Heute ist der Teufelsbadstubensteig dran. „Das Klettersteigset brauchen wir nicht, den Helm schon.“, so Renate. Mir soll es recht sein. Dafür nehme ich den Fotoapparat mit. Am späten Vormittag des Feiertags ist am Parkplatz vom Weichtalhaus schon einiges los. Aufgeregt eilt man zu Übungsfels oder schultert endlos Kletterseil und entsprechende Utensilien. Friends, Exen,.. alles klimpert aufgeregt. Aber auch Wanderer machen sich auf den Weg.
Schönbrunnerstiege und Höllental sind dann schon ruhiger. Bald sind wir am Ende des großen Höllentals und damit am Einstieg des Teufelsbadstubensteigs. Bei uns beiden ist es sicherlich schon zwanzig Jahre oder länger her, seit wir das letzte Mal hier waren. Der Steig macht uns keine sonderliche Mühe. Ich steige mit der Kamera locker baumelnd vor. Renate macht das Motiv. Entsprechend viele Fotos gibt es, vorrangig von Renate.
Wir sind vergnügt und nehmen die Sache nicht so ernst. Wir spielen Musik vom Handy und lachen viel. Schnell sind wir unterwegs. Oder sagen wir besser: nicht so langsam wie die Wochenendbesteiger, von denen reichlich unterwegs sind. Und so nehmen wir noch das gefürchtete Geröllfeld am Schluss des Steiges. Ein Seil ist gespannt und entschärft die aktuell ohnedies unspektakuläre Querung zusätzlich. Alles gut, alles easy. Wir sind bereit für die nächste Stufe!
Runter geht’s über den Wachthüttelkamm und der ist landschaftlich fein, aber sonst eher zach. Leitern über Leitern geht es scheinbar endlos bergab. Aber irgendwann ist Schluss und feines Essen mit Forelle wartet im Weichtalhaus.
Diesmal bei harmlosen Bedingungen und ebenfalls edel. Alles passt!
Wetter und freie Tage in Einklang zu bringen, erfordert Geduld. Aber die habe ich nicht. Aus welchem Grund auch immer will ich mit Renate heute auch auf einen Berg. Vielleicht rede ich mir auch ein, dass ich das schulde, weil ich ja am Vortag mit Gernot hier heroben war. An einem Tag, an dem sie arbeiten musste. Außerdem ist es vielleicht die letzte Chance, Renates neue Grödel und Gamaschen vor dem Sommer auszuprobieren. Wie auch immer, so stehen wir um halbzwölf am Preiner Gscheid und es schneit.
Was tun? Das Looshaus hat noch zu, der Knappenwirt auch. Oben sieht man Schneefahnen vom Plateau weit ins Lee ragen. Renate legt ein Veto ein. Was denn das bei diesen Bedingungen soll? Recht hat sie. Aber bei mir setzt es wieder einmal aus. Der Wetterbericht besteht auf Besserung, das Gelände sollte ich ausreichend gut kennen und die Tour ist auch ein bisserl kürzer als gestern. Lass‘ uns doch schauen, wie weit wir kommen. All das sind die Zutaten für einen Ausflug, der weitere gemeinsame Unternehmungen mit mir für immer vermiesen kann. So sitzen wir noch ein bisserl im Auto und schauen Mio zu, der draußen im Schnee die Welt nicht ganz packt.
Am Preiner Gscheid bläst der Wind und es ist ordentlich kalt. Das ist mir nichts Neues. Der Wind ist nach 100 Metern sicher weg. Nur heute nicht. Sachen gibt’s! So steigen wir im unverspurten Schnee Richtung Reißthalerhütte. Renate ist es sichtlich ein bisserl frisch. Also sichtlich heißt, dass ich das jetzt auf den Fotos sehe. Am Berg war ich im leichten Wahn. In eben diesem Wahn packe ich Renates Grödel und Gamaschen aus. Wir schnaufen den Rücken Richtung Gretchensteig hinauf. Zach ist es – no doubt! Kalt ist es, aber auch die Sonne lacht. Ebenso lacht Renate. Das nehme ich als Aufforderung für Weitergehen. Dann geht es durch die Latschen in immer tieferem Schnee. Der Puls steigt schneller als wir. Der Wind kann es auch. Wild schaut das aus.
Der Steig an sich ist ja nicht sonderlich lange und auch nicht technisch schwer. Nur bei den heutigen Bedingungen ist es ein bisserl spannend. Mio hat gut Schnee und Reif angelegt. Er versteht auch nicht, warum er da rauf muss. Wieder ziehe ich ihm die Schlinge um den Hals und diesmal schiebt Renate. Da ich kein Murren von hinten vernehme, steige ich weiter. Drehe ich mich um, sehe ich ein Lächeln und in den Windpausen höre ich ein „Muss gehen!“ als Antwort auf mein „Geht’s noch?“. Die Böen pfeifen den Steig hinauf, dass es eine Freude ist. Die Seile sind teils tief unter dem Schnee. Renate und ich funktionieren eingespielt, als hätten wir die letzten Jahre nichts anderes gemacht. Mit Ziehen und Schubsen kommt Mio den Berg rauf. Dicke Schneeknollen hat er am Fell. Ui, hoffentlich gibt der Hund nicht auf.
Dann ist der Steig erledigt. Das Plateau wartet. Erst habe ich Sorge, dass es Mio davon bläst, aber der hat wieder Energien und findet den Sturm da heroben lustig. Er hüpft und jagt herum. Wind oder Sturm haben Renate bei den Wetterprognosen auch immer alarmiert und jetzt steht sie da, Wind und Eiskristalle beißen im Gesicht. Und was höre ich: „Muss gehen!“. So stolpern wir in den Winterraum am Karl-Ludwig-Haus. Die Erholung tut gut.
Die Kette vom Karl-Ludwig-Haus führt heute durch Pulverschnee Richtung Karlgraben. Wann immer ich mich umdrehe, sehe ich Renate lachen. Aber hallo! Jetzt kommt noch der Karlgraben. Der ist unverspurt und recht tief. Renate fragt, ob das mein Ernst ist hier. Ist es, der direkte Abstieg durch den Graben geht doch schön entspannt. Mio hat heute keinen Übermut. Er bricht bis zum Bauch ein und will vermutlich schon gerne unten sein. Renate erkennt auch nicht ganz die Leichtigkeit, aber macht weiter gute Miene zu diesem Spiel. Blöd, dass ich meine Gamaschen vergessen habe. Aber irgendwie soll ich ja auch die Bedingungen spüren. Und das tue ich fast bei jedem Schritt, wenn der Schnee unter die Hose an die nackte Haut kommt.
Am Ende des Karlgrabens sagt Renate dann zu meiner völligen Überraschung, dass es ihr trotz der teils üblen Bedingungen auch irgendwie gefallen hat. Was staune ich!
Am Waxriegelhaus wird ordentlich gegessen. Auf der alten Schipiste geht dann ein Ausflug auf die Rax zu Ende, der sich sicherlich ganz tief in unsere Erinnerung eingebrannt hat.
Herminensteig, Novembergrat,.. Der Schneeberg soll es werden. Aber beim Spar in Reichenau kommen Gernot und ich drauf, dass wir ein bisserl gar falsch sind. Die Gewohnheit ist ein Hund. Mio ist übrigens auch mit. Statt 40 Minuten zurück, geht es aufs Preiner Gscheid. Der Fuchslochsteig ist das spontane Objekt der Begierde.
Das Wetter könnte besser sein. Für Ende April liegt noch gar viel Schnee. Stellenweise mehr als im Winter. Beim Blick in die Raxenmäuern wird es uns ein bisserl mulmig. Wir wissen ja nicht, dass wir in die falsche Rinne blicken. Wie sollen wir da rauf? Zum Glück haben wir Mio als Ausrede, wenn sie notwendig wird. Gernot meint auf der Rückfahrt, dass er es bei dem Anblick sein hätte lassen. Aber wir beschließen, uns zu nähern und zu inspizieren. Beim Fuchsloch wird dann das Wetter richtig dunkel. Ohne jede Rücksicht drängen wir uns in die Felshöhle. Die Gämsen sind sauer, zurecht. Gernot und Mio gönnen sich ein Camembertvollkornbrot. Der Schnee fliegt vorbei, und irgendwann auch der Niederschlag. Los geht’s.
Im tiefen Schnee halten die Schuhe gut. Mio sinkt nicht ein und hat es entsprechend schwerer. Aber als Quattro auch wieder viel leichter. Gernot hat die Grödel schon an und muss gar an einer Stelle spuren. Unter der klitzekleinen Kletterstelle lege ich auch die Grödel an. Zwei Meter sind es bei 60° Neigung. In der Literatur ist die Rede von fünf Meter und senkrecht. Quatsch! Aber bei dem Schnee ist es ein bisserl wild für Mio. Was denkt der arme Hund, hat er doch das Halsband mit spürbarem Zug um? Sichtlich ist ihm nicht recht wohl. Gernot „motiviert“ ihn zum Aufstieg über die Leine durch verstärktes Ziehen. Ich „motiviere“ von hinten und schiebe den Wollhintern Richtung oben. Geht doch – irgendwie!
Kaum ist die klebehakengesicherte Stelle überwunden, warten neue Herausforderungen. Das Schneefeld ist steil, aber gut begehbar. Wären da nicht die Gämsen. Wie in einem alten Winnetou-Film haben sie sich am Grat und auf jeder Felsspitze aufgestellt. Mio ist der Grund. Für dieses Setup ist das Schneefeld zu steil. Wenn da eine Gams, vermutlich ein Bock, losrennt, zieht es uns die Beine weg. Der Steinbock auf der Hohen Wand hat sich uns mit seiner ansatzlosen Attacke eingebrannt.
So gehe ich vor, jauchze, schlage mit den Stöcken und bewirke nichts. Also, fast nichts. Provokant langsam macht man den Eindringlingen Platz. Die Vertreibung aus dem Unterstand ist vielleicht noch nicht vergessen. Mio würde es gerne wissen wollen. Ebenso ein paar von den Jungtieren, aber wir Zweibeiner sind zu alt dafür.
So steigen wir aufs Plateau, weiter zum Karl-Ludwig-Haus und entlang der Eisenkette wieder ab Richtung Waxriegelhaus. Es hat wieder zu schneien begonnen. Soll sein. Es folgen der Abstieg über den schneegefüllten Karlgraben, ein reichliches Essen am fast leeren Waxriegelhaus und dann der Rest zum Auto.
Kaum aus Italien zurück gibt es die nächste Probe: wie geht’s mit uns in den Bergen? Eine Warmwetterfront und ärztlich angeordnete Erholung lassen uns weiter schnell vorwärts machen. Also, die Anordnung kann man mit einem Tag Verspätung umsetzen. Das sehen wir gleich. Nur die Warmwetterfront lässt sich nicht aufhalten. Also, los geht’s mit Mio aus der Wiener Innenstadt auf die Hohe Wand.
Kurzweilig und meines Erachtens mit keinerlei Erholungsbedarf geht es vom Seiser Toni den Wagnersteig hinauf. Mio umgeht elegant die Leitern, wir rutschen ein bisserl auf nassem Untergrund.
Oben warten schon die Steinböcke. Im Steig hat sich Mio ein bisserl von dem ernährt, was die Steinböcke so in der Landschaft herumliegen lassen. Nun ist er aufmunitioniert und findet schnell einen Jungbock, der auch Ärger will. Ich werde ein bisserl panisch, sehe ich doch Renate und Mio über die Leine verbunden. Wie ich erlebt habe, ist es nicht günstig, wenn Mensch, Hund und Steinbock in einer Linie stehen und der Bock ganz oben wartet. Renate vermag meine Aufgeregtheit vielleicht nicht nachzuvollziehen, aber mir gefällt das gar nicht. Sie steht mit dem Wagnersteig im Rücken denkbar ungünstig. Diese Steinböcke fragen ja nicht nach der Wahl der Waffen und warten auch nicht auf den Gong der ersten Runde. Also, Reihung ändern! Irgendwann ist Renate am weitesten oben, Mio stänkert ein Stück weiter unten und der Bock erkennt seine ungünstige Ausgangsposition. So oder so ähnlich – egal, mein Puls ist zum Glück wieder unten. Alles gut inklusive Abstieg!
Sieht so aus, als hätte ich die beste Bergbegleiterin gefunden!
Traumtage in Neapel und Positano! Wenn das nicht gewagt ist! Gerademal 13 Tage sind vergangen, dass Renate und ich einander über den Weg gelaufen sind und schon sitzen wir im Flieger nach Neapel. Völlig entspannt ziehen wir durch die Altstadt, genießen die angeblich beste Pizza, haben auch sonst Glück mit der Lokalauswahl, spazieren ans Meer und sind im Hilton The Britannique bestens untergebracht.
Schon nach zwei Tagen geht es weiter nach Positano, wo wir ganz oben im Hotel Villa Franca untergebracht sind. Das ist definitiv auch eine feine Wahl. Am Anreisetag regnet es ein bisserl und es ist doch recht kalt. Aber das Meer will begrüßt sein. Feinste Tage sind das! Am zweiten Tag kutschiert uns Gaitano in seiner noblen Limousine nach Pompeij, wo es mehr Geschichte und Kultur gibt, als ich mir zur merken vermag. Am Rückweg noch ein Abstecher in Gaitanos Heimatstadt, Sorrento. Im Ristorante Donna Sofia passt der Branzino und alles rundherum auch. Wir spazieren noch durch die Altstadt, ehe uns Gaitano wieder aufgabelt. Was bin ich froh, dass ich nicht selbst fahren muss! Der letzte Tag begrüßt mit strahlendem Sonnenschein. Da hätten wir das Pool am Dach unseres Hotels noch gern genutzt. Wir frühstücken und blicken über Positano, wo vielleicht gerade die ersten Sonnenliegen okkupiert werden. Zu Mittag wartet schon wieder Gaitano mit der Rückfahrt zum Flughafen.
Sieht so aus, als hätte ich die beste Reisebegleiterin gefunden!
Mit Carina fliege ich nach Zürich, um am Samstag, den 1. April, an zwei Feiern teilzunehmen. Am Vormittag werden die Absolventen des Lehrgangs Master in Banking and Finance gefeiert. Die Stimmung ist ausgelassen, die Freude groß. In den Ansprachen ist von Schnelllebigkeit, immer schneller werdendem Wandel und großen Herausforderungen die Rede. Das war es vor 30 Jahren auch. So sitze ich da und werde ein bisserl nachdenklich. Die Absolventen strahlen zu recht. Längst keine Kinder mehr. Die neuen Leistungsträger und Entscheider sitzen da, in den Kinderschuhen ihrer Karriere. Jeder und jede Einzelne sicherlich leistungsfähiger, belastbarer und schneller als ich. Eltern sind gekommen und gar noch ein paar Großeltern. Schon bei mir als Elter ist es allzu offenkundig, dass ich den übermütigen Jungen nur noch ein bisserl mit Erfahrung, Weitsicht und Gelassenheit entgegenhalten könnte. Aber was soll das ausrichten gegen diese unbändige Energie gepaart mit einem analytischen Verstand, der sie nun als Absolventen des angesehensten Lehrgangs an der Universität St. Gallen hier sitzen lässt?
30 Jahre ist es her, dass ich selbst vorne gesessen bin. Einerseits ist das eine Ewigkeit, in der liebe Menschen gekommen und gegangen sind. Selbst habe ich mein Berufsleben in der Zeit gelebt, vor sieben Jahren abgeschlossen und das sogar recht erfolgreich. Anderseits kommt es mir vor, als wäre meine Feier letzte Woche gewesen. Man hat uns erinnert, neugierig und interessiert zu bleiben. Zuversicht und Mut hat der immer schnellere Wandel schon damals von den Absolventen verlangt. Ach ja, und der Uni und der Wissenschaft mögen wir verbunden bleiben. Die Banker haben gestern noch die Mahnung mitbekommen, stets ethisch zu handeln. Das hätte den Informatikern auch nicht geschadet. Es war wohl nur vergessen, damals.
Und so spaziere ich nun hinter Lydia im Anzug und in anständigen Schuhen durch St. Gallen Richtung Messehalle zur großen Feier. Der Anzug ist mir nicht mehr zuwider wie einst. Nun schützt er mich ein bisserl wie die Schildkröte ihr Panzer, verleiht mir Seniorität und macht mich ein bisserl resistenter gegen das Andrängen der Jungen. Tut sich ja doch etwas in den Jahrzehnten. Nur die Schuhe passen nicht! Die komfortable Dämpfung fehlt. Sieht ja keiner, wie ich hinterher stakse! Mann oh, wie die Zeit vergeht!
Macht nichts, ich bin stolz! Und ich habe gar nichts gegen den Wechsel. Mögen andere übernehmen und sich probieren! In unser aller Interesse wünsche ich dabei viel, ganz viel Erfolg! Wir als Gesellschaft und unser Planet werden viele Erfolge brauchen. Sie werden sich einstellen, ich bin zuversichtlich.
Toll gemacht, Lydia! Und nein, dein Studium mit solch einem Abschluss hätte ich auch bei aller Anstrengung nicht geschafft. Das muss dir erst einmal einer nachhüpfen.
Viel Erfolg und Freude! Mögen deine und eure Ziele erreicht werden!
Exakt vier Wochen ist es her, dass sich Gernot selbst mit einer Gehirnblutung ins AKH eingeliefert hat. Eine Woche mit vielen Untersuchungen hat er über sich ergehen lassen, ehe er als geheilt entlassen wurde. Mit jeder Menge Empfehlungen und leichten Zweifeln wurde er entlassen. Als er mich am Vorabend vor der Tour anruft und auf den feinen Wetterbericht anspricht, sage ich ihm, dass ich den Nandlgrat vorhabe, ihn aber nicht zu fragen getraut habe. „Also, ‚Gehen Sie nicht den Nandlgrat!‘ hat keiner der Ärzte gesagt!“. Stimmt, dann können wir es ja probieren.
Die Bedingungen sind winterlicher als gedacht. In den Vortagen und in der letzten Nacht hat es ein paar Zentimeter Pulver drauf geschneit. Kalt ist es auch geblieben und so sieht alles extra fein aus. Darunter liegt teils Eis, das auf eine anstehende Vergletscherung hoffen lässt. Aber schon die nächsten Tage werden es richten.
Der Steig gehört uns alleine. Wir nehmen uns alle Zeit der Welt. Gernot hat sich einen Maximalpuls vorgenommen, den er nicht überschreiten will. Auch ich wurde ärztlich erinnert, Gernot zu bremsen. Bremsen lässt sich Gernot, aber sein Puls teils nicht. Was soll’s, wir haben so einen edlen Tag! Es macht richtig Spaß, Pickel und Grödel mal ein bisserl nützen zu können. Auf den Fotos sieht man uns die Freude an. Natürlich ist es dort nicht einmal halb so steil, wie es auf den Fotos aussieht. Die Fotos sind allesamt im Flachen gemacht und dann geschickt gedreht. Also, nicht alle, vielleicht ein paar, ein paar wenige,.. Ach, was weiß ich, mag sich jeder der fetzblauen Bilder erfreuen.
Wir erreichen nach ein paar „heikleren“ Stellen das Plateau – yes! Gernot entscheidet, dass wir noch weiter zur Fischerhütte steigen. Dort hat niemand die Tür zum Winterraum freigeschaufelt. Ob es daran liegt, dass immer wieder Leute in Bergnot eingebrochen sind? Sinn ergibt das keinen – hmm? Zum Glück lacht die Sonne bei nur schwachem Wind. Seltene Bedingungen sind das für das Schneeberg-Plateau. Es ist aber so kalt, dass weder Pause noch Jause attraktiv erscheinen. Wir steigen wieder ab Richtung Fadensteig, langsam aber immerhin mit schon fünf Stunden in den Knochen. Gernot, aus ärztlicher Sicht „Ein Traum von einem Patienten“, kontrolliert stets brav den Puls, und der will irgendwann trotz Abstieg auch in den kurzen Pausen nicht mehr sinken. Als Dr. Gottfried Google kombiniere ich, dass Gernot ja nicht wegen seines Herzens in Behandlung war, also wird es an der ungewohnten Belastung liegen. Gernot therapiert sich mit Müsliriegel und reichlich Flüssigkeit, und, siehe da, läuft bald wieder wie ein Duracell-Hase. Trotzdem sind wir beide überaus dankbar, als wir nach rund sieben Stunden wieder beim Auto sind. Bestzeit war das heute keine, aber darum ging es diesmal wirklich nicht.
Eine der edelsten Touren seit langem – aus unterschiedlichen Gründen!
Gernot ist nach seinem Spitalsaufenthalt fast wieder ganz der Alte. Trotzdem gehen wir es langsamer an. Gernot ist mit Renate und seinem Dad, Norbert, für ein paar Tage in der Ramsau im Ennstalerhof. Mio und ich reisen für den Samstag und Sonntag nach. Wie zu erwarten, ist die kulinarische Versorgung herausragend. Das Hotel selbst ist fein und hat nun einen Infinity Pool. Aber die Klimaerwärmung hat es im Winter an den Rand gedrängt. Ums Hotel ist wenig Schnee, einzelne Langläufer rennen noch vergangenen Tagen hinterher. Ostern bleibt das Hotel schon geschlossen. Die Sommergäste werden erst später erwartet.
Am Samstag haben Gernot, Renate und Norbert schon Höhenmeter in den Beinen. Ich stoße am Nachmittag dazu und wir spazieren noch zur Brandalm auf Kuchen und Kaffee. Norbert hat immerhin schon seinen 85. Geburtstag hinter sich. Das hält ihn nicht ab, tapfer und unaufhaltbar wie eine Dampfmaschine weitere Höhenmeter zu schnupfen.
Am Sonntag geht es auf die Hochwurzen. Mio ist in seinem Element. Erst ist es der winterliche Wald und dann auf den letzten Metern sind es Rodler und Skifahrer. Wir haben ihn ja im ersten Jahr mit Radfahrern, Läufern, Pferden, Rindern, etc. vertraut gemacht. Woher hätten wir Wintersportler nehmen sollen? So jagt er erbost jeden Skifahrer und jeden Rodler die Piste runter. Letztlich hält ihn nur die Leine. Bei der Hochwurzenalm wurrelt es plötzlich von hunderten Skifahrern mit Helm. Das ist auch einem Lagotto irgendwann zu viel. Er resigniert. Und da er sich mit nassem Bauch nicht auf den Steinboden legt, darf er auf der Bank schlafen. Der Hund ist fertig, das Personal gnädig.
Schon in der Wandersaison ist hier an der Südseite der Rax kaum was los. Aber um diese Jahreszeit ist es noch einsamer. Bis zur Reißthalerhütte sind noch Spuren zu erkennen, aber dann war wohl in letzter Zeit hier kein Mensch unterwegs. Als Steigerung dann der Karreralmsteig. Ich bin recht sicher, dass ich der erste im Jahr 2023 bin. Das ist aber auch wurscht.
Ich steige nach einer Pause bei der Karreralm das erste Geröllfeld hinauf. Jö, ist das fein! So ein Geröllfeld, so gut wie nie begangen und dann nach dem Schnee.. Hmm, das ist fein, zumindest, wenn man sich gerne ein bisserl selbst quält. Das ist so fein, dass ich zu weit aufsteige. So quere ich wieder einmal durch die Latschen. Der Schnee trägt dankenswerterweise. Und da sieht auch der Mann mit der Rotsehschwäche und der deswegen vielleicht so roten Kopfbedeckung schon eine rote Markierung am Fels. Es wird gekraxelt. Weil hier nur ganz wenig los ist und ich mir bei einer der vorigen Begehungen schon mal eine kleine Felsplatte in der Hand hatte, rüttle ich vor jedem Anziehen. Ich kann das hier nur empfehlen.
Durchs Felsenfenster und dann zur IIIer-Stelle. Die ist wirklich nicht lange. Ich stehe in den steigenfesten Bergschuhen da und die Saison ist ganz frisch. Also, ein steigenfester Bergschuh ist irgendwie das Gegenteil eines Kletterschuhs, der Antikletterschuh sozusagen. So setze ich an zum ersten Schritt, zögere, und setze wieder zurück. Zögerlicher Einstieg! Das geht ein paar Mal so, dann stehe ich in dieser drei bis vier Meter hohen Felsplatte. Gut fühlt es sich heute nicht an. Aber die Sohlenspitze hält, der nächste Griff ist einem IIIer auch nie weit und so schaffe ich es nach oben. Geht doch! Yes!
Für die erste Märzhälfte ist ganz, ganz wenig Schnee da. So mache ich mir Sorgen um die Wasserversorgung der Wiener im Sommer. Aber ich sollte mir eher Sorgen um meine Kondition machen. Steigeisen brauche ich diesmal nicht, das ist fein. Der Schnee ist einigermaßen weich und das sollte er auch im Schatten sein. Hier sind übrigens die schweren Schuhe den Kletterschuhen haushoch überlegen.
Also, rein mit den Schuhspitzen in den Frühjahrsschnee und schön den Pickel versenken. So geht es die enge Rinne rauf. Nun weitet sich das Schneefeld. Das ist bei dem Schneemangel vielleicht noch ein Grad steiler als die letzten Male. Zuerst versuche ich nach links auszuweichen, wo das Gras rausschaut. Aber dort wirke ich wie ein verlorener Steilhanggärtner, der mit seinem Pickel den Boden auflockern will. Selbst für ambitionierte Bergbauern ist es hier ein paar Grad zu steil. Da taugen weder Kletter- noch Bergschuhe. Also, zurück ins Schneefeld. Wie schnell man einen anständigen Puls erreichen kann! Der Ort taugt nicht für eine entspannende Pause. So beiße ich die Zähne zusammen und quäle mich ans obere Ende.
Ab hier geht es wieder auf Geröll nach oben, das grundsätzlich einen aufrechten Gang zulässt. Wäre ich nur nicht schon so fertig. Aber langsam geht alles, sieht mich ja keiner. Einmal stellt sich noch an unerwarteter Stelle jede Menge Triebschnee entgegen. Das ist bei aperen Verhältnissen eine leichte Kraxelei. Mit diesem tückischen Triebschnee als Auflage grabe ich da lange herum. Was bin ich über den Pickel froh!
Nochmals taumeln und schnaufen, und das Heldendenkmal ist erreicht. Der Schnee ist hier heroben weggeblasen. Eine ungewöhnlich große Gamsherde grast hier. Der Chef starrt mich an, ich weiche ihm aus. Er muss ja brillieren, nicht ich.
Das Karl-Ludwig-Haus erobere ich noch auf Ingress, ehe ich über den Karlgraben absteige. Oben taugen die Grödel, aber im Graben sind sie eine Gefahr. Sie stollen dermaßen an, dass ich sie nach ein paar Metern abnehme.
Das Waxriegelhaus ist menschenleer. Der schlurfende Kellner aus Nepal freut sich über mein Namaste. Nach zwei Gängen betritt zu meinem Kuchen und Kaffee ein Tourengeher die Hütte, sieht die leeren Tische und … setzt sich zu mir. Interessantes Sozialverhalten! Mir soll’s recht sein. Er glänzt, dass er schon seit 55 Jahren auf der Rax herumklettert. Okay, da fehlt mir noch ein Jahrzehnt. Kurz, überkommt mich eine Lebenskrise, da das Ergebnis meines Schaffens nun ein Platz am Tisch der peinlichen Legenden ist. Was soll’s! So erfahre ich, dass die Schneelage vor 30 Jahren oft eine Abfahrt des Langermanngrabens bis zur Forststraße zuließ. Irgendwann wurde ein Drahtseil angebracht, das die leichte Kletterei in den immer schneeärmeren Wintern sichern soll. Ob das Seil noch da ist? Keine Ahnung. Fix hingegen ist, dass Winter mit einer Abfahrt über den Abbruch aufgrund der unübersehbaren Klimaerwärmung nur noch sehr selten werden. Wer den Jungen dann sagt, dass man da runterfahren kann? Ich werde es nicht sein und steige zum Preiner Gscheid ab. Auf den letzten Metern setzt Regen ein. Ein besonderer Tag war es trotzdem hier.
Am 8. November war ich das letzte Mal hier. Das ist ja eine Ewigkeit. Über ein Monat ist mein letzter Lauf her. Damit hat sich meine Hüfte beruhigt. Also, sie nervt noch immer, aber man kann ja nicht sein Leben lang warten, bis sich etwas von selbst bessert. Kaputt kann ich auch nichts machen, also werde ich mich durchlächeln. Erwähnenswert ist auch, dass ich an einem Samstag unterwegs bin. Der Wetterbericht ist halt extra fein. Dies im Gegensatz zur nächsten Woche. Also, raus aus dem Haus!
Am Parkplatz um 9 Uhr stehen, wie von Gernot präzise prophezeit, keine fünf Autos – gutes Zeichen. Ein älterer Herr startet mit Schneeschuhen und Helm am Rucksack. Mein Rucksack ist mit Grödeln, Steigeisen, Stöcken, etc. gut gefüllt. Schauen ma a mal!
Am Einstieg hole ich meinen Vorgänger ein. Elegant steige ich vorbei und meine, dass dies nun mein Steig ist. Es liegt ein bisserl Schnee, der verdammt gut hält und ein bisserl Eis, das verdammt rutschig ist. Aber 98% sind trocken und so gibt es eigentlich nur feine Bedingungen. Unterhalb der Einmündung des Alten Haidsteigs sehe ich noch einen Kraxler ein Stück ober mir. Schön bunt und gut abgestützt auf allen Vieren. Ui, ist dort, wo das Seil fehlt, Bedarf für Grödel? Ich schließe auf und überhole. Den Mann treffe ich beim Abstieg nochmals. Da erklärt er mir, dass er Touren immer von einer Website runterlädt und dann nachgeht. Er ist derart schon einige Klettersteige gegangen. Welche? Na, daran kann er sich nicht erinnern. Aber er ist top ausgerüstet. Wochenende? Egal, passt schon.
Bei der Madonna raste ich ein bisserl. Long time no see, liebe Ulli!
Am Vortag habe ich noch einen meiner Berichte gelesen und mich erinnert, dass mich die Steigeisen bei meiner letzten Winterbegehung eher genervt haben. So bin ich nun oberhalb der Madonna auch auf allen Vieren. Der Schnee hält, der Fels soundso, aber das Eis nicht. Und das verrät sich manchmal nur als glasklarer Überzug. Vorsicht, keine Eile, hab eh keine Kondi.
Am Plateau meldet sich der Wind. 2h15 habe ich vom Parkplatz herauf gebraucht. Das ist fast eine Stunde mehr als vor zwei oder drei Jahren. Fast doppelt so lange – upps! Ein Teil der Verzögerung lässt sich den Bedingungen zuschreiben. Fix ist, dass ich wieder fit werden will. So geht das jedenfalls nicht weiter.
Die Neue Seehütte ist zu meiner Verwunderung geöffnet. Irgendwie sieht das jetzt wieder professioneller aus. Aber mir ist noch der deutsche und eher bergahnungslose Pächter in Erinnerung, der bei unserem ersten Besuch, Kaffee und Würschtel mit Solarenergie zubereitet hat. Das war ja eher nix. So lasse ich die Hütte links liegen und wähle den Göbl-Kühn-Steig. Der Schnee trägt überraschenderweise gut und so ist das durchaus zu verantworten.
Im Langermanngraben kommen mir Tourenfahrer entgegen – von unten mit den Skiern am Rücken. Sie erklären, dass sie absichtlich bis zum Abbruch abgefahren sin. Aber die Übellaune lässt vermuten, dass das nicht ganz so geplant war. Acht Schwünge, zwanzig Minuten schwitzen. Da wird ein Sessellift plötzlich attraktiv.
Das Waxriegelhaus ist rappelvoll. Martin, der Wirt, setzt mir drei Studenten aus Mannheim an den Tisch. Kein Rucksack, Turnschuhe ohne jedes Profil. Na ja, sie haben eigentlich gar nicht damit gerechnet, dass Schnee liegt. Sie wollten über den Altenbergersteig auf die Heukuppe, aber der Schranken war zu. Und so sind sie aufs Preiner Gscheid. Wie denn die Seehütte so ist? Kulinarisch nicht lohnenswert und mit dem Schuhwerk kaum erreichbar. Ah ja. Ich empfehle den Entenhügel, 100 Meter hinter der Hütte. Der Anstieg ist steil, aber ein Ausrutschen ist im Wald unwahrscheinlich und wenn, nicht so wild. Die Füße sind in den Schuhen sicherlich auch schnell nass. Wenn das alles erträglich ist, können sie ja weiter auf den Waxriegelgrat gehen. Der bringt einen Ausblick. Ob sie derart zum Karl-Ludwig-Haus gelangen? Mit den Schuhen wahrscheinlich nicht und nun ja, das hat geschlossen.
Wenn jemand sagt, dass ich ein Bergfex bin, winke ich stets ab. Jemand, der in Salzburg oder Tirol lebt, und Zeit seines Lebens jede Woche Touren geht, der hat viel Erfahrung. Nicht ich. Aber an Tagen wie heute, oder eben Samstagen, bin ich fast überzeugt, dass ich doch viel Erfahrung habe. Anderseits beneide ich die jungen Leute. Ich erkläre ihnen, dass mit den Schuhen das Absturzrisiko wohl bei zehn Prozent liegt und dass es auf einem steilen Harschdeckel oder Altschnee sehr, sehr wahrscheinlich kein Halten ohne Pickel gibt. Aber ich sage ihnen auch, dass das für sie bedeutet, dass sie es mit 90%iger Wahrscheinlichkeit schaffen würden. Und diese Sicht auf die Dinge lassen einem mit 20 Jahren Risiken eingehen, die Erinnerungen fürs Leben bringen. So wünsche ich ihnen das Allerbeste, viel Spaß in den Bergen und ermahne sie, sich von den Alten nicht einschüchtern zu lassen.
Am Weg nach Griesleiten überlege ich mir dann, welchen Preis mir die Hüfte in Rechnung stellen wird. Aber der ist auch am Sonntag noch erstaunlich tief. Ich muss wieder öfters in die Berge. Das ist meine Erkenntnis der Tour.