh im Winter dran. Fix ist, dass seit dem letzten Schneefall niemand den Steig gegangen ist. Das gibt eine feine Stimmung. So steigen wir in top Ausrüstung gemächlich durch den Steig. Kaiserwetter, keine Eile nötig. Auch wenn wir weit von -14° entfernt sind, wird mir langsam kalt, vor allem in den Händen. Wir haben sogar beheizbare Handschuhe mit. Eher peinlich, aber angenehm. Und zum Kraxeln taugen sie auch. Was soll da schiefgehen?

Nächste Überraschung: im großen Kessel liegt wenig Schnee. Wir sind ohne Grödel oder Steigeisen unterwegs und ich mache mich an die nächste Sorgenstelle. Die steile Wand aus dem Kessel ist im trockenen Zustand schon abgeschliffen, im nassen Zustand recht rutschig und jetzt? Beherzt und in Erwartung von Unannehmlichkeiten steige ich ein. Was man erwartet, bekommt man auch. So habe ich mich noch nie am Haidsteig angestellt. Ich lasse mir nichts anmerken und hantle mich wie ein Afferl das Seil hinauf. Kalt ist mir nicht mehr. Hat doch auch etwas Gutes. Gernot ist mit dem Skylotec und ohne Selbstzweifel unterwegs, entsprechend leichter tut er sich. Damit hätten wir die Herausforderungen doch gemeistert!

Bei Kaiserwetter rasten wir bei der Schwarzen Madonna und wünschen Ulli schon Frohe Weihnachten. Was für ein Kulisse! Heute weht kein Lüfterl, fast ein bisserl frühlingshaft, aber nur fast.

Der nächste, ungesicherte Anstieg hat wenig Schnee. Wir sind mit den Grödeln unterwegs. Nach Wiederbeginn der Versicherungen wird es erstmals herausfordernd. Die Sonne hat Schnee oberhalb geschmolzen, das Schmelzwasser ist in den Steig geronnen und überzieht hier im Schatten den Fels im wieder gefrorenen Zustand. Um die Steigeisen anzulegen, gibt es bessere Stellen. So wurschteln wir uns die 20, 30 Meter weiter und wechseln gar auf die Steigeisen. Die sitzen bombenfest, geben aber das Gefühl in Stöckel- oder Plateauschuhen unterwegs zu sein. So stellen wir uns das zumindest vor, Erfahrung ist ja keine da. Also, nicht mit Stöckel- oder Plateauschuhen, aber dafür mit Steigeisen. Ach, was schreibe ich da! Faktum ist, dass uns der einfache Teil des Haidsteigs Schweiß und Anstrengung kostet.

Irgendwann sind wir oben. Meine erste Winterbegehung ist geschafft. Und wieder ist die Erkenntnis da, dass die Bedenken und Sorgen des Vorabends unberechtigt waren. Anderseits, vielleicht führen sie zu sorgsamer Tourenplanung. Jeder hat für sein Handeln eine Erklärung.

Beim Abstieg über den Holzknechtsteig erwartet uns oben ein steiles Schneefeld. Das erfüllt alle Bedingungen für ein Schneebrett. Na ja, der Lawinenlagebericht meint, dass heute kaum etwas passieren kann. Aber Gernot ist eh schon unterwegs und von hinten sieht es auch lustig aus, wie er da runtertorkelt. Als ich dann selbst in der Querung bin, wird es mir etwas mulmig und ich bin konzentriert. Da hätten wir vielleicht doch oben umgehen sollen. Hmm?

Das Auto steht noch immer einsam am Parkplatz. Ein bisserl fühlen wir uns als Helden. Der Moment des Triumphs wehrt kurz und wird durch ein Bergläuferpärchen gestört, das von oben herab an uns vorbeiläuft. Wo kommen die denn her?

An dieses Mal werde ich mich lange erinnern. das ist fix. Erste Winterbegehung bei Wetter, wie man es am 22. Dezember nicht erwarten darf. Auch die Windstille an diesem Tag ist eine extreme Ausnahme. Vielleicht all das, weil Lydia heute ihren 24. Geburtstag feiert. Alles Gute, liebe Lydia! Hoffentlich kippe ich am Abend nicht im Shiki weg.. Super war’s!

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Bergsteigen: Haidsteig – Königschusswand – Malersteig

Der Parkplatz in Griesleiten ist völlig leer. Die Sonne lacht, es ist wärmer als daheim. Vorfreude macht sich breit. Ich nehme mir vor, mich heute ein bisserl mehr dem Genuss beim Kraxeln zu widmen. Das soll heißen, dass ich das gespannte Drahtseil vorrangig zum Sichern verwenden will, während ich nach Griffen und Tritten suche. Das geht bei den Schwierigkeiten bis C ganz gut. Darüber wird diese Übung schwierig und schnell auch unmöglich für mich.

Heute verbringe ich viel Zeit bei der Schwarzen Madonna. Das liegt auch an Ingress. Ach ja, das Nerdspiel. Mittlerweile sind aber schon einige „Grüne“ da raufgekraxelt und haben das Portal in ein solides 8er-Portal verwandelt. Wenn ich die Hülle vom Handy nehme, geht es viel besser. Versteht keiner, macht nichts, ist halt so!

Der restliche Steig ist technisch selten oder eigentlich nie ein C, fast immer darunter. Ich nutze die Sicherung nicht und steige völlig entspannt und unter Musikbegleitung aufs Plateau. Dabei liebäugle ich mit der Idee, den Königschusswandsteig nur bis zum Rastplatz zu gehen, und dort auf den Malersteig zu wechseln. Aber alleine ist das vielleicht keine gute Idee. Deswegen gehe ich ja die Klettersteige, wenn ich alleine unterwegs bin. Mal sehen.

Der Südostwind bringt Saharastaub und milde Luft. Dort, wo kein Wind ist, reicht das T-Shirt. Was für ein Tag!

Beim Einstieg zum Königschusswandsteig treffe ich Garvin. Ich habe ihn schon öfters gesehen. Das erklärt sich schnell. 55 Mal ist er den Königschusswandsteig schon gegangen – bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Oh ha! Den ÖTK-Steig, wo ich ihn auch schon mal getroffen habe, hat er gar schon 85 Mal gemacht. Da schau‘ her!

Beim Rastplatz hat mich Garvin schon wieder eingeholt. Spontan frage ich, ob er den Malersteig gehen möchte. Na ja, mit Klettern hat er es nicht so. Die Frage nach überhängenden oder senkrechten Stellen kann ich klar und entschieden mit „Sicher nicht“ beantworten. Ich überlege länger, was es denn bedeutet, wenn das mit dem Klettern doch eine blöde Idee war. Ich will ja nicht der sein, der ihn überredet hat. Garvin meint, dass er ja umdrehen kann, wenn es ihm unangenehm wird. Irgendwie bin ich sicher, dass Garvin das locker packen wird. Er macht einen mehr als fitten Eindruck und an Bergerfahrung fehlt es ganz offenkundig auch nicht.

Wir starten entgegen jeder Prinzipien – es ist nun mal nicht sonderlich schlau, mit jemanden, den man gerade Mal seit ein paar Minuten kennt, eine gemeinsame Tour zu gehen. Zumindest stelle ich mich vor. Wäre ja sonst fahrlässig! Wenn es gutgeht, sind wir in maximal 45 Minuten durch. Und, es geht besser als gut. Völlig entspannt unterhalten wir uns, während wir dem Steig folgen. Bald wechselt die Markierung von blau auf rot. Meine Rotsehschwäche bedeutet das Ende meines Vorstiegs. Garvin übernimmt und ich folge. Jede Sorge war unberechtigt. Die erste Stelle mit III- fliegt vorbei. Dann folgt der etwas unangenehme Quergang Richtung Haidsteig. Nun übernimmt wieder Garvin die Fährte mit den roten Punkten. Erst bei der „Mutprobe“ nach dem Steigbuch steige ich wieder vor. Mit meiner Kenntnis des Steiges tue ich mir leichter. Der Rest ist einfacher und wir stehen – schwupps – wieder auf der Hochfläche.

Garvin gönnt sich noch den Königschusswandsteig im Abstieg. Ich nehme die unkompliziertere Variante über den Holzknechsteig und bin pünktlich zum Kochen bzw. Essen wieder daheim.

Vormittag optimal genutzt – check!

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