Über unser Pferd und meinen Wandel

Das Foto ist nicht aktuell, denn es liegt kein Schnee und man darf noch am Pferd sitzen. Mittlerweile ist alles anders: der Schilift neben dem Stall ist in Betrieb und ich darf bis auf weiteres nicht auf diesem Pferd sitzen. Und so wandle ich bis zu zweimal täglich im Kreis. 

Wir haben unseren schönen Oldenburger, Bajazzo, gekauft, damit Ulli ihn reiten kann. Es war im Schulbetrieb immer ihr Lieblingspferd. Und wer so eine schwere Diagnose hat, dem soll Freude gemacht werden. Also, wurde Bajazzo auf die Schnelle adoptiert. Er wird in den Akten nun als Bajazzo Horner geführt. Seinen Stief- oder Halb- oder einfach Bruder, Tristan Horner, kennt er noch gar nicht. Aber zurück zur Sache. 

Ein paar Wochen ging der Plan auf. Die Onkologin war ein bisserl besorgt, dass Ulli reitet, aber die Freude überwog alle Bedenken. Irgendwann ist Bajazzo gestolpert, auf der Koppel. Ja, auch auf allen Vieren kann man fallen, selbst wenn man das Gehen und Laufen auf allen Vieren ein Leben lang geübt hat. Es war ein großer Tierarzteinsatz mit Freiluftröntgen und allem, was dazugehört. Die Diagnose nach ein paar Wochen: Das Pferd geht lahm, Schritt führen bis auf weiteres! Läuft nicht – gar nicht!

Entspannt drehten wir also unsere Runden in der Halle oder unternahmen kleine Ausflüge. Bajazzo und ich sind dabei stets am jeweils entgegengesetzten Ende des Stricks. Ich fühlte mich anfangs dabei ein bisserl überqualifiziert, obwohl ich von Pferden, ihrer Genesung und dem Reiten nicht viel Ahnung habe. Aber wir kamen mit diesem Widerspruch gut klar, bis zu dem Moment, als mir Bajazzo bei einem Spaziergang mit ihm und Ulli im Wald entfleucht ist. 

Habe ich es anfangs noch skurril gefunden, dass ich mit einem Fluchttier, das sieben- bis achtmal so viel wiegt wie ich, spazieren gehe, so war nach Bajazzos Flucht der Wurm drinnen. Seine Flucht hat er noch genossen und uns hat die Lebensfreude, mit der er Richtung Stall galoppiert ist, auch gefallen. Angeblich ist er in seinem Übermut in das Bein eines anderen Pferdes gestiegen. Die Reiterin blieb zum Glück oben, aber die Freude war nun endgültig nur noch seinerseits.

Seit dem Zwischenfall war das Klima zwischen ihm und mir ein bisserl sehr angespannt. Ich weiß schon, dass ich locker bleiben muss, damit sich das Pferd nicht verspannt. Das Herdentier spiegelt mich, heißt es. Soll sein, aber nicht angespannt zu sein, geht halt schwer. Immer wieder scheut Bajazzo wegen einer Kleinigkeit und ich hänge am Strick. Der Höhepunkt ist erreicht, als er einen eigenen Furz zum Anlass nimmt, um ein paar hysterische Sätze vorwärts zu machen.

So denke ich Sachen wie: „Da vorne erschrickt er sicherlich gleich wieder! Aber das darf ich nicht denken. Also, denke etwas anderes, Gottfried!“. Nicht zu denken, ist aber entrückt hohe Kunst. Und wir fahren schon wieder eine Runde. Das ist aus therapeutischer Sicht weder für Bajazzos Bein noch für mein Gemüt gut. Trotzdem tue ich mir zwei Sessions am Tag an. Ulli will ich nicht einspannen.

Mit gemischten Gefühlen lasse ich irgendwann Jasmin in den Sattel. Sie ist so leicht, das muss für das Pferd egal sein. Das muss er aushalten. Falls nicht, steht er irgendwann ohne Existenzberechtigung da. Und siehe da, kein Zucken, kein Mucken, wenn Jasmin im Sattel sitzt.

Viele Erklärungen höre ich. Darunter auch: „Ja, er mag Männer nicht so!“, „Er kommt mit Frauen besser aus.“,.. Okay, das kann ich nachvollziehen, zumal ich mir ja selbst in Gegenwart von Männern schwerer tue. Eine nie diagnostizierte und hoffentlich mit dem Älterwerden weit abgeflaute narzisstische Persönlichkeitsstörung macht Männerrunden für mich noch immer schwer erträglich, daher auch keine Besuche beim Wirten, keine Fußballmatches, kein Ski-Opening.  „Funktionierende Soziopathen werden zu Chefs“ habe ich mal gelesen. So viel zu meinem glücklich verlaufenen Werdegang. 

Bajazzo scheut aber nicht die Herrenrunde, sondern den männlichen Betreuer im Einzel. Irgendwer muss ihm etwas angetan haben. Ich scherze immer wieder: „Vielleicht erinnere ich ihn an seinen vergangenen Tierarzt.“.

So gehen wir also unsere Runden. Ich angespannt wie eine Stahlfeder, die versucht, ein Liedchen zu trällern oder mit seinem Pferd Themen wie die globalen Handelskonflikte oder Kryptowährungen zu diskutieren. Bajazzo macht gelegentlich die springende Feder. Bis ich irgendwann Müdigkeit im rechten Trizeps spüre. Wie bitte? 

Ich habe einen Kurs für Centered Riding gemacht. Da wird gelehrt, wie Pferd und Reiter ein gemeinsames Etwas bilden, Anspannung oder Gelassenheit des Reiters Einfluss auf das Pferd nehmen, etc.. Ein bisserl esoterisch halt, aber grundsätzlich aus meiner Sicht richtig. Also, ich versuche, regelmäßig und tief zu atmen, meine Körpermitte fallen zu lassen, mit sanften Augen die langweilige Halle abzustreifen,.. Aber woher der müde Trizeps? Ich höre in mich hinein und höre da, meine Erkenntnis ist, dass ich versuche, Bajazzo hintenzuhalten. Der Versuch, mehr als 600 Kilo irgendwo zu halten, ist lächerlich. Druck erzeugt Gegendruck – auch schon mal gehört und gepredigt! Vielleicht findet er das sogar lustig, ein bisserl anzuschieben. Sieht nicht so aus, aber zuzutrauen wäre es ihm. 

Mittlerweile lockere ich Arme und Schultern beim Hallenspaziergang durch kreisende Bewegungen und Ausschütteln. Bajazzo ist (wieder) entspannt. Wer weiß, vielleicht ist morgen wieder alles anderes. Die letzten Tage ging es jedenfalls gut. Bei unseren Runden habe ich viel Zeit nachzudenken. Ich habe mal gelesen, dass japanische Lehrlinge zum Bonsaigärtner im ersten Ausbildungsjahr kein Wort sprechen dürfen und nur das Gießen erlernen. Umgelegt auf meinen anstehenden Werdegang, wäre das ein bisserl lang. Zumindest verstehe ich allmählich solche Ansätze. Ich lerne jetzt mal Gehen mit dem Pferd – Centered Horse Walking sozusagen.

Und so ziehen wir unsere Runden im Hier und Jetzt, ohne Ansprüche an die Zukunft, dass die Schrittpause bald ein Ende haben mag. Für irgendetwas scheint es gut zu sein. 

 

Anmerkung: Mittlerweile geht Ulli wieder mit Bajazzo, Jasmin reitet ihn im Schritt, Yasmina hat Unterstützung zugesagt. Damit ist Platz für weitere Überraschungen.

 

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