Weißkugel


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Monate, ja Jahre lang tun wir mit der Weißkugel schon rum. Als Kind hat ich die Besteigung schon vor. Der Vater hat einen elendslangen Firngrat versprochen, der bezwungen werden will. Okay, den wird die Klimaerwärmung entschärft haben . Vor sechs Jahren hat Ulli, als der Krebs schon weit fortgeschritten war, dem Onkologen auf die Frage, was sie sich denn noch vorgenommen hat, launisch und zuversichtlich, nur wie sie es konnte geantwortet: „Die Weißkugel besteigen!“. Irgendwie hat sich die Story ab da verselbständigt, dass Gernot und ich Ulli versprochen hätten, die Weißkugel für sie zu erledigen. Daran kann ich mich aber nicht erinnern. Vielleicht haben Gernot und ich mal posthum gesagt, dass wir die Weißkugel für sie machen. Was auch immer der Beweggrund war, die Top 3 der höchsten Berge in Österreich sind „erledigt“. Die Liste gibt es hier.

Renates Füße haben sich mit den neuen Einlagen arrangiert. So arrangiere ich mich mit dem Faktum, dass ich 57 bin, viel Zeit habe und es eigentlich nebensächlich ist, ob ich die Weißkugel in eineinhalb oder zweieinhalb Tagen bewerkstellige. Ich akzeptiere gar schon, dass ich die Weißkugel ohne Übernachtung nicht mehr schaffe. Zwei Übernachtungen erscheinen mir schon sehr komfortabel geplant. Ich spekuliere damit, dass, wenn nicht wir, so doch Gernot, nach der Besteigung noch ins Tal absteigt und heimfährt. Aber es kommt besser. Nun der Reihe nach.

Am Dienstag beschließen Renate und ich, dass wir am Mittwoch aufbrechen und am Donnerstag Gipfeltag ist. Gernot ist spontan dabei, kann aber erst am Donnerstag in Kärnten los. So fahren Renate und ich am Mittwoch los und übernachten in Nauders. Am Donnerstag ist es zu unserem Treffpunkt beim Almhotel Glieshof nur noch ein kurzes Stück. Der Glieshof sieht von außen überaus fein aus. Das nächste Mal quartieren wir uns hier ein! Gernot hat es von Kärnten aus kilometermäßig nur halb so weit wie wir. Aber er kommt mit einer Geschwindigkeit wie Mio, wenn man ihn ruft.

So starten wir nach 14 Uhr. Die Sonne brennt runter. Upps, das wird zäh. Auf der Hütte kommen dann die ersten Überraschungen. Wir haben ein Vierbettzimmer mit Bad. Oha, Dusche und Handtuch warten auf uns. Gernot bekommt das Stockbett wir das Doppelbett. Wir hätten gar ein Doppelzimmer haben können, aber dann hätte Gernot in ein Sechserzimmer müssen. Da nehmen wir ihn doch bei uns auf. Sogar eine „Sonnenterrasse“ bietet unser Zimmer. Da werden wir wohl nicht fluchtartig noch absteigen. Hier hält man es aus. Die Hütte ist in tollem Zustand, das Essen soll auch gut sein und ist auch wirklich gut.

Edwin, der Hüttenwirt, meint, dass das Matscher Wandl aktuell in perfektem Zustand ist. Das hat auch schon die Wirtin bei der Buchung gesagt. Jepp, das ist fein! Keine Eisschrauben, keine Angst im steilen Eis. Was soll da noch schiefgehen?

15 Gäste sind wir. Zwei Gäste haben getrennt einen Bergführer für die Weißkugel gebucht. Diese zwei Gruppen – die einen nennen wir die Geschwinden, die anderen die Moderaten – und wir werden also am Donnerstag von der Oberetteshütte Richtung Weißkugel aufbrechen. Das ist sehr wenig. Frühstück gibt es um halbsechs. Na zack, das ist aber früh. Sonnenaufgang ist sieben Uhr. Ich überlege. Okay, es wird warm wie an einem Sommertag. Da will man nicht in einem steilen Firnhang herumeiern. Wie auch immer, kurz nach halbsieben stehen wir vor der Hütte. Vor uns sieht man die Stirnlampen der beiden Gruppen. Wir starten mit dem ersten Morgenlicht.

Nach der Hütte geht es 350 Höhenmeter auf einen Grat, weiter auf einem Plateau, ehe man wieder knapp 150 Meter absteigen muss. Uh, das ist steil, das wird am Rückweg kein Genuss werden. Dann noch ein Stück an einem sicherlich eher jungen „See“ links vorbei, ehe wir am aktuell unteren Ende des Matscher Ferners angelangen. Hier holen wir unsere beiden Gruppen von der Hütte ein. Sehe ich es richtig, haben die beiden Bergführer nur ein Strickerl mit, das nur ein Gehen am kurzen Seil erlaubt. Wir sind da mit unserem 60m langen Seil schon eher auf Spalten eingestellt. Ich vermute, dass wir wieder einen „sterbenden“ Gletscher begehen werden. Jepp, so ist es leider dann auch. Im unteren Drittel gibt es noch ein bisserl ein Spaltenlabyrinth. Wer wild ist, kann wahrscheinlich gerade aufsteigen. Er muss halt ein paar Mal ein, eineinhalb Meter in die Spalte und auf der anderen Seite wieder rauf. Die Spalten sind V-förmig im Querschnitt aber nicht tief. Wir sind natürlich brav und queren, bis wir über die Spalten einfach drübersteigen können.

Bald geht es dann noch mal weniger steil dahin, ehe man entscheiden muss, ob man steiler weitergeht und unter der Inneren Quellspitze Richtung Matscher Wandl zieht oder, ob man doch die flachere Variante wählt, die unterhalb einer markanten Felsinsel links in einem weiten Bogen führt. Wir machen es wie die Bergführer und das ist natürlich schlau so. Hier sind zwar noch einmal ein paar Querspalten zu nehmen, aber dann ist Ruhe mit den Behinderungen. Schattig ist es auch, und das ist definitiv angenehm. Trotzdem keucht eine von uns drei schon ordentlich. Auch am Ende des steileren Abschnittes will sich keine Erholung einstellen. Jetzt ist es eigentlich nur noch ein flacherer Firnabschnitt.

Ist das da vorne schon das Matscher Wandl? Oha, das sieht dann doch ein bisserl wild aus. Die Erfahrung sagt, das Gegenhänge oder steile Hänge aus der Ferne und in Draufsicht immer wilder aussehen. Gernot ist beruhigt, ich noch nicht so ganz.

Während wir also langsam dahintrotten, fällt die Entscheidung. Gernot wird alleine gehen. Renate nehme ich ans kurze Seil. Das bringt mentale Sicherheit für sie. Ich bin mir sehr sicher, dass ein kurzes Seil zwischen uns nur bedeutet, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam abfahren, wenn einer ausrutscht. Noch ehe wir am Einstieg sind, ist auch schon das erste Duo, die Geschwinden, durch das Wandl. Mah, das ging schnell. Die Moderaten lassen uns vor und so sind wir die nächsten.

Der Durchstieg ist dann eher einfach. Es schaut zwar an der ersten Querung das Eis raus, aber es sind gut haltende Schneereste fast in Stufenform vorhanden, die die Begehung recht einfach machen. Die Kehre ist steil, aber gut machbar. Kein Blankeis mehr, und die Steigung nimmt wieder ab. Wenn sich die Schneebedingungen nicht allzu sehr ändern, bin ich für den Abstieg entspannt.

Jetzt folgt noch ein flacher Firnhang und ein wenig spektakulärer Firngrat zum Steigeisendepot. Am Gipfel sehen wir schon emsiges Treiben. Steigeisen und Pickel liegen zuhauf herum. Oha, da ist eine große Gruppe von der Bella Vista Hütte heraufgekommen. Wir lassen Steigeisen und Pickel ebenfalls hier.

Gekraxelt wird ein bisserl ausgesetzt, aber nicht sonderlich schwer. Und dann ist da das kleine, nordseitige Schneefeld, das ich in einer Beschreibung gelesen habe. Man muss es absteigen. Ohne Pickel und Steigeisen ist das ein fragwürdiges Unterfangen. Aber ein mächtiges Seil ist doppelt gespannt. Es ist mit Bandschlingen und zwei Exen montiert. Wau, das sieht professionell und sehr neu aus. Da bin ich aber froh. Nur was, wenn das am Rückweg nicht mehr da ist? Dann stehen wir beim Gipfel ohne Ausrüstung! Hmm, schauen ma a mal.

Am Gipfel dann Gedränge. Die junge Truppe aus Südtirol hat gar zwei Hunde mit herauf gebracht. Der junge Mann erzählt, dass sie um 4:15 in Kurzras los sind und er die Sicherung aufgebaut hat. Alles viel Information. Die Leute hier haben also schon über zweitausend Höhenmeter in den Beinen. Sie lachen und scherzen. Und er ruft immer wieder „Mama, mach‘ des!“ und „Mama, hast du des eh a?“. Die Frau, die sich angesprochen fühlt, ist jünger als ich. Der Verstand kommt nicht nach. Ist die Luft zu dünn? Oha, da steht auch das g’schwinde Paar von unserer Hütte. Sie warten offenkundig schon ewig auf ungestörte Gipfelfotos.

Wir entscheiden schnell, dass wir nur kurz hier verweilen werden und stattdessen weiter unten rasten wollen. So können wir noch die Seilsicherung nutzen. Ja, das passt alles! Die Hunde, die Mama und noch ein paar Menschen sind schon weg. Wir schießen schnell die Fotos, und ich achte sorgfältig darauf, dass noch jemand aus der Südtiroler Gruppe hinter uns ist.

Tja, die Erkenntnis ist dann, dass der Aufstieg auch ohne Seilsicherung leicht machbar gewesen wäre. Da hätten wir also ruhig einsame Momente am Gipfel genießen können. Renate schließt sich gar dem g’schwinden Bergführer an und ist gar nicht mehr zu stoppen. Der zweite Bergführer ist mit seinem Gast auch da und sichert unbeabsichtigt eine bisserl kniffligere Stelle, indem er noch oben steht, während sein Gast ein paar Meter unter ihm Platz genommen hat. Der Gast kauert sich an den Fels und wir steigen drüber. Das ist ja wie auf den Achttausendern hier. Mann, da geht es zu. Ich bedanke mich höflich und ausführlich bei Bergführer und Gast und versichere mich bei dem doch etwas mitgenommenen Gast, ob eh alles in Ordnung ist. Ein bisserl deppert ist die Situation schon.

Beim Steigeisendepot dann die nächste Aufregung. Mama meint, dass ihre Steigeisen verwechselt wurden. Sie rennt dem g’schwinden Bergführer mit seinem Gast nach. Der ist schon im Abstieg und sicher, nichts verwechselt zu haben. Man ist irritiert. Logistisch kann niemand sonst die Steigeisen verwechselt haben. Gernot bietet seine 46er an. Auch meine werden nicht passen. Der junge Mann hat mittlerweile die Seilbrücke abgebaut und versucht aufzuklären. Ehe Mama ihren Fehler eingesteht, nimmt sie halt das Paar das noch über ist.

Wir pausieren noch ein bisserl, ehe es ins Wandl geht. Wieder bilden Renate und ich eine Schicksalsgemeinschaft, während Gernot ungesichert und doch bei geringerer Gefahr alleine absteigt. Runter ist es wie zu erwarten nochmals leichter. Die steile Kehre ist überstanden und in an den eisigen Stellen stützt der Schnee tadellos. Just unter der steilsten Stelle schauen einige Felsen aus dem Eis. Wer hier ausrutscht, hat gute Chancen, sich weiter unten zu fangen. Wäre da nur nicht dieses Felsband. Egal, wir sind durch. Ab jetzt heißt es durchhalten.

Wir wählen wieder die Variante unter der Felswand der Inneren Quellspitze. Von Steinschlag ist da keine Spur. Gernot wird uns durchs Spaltenlabyrinth führen. Mal ein bisserl links, mal ein bisserl rechts, mal ein großer Schritt über eine Spalte, manchmal gar ein kleiner Hüpfer. Da reicht es einer von uns. Disziplin ist gefragt. Okay, so trotten wir zum Ende des Matscher Ferners. Wir wollten ja eine Eisschraube eindrehen. Immerhin haben Gernots Eisschrauben noch nie Eis gespürt. Aber jetzt will Gernot nicht. So stehe ich als einziger da, der hier am Gletscher bohrt. Die moderate Gruppe holt uns ein und überholt. Fest steht, von den beiden reicht es auch zumindest einem und der will heim.

Wir drei hingegen haben es nicht eilig, rasten nochmals anständig vor dem steilen Gegenanstieg und erreichen am Nachmittag die Hütte. Stolz und unumstößlich mit dem Gipfelsieg in der Tasche faulenzen wir in der Sonne. Am Abend gibt es gar eine Flasche zur Feier des Tages. Zu meiner Freude habe ich eingesehen, dass wir die Nummer 3 in Österreich bestiegen haben. Als solche steht sie eh in meiner Liste, aber ich war ganz sicher, dass der Pöschlturm höher ist. Neun von zehn der Top 10 habe ich somit. Wir planen gleich die Glocknerwand und schielen zum Ortler hinüber. Die Zuversicht ist zurück. Es liegt nicht nur am Wein!

Am nächsten Tag heißt es dann Abschied nehmen. Der Abstieg geht schnell. Am Glieshof trennen sich unsere Wege. Während wir über den Reschenpass Richtung Norden fahren, schlängelt sich Gernot durch Italien nach Kärnten in die fast neue Heimat. Für uns gibt es noch im Restaurant Hubers im Fischerwirt ein feines Essen. Wir arbeiten konsequent an unserer Erholung.

Die drei Tage auf Garmin


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Anichspitze und Spiegelkogel


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Zustieg Ramolhaus und Anichspitze

Die Pläne sind groß, die Zeit wird knapp! Ich würde noch gerne einen Gipfel meiner Bergliste erledigen. Die Weißkugel wartet seit Jahren. Ich bin nicht sonderlich zuversichtlich, dass wir diese in diesem Jahr noch schaffen. Die Hütten schließen bald, die Tage werden kürzer, der erste Schnee könnte kommen. Da tut sich ein Zwischenhoch auf. Nicht sonderlich stabil, aber immerhin. Renate ist bei der Tour für Kurzentschlossene dabei. Wir planen den Anstieg zum Ramolhaus von Obergurgl aus am Donnerstag, die drei Ramolkogel am Freitag und den Schalfkogel am Samstag. Am Sonntag kann dann die Kaltfront in Ruhe kommen.

Mammut hat noch neue Hochtourenschuhe rechtzeitig herbeigeschafft. Meine alten Schuhe wurden bei der letzten Tour verwechselt und sind weiterhin verschollen. Am Donnerstag wollen wir früh in Breitenfurt los. Nur der Wetterbericht verschlechtert sich stündlich. Am Donnerstag Nachmittag wird es regnen, und der Freitag sieht auch gar nicht mehr so gut aus. Als wir in Obergurgl ankommen, regnet es wirklich. Aus dem Rucksacktransport wird es auch nichts, weil der Wind zu stark bläst. Mit schwerem Rucksack im Regengewand 1.100 Höhenmeter – da gibt es Attraktiveres. Wir planen um! Wir übernachten in Obergurgl und versuchen am Freitag Aufstieg zum Ramolhaus und Ramolkogel. Damit packen wir das Programm von zwei Tagen in einen Tag. Nach dieser planerischen Meisterleistung gönnen wir uns ein extra feines Abendessen im Grünerhof. Außer uns kommt niemand an diesem Abend auf diese Idee. Fängt doch gut an!

Am Freitag in der Früh nieselt es. Den Rucksacktransport nehmen wir nicht in Anspruch. So genau lässt sich ja nicht sagen, wann der Rucksack oben ankommt und wir wollen noch auf die drei Ramolkogel. Seil, Klettergurt, Karabiner, Eisschrauben, etc. lassen wir im Auto. Das macht den Rucksack leichter. Der Niesel endet bald und los geht es. Der Hüttenzustieg ist lange, aber technisch kein bisserl herausfordernd. Ein scheinbar endloser Almenweg führt stetig bergauf. Vis-a-vis sehen wir erst das Skigebiet, den Angerer und den Weg zur Langtalereckhütte. Das Ramolhaus schaut nach mehr als zwei Drittel der Strecke das erste Mal zu uns her. Wir sind vorbereitet, dass dies eine optische Täuschung ist. Denn der Weg führt unter dem Ramolhaus vorbei, ehe er dann in einem letzten Anstieg „hinten herum“ zum Haus führt. Das letzte Stück ist steil, aber nicht so steil, wie ich dachte. Renate hat an diesem Tag trotzdem hart zu kämpfen. Die Uhr zeigt mit einer Trainingsbelastung von 5.0 an, dass sie ihr sinnvolles Limit erreicht hat. Vielleicht hilft eine Pause mit Essen am Ramolhaus.

Am Ramolhaus empfängt uns Lenka mit blitzenden Augen. Sie führt die Hütte in der dritten Saison und hat alles fest im Griff. Sie empfiehlt, dass wir uns auf den Nördlichen Ramolkogel, die Anichspitze, beschränken sollen. Das ist der erste Gipfel. Vor allem der Große Ramolkogel ist zu dieser Jahreszeit aufgrund der geänderten klimatischen Verhältnisse doch kompliziert. Na ja, viel mehr als die Anichspitze wird sich heute eh nicht ausgehen.

Nach einer Stunde Pause entscheidet sich Renate, mich zu begleiten. Sie kann ja umdrehen, wenn es zu anstrengend wird. Die Anichspitze sollte nicht so wild sein. So gehen wir mit reduziertem Gepäck los. Immer mehr Nebel breitet sich aus. Aber der Wetterbericht verspricht, dass es trocken bleiben wird. Der Weg ist nicht ganz leicht zu finden. Es sind gar zwei Varianten markiert, wobei bei einer Variante die Markierungen teils ausgekreuzt sind. Komisch ist das, hatte ich noch nie. So folgen wir unserem GPX-Track auf Handy und Uhr. Dieser stellt irgendwie die dritte Variante dar.

Am Beginn der kärglichen Reste des Ramolferners stellt sich dann die Frage, ob wir im Fels bzw. Geröll bleiben oder das Eis nehmen. Wir entscheiden uns fürs Eis. Erst wieder auf der Hütte gesteht Renate, dass sie da schon ausreichend fertig war, aber nicht wegen des Nebels alleine zurückgehen wollte. Anderseits wollte sie mir auch nicht den Gipfel nehmen. So macht meine tapfere Begleitung schon recht erschöpft alles Weitere mit.

Wir steigen über den unteren Teil des Gletschers und wechseln dann in den Fels. Steinmänner und Steigspuren führen bis auf etwa 3.200m. Ab dort ist die Routenwahl für uns eine Glücksfrage. Wenn der Nebel aufreißt, sehe ich eine logische Linie, die auf die Anichspitze führt. Aber das Eis ist halt weit zurückgewichen. Damit ist der Untergrund recht lose. Vielleicht gibt es auch einen tadellosen Weg. Die Literatur erwähnt sogar Bohrhaken. Aber davon sehen wir nichts. Stattdessen kraxeln wir eben über loses Gestein Richtung Gipfel. Oh, da höre ich leichte Anzeichen der Verzweiflung. Das rutscht alles so! Der Unterhaltungswert ist auch wirklich nicht hoch – weglos im Nebel, im Instrumentenflug sozusagen. Wir holen für Renate den Pickel raus. Der gibt auf diesem Untergrund, auf diesen schrägen und von nassem Sand überzogenen Felsplatten Halt. „Positive Vibes“ lautet die Devise. Wie wir da wieder runterkommen? Dieser Frage widmen wir uns, sobald wir oben sind. So geht professionelle Planung! Und dann sind wir oben. Ein stolzes Gesicht sehe ich da! Wow, tapfer! Auf die beiden anderen Gipfel verzichten wir ohne lange Diskussion. Nach einer kurzen Pause rückt der Abstieg in den Fokus!

Der Abstieg über den Westgrat ist mal unspektakulär. Wir erreichen den Firn am oberen Ende des Ramolferners. Die direkte Variante über den Ferner trauen wir uns nicht so recht zu. Stattdessen gehen wir am oberen Rand Richtung Osten und steigen dann doch direkt über den Gletscher ab. Renate meistert auch dieses „erste Mal“ mit Bravour. Es ist schon ein bisserl gewöhnungsbedürftig, wenn man zum ersten Mal eine Eisfläche in dieser Neigung mit dem Gesicht voran im Vertrauen auf die Steigeisen absteigt. Eine der wenigen verbliebenen Gletscherspalten sieht man schon aus größerer Entfernung. Sie wird umgangen und wir steigen diesmal bis zum unteren Ende des oberen Teil des Ferners ab. Dann geht es in Steigeisen durch den Matsch und Geröll zum unteren Teil des einst ewigen Eises. Hier beginnt es leicht zu regnen. Mann oh, das ist ein bisserl zäh! Also, Regenjacke an und weiter geht es. Nun werde auch ich müde, die Uhr gibt auch mir eine 5.0 bei der Anstrengung. So wackeln wir beide mehr als wir gehen zurück zum Ramolhaus. Der letzte Gegenanstieg sieht wilder aus, als er ist. Gegen 17 Uhr sind wir wieder auf der Hütte. Das Abendessen wartet schon fast. Die Zimmer sind geräumig, wir schlafen früh ein. Der Schlaf ist laut Uhr aber wie zu erwarten wenig erholsam. So ist das halt in den Bergen. Das schreckt uns nicht!

Der erste Tag auf garmin.com

Hinterer Spiegelkogel und Abstieg Obergurgl

Es war schon am Vorabend absehbar, dass wir keine Lust und Kraft haben, noch den Schlafkogel vor dem Abstieg anzugehen. Lenka hat uns den Hinteren Spiegelkogel empfohlen. Der Empfehlung wollen wir folgen. Wir schlafen aus, soweit das auf einer Berghütte möglich ist. Um 6:44 steht der Sonnenaufgang am Programm. Die Luft ist klar, der Morgen entsprechend kalt mit Temperaturen leicht unter Null. Heute sieht das Wetter tadellos aus.

Beim Frühstück lassen wir uns Zeit. Meine Schuhe stehen brav noch an ihrem Platz. Wir packen den Rucksack für eine kurze Tour. Renate hat sich ob ihrer gestrigen Tapferkeit eine rucksackfreie Tour verdient. Lenka erklärt uns noch einmal, wie wir auf einem alten und nur teils markierten Steig über den Ostgrat auf den Spiegelkogel gelangen können. Die Runde geht dann weiter im Abstieg über den Nordostgrat zum Ramoljoch und von dort zurück zur Hütte.

Der Aufstieg ist eine leichte und kurzweilige Kraxelei. Es macht richtig Spaß, in der Morgensonne den alten Spuren und den für mich als Rotsehschwachen längst verbleichten Markierungen zu folgen. Bald stehen wir am eigentlichen Grat zum Hinteren Spiegelkogel. Zwei, drei Stellen sind ein bisserl spannender, alles andere gestaltet sich einfach. Die Route am Grat ist genuss- und aussichtsreich. Nach gemütlichen eineinhalb Stunden erreichen wir das Gipfelkreuz. Nur am Horizont sieht man Wolken, sonst ist alles blitzblau. Sehr fein! Wir bleiben diesmal länger am Gipfel. In der Sonne ist es angenehm warm.

Zurück geht es den Teil am Grat, den wir schon kennen. Dort, wo wir im Aufstieg von der Hütte herauf zum Grat gelangt sind, folgen wir nun weiter dem Grat Richtung Ramoljoch. Auch diese Variante ist technisch nicht schwierig, erfordert aber sicherlich Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Zwei, drei Stellen verlangen Aufmerksamkeit. Kurzweilig und schön empfinden wir diesen Abschnitt.

Über das Ramoljoch führt der Zentralalpenweg auf der einen Seite nach Vent, auf der anderen Seite zu unserem Ramolhaus. Am Joch ist richtig etwas los, treffen doch mit uns sieben Bergsteiger aufeinander. Das ist ja fast ein soziales Event hier!

Der Abstieg in den Kessel, wo früher wohl der Ramolferner lag, ist bestens gesichert und mit Steighilfen versehen. Wir sind nun eben nicht auf einer einsamen Route sondern am Zentralalpenweg, quasi einer Autobahn in den Bergen. So sind wir rasch wieder am Ramolhaus, wo wir noch einmal zu Mittag essen, ehe wir nach Obergurgl absteigen.

Die Rucksäcke und die Bergschuhe sind schwer. Der Abstieg ist einfach, aber lang. Schafe stellen sich in den Weg, lassen sich aber vertreiben. An einer Stelle schießt Wasser über den Weg und bietet eine unerbetene Abkühlung. Wie da die Hüttenwanderer in ihren Turnschuhen trockenen Fußes drüber kommen? Ich weiß es nicht, bin aber froh, dass wir die schweren Schuhe anhaben.

Wieder in Obergurgl angelangt, buchen wir uns im Hotel Edelweiß & Gurgl ein. Wir waren in den Semesterferien hier. Rezeptionistin und Kellner meinen sich an uns zu erinnern. Das soll uns recht sein. Nach dem Abendessen fallen wir jedenfalls bald in tiefen Erholungsschlaf. Am nächsten Morgen dann noch eine Seilbahnfahrt auf die Hohe Mut, und damit endet dieser Ausflug. Für Nachmittag ist Regen angesagt und in den folgenden Tagen Schnee. Damit ist auch unsere Hochtourensaison vermutlich beendet.

Für Schalfkogel und Ramolkogel müssen wir ein weiteres Mal vorbeikommen. Hoffentlich passt das Wetter dann. Wir werden ausreichend Zeit einplanen. Dann sollten die beiden Gipfel auf meiner Liste erledigt werden. Schauen ma a mal!

Besten Dank vor allem an meine tapfere, wunderbare Begleiterin Renate!

Der zweite Tag auf garmin.com


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Hohe Wilde und Eiskögele


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Hohe Wilde (3.480m)

Gernot, Lydia und ich reisen nach Obergurgl. Gernot, der nur am ersten Tag dabei sein will, mietet in Obergurgl ein e-Mountainbike und radelt zur Langtalereckhütte. Lydia und ich nehmen die sieben Kilometer und 600 Höhenmeter zu Fuß in Angriff. Die Rucksäcke deponieren wir in Obergurgl. Sie werden am Abend zur Hütte transportiert. Die Hütte ist recht fein. Wir sind in einem der mit acht Betten größten Mehrbettzimmer. Aber auch das Zimmer selbst ist groß. Hier sollten wir es recht gemütlich haben.

Am Abend sitzen wir noch nach dem Abendessen beisammen. Weder Gernot noch ich haben diesmal ausreichend Zeit in die Planung investiert. Die Route auf die Hohe Wilde bzw. Hochwilde habe ich gar von Alpenvereinaktiv automatisch erstellen lassen. Lydia geht die Route im Geiste durch, und da entdecken Gernot und Lydia fast zeitgleich, dass da auch ein Klettersteig dabei ist. Der Hüttenwirt hat schon gemeint, dass wir eine lange Tour vorhaben. Ich frage wegen des Klettersteigs nochmal nach. Nein, den würde er auslassen, weil es dann für den Tag zu viel wird. Wir werden schon so zehn Stunden unterwegs sein. Was uns bei der Überschreitung erwartet, habe ich auch ausgelöscht. In den Beschreibungen stand etwas von Klettern bis II+ und fast durchgängigem Stahlseil. Das widerspricht sich meines Erachtens und mein Hirn hat dann all diese Herausforderungen auf „Sehen wir, wenn wir dort sind!“ reduziert.

Das Zimmer teilen wir mit einer Familie aus München. Ich entschuldige mich schon, dass der Wecker um fünf Uhr läuten wird. Das nimmt die gute Frau gelassen. Es ist, wie es ist, solange nur keine schweren Schnarcher dabei sind. Upps, da hat sie mit uns leider doch ein ziemliches Pech. Wir werden uns beherrschen!

So starten wir nach dem Frühstück um 05:30 kurz nach sechs in unser Abenteuer. Mit uns machen sich noch zwei Deutsche und ein Vater mit Sohn aus Tschechien auf den Weg. Anfangs läuft es gut, aber unterhalb dem zerstörten Hochwildehaus holen sie uns ein. Der Ruhrpott quatscht unentwegt. Anfangs amüsant, dann zunehmend nervig. Zwei Männer und endlos Belanglosigkeiten. Wir rasten beim Hochwildehaus lange, um dem deutschen Wanderradio Vorsprung zu geben. Das Hochwildehaus ist leider dauerhaft geschlossen. Die globale Erwärmung hat den Permatfrostboden, auf dem das Haus gegründet wurde, tauen lassen. Eine 2014 errichtete Stützkonstruktion sicherte es vorübergehend. Schade!

Am Gurglerferner machen wir uns fertig für den Gletscher. Spalten mag ich nicht zu erkennen. Schön ist er trotzdem. In weiter Ferne schaut die Hochwilde zu uns herunter. Das ist schon noch ein Stück. Da ist das gesprächige deutsche Team wieder. Ohne Seil aber mit Eile macht man sich auf den Weg. Auch wir starten, knapp gefolgt vom tschechischen Team. Es geht aufs Annajoch, das über die Jahre ausgeapert ist und damit einen Teil des Gurglerferners abgetrennt hat. Nun wird es auch mal steiler. Deutschland steigt direttissima auf und legt so auf bald 3.300m ein Kardiotraining hin. Wir gehen es gemütlicher an und erreichen wieder mit den beiden anderen Länderteams den Beginn des Fels.

Oh, was ist denn das? Das ist ein Klettersteig. Da sind wir aber ein bisserl überrascht. Ich erinnere mich, was ich gelesen habe. Aber das war verwirrend – Schwierigkeit II+. Wie soll das gehen, wenn es ein Klettersteig ist? Ein mäßig schwieriger Klettersteig soll es sein. Meine Meinung dazu: technisch ist der Klettersteig nicht schwer. Vielleicht sind da ein oder zwei C-Stellen dabei. Überwiegend ist die Schwierigkeit B/C. Die Herausforderungen sind wohl die Ausgesetztheit und die Höhe. Das macht den Steig für die eine oder den anderen spannend. Lydia behilft sich mit Gernots Selbstsicherungsgerät. Gernot verwendet selbst zwei Bandschlingen mit Karabinern. Ich spaziere ungesichert nach. Da werden die Profis jetzt schimpfen, dass Lydias und Gernots Sicherungen nicht den Anforderungen entsprechen und mangels Dämpfung sehr gefährlich sind. Besser als meine sind beide Varianten und psychologische Unterstützung bieten sie auch mehr.

Der Nordgipfel ist bald erklommen. Wui, ist der spektakulär! So ein kühner Gipfelaufbau! Leider kommen erste Wolken auf. Für ein paar Fotos reicht es noch. Wir genießen den Ausblick, aber machen uns dann doch zügig auf den Weiterweg. Wer weiß, was noch auf uns wartet!

Der Kamm vom Nord- zum Südgipfel ist fast durchgängig mit einem Stahlseil und mit einigen Tritthilfen versichert. Spektakulär ist das passende Attribut. Lydia blickt besorgt, klettert aber tapfer weiter. Wo das Seil endet, soll eine leichte Kletterei der Schwierigkeit II beginnen. Diese muss aber der Wind davon getragen haben. So erreichen wir den 3.480m hohen Südgipfel problemlos. Hohe Wolken türmen sich auf, Lydias Füße haben Blasen bekommen und die Deutsche Welle funkt auch wieder.

Ja, Deutschland weiß, wo man zum Langtalerferner absteigt. Der Abstieg macht mir ein bisserl Sorgen, weil als sehr steil und steinschlaggefährdet angekündigt. Bei den hohen Temperaturen ist das kein erfreulicher Ausblick. Ich frage beim deutschen Team nach, ob sie Ahnung haben. Klaro! Selbstbewusst weist man den Grat entlang und zeigt auf Markierungen. Mein Hinweis, dass dieser Weg doch zu einer italienischen Hütte führt, wird abgeschmettert. Da vorne halt links halten, ist doch nicht so schwer. Bescheidener und pragmatischer antwortet das tschechische Generationenduo auf die Frage nach ihrem Abstieg. „There is the hut!“ und zeigt mit einer Abweichung von 180° zur deutschen Variante.

Lydia erhält noch Unterstützung aus Deutschland in Form eines Blasenpflasters, ehe die deutschen Stimmen in Richtung Italien absteigend immer leiser werden. Tschechien wartet taktisch, wir starten. Schon nach wenigen Metern weichen wir scharf links von der deutschen Variante ab. Sogar Markierung sieht man hier und der Abstieg ist nicht annähernd so übel, wie von mir erwartet. Der Nebel hüllt den Langtalerferner und den Grat ein bisserl ein. Gut so, da sieht man das Übel nicht so. Auf der italienischen Seite ist das Wetter klar. Ebenso klar ist, dass von da unten kein Weg heraufführt. Mal sehen, wann die deutsche Sperspitze den Fehler einsieht und umgekehrt.

Der Übergang vom Fels zum Gletscher ist aufgrund des Rückgangs des Gletschers nicht ganz so einfach, weil steil und mit losem Gestein überzogen. Aufgrund der Steilheit entscheiden wir uns, ohne Seil zu gehen, bis wir im flacheren Teil sind. Hier heroben würden wir uns nur gegenseitig mitnehmen, wenn einer losrutscht. Gernot geht vor und sieht sich einer Gletscherspalte gegenüber. Hinter uns beobachtet Tschechien und – da schau her – Deutschland unser Tun. Ich höre, wie Deutschland laut kundtut, wie es die Sache besser angehen wird. Von Demut ist da keine Spur.

Am Seil führt dann Gernot tadellos durch den doch spaltenreichen Ferner Richtung Hütte. Die Spalten sind nicht groß, aber zahlreich. Es ist nicht herausfordernd, aber auch nicht ganz einfach. Zum Glück versteckt sich die Sonne. So ist der Schnee, der zwischen dem Blankeis liegt, nicht ganz so weich. Der Abstieg ist lange, aber irgendwann haben wir die steilen Passagen hinter uns. In sicherem Abstand sind uns die Teams gefolgt. Nun, wo es flach wird, überholt wieder Deutschland. Die beiden deutschen Kinder sind ein paar Jahre jünger als ich. Wir machen Pause und legen das Seil ab. Der Ferner fließt hier ein paar Kilometer noch das Tal hinaus. Das sollte ohne Seil entspannter zu gehen sein. Der Vater aus Tschechien bedankt sich, dass Gernot so brav als Erster über den Gletscher ist. Einer muss es ja tun, und er ist froh, dass er es nicht sein musste.

An der Gletscherzunge sind die drei Teams schon wieder beisammen. Wir haben das Seil aber schon versorgt. Vor allem wittert Gernot aber eine Chance, dass er den Zug nach Wien noch schafft. So eilen wir zur Hütte im Laufschritt und fliegen nach ein, zwei Kilometer an der Stempelstelle für den Langtalerferner vorbei. So alt sieht die Box noch gar nicht aus. Mann oh, der Rückgang der Gletscher passiert hier mit einer irren Geschwindigkeit. Wir sind mit großem Abstand als erstes Team nach über zehn Stunden zurück. Gernot springt aufs Rad und erreicht Bus und Bahn, Deutschland spricht nicht mehr mit uns.

Das war heute wirklich eine tolle, lange, abwechslungsreiche und lohnende Tour. Dringende Empfehlung!

Die Tour auf Garmin

Eiskögele (3.233m)

Mit Lydias Blasen ist wohl an eine Überschreitung des Schlafkogels nicht zu denken. So haben wir am Vorabend den Rucksack mit der Gletscherausrüstung gepackt und nach Obergurgl geschickt. Wir wollen das Eiskögele besteigen. Die Tour ist kürzer und eher ein Wanderberg mit tollem Ausblick, aber ohne Gletscherkontakt.

Wir schlafen aus und Lydia ist bis auf die Blasen wieder fit. Die meisten anderen Gäste sind schon weg, als wir uns fertig machen. Vor uns muss es wild zugegangen sein. Im Ergebnis sind meine Hochtourenschuhe weg. Die Story ist lustig, aber ich gebe sie hier nicht wieder. Gerne erzähle ich sie privat. Ergebnis ist aber, dass meine tollen Schuhe von Mammut weg sind. Stattdessen ist ein Paar über, dass eine Nummer kleiner ist. Sie sind nicht nur eine Nummer kleiner, qualitativ minderer und nicht voll steigeisenfest. Irgendwer ist also mit meinen schönen Schuhen auf und davon. Leider hat er sich bislang nicht gemeldet.

Lydia und ich besteigen das Eiskögele und sind zu Mittag wieder auf der Hütte. Nach dem Mittagessen machen wir uns auf den Fußweg nach Obergurgl. In Summe war das dann fast so viel wie die Überschreitung des Schlafkogels. Wir haben jeden und jede an diesem Tag wegen meiner Schuhe befragt. Wie gesagt, ich schreibe dazu hier nicht mehr. Es gilt die Unschuldsvermutung. Vielleicht hat derjenige die Verwechslung bislang nicht bemerkt. Mag ja sein, dass das jemand ist, der solche Schuhe nur einmal im Jahr trägt. Eigentlich ist das alles wenig glaubwürdig. Aber was macht man, wenn einer in der Gruppe nach einer Stunde, vielleicht auf dem Weg zu einer anderen Hütte, draufkommt, dass er die falschen Schuhe genommen hat? Dreht dann die ganze Gruppe um und riskiert den Tagesplan? Ich vermute, die Gruppe geht gemeinsam weiter. Vielleicht traut sich der Betroffene auch nichts zu sagen. Aber jetzt, wo das Wochenende und damit wahrscheinlich auch die Tour zu Ende ist, würde ich schon erwarten, dass der gute Mann beim Hüttenwirt anruft. Der hat meine Kontaktdaten. Ich würde mich freuen.

Die Tour auf Garmin


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Stubaier Alpen


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Sonntag, 4. August 2024

Schon am Samstag sind wir ins Stubaital angereist, um uns am Sonntag mit einer der ersten Gondeln auf über dreitausend Meter schaukeln zu lassen. Das Gletscher-Skigebiet ist geschlossen. Das könnte am weitgehend verschwundenen Gletscher liegen. Nein, hier heroben lässt sich die Klimaerwärmung nicht leugnen. Kaum ein Gast ist da. In Pflichterfüllung drehen sich die Gondeln und bringen uns nach oben.

Bestens ausgestattet marschieren wir los. Einmal irren wir uns. An der Bergstation eines sich im Sommerschlaf befindlichen Sessellifts erzeugt das Schaukeln eines Hinweisschildes ein Quietschen wie in einem Italo-Western. Ein bisserl trostlos, auch das Wetter will nicht so recht. Würde uns die Sonne ein Loch in den Rücken brennen, würde es auch nicht passen!

Kaum sind wir am Pfaffenjoch und nähern wir uns dem Gletscher, sind die Menschen da. Auch wir seilen uns an. Jede Menge Notfallausrüstung ist dabei, die nie zum Einsatz kommen soll. Wir wandern über den Sulzenauferner unter dem Zuckerhütl. Der Fels am Zuckerhütl ist im Sommer so locker, dass kaum noch jemand im Sommer es besteigt. Ich kann mich an meine Jugend erinnern, in der ich mich in dem steilen Firn, der bis oder fast bis ganz oben gereicht hat, gefürchtet hatte. Der Vater hat damals unten gewartet und ich bin alleine rauf.

Wir lassen das Zuckerhütl rechts liegen und widmen uns dem Wilden Pfaff. Der hat auf der Nordseite noch ein steiles Firnfeld, wo schon ein bisserl das Eis vorschaut. Man könnte auch im Fels gehen, aber wir wollen ja was erleben. Renate ist das erste Mal mit Steigeisen unterwegs und darf sich gleich beim ersten Mal fürchten. Ich habe sie am kurzen Seil. Das macht aus uns eine enge Schicksalsgemeinschaft. Wir würden beide den Firn abrauschen, und im Auslauf ein jammerndes, erbärmliches Bild geben. Passiert aber nicht.

Man kann uns als durchaus erschöpft bezeichnen, als wir den Wilden Pfaff (3.458m) erklommen haben. Ab jetzt geht es fast nur noch bergab. Und wie es bergab geht. In der Tourenbeschreibung stand fast von Schwierigkeit II mit Sicherungen an vielen Stellen. Das ist widersprüchlich und so habe ich es aus meiner Betrachtung gestrichen. Jetzt stehen wir da und starren sehr steil nach unten. In der Ferne sieht man schon das Becherhaus. Das ist wirklich noch ein ganzes Stück. So klettern wir das, was immer es auch ist ab, und staunen nicht schlecht über die heutigen Herausforderungen.

Jetzt noch über den Übeltalferner, an der Müllerhütte vorbei zum Becherhaus. Da kommt uns eine Fünfergruppe entgegen, das Becherhaus ist voll, sie wurden zur Müllerhütte geschickt . Kurz überlege ich Reaktionen, die mir einfallen, wenn das uns widerfährt. Keine ist im Einklang mit dem Strafgesetzbuch. Schauen ma a mal.

Das Becherhaus müssen wir erst noch erklimmen. Ein launischer Klettersteig raubt mir die letzte Energie. Renate geht es besser. Aber so richtig kann sie die Sissy-Stiege zur Hütte auch nicht genießen.

Die Hüttenleute empfangen uns freundlich, den Willkommensschnaps lehnen wir dankend ab. Schon vor dem Abendessen fange ich an, mit einem Kaiserschmarren meine Kohlenhydratespeicher aufzufüllen. Das Abendessen um 19 Uhr ist auch erstaunlich fein. Das Hüttenleben kann beginnen. Das Zimmer ist recht okay, vor allem, wenn man die Höhe bedenkt, auf der die Hütte liegt, immerhin 3.195m.

Der Sonntag auf garmin.com

Montag, 5. August 2024

Für heute haben wir uns die Sonklarspitze (3.450m) vorgenommen. Die Nacht war erbärmlich. Okay, das ist meist in dieser Höhe so. Unsere Uhren meinen, dass wir nicht ganz auf der Höhe sind. Von sportlicher Betätigung wird abgeraten. Renate hat es gestern besser ausgehalten als ich. Die Trainingsbereitschaft ist bei mir bei 1 von 100. Tiefer geht’s nicht.

Wir starten über die Sissy-Stiege und den kühnen Abstieg über die Leiter auf den Firn. Weiter geht es zur Müllerhütte und dann in einem Bogen an den Ostgrat der Sonklarspitze. Von Spalten ist keine Spur. Am Fels des Ostgrat lassen wir Seil und Steigeisen zurück. Nun wird gekraxelt und das ist, nun ja, kurzweilig. Hinauf geht es leichter, das wird im Abstieg spaßig. Renate hat aber eine Routine entwickelt, sodass mir das keine Sorge macht – Respekt!

Uns kommen überraschend viele Leute entgegen. Aber bald sind wir alleine, nur der Wind stört ein bisserl. Nach Jause und Fotos geht es wieder an den Abstieg. Der ist abermals kurzweilig. Renate meistert all das mit Bravour. Wir sammeln Seil und Steigeisen ein und machen uns wieder gletscherfit. Da gehört Disziplin dazu, den Gefahren vermag ich keine zu erkennen.

Der Aufstieg zum Becherhaus ist wahrlich zäh. Die Sonne brennt runter, der finale Anstieg zum Becherhaus gibt einem den Rest. Zumindest sind wir zum Mittagessen da, wovon wir ausgiebig Gebrauch machen.

Um 16 Uhr wollen wir noch auf den Wilden Freiger (3.418m) und die Drohne mitnehmen. Eine Stunde soll der Aufstieg dauern und einfach sein. So wandern wir los. Aber schon bald stellt sich der Anstieg als gar nicht so einfach dar. Renate ist an einer schwierigeren Stelle ein Stück zurück, eine ein bisserl ausgesetzte Stelle trennt uns. Sie schickt mich alleine weiter und lässt sich zu keiner anderen Option als der Umkehr überreden. Gut, die Hütte ist nahe und ich zische alleine weiter – ein bisserl schade ist das schon!

Knapp vor dem Gipfel fallen mir zwei junge Bergsteigerinnen auf. Da spricht mich die eine an, ob ich ihr einen Gefallen tun kann. Ich soll ihren Kontrollpass am Gipfelkreuz abstempeln. Sie war oben, hatte aber den Rucksack weiter unten abgestellt und derart den Pass vergessen. Ihre Freundin wirkt überaus desperat. Hmm, wir waren im Gespräch und ich wurde um einen Gefallen gebeten. Da werde ich nicht nochmals nachfragen.

Am Gipfel angekommen, probiere ich die Drohne aus. Aber sie will nicht. Flugdatenspeicher voll, Sichtsensoren deaktiviert und große Höhe. Mir kommt es vor, als würde sie Ausreden suchen. Das Licht und die Stimmung würden jedenfalls passen. So mache ich mich unverrichteter Dinge wieder an den Abstieg.

Beim Abstieg hole ich die zwei Bergsteigerinnen knapp vor der Hütte ein. Die eine trägt nun einen eindrucksvollen Verband an der Wade. Die Geschichte ist die: schon am Gipfel hat sie beide Sohlen ihrer Bergschuhe verloren, den Abstieg ohne Sohlen gewagt und sich nun bei einem Sturz ordentlich verletzt. Die fehlenden Sohlen und die tiefe Wunde sind zwei ganz starke Argumente für den Hubschrauber. Aber das wollen sie lieber nicht. Ich ringe ihnen das Versprechen ab, dass sie den Hüttenwirt informieren. Der Hüttenwirt macht klar, dass er nicht weiß, was er machen soll, wenn sich die Wunde in der Nacht entzündet. Am nächsten Tag kann sie ohne Sohlen ohnedies nicht absteigen. So kommt der Hubschrauber dann doch noch.

Renate und ich haben uns um je zehn Euro eine Dusche gegönnt und sind damit zumindest äußerlich wieder hergestellt. Zuversichtlich starten wir in die Nachtruhe.

Der Montag auf Garmin.com

Dienstag, 6. August 2024

Sonnenaufgang bei wolkenlosem Himmel – wow! Für heute haben wir uns eine leichtere Tour vorgenommen. Sie führt über den Übeltalferner zum Botzer Ferner, diesen hinauf zur Botzer Scharte, dann den Ostgrat hinauf auf die Königshofspitze. Runter geht’s über den flachen, namenlosen Ferner und wieder hinauf über den Übeltalferner zum Becherhaus. So weit der Plan.

Der Hüttenwirt wirkt wirklich kompetent. Selbst hat er diese Touren auf alpenvereinaktiv zur Verfügung gestellt. Er erklärt, dass der Aufstieg über den Ostgrat ganz einfach ist. Man muss sich lediglich den Weg suchen, markiert ist da nichts. Der Abstieg über die Westseite ist ein Genuss. Am Internet ergänzt er: „Für Einsteiger und zu Übungszwecken geeignet.“.

Wir sind schon etwas erschöpft von den zwei Vortagen. Doch dann ist Renate wieder eine wunderbare Begleiterin, überwindet sich, und wir steigen auf den Übeltalferner. Eine einzige Spalte stellt sich uns in den Weg. Wir müssen sie umgehen. Das waren die Herausforderungen am Gletscher. Der Klimawandel hat die Gletscher abgeschliffen, und meines Erachtens damit entschärft. Auf anderen Gletschern wird es anders sein. Hier sieht es jedenfalls danach aus.

Der Hubschrauber hat Gletscherforscher in der Früh abgesetzt. Abgesehen von diesen, sind wir ganz alleine in dieser traumhaft schönen Landschaft unterwegs. Wir haben es nicht eilig. Die Tour sollte am frühen Nachmittag erledigt sein. Einige Pausen später sind wir am Botzer Ferner auch schon weit aufgestiegen. Der Aufstieg zur Botzer Scharte scheint wirklich gut machbar zu sein. Und weiter? Aber eins nach dem anderen. Wir steigen über den Firn und die Felsen zur Scharte auf. Renate ist wie immer tapfer, da gibt es kein Murren oder Zweifeln.

Aber bei mir kommt massiver Zweifel auf. Ich sehe bei bestem Willen nicht, wie wir da rauf kommen sollen. Ist der Hang abgerutscht? Loses Gestein türmt sich immer steiler werdend vor uns auf. Okay, es ist nicht weit, aber da gehe ich nicht rauf. Renate schlägt vor, noch ein Stück weiter zu steigen, aber diesmal verweigere ich strikt.

Wann denn der Hüttenwirt das letzte Mal hier war? Ich habe so meine Zweifel. Leicht soll es sein. Ich habe noch seine abweisende Armbewegung in Erinnerung, als er die Schwierigkeit erwähnt.

So sitzen wir auf der Scharte und erfreuen uns des wirklich feinen Jausenplatzes. Einsam ist es und wirklich schön ist es.

Irgendwann steigen wir wieder das Firnfeld und den Botzer Ferner ab. Danach geht es hinauf zum Becherhaus. Wir wählen eine längere, weniger steile Variante. Das Fehlen von Spalten lässt diese sorglose Wegwahl zu. Die Sonne brennt ganz schön runter.

Halt, was ist das? Eine Fata Morgana? Geht da einer mit den Skiern am Rücken in der Ferne alleine über den Gletscher. Alleine am Gletscher! Ha, der wird vom Alpenverein definitiv unehrenhaft entlassen. Mit dem Super-Tele am Handy erkennen wir mehr. Er trägt einen ganzen Bund Stangen auf der Schulter. In der anderen Hand trägt er das Handy, auf das er unentwegt starrt. Irgendjemand muss ihm GPS-Koordinaten aufgeschrieben haben. Die geht er jetzt ab. Hat er einen Punkt gefunden, legt er eine Stange ab. Da komme ich mir in der total professionellen Hochtourenausrüstung ein bisserl komisch vor. Seltsames Gefühl, so als Touri-Puri am Gletscher unterwegs.

Der Aufstieg geht dann besser als an den letzten Tagen. Trotzdem keuchen wir unter der Hütte gewaltig.  Auf der Sonnenterrasse werden Kalorien und Getränke nachgefüllt. Die Königshofspitze haben wir nicht geschafft, aber es war trotzdem ein toller Tag in den Bergen.

Bis zum Abendessen spielen wir noch zwei Runden Würfelpoker. Sachen macht man, wenn man nicht viel machen kann. Ich staune.

Die Hütte ist nicht mehr so voll, wir bleiben zu zweit in unserem Zimmer. Das Essen ist gewohnt gut, und so könnte der Tag gemütlich ausklingen, wäre da nicht der Wetterbericht für morgen, der heftige Gewittern ab 14 Uhr mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagt. Diese Gewitter waren schon von Anfang an für Mittwoch angekündigt, aber nun hat die Intensität zugenommen. Bei Renate kommt Unruhe auf. Auch ich habe keinen Funken Lust, bei Gewitter auf einem Grat oder Gletscher zu sein. Ich will nicht einmal das Regengewand anziehen. Das ist eine Schwitzerei, auch wenn es die besten Materialien sind, die man momentan kaufen kann. So schlage ich vor, dass wir um sieben Uhr starten, da jede halbe Stunde zählen könnte. Renate nickt und Gute Nacht.

Mittwoch, 7. August 2024

Die Nacht war schlaftechnisch nicht viel besser als die vorigen. Es hat geblitzt und gedonnert. Um 05:30 läutet der Wecker und augenblicklich steht Renate in voller Montur im Zimmer. Oha, ich bin beeindruckt. Für gewöhnlich dauert es eineinhalb bis zwei Stunden vom Aufwachen bis zum Aufbrechen. Alleine brauche ich eine Stunde – verlässlich durch viele Ereignisse belegt. Egal, heute hat es jemand eilig.

Frühstück, Rucksack packen, Zähneputzen und Zahlen. Renate legt Professionalität an den Tag, ich staune, mir soll es recht sein. Um sieben Uhr sind wir unterwegs – okay, sind auch eineinhalb Stunden, aber mit mehr notwendiger Vorbereitung als sonst. Wir starten Richtung Westen zur Müllerhütte. Eigentlich ein traumhaftes Wetter, wäre da nur nicht die große Gewitterwolke im Westen. Ich tippe und hoffe sehr, dass die aufgehende Sonne diesen bedrohlichen Amboss auflösen wird. Wetterberichte sind über die Jahre wirklich gut geworden! Nur sehe sehe ich auch nicht weit nach Westen. Was, wenn dort noch mehr labile Luft nachkommt. Wir haben keinen Plan B. Da gibt es also unschöne Szenarien. Nasser Fels, Gewitter am Grat oder Gletscher,.. Vielleicht schaffen wir es auch knapp zur Seilbahn, die dann aber wegen Unwetter eingestellt ist.

Wir wollen uns nicht in Panik reden und überlegen nur die eine oder andere Option. Renate bleibt cool und entspannt, das ist wirklich sehr angenehm!

Ein weiterer Vorteil ist, dass sie ein Tempo vorlegt, dass ich sie bremsen muss. Schon nach 45 Minuten sind wir an der Müllerhütte vorbei. So ein Tempo halten wir mit den schweren Rucksäcken sicher nicht durch.

Bald steht der Pfaffengrat an, der uns am Sonntag im Abstieg so überrascht hat. Rauf geht es leichter als runter. Die Kletterei ist wirklich eine Freude. So weit, so gut! Die Gewitterwolke hat übrigens gegen die aufgehende Sonne verloren. Auch das sieht gut aus. Und dann überholen wir noch ein junges Paar. Die junge Frau geht am kurzen Seil. So sind sie doch recht langsam unterwegs. Für sie ist es die erste Hochtour. Das ist wahrlich tapfer. Wir vereinbaren, dass das schnellere Paar bei der Seilbahn bekannt gibt, dass noch jemand unterwegs ist. Und ich hoffe doch sehr, dass wir es sind, die Bescheid geben werden.

Renate zischt den Grat hinauf und keucht wild. Die Höhe, durchgehend über 3.000m, fordert ihren Tribut. Und dann das Juchhu, wir sind am Wilden Pfaff. Das heißt, Klettern am nassen Fels bleibt uns schon mal erspart.

Vom Wilden Pfaff wählen wir die Normalroute im Abstieg und lassen das steile Firnfeld aus. Auch das Zuckerhütl und andere günstige Dreitausender ziehen unberücksichtigt an uns vorbei. Renate hat einen gut unterdrückten, aber auch unübersehbaren Zug zum Ziel.

So geht sie vor und ich hinten nach. Wie viel Schnee die Sonne in den letzten drei Tagen weggefressen hat! Ich schaue links, ich schaue rechts und plötzlich ist unter mir nichts mehr. Mit dem rechen Bein bin ich zur Gänze eingebrochen. Renate macht völlig automatisiert, was man in so einer Situation machen muss. Sie zückt das Handy. Aber Mist, das will dauernd ein Video machen und kein Foto. Wenn der Rest der Schneebrücke nachgibt, fliegt sie mir mit ihrem Handy hinterher. Okay, das ist unwahrscheinlich, aber trotzdem will ich da raus. Die Fotografin gibt ihr Okay, und ich ziehe mein zwischenzeitlich gut gekühltes Bein aus dem kalten, feuchten Schneeloch.

Dann ist auch der Gletscher schon aus, wir sind wieder am Pfaffenjoch. Wir werden auch nicht bei Gewitter am Gletscher stehen. Jetzt drohen nur noch eine Regenwanderung oder eine eingestellte Seilbahn. Da gönnen wir uns doch glatt eine Pause mit Jause.

Die weiteren Teile der Strecke ziehen problemlos vorbei. Müdigkeit macht sich breit. Wir sind im Skigebiet angekommen und müssen noch zur Seilbahn aufsteigen. Hart, aber machbar.

Der Himmel ist mittlerweile bedeckt, das Wetter hat zugezogen. Oben bei der Aussichtsplattform und der Gondel stehen ausreichend Menschen. Das wird sich ausgehen. Wir treffen auf ein junges Paar aus Holland. In kurzen Hosen und Turnpatschen wurden sie von der Gondel auf 3.200m ausgespuckt. Wo wir denn herkommen? Ah, die Müllerhütte! Dort wollen sie hin, aber es ist wohl schon zu spät heute. Wie bitte? Was bitte? Ich bin zu müde. Alternativ gehen sie eben nur bis zur Hildesheimer Hütte. Nein, da kommt keine Hütte. Was soll der Blödsinn? Nein, eine Karte haben sie nicht. Jetzt erbarmen wir uns doch. Ein Blick aufs Handy sagt, dass sie falsch gegangen sind. Sie müssen zurück zur Gondel und dann einen anderen Weg nehmen, der aber auch über den Gletscher führt. Fasziniert schauen sie auf mein Handy. Ja, haben die denn gar nichts mit! Ob man auf dem richtigen Weg Steigeisen braucht? Na ja, sieht nicht so steil aus, aber ohne Grödel wird es nicht gehen. Man braucht nur 45 Minuten. So steht es am Schild bei der Bergstation. Schon, aber am richtigen Weg und in die richtige Richtung. Und in Turnschuhen? Geht’s noch? Mir wird die Diskussion zu anstrengend, die Reserven sind wirklich aufgebraucht. Eine Frage noch: ob ich glaube, dass es zu regnen beginnen wird. Na ja, der Wetterbericht sagt, ab 14 Uhr und es ist 13:30. Mag sein, dass es sich verzögert. Auch, wenn ich so alt bin wie die beiden zusammen, kann ich den Regen nicht riechen, sorry!

Ich überlege kurz, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir hier auf einen Extremfall getroffen sind. Das wird eher die Regel als die Ausnahme sein. Wir starten zur Bergstation. Die Niederländer bleiben zurück. Wir haben den Weg verloren und mein Anstieg ist ihnen zu steil. There must be another route! Alles Gute!

Mit leeren Batterien kommen wir bei der Bergstation an. Renate hat so professionell durchgehalten, aber jetzt hält sie nichts mehr. Sie will runter vom Berg. Wir stolpern in eine freie Gondel und abwärts geht es. Die Dresdner Hütte bei der Mittelstation bietet sich für ein Mittagessen an. Aber die ersten Tropfen fallen schon. Nein, gleich bis runter zum Auto, ohne weiteres Risiko, kompromisslos! Alles ist gut gegangen. Für uns zumindest, denn nach ein paar Kilometern im Auto schüttet es abenteuerlich. Wie sich das in Turnschuhen in über 3.000m abfüllen muss? Ich weiß es nicht, und will es auch trotz feiner Ausrüstung, soweit möglich, vermeiden.

Der Mittwoch auf garmin.com

Für uns gehen vier intensive Tage zu Ende. Ich habe in Renate eine herausragende Begleiterin gefunden. Das kann ich gar nicht oft genug erwähnen. Jepp, so ist es!

Wir fahren nach Lans bei Innsbruck zum Isserwirt, wo wir um 17:30 Abendessen und danach unmittelbar in Tiefschlaf verfallen. So soll es sein! Nach einem Spaziergang in Innsbruck rollen wir nach Salzburg, wo Renate mit ihrer Freundin die Festspiele besucht. Ich liege im Bett. Entweder habe ich mir einen neuen Virus in der Gondel eingefangen oder der alte Virus war so freundlich, die vier Tage zu pausieren. Den Stadtspaziergang in Salzburg absolviere ich noch einigermaßen würdevoll, das geplante Essen mit Renates Freunden lassen wir besser ausfallen.


Fazit

  • Renate ist eine wahrlich tapfere und Ruhe bewahrende Partnerin, auf die ich mich voll verlassen kann. Vielleicht habe ich das schon erwähnt.
  • Drei Nächte und vier Touren in vier Tagen sind anstrengend, wirklich anstrengend für uns.
  • Die Stubaier Alpen sind ein tolles Tourengebiet, auch wenn sie durch den Klimawandel einiges an Strahlkraft verloren haben.
  • Das Becherhaus ist toll geführt und auf jeden Fall einen Besuch wert. Die Lage ist beeindruckend und einmalig.
  • Die Müllerhütte wäre für uns besser gelegen. Wir hätten uns einige Wegzeiten gespart. Nach Angaben anderer Bergsteiger war die Hütte in diesen Tagen wenig besucht. Ob das immer so ist, kann ich natürlich nicht sagen. Die Hütte soll ebenso wie das Becherhaus gut und freundlich geführt sein.

Hintere Schwärze (3.624 m)

Als Gernot und ich letztes Jahr über den Marzellkamm auf den Similaun gestiegen sind, haben wir immer wieder zur Hinteren Schwärze geschaut. Bedrohlich hat sie damals gewirkt. Das lag sicherlich am Nebel, den Wolken und dem spaltenreichen Marzellferner. Da war auch bald fix, dass wir da hinauf wollen. Doch dieses Jahr wird’s eng. Gernot ist mit seiner neuen Wohnung in Kärnten beschäftigt, und bei mir steht in zwei Wochen das neue Hüftgelenk an. Natürlich bin ich voller Zuversicht, dass der Tausch ein voller Erfolg werden wird. Anderseits gilt: was man hat, das hat man. So engagiere ich wieder einen Bergführer, denn alleine geht man so lange Gletschertour nicht.

Was ich mir immer vor so einer Tour an irrationalen Sorgen mache! Okay, durch die endlosen Gletscherspalten, wird mich Alex, der Bergführer, leiten. Das ist sein Job. Wie er überhaupt den Weg zu finden hat. Aber was, wenn Alex nicht bei der Martin-Busch-Hütte ist oder am Vorabend zu wild gefeiert hat. Lauter Mist geht mir durch den Kopf, sodass ich mich selbst nicht kenne!

Egal, um fünf Uhr läutet der Wecker. Leise stehle ich mich aus dem Zimmer. Renate wünscht mir Glück, Mio ignoriert mich. Das Hotel hat mir ein Lunch-Paket hergerichtet – sehr fein. Am Vortag habe ich mir in Vent ein E-Bike ausgeliehen. Das ist ein Hardtail, also hinten nicht gefedert. Egal, der Verleiher meint, dass ich damit mühelos zur Martin-Busch-Hütte komme. So starte ich um halbsechs. Es ist noch stockfinster, als ich losradle. Die Stirnlampe leuchtet den Weg. Aber das Radl ist suboptimal. Die Federung hinten bietet meines Erachtens nicht nur Komfort sondern auch Grip bei steilen Anstiegen. Passe ich nicht auf, liefert zwar der E-Motor ausreichend Kraft, aber der Reifen dreht durch. Zum Schieben ist das Radl viel zu schwer und die Zeit viel zu knapp. So bin ich ein bisserl gestresst. Aber was ist das? Was funkelt da so auf dem Weg? Wer hat da so viele Reflektoren aufgestellt? Ehe ich das checke, stehe ich schon in einer Herde schlafender Schafe. Mann oh, zur Seite! Ich hab’s echt eilig! Als dann noch zweimal die Kette rausspringt, bin ich knapp dran, den Dreck in den Graben zu werfen und weiter zu Fuß zu gehen. Das ist natürlich keine Option, und ich steige wieder auf mein „Haibike“ auf. Also, Gaßbock oder Bockende Sau fände ich passender!

Etwas zu spät, aber doch komme ich bei der Hütte an. Dort wartet schon Alex auf mich. Alex ist ein paar Jahre jünger als ich, hauptberuflich Berg- und Schiführer, Bergretter sowie gerichtlicher Sachverständiger für Alpinunfälle. Ich geniere mich für meine Sorgen. In besseren Händen könnte ich nicht sein.

Um kurz nach halbsieben starten wir. Ich bin vergnügt aufgekratzt. Alex geht vor, ich folge ihm auf den Marzellkamm. All das in einer Geschwindigkeit wie vor ein paar Jahren, als die Hüfte noch Laufen zuließ und ich entsprechend fit war. Auf 2.820m dann der Abstieg zum Marzellferner. 120 Höhenmeter muss man mittlerweile absteigen, um zum Eis zu gelangen. Wir legen Steigeisen und Klettergurt an. Ich bin umsorgt: „Ja Gottfried, du kannscht auch schon die Handschuhe bereithalten. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen dem Schutz vorm Eis! Vielleicht magscht auch schon die Sonnenbrille griffbereit haben.“.

Wir steigen los. Das Morgenlicht lässt einen Blick nach oben zu. Keine Spalte weit und breit im ersten Abschnitt. Das Eis ist griffig! Ich dachte, wir werden unentwegt über Spalten steigen. Völliger Quatsch, wieder eine Sorge fürs Erste entsorgt. Alex geht vor und ich steige nach. Schnell sind wir unterwegs, ich sage nichts. Im Nachhinein weiß ich, dass ich mir dazu Sorgen machen hätte sollen.

Rasch sind wir auf 3.000 Meter angelangt. Ein paar Spalten versperren den Weg, aber nichts Dramatisches. Alex sucht und findet schnell einen Weg. Springen kann ich nicht und balancieren will ich nicht, das habe ich rechtzeitig angemerkt. Vorgewarnt, dass sich das vielleicht nicht ganz vermeiden lässt, stehe ich nun da und sehe, dass mir da nichts als besonders herausfordernd erscheint. Abseits der Anstrengung, aber die kenne ich ja.

Der Gletscher ist nicht sonderlich steil, und so spazieren wir in dieser tollen Eislandschaft. Selten kommt hier jemand her, meint Alex. Auch heute macht sich von der Hütte niemand sonst auf den Weg. Die Hintere Schwärze liegt abseits der ausgetretenen Pfade. Die Nordwand ist noch bekannt. Noch hat die Klimaerwärmung genug übrig gelassen. Aber die lassen wir aus.

Der flache Teil liegt hinter uns und wir machen wieder Höhe. Das Eis ist griffig und nicht ganz hart. Optimale Bedingungen sind das. Wir sind bald auf knapp 3.400m und da ist sie plötzlich. Körperliche Erschöpfung ist da. Ja, woher denn? Sonst achte ich so sehr auf mich, aber diesmal bin ich da immer brav hinten nach marschiert. Das war nicht schlau, zumal der, dem ich nach bin, als Bergführer ein bisserl öfters als ich unterwegs ist. Und steil wird es jetzt auch nochmal im letzten Anstieg! Eine alte Spur führt den Hang schnurstracks hinauf. Alex meint, dass das Eis hier 35 bis 40 Grad steil ist. Mir kommt es steiler vor. Mulmig wird es mir. So vertraut sind mir die Steigeisen dann doch nicht. Mag sein, dass ich seit Jahrzehnten sie immer wieder anhabe, aber eben nur ein, zwei Mal pro Jahr. So folge ich am kurzen Seil. Wie Mio, wenn er Angst hat, weiche ich keinen Schritt von Alex Seite. Ich bezweifle, dass uns etwas hält, wenn einer von uns beiden ausrutscht oder stolpert. Meinen Hang zum Stolpern kenne ich. Also, Blick auf den nächsten Schritt und schön eng hinten nach. Die Luft geht aus und wir müssen gar ein paar Mal innehalten. Alles geht vorbei, auch diese wahrscheinlich nicht einmal 50 Höhenmeter. Eine paar Meter steiles Eis nochmals und wir legen Steigeisen, Pickel und Handschuhe ab. Jetzt geht es den Fels hinauf. Erst steil und dann flach. Bei mir ist die Luft draußen. Pech, dass mich das so knapp vorm Ziel einholt. Aber die letzten 50 Höhenmeter schaffe ich auch noch. Das weiß ich. Da beißt keine Maus einen Faden ab!

Schon weiter unten waren wir der Meinung, dass wir zwei Menschen am Gipfel sehen. Nun haben wir sie das letzte Mal gesehen. Lange waren sie heroben, aber begrüßen wollten sie uns nicht. Auch Alex ist ein bisserl ratlos, wo sie her und nun wieder hin sind. So bleibt uns der Gipfel alleine. Kein Wind, uneingeschränkt Sonne und angenehme Temperaturen. Jause und Plaudern stehen am Programm. Besser könnte es nicht sein.

Gut gestärkt und ein bisserl erholt gehen wir den Abstieg an. Wie ich den steilen Hang wieder runterkomme? Nun ja, mit dem Gesicht voran ist mir das zu steil. Im allgemeinen und auch ein bisserl wegen der Hüfte. Beim Abstieg merke ich sie doch beträchtlich, mein Gang hat sich in den letzten Monaten recht versteift. Keine Sorge, zur Not seilt mich Alex ab. Schon ist die erste kurze Steilstufe geschafft, wir kommen zum längeren Hang. Ich soll der alten Spur da folgen, die den Hang nach unten quert. Dabei soll ich immer nur auf den nächsten Schritt schauen. Ja, die Tipps kenne ich, nur halt nicht als Empfänger. Aber ich halte mich daran und mache mechanisch einen Schritt nach dem anderen. Querungen mag ich für gewöhnlich nicht, aber diesmal geht es deutlich besser als sonst. Und dann ist der Hang auch schon vorbei. Mann oh, nichts ist leichter als überstandene Herausforderungen.

Der Abstieg ist erträglich, ein Stolpern gehört bei mir fix dazu, aber sonst geht’s gut. Alex hatte beim Aufstieg die Augen offen. Und so umgehen wir den Spaltenbereich, in dem er beim Aufstieg ein bisserl suchen musste, orographisch ganz rechts. Alles ab nun unspektakulär bis zum Ende des Eises. Ein kleines Workout mit 120 Höhenmetern auf den Marzellkamm wartet und nervt ein bisserl. Oben angekommen biete ich Alex an, dass er schon vorzischen kann, aber er verweigert. So steigen wir noch die 300 Höhenmeter zur Hütte ab, wo wir uns Getränke und ein bisserl etwas zu essen gönnen. Tadellose Tour, tadellose Bedingungen! Ich bin stolz wie Oskar!

Auf mich wartet noch der mühsame Ritt auf meinem Geißbock. Der ist nicht angenehm, aber unvergleichbar besser als die knapp acht Kilometer zu Fuß. Auf einem Fully wäre es es ein Spaß, so ist es zumindest eine Erleichterung. Nach einer halben Stunde bin ich in Vent. Yes, geschafft! Ein bisserl ausgebrannt, ein bisserl sehr ausgebrannt. Stiegen steigen ist kein Spaß. Liege ich im Bett, kann ich meinen Oberschenkeln zuschauen, wie sie auf noch nie da gewesener Art und Weise krampfen. Das Schauspiel ist beeindruckend und auch schaurig. Egal, wie ich die Beine lagere, irgendwo krampft ein überanstrengter Muskel. Irgendwann ist das bislang in meinem Leben einmalige Phänomen vorbei. Das ändert nichts: wert war die Tour das allemal!

Resümee: Ich hatte wieder einmal viel mehr Sorgen als angebracht. Nicht ein Bruchteil ist eingetreten. Der Marzellferner ist zerklüftet, aber bei diesen Bedingungen meines Erachtens nicht sonderlich gefährlich. Ich war in besten Händen, ein erfahrener Bergführer hat mich durch das Labyrinth geleitet. Da lässt es sich leicht sagen, dass es eine einfache Angelegenheit ist. Der eine steile Abschnitt war für mich an diesem Tag die Schlüsselstelle. Da hatte ich mit mir selbst genug zu tun. An anderen Tagen mag dieser Hang einfacher oder auch deutlich schwerer sein. Oder die Herausforderung besteht im Finden des richtigen Wegs durch die Spalten. Ich hatte jedenfalls weit mehr Spalten erwartet! Die Tour ist lange und anstrengend. Aber das darf sie ruhig sein. Und edel ist die Tour! So edel, dass ich mir wiederum denke, warum die Hintere Schwärze im Sommer so selten besucht wird. Aber das muss ich ja nicht verstehen. Ich kann die Tour jedenfalls empfehlen!

Aufstieg auf Garmin
Abstieg auf Garmin (nicht vollständig)

Hochalmspitze (3.360m)


Fotos


Ein Besuch bei der Tauernkönigin steht an. Das Ötztal ist von den unglaublichen Regenmengen in Mitleidenschaft gezogen, Gernot verweilt in Viktring und der Wetterbericht ist für den Süden besser, obschon nicht tadellos. So treffen wir uns am Friedhofsparkplatz in Gmünd in Kärnten, von wo es weiter über Malta und dann nach Westen über eine doch recht lange einspurige Straße zum Gößkarspeicher geht.

Was alles mitnehmen? Vor sechs Jahren habe ich die Tour schon einmal gemacht. Ich kann mich noch allzu gut erinnern, wie ich den Rucksack nach der anstrengenden Tagestour in die Q fallen lassen konnte. Ich hatte fast alles mit, was die Bergsportabteilung so bietet. Auch erinnere ich mich an den Übergang vom Klettersteig aufs Trippkees.

Diesmal wollen wir einiges geschickter machen. Wir haben auf der Gießener Hütte zwei Doppelzimmer gebucht. Sogar Sauna, Whirlpool und Duschen sind angekündigt. Die Hütte ist überaus fein, die Mitarbeiter super nett. Und weil es weder GSM-Abdeckung noch WLAN gibt, geht der Wirt mit jeder Gruppe auf Wunsch die anstehende Tour und den Wetterbericht durch. Die Klimaerwärmung hat meine Tour von vor sechs Jahren so stark verändert, dass wir sie diesmal gegen den Uhrzeigersinn gehen wollen. Das heißt, wir wollen über den Rudolstädter Weg aufsteigen und über den Detmolder Grat wieder runter. Der Wirt bestätigt diese Option als vernünftige Wahl, die Tourenführer werden diese Richtung ab nächstem Jahr ohnedies vorschlagen. Vom Trippkees ist nicht mehr viel über. Mit Übung werden wir es laut ihm ohne Seil und ohne Steigeisen schaffen. In meiner Erinnerung ist es mulmig. Nein, das steile Eisfeld will ich weder ohne Steigeisen noch ohne Seil rauf oder runter. Auch der Einstieg in den Klettersteig am Detmolder Grat wurde verlegt. Das Seil, an dem ich mich noch hochziehen musste, ist Vergangenheit. Ein solider Klettersteig ist gebaut, in die Nähe des Gletschers kommt man nicht mehr. So weit die vorbereitenden Worte des Wirtes.

Wir starten kurz nach sieben mit Seil und Steigeisen in den Rucksäcken. Das macht sie recht schwer. Die Kamera habe ich mit, das Seil schleppt Gernot. Recht kurzweilig geht es bei Kaiserwetter über den Rudolstädter Weg zum Trippkees. Wir fotografieren, lachen, scherzen und haben definitiv eine gute Zeit. Das Trippkees schockiert mich dann ein wenig. Nicht, weil es so wild, sondern so wenig ist. Das Eis hat sich weitgehend zurückgezogen. Zwanzig Höhenmeter mit tadellosem Sommerfirn sind zu bewältigen. Das verlangt weder nach Steigeisen noch nach Seil. Dafür ist die Felswand länger. Aber das sollte alles gehen.

Im untersten Teil kann man sich entweder an Seilen über den glatten Fels hochziehen oder in Aufstiegsrichtung gesehen rechts herum über geschätzt 30 bis 35 Grad steilen Firn wandern. Das Seil ist mehr Show, die Wanderung entspannter. Wir mischen beides – siehe Fotos. Vom Einstieg des Klettersteigs trennen uns irgendwann noch vier, fünf Meter steile Felswand. Alte Seile hängen herunter. An diesen muss man sich nun „hinaufhangeln“. Das erfordert Kraft. Alternativ gibt es wieder eine „Umgehung“ in der Wand, aber die ist gar schmal.

So schicke ich Renate am Seil nach oben. Weil ich nicht will, dass sie mir entgegenkommt, gebe ich ihr eine Behelfsseilklemme mit. Ich sehe Knoten bei Beginn des Drahtseils am Klettersteig. Das muss aber gehen. Renate kraxelt die fünf Meter und hängt .. am Knoten. Gernot steigt die Umfahrung auf, ihm gleitet die Klemme nicht fein genug, um auch das Seil zu nehmen. Ich steige hinter Renate her. Bei ihr angelangt, drücke ich ihr die beiden Karabiner ihres Klettersteigsets in die Hand, die sie auch brav in das Drahtseil einhängt. Gut, die ist mal gesichert. Ich vermute, dass sie im Klettersteigset sitzt und es entspannt hat. Leider zieht sie die Behelfsklemme gegen den Knoten, und mir will das Aushängen des Karabiners nicht gelingen, ohne dass die Klemme in die Tiefe stürzt.

So fummle ich da rum. Selbst hänge ich an einem Arm. Die Handschuhe sind im Weg. Der Arm meint, dass er dafür nicht trainiert ist. Ich ziehe mir die Handschuhe aus, die jetzt lose herumbaumeln, aber noch will ich die Klemme nicht aufgeben. Renate jammert, dass sie sich nicht mehr lange halten kann. Was soll denn der Quatsch? Sie sitzt doch gut, bei mir wird es zäh! Gernot sieht aus zwei Meter Entfernung zu und bewahrt professionell die Ruhe. Auch er will ungesichert dort nicht weiter. Irgendwann habe ich dann die Klemme frei und nicht verloren.

Was ist denn da los? Da hat jemand mit blonden Locken vergessen, dass sie eh gesichert ist. Entsprechend hat sich Renate mit einem Arm am Stahlseil festgeklammert. Ihr linker Fuß wollte keinen Halt finden. So war ihre Situation zwanglos unkomfortabel. Mein linker Unterarm zeigt sich wenig zufrieden. Und da ist noch Gernot. Der hat mit aller Geduld und professioneller Unaufgeregtheit ausgeharrt und fragt nun mit britischer Gelassenheit, ob ich ihm das zweite, herunterhängende Seil reichen kann. Das würde seinen weiteren Aufstieg ermöglichen, einen Sturz vermeiden und unsere Tour dem Erfolg näherbringen. Aber sicher, my dear! So balanciert Gernot auf dem sieben Zentimeter breiten Felsband an der überaus steilen Felswand entlang. Wenn ihn diese abdrängt, dann fällt er nicht weit. Er würde mit Schwung pendeln und mich in die Sicherung wuchten. Nur darauf habe ich gar keine Lust. Alles halb so wild, denn es geht wie fast immer gut!

So stehen wir zu dritt im Klettersteig und der ist wirklich steil. Technisch ist er nicht schwer. Nur die Steilheit führt dazu, dass wir uns wie die Bergziegen an einer Staumauer an die Wand drängen. Wir sind nicht ganz so geschickt wie die Ziegen, aber dafür gesichert.

Die Steinernen Mandln sind bald erreicht. Nun geht es den Grat entlang Richtung Gipfel. Der erste Teil ist noch mit Stahlseilen gesichert. Alles keine Schwierigkeit oder Ausgesetztheit. Landschaftlich ist es traumhaft schön. Nebel steigt ein bisserl dramatisch auf. Neuschnee liegt noch da, sieht auch schön aus. Der Grat ist wenig überraschend länger als gedacht. Nach der Aufregung in der Wand machen sich da Motivationslücken breit. Da hilft nur eines – Weitergehen. Und da ist er schon der Gipfelaufschwung. Nochmals wird gekraxelt, teils mit Stahlseilen gesichert und schon stehen wir am Gipfel. Aber just jetzt hat es zugezogen. Schade! Aber ist das schon die angekündigte Veränderung für den Nachmittag? So bleiben wir nur kurz. Nach einigen Fotos und ein paar Schnitten machen wir uns auf den Weg.

Runter geht’s den Detmolder Grat. Das ist ein Klettersteig und der ist deutlich länger als jener vom Trippkees rauf. Die Sonne hat den neuen Schnee und das Eis weitgehend entfernt. Fein ist das! Ach, die Sonne ist wieder da. Aber zurück auf den Gipfel will nun auch keiner mehr. So steigen wir den Klettersteig ab. Wir steigen und steigen, verlieren aber keine Höhe.

Technisch ist der Steig manchmal spannend. So denke ich mir ein paar Mal, wie man da im Aufstieg raufkommen soll. Gelegentlich muss man sich ganz schön strecken. Aber was soll’s? Wir machen weiter und erreichen irgendwann den letzten Teil. Schon wie vor sechs Jahren geht es direkt am Seil über die abgeschliffenen Felsen runter bzw. damals rauf. Aber die elastischen, alten Bergseile sind durch gut verankerte Stahlseile ersetzt. Das macht die Sache wesentlich leichter. Geschafft, schon etwas müde und noch immer deutlich über 3.000m haben wir den Klettersteig geschafft. Na servas!

Jetzt kommt der mühsame Teil der Tour. Über endlos Blockwerk geht es zur Winkelscharte (2.860m). Hier treffen wir zwei junge Bergsteiger, die noch auf die Hochalmspitze und dann weiter zu irgendeiner Hütte wollen. Viel Spaß! Ich lasse das mal aus. Mir reicht der Abstieg zur Gießener Hütte. Und der ist zäh. Blockwerk, das nicht enden will. Dafür ist das Trinkwasser längst aus. Mühsal macht sich breit. Aber dann kommt das erste Bächlein, wir füllen die Wasserdepots auf und schon ist uns wieder ein bisserl Leben eingehaucht. Ein bisserl und sicher nicht mehr!

Die Zwischenräume im Blockwerk werden mit jedem Meter Höhe, die wir verlieren, mehr durch Gras und Erde aufgefüllt. Irgendwann geht es fast entspannt auf Wanderwegen zur Gießener Hütte. Kulinarisch hat sich eine neue Hirschvariante auf die Speisekarte verirrt. Wir konsumieren fleißig, ehe wir die verbleibenden sechshundert Höhenmeter zum Auto absteigen.

Eine lange, anstrengende, abwechslungsreiche und letztlich fantastische Tour geht zu Ende. Ob die Hochtourensaison damit auch zu Ende ist? Für heute und die kommenden Tage auf jeden Fall. Aber schauen wir einmal, wie es in ein, zwei Wochen aussieht.

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Zustieg Gießener Hütte vom Gößkarspeicher
Rudolstädter Weg – Hochalmspitze – Detmolder Grat – Gießener Hütte – Gößkarspeicher

Hochfeiler (3.510m) von Südtirol


Fotos gibt es diesmal hier!


Die Ziele für die Tour sind klar definiert. Wie geht es steirischen Mitochondrien in der Höhe und passen die neuen und fast revolutionären Schuhe zu den Füßen? Wir haben uns den Hochfeiler ausgesucht. Schon lange habe ich Zweifel, dass ich da je oben war. Ich erinnere mich, dass wir als Familie vor 45 Jahren oder mehr dort waren. Nun nach der Besteigung weiß ich, dass der Vater nur Karin, meine Schwester, mit auf den Gipfel genommen hat. So habe ich also Gelegenheit, spät aber doch den höchsten Berg der Zillertaler Alpen zu „erledigen“.

Wir könnten vom Schlegeisspeicher im Zillertal aufsteigen. Nur von Südtirol, vom Pfitschtal aus, ist es viel kürzer für uns. Für die Q ist es eine Stunde und viele Kilometer weiter. Mit ein bisserl einem schlechten Gewissen machen wir uns auf den Weg.

Die Anfahrt ist kurzweilig. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir bei unserem Stopp in Salzburg Autostopper mit einem Schild „Innsbruck“ sehen. Für mich ist es sonnenklar, dass wir die beiden mitnehmen. Bei Renate ist das auch klar, aber halt mit anderem Vorzeichen. Mein zugegebenermaßen schwachsinniges Argument, dass uns der Blitz am Hochfeiler treffen wird, wenn wir sie nicht mitnehmen, überzeugt. Dass die beiden wahrscheinlich kein Paar sind, sehe ich dank meiner Rotsehschwäche nicht. So sind mir die rosafarbenen Socken und Fingernägel an ihm nicht aufgefallen. Eine leichte Behinderung fördert also meine Toleranz. Das gefällt mir. Renate gefällt hingegen die Begeisterung unserer Gäste, dass wir nach Italien fahren, nicht so ganz. In viel zu hoher Stimmlage quietscht unser Fahrgast vor Begeisterung, dass sie eine Mitfahrgelegenheit bis Italy haben. In Renates Blick lese ich ein: „Das war so nie ausgemacht! Und wenn du weiter so kreischt, dann hast du dein Little Italy am nächsten Parkplatz.“. Seine Begleiterin zieht sich den Hoody ein bisserl weiter ins Gesicht.

So sitzen auf der Rückbank ein schwuler Pole mit deutlichem Sprachfehler – der liebe Herrgott prüft ihn mit einem ordentlichen Lispeln – und rosa Socken und eine Begleitung, bei der ich nicht weiß, wie sie zu ihm steht. Die junge Dame schaut am Handy Videos, aber ohne Kopfhörer. Das gestaltet die Stimmung im Auto anfangs doch explosiv. Ein strafender Blick von der Beifahrerseite und das Handy verstummt, die Lage entspannt sich. Ich verzichte auf eine sonst übliche und doch ausführliche Einvernahme zum bisherigen Lebensweg. Ich will es ja nicht übertreiben.

Die Entspanntheit wehrt eine Weile. Doch dann spielt über Spotify Renates Playlist. Die Filmmusik von Fifty Shades of Grey passt ja irgendwie zu unserer illustren Besetzung. Aber was höre ich da erst ganz leise, aber dann immer lauter im Duett von der Rückbank? In gutem, polnisch angehauchtem Englisch singen die Fahrgäste mit, als hätten sie gemeinsame Erinnerungen an die Geschichte oder sonst was. Ich kenne mich nicht aus, was habe ich jetzt wieder angerichtet? Ich treibe meine Fingernägel ins Lenkrad. Ein weiterer strenger Blick von der Beifahrerseite, als wäre Christian Grey himself anwesend, und Schweigen kehrt auf der Rückbank ein. Wer will schon mit Rucksäcken auf der Europabrücke in der sengenden Mittagssonne stehen?

Eine gewisse Erleichterung in Sterzing, wo wir abfahren und nichts, aber auch gar nichts, ist, kann ich nicht leugnen. Wir lassen die beiden aussteigen und kommen noch auf ein Selfie. Besser ich weiß nicht, auf welchen Websites ich nun geführt werde. Die Bildererkennung wird es mich in den nächsten Jahren jedenfalls wissen lassen. Soll sein!

Aber nun zum Tourenbericht! Unser Ziel ist der Parkplatz „unbewirtschaftet“ in der dritten Kehre der Straße aufs Pfitscher Joch. Die Straße ist ebenso unbefestigt, wie unser Vertrauen in Google Maps groß ist. Google enttäuscht nicht. Die Parkplätze sind gut gefüllt. Hier endet auch die Fahrerlaubnis. Ins Pfitschertal geht es nur noch zu Fuß weiter. Es ist kurz vor drei am Nachmittag. Die Sonne hat schon viel Feuchtigkeit verdunsten lassen. Erste Gewitterwolken türmen sich auf. Hoffentlich hält das die nächsten drei Stunden.

Renates Rucksack ist ähnlich schwer wie meiner. Wow, Respekt! Wir starten auf über 1.700m in eine Hitzeschlacht. Die stechende Sonne, einiges an Wasser rings um uns, hohe Luftfeuchtigkeit,.. alles schön und gut für die Vegetation, aber mir treibt es alles aus. Renate rennt. Ich stapfe hinten nach, schwitze und denke mir, dass wir wahrscheinlich die letzten paar hundert Höhenmeter auf allen vieren zurücklegen werden müssen, wenn wir den Speed nicht bald rausnehmen. Anderseits, viel haben wir ja an diesem Tag nicht mehr zu tun.

So steigen wir also erst durch den Dschungel zu einem Ausblick aufs Tal und die schönen Berge. Keine Forststraße, keine Transportseilbahn zerschneiden das idyllische Bild. Oberhalb der Baumgrenze, hier bei um die 2.000m, geht es dann lange, nur leicht ansteigend Richtung Ostnordost. Die ersten Regentropfen melden sich. Ein Blick zurück zeigt, im Westen regnet es schon heftiger. Letztlich bleiben wir jedoch verschont. Wahrscheinlich, weil wir die Autostopper mitgenommen haben. Man weiß es nicht!

Nach einem erneuten Anstieg führt der Weg unterhalb von Gletschern vorbei. Nur diese haben sich in den letzten Jahren wohl weit in höhere, kühlere Regionen zurückgezogen. Einmal noch Serpentinen und einmal noch ein Anstieg und wird sind nach zweieinhalb Stunden bei der Hütte.

Zimmer 1 wird uns zugeteilt. 12 Quadratmeter sind mit zwei Dreifachstockbetten und einem normalen Stockbett bestückt. Sechs Betten sind schon belegt. Ein bisserl komme ich mir vor wie in einer Doku auf RTL II und frage mich, was ich angestellt habe. Wie muss sich da erst Renate fühlen, die es am liebsten stockfinster und absolut ruhig im Schlafraum hat? Die Vorfreude auf Essen in italienischer Qualität erfüllt sich leider in der Halbpension auch nicht ganz. Lediglich die Buchweizentorte ist eine Freude und lässt vermuten, wo wir da gelandet sind und was man auf der Speisekarte finden könnte.

Die Nacht ist übel, aber doch auch besser als gedacht. Sechs Männer, ein Bub und Renate. Da wird geschnarcht, gefurzt und ab vier rumgekramt. Die frühesten Vögel stellen sich den Wecker für 03:30. Zum Gipfel sind es 800 Höhenmeter – bei Absenz jeder technischen Schwierigkeit. Kein Gletscherkontakt, kein Firngrat und der frisch gefallene Schnee von vor über einer Woche ist wahrscheinlich wieder weg. Was macht man da also um diese Uhrzeit am Anstieg und Gipfel? Da muss man mit Stirnlampe los. Okay, man ist dann bei Sonnenaufgang oben. Klingt cool, wäre da nur nicht der Nebel. In der Nacht hat es ordentlich geregnet. Die Sonne wird kämpfen, um den Nebel aus der Luft zu nehmen.

Wir starten nach unserem Frühstück kurz nach sieben. Das reicht auf alle Fälle. Der Aufstieg sieht mächtig aus, ist aber letztlich eine Strecke zum Austesten der eigenen Ausdauer oder gar Leidensfähigkeit. Ab 3.000 Meter wird es kalt. Die Sonne hat sich, wie erwartet, noch nicht durchgesetzt. Etwas Wind pfeift. Da hat Renate bald alles an, was sie mithat. Gelegentlich erfrischt ein Trailrunner in kurzen Hosen und Halbschuhen. Das Klima und die Zeiten haben sich geändert – wow!

Vor zehn sind wir am Gipfel! Geschafft – jippieh! Renate überrascht mich total, zumal ihr Bergerfahrung nicht ganz, aber doch fehlt. So stehen wir da, freuen uns, ich bin stolz und Renate friert ein wenig sehr. Erste Löcher zeigen sich in den Wolken. Nein, lange wollen wir nicht hier bleiben. Wir steigen ab.

Bei der Hütte gibt es dann nochmals reichlich Mittagessen. Wir füllen die Rucksäcke mit den Sachen, die wir in der Früh hier zurückgelassen haben und steigen die 1.000 Höhenmeter zum Auto bei der dritten Kehre wieder ab. Die letzten Höhenmeter haben es in sich. Vom Gipfel bis zum Auto sind es inklusive der Gegenanstiege fast 2.000 Höhenmeter. Das ist einiges. Renate meckert nicht, obwohl offenkundig ist, dass sie an der letzten Stunde keine Freude mehr empfinden kann. Was für eine tapfere und angenehme Begleitung!

Der erste Dreitausender mit immerhin 3.510 Metern ist geschafft. Wir haben gut als Team funktioniert und die Schuhe haben gepasst. Ich habe damit die Liste der höchsten Gipfel der zehn höchsten Gebirgsgruppen in Österreich abgeschlossen. Noch ein Triumpf – was will man mehr.

Etwas mehr als vier Stunden fahren wir ins Hotel Post am See in Traunkirchen. Wir haben die Erholung notwendig. Autostopper zeigen sich (zum Glück) keine.


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Anstieg zur Hochfeilerhütte
Hochfeilerhütte – Hochfeiler und Abstieg


Fotos gibt es diesmal hier!


Ötztaler Alpen

Von langer Hand geplant geht es für die Zeit vom 24. bis 29. Juli in die Ötztaler Alpen. Das Wetter passt und wir schaffen einiges:


Wildes Mannle (3.023m)
Wildspitze (3.768m) und Hinterer Brochkogel (3.623m)
Vorderer Brochkogel (3.565m)
Similaun (3.599m)


Die Hütten sind längst reserviert. Zwei Nächte auf der Breslauer Hütte, eine Nacht in Vent und zwei Nächte auf der Similaunhütte sind die Eckpfeiler. Hütten muss man sehr früh buchen, den Rest planen wir kurzfristig. Also, eigentlich plant Gernot in bester IBM-Qualität die Logistik. Wir reisen mit dem Zug an und reservieren ein Auto bei Rail & Drive. Damit klappt die Anreise super entspannt.

Der Klimawandel und der schneearme Winter werfen unsere Pläne über den Haufen. Auf den Gletschern ist kaum noch Schnee, der angenehme Firn ist schon seit Mitte Juli weg, Blankeis dominiert. Auf dem flachen Gletscher ist das noch angenehm, weil keine tückischen Schneebrücken lauern, aber ab einer gewissen Neigung muss man in den Fels ausweichen oder auf den Zacken kämpfen. All das unter stetem Steinschlag bei schlechter Routenwahl. Das ist wenig einladend. Aber der Reihe nach.

Wildes Mannle

Wir parken unseren schicken Golf beim Hotel Venter Bergwelt. Das dürfen wir, zumal wir ja in ein paar Tagen einchecken werden. Angesichts der Tatsachen, dass wir in der Woche viel vorhaben und ich auch schwach trainiert bin, entscheiden wir uns ohne jede Diskussion für die Nutzung des Sessellifts. In zwei Sektionen bringt uns dieser auf ~2.600m. Schon am Beginn der ersten Sektion verliere ich mein Ticket für Berg- und Talfahrt. Fängt ja gut an – grrr! Der eigentliche Plan sagt, dass wir die schweren Rucksäcke zur Breslauer Hütte bringen und dann einen Ausflug zum Wilden Mannle machen. Stattdessen entscheiden wir bei der Bergstation, besser gleich das Wilde Mannle mitzunehmen. Wir kennen uns zu gut. Einmal auf der Hütte, könnten wir den Apfelstrudel dem Wilden Mannle vorziehen.

In der Nachmittagssonne schleppen wir also die schweren Rucksäcke auf den ersten Dreitausender, überschreiten diesen und steigen Richtung Breslauer Hütte ab. Am Nachmittag sind die Gletscherbäche mächtig angeschwollen und wir verbringen einige Zeit mit der Suche nach passenden Stellen zur Überquerung der Bäche. Man könnte ja die Schuhe ausziehen und.. Aber wir verwerfen diese Idee lieber und steigen die Bachläufe bis zu geeigneten Stellen auf. So kommen wir trockenen Fußes gut bei der Hütte an.

Bei der Zimmereinteilung haben wir Glück. Wir teilen uns ein Zweierzimmer. Das ist zwar winzig, aber definitiv gehobene Klasse hier heroben. Die Hüttenwirtin meint, sie hätte sich geirrt und will uns vertreiben, aber da haben wir uns schon fest gekrallt. No way!

Wildspitze und Hinterer Brochkogel

Schon daheim hat mir die Möglichkeit, dass der fehlende Firn die Besteigung des Hinteren Brochkogels kompliziert machen könnte, Sorgen bereitet. Die Tourenberichte schreiben, dass man bei Blankeis in den Fels ausweichen muss. Die Klimaerwärmung hat den Permafrost aufgeweicht und so hängen die Platten recht locker in den Wänden. Wenn man dann nicht weiß, wo man denn am besten klettert, kann mir das schnell ein bisserl zu heikel werden. So haben wir einen Bergführer engagiert, der uns über Mitterkarjoch auf den Hinteren Brochkogel führen soll.

Kilian, Chef der Bergführerstelle Vent, bestätigt meine Sorgen und schließt kategorisch die Begehung des Mitterkarjochs aus. Damit fällt auch der Hintere Brochkogel. Stattdessen bietet Kilian die Wildspitze über den Rofenkarferner an. Nein, auch der Jubiläumsgrat ist für uns nicht begehbar. Es sei denn, wir sind bereit, uns in einigen Seillängen das 50° steile Blankeis „hinaufzuschrauben“. Aber er kenne einen steinschlagfreien Weg, den er uns führen kann. Aus und basta! Wir buchen. Am Telefon in Breitenfurt vermute ich noch gewisse Geschäftemacherei, aber bei Anblick der grauen, schmutzigen Gletscher bin ich schnell einsichtig. Nun ist die Wildspitze vermutlich das einzig spannende Ziel von er Breslauer Hütte aus.

So holt uns am Montag um 5:45 Kilian persönlich bei der Breslauer Hütte ab. Markant sind sein Norweger Pulli und sein Baseballkapperl. Gleich zu Beginn lässt er uns wissen, dass wir gerne auch schneller gehen können. Tun wir nicht, wir starten schön langsam. Wir rechnen mit einer kurzen Tour, sodass wir zu Mittag wieder bei einem Schnitzerl auf der Hütte sitzen.

Es geht über den Rofenkarferner in erträglicher Steigung hinauf. Nein, da brauchen wir noch nicht ans Seil, wir fühlen uns wohl. Ich erlaube mir einen Sturz, allerdings in flachem Gelände. Na, das läuft ja. Auf 3.500m kommen wir dann ans Seil, wir nehmen einen Teil des Jubiläumsgrates mit, umgehen aber das meiste im Fels. Diese Umgehung ist nicht jedes Jahr möglich und hängt stark von den Verhältnissen ab. Bald sind wir am Nordgipfel und kurz danach auf der Wildspitze.

Das angebotene Gipfelstamperl lehnen wir beide dankend ab. Aber Kilians zweites Angebot ist sehr wohl verlockend und spannend. Er fragt uns nach den weiteren Plänen. Wie jetzt? Was jetzt? Na, ob wir noch auf den Hinteren Brochkogel wollen! Ja, aber das geht doch nicht. Geht doch, aber kein Abstieg übers Mitterkarjoch. Stattdessen wieder in zahlreichen An- und Abstiegen über den Rofenkarferner zurück. So etwas geht in dieser Spontanität nur mit Bergführer. Wir überlegen. Statt zweieinhalb Stunden bis zum Mittagsschnitzerl wird es wohl bestenfalls eine späte Jause, wenn nicht gar nur ein Abendessen. Wir zögern, stimmen aber dann doch zu. Das Wetter ist edel und soll sich am morgigen Tag ändern.

So überschreiten wir die Wildspitze und verlassen beim Mitterkarjoch wieder den Trampelpfad, um auf den Hinteren Brochkogel zu steigen. Kilian kennt den besten Einstieg in die leichte Kletterei. Selbst hätten wir das nie gefunden. Beim Materialdepot rutscht mir der Pickel aus der Hand, bleibt aber zum Glück an einem Stein im Eis hängen. Mann oh, in was für einer Verfassung bin ich! Ein weiteres, starkes Argument für einen Bergführer.

Kilian klettert vor, wir folgen. Die Kraxelei ist technisch nicht schwer. irgendwo um die II+. Aber man muss das Gelände kennen, denn Markierungen gibt es nicht. Ohne Kenntnis des Geländes kann es auch leicht technisch schwerer oder eben recht brüchig werden. Das wäre nichts für uns. So hängen wir sicher am Seil, alles fein. Bis zu dem nicht sonderlich ausgeprägten Kar, in das man normalerweise vom Firn einsteigt, ist es dann eine leichte Blockkraxelei am Grat, danach dann eigentlich „Gehgelände“ über den restlichen Grat zum Gipfel. Der Hintere Brochkogel ist der sechsthöchste Berg Österreichs, aber kein Gipfelkreuz ziert den höchsten Punkt. Der Ausblick ist dafür fein. Die Wildspitze baut sich nicht allzu weit mächtig auf. Sehr fein, sehr edel!

Beim Abklettern erfreue ich mich der Tatsache, dass wir einerseits gesichert sind und anderseits, dass Kilian von oben die Route vorgibt. Ui, jui, da bin ich froh, dass wir nicht zu zweit unterwegs sind. Beim Materialdepot bergen wir noch meinen Pickel, ehe wir den langen Rückweg Richtung Breslauer Hütte antreten.

Erst geht es über den Taschachferner wieder am Mitterkarjoch vorbei – Oh, wie verlockend abkürzend wäre diese Variante! -, den Taschachferner Richtung Wildspitze hinauf. Die Mittagssonne brennt runter, aber es geht noch. Nach der Spaltenzone queren wir frei über den Gletscher zu einem Geröllhaufen. Dabei brechen Kilian, Gernot und letztlich noch ich in ein und dieselbe Gletscherspalte ein. Also, jedes Mal ist es nur ein Einbrechen mit einem Bein bis zur Hüfte. Aber man erkennt doch, dass es darunter tief und dunkel ist.

Auch der Geröllhaufen mit seinen sechzig Höhenmetern wird erledigt. Auf der anderen Seite treffen wir auf den Abstieg vom Nordgipfel der Wildspitze, es geht steil bergab. Kilian dreht eine Eisschraube in den Gletscher. Wir steigen gesichert ab, soweit das Seil reicht. Warten ist nun angesagt. So stehen wir da im steilen Hang und schauen Kilian zu, wie er das steile Eis frei absteigt. Gut, das ist sein täglicher Job. Wenn er stolpert, folgen wir ihm mit kurzer Verzögerung. Aber Kilian stolpert nicht, so schaut’s aus.

Nördlich und damit unterhalb des Jubiläumsgrates geht es nun durch eindrucksvolle Gletscherwelt ein letztes Mal bergauf in jene Scharte, über die wir in den Rofenkarferner einsteigen können. Der Tag ist schon lang, ich trotte am Seilende hinten nach. Alles gut! Wenn schon die körperliche Verfassung durch Covid und Namibia am Boden ist, so sagt die Erfahrung: „Lächeln, weitergehen, es wird enden!“. Das tut es auch. Wir steigen noch den Rofenkarferner ab, gehen ihn bis zu seinem Ende, ehe wir in den Fels wechseln. Offenkundig ist, dass auch Kilian der Tag schon ein bisserl lange ist. Ihm sind wir wohl ein bisserl zu langsam, wenngleich wir eigentlich ganz gut in der Zeit liegen. Wie auch immer, Kilian gönnt sich noch zwei Radler auf der Hütte, ehe er uns bei unserem Kaiserschmarren alleine lässt, und richtig Tal läuft. Endlich darf er sein Tempo wählen.

Was für eine Tour, was für ein Tag! Um halbneun liegen wir im Bett und schlafen ein. Schauen ma a mal!

Am nächsten Tag befragen wir noch einige Bergsteiger, die am Vortag über den Normalweg, also über den Mitterkarferner zum Mitterkarjoch und weiter zur Wildspitze aufgestiegen sind. Die Antworten haben all denselben Ton. Es ist ein Fluchen und das ist in solch einer Einhelligkeit selten in den Bergen. Ein Bergführer und damit die Route „hintherum“ war somit goldrichtig.

Vorderer Brochkogel

In der Nacht hat es geregnet, die Kühe haben uns mit ihren Glocken genauso wenig vom Schlaf abhalten können wie die besoffenen Nachteulen oder die Fünfuhraufsteher. Wir nehmen das zweite Frühstück (es gibt eines um 05:30 für die Wildspitzler und eines um 07:30 für die Hüttenwanderer). Um neun Uhr fühlen wir uns erstaunlich fit. Unsere einzigen Aufgaben sind der Abstieg nach Vent und das Abholen der E-Bikes in Sölden. Der Wetterbericht verspricht Besserung. Spontan entscheiden wir uns für den Vorderen Brochkogel, immerhin neunthöchster Berg Österreichs. Wir packen die Regenjacken ein und brechen auf. Kein Eis und Schnee, da darf die schwere Ausrüstung bei der Hütte warten.

Der Aufstieg ist nicht sonderlich herausfordernd. Zuerst geht es ein bisserl bergab, ehe man stetig den Vorderen Brochkogel hinaufsteigt. Gelegentlich ist ein bisserl eine Kraxelei dabei. Ein paar Meter erinnern, wieder sei der Klimaerwärmung Dank, eher an die Besteigung einer Sanddüne. Irre, wie sich die Bedingungen im Gebirge ändern.

Bald stehen wir beim ersten Gipfelkreuz. Damit sind wir nicht ganz oben. In hundert Metern Entfernung steht ein weiteres, kleineres Kreuz. Dort ist der höchste Punkt, aber den trennt laut Kilian ein wahnsinnig ausgesetzter Grat. Wenn es Kilian sagt, dann werden wir das Schicksal nicht fordern und die Besteigung also hier enden lassen. Auch recht. Wir teilen das Schicksal vieler Weltklasse Bergsteiger, die an der Annapurna am „Vorgipfel“ umgedreht haben. Blöder Vergleich – das gebe ich schon zu!

Wir steigen ab, fühlen uns erstaunlich fit, füllen unsere Depots mit Schnitzerl und fahren mit dem Sessellift nach Vent. Die Zimmer sind erfreulich groß, die Betten schon recht einladend. Wir müssen noch die E-Bikes aus Sölden holen. Den Plan, das Auto in Sölden zu parken und mit den Rädern wieder nach Vent rauf zu strampeln, lassen wir fallen. Der Golf muss zwei Räder schlucken. Schafft der Kombi.

Am Abend sitzen wir bei einem Glas Wein im Alt Vent und überlegen, was wir noch vorhaben und was wir noch schaffen können. Am Menü stehen Similaun, Finailspitze und eventuell Hintere Schwärze. Dafür haben wir die Similaunhütte gebucht. Doch so richtig will das nicht zusammenpassen. Vor allem ist das Hotelleben unvergleichbar angenehmer als das Hüttenleben. Nun haben wir die E-Bikes. Was tun? Wir lassen die Anzahlung auf der Similaunhütte verfallen und verlängern stattdessen im Hotel. Das klingt nach einem Plan.

Similaun über Marzellkamm

Wir starten um sechs Uhr mit den E-Bikes Richtung Martin-Busch-Hütte. Das sind acht Kilometer in eine Richtung, die wir nicht wandern müssen. Was sind wir froh. Selbst mit dem E-Bike sind wir 45 Minuten unterwegs und kommen damit pünktlich zum Frühstück, das allerdings die Anstrengung nicht wirklich wert ist. Wir parken die Räder und steigen nach kurzer Stärkung Richtung Marzellkamm auf.

Am Kamm geben tiefe Wolken und Nebel immer wieder Blicke auf die Hintere Schwärze und den Marzellferner frei. Uh, das sieht Respekt einflößend aus. Der Gletscher liegt wild zerklüftet und aper vor uns. Das könnte noch gehen, aber oben der Wechsel vom Eis in den Fels. Das ist zu weit weg und damit schwer zu beurteilen. Vielleicht ist es eine Abfolge einfacher Schritte, wenn man mal dort ist. Man weiß es nicht. Einsam und menschenleer ist es hier am Marzellkamm. Dort hinten am Marzellferner wäre es nochmals verlassener. Da verirrt sich heute keiner hin. Die Hintere Schwärze macht ihrem Namen alle Ehre und hat sich noch eine dunkle Wolke aufgesetzt. Sie zeigt uns die kalte Nordwand, in der sich noch Eis gegen die Klimaerwärmung stemmt.

Das Wetter bessert sich und der Ausblick auf den Similaun und die Hintere Schwärze sowie viele weitere Dreitausender sind eine Freude. Wir erreichen das Ende des Kamms und steigen auf den Gletscher ab. Am Niederjochferner kommt mein neues Seil, die Rad Line, zum Einsatz, juchhu! Upps, ist das lang. Wir werfen uns jede Menge Seilreserve über die Schulter, und trotzdem ist Gernot bei gespanntem Seil nur ein Punkt am Horizont. Damit kann fast ausschließen, dass im Falle eines Falles der Seilpartner mit in die Spalte fällt – gut so! Die Alpenvereinskarte sagt: gerade hinauf. Also, das sieht nicht so gut aus. Wir gehen nicht direkt, aber auch nicht im attraktiv scheinenden Bogen. Wer hat denn auch so viel Zeit.

Unsere semidirekte Variante führt uns jedenfalls in spaltenreiches Gelände. Im Zickzack umgehen wir Spalten. Gelegentlich müssen wir drüberspringen, ein anderes Mal ein Stück hinunter auf eine Schneebrücke steigen und auf der anderen Seite wieder aus der Spalte kraxeln. Das geht alles gut, aber kostet Zeit. Soll sein, wir sind ja nicht auf der Flucht. Und irgendwann sind wir draußen aus dem Spaltenlabyrinth und auf der Piste von der Similaunhütte zum Gipfel. Am Übergang zwischen Eis und Fels legen wir die Steigeisen ab und kraxeln ohne nennenswerte Herausforderungen auf den Gipfel. Der Similaun, achthöchster Gipfel Österreichs, ist damit auch erledigt.

Beim Abstieg holen wir eine siebenköpfige Seilschaft mit ihrem Bergführer ein. Während wir noch Seil auspacken und Steigeisen anlegen, startet die Gruppe. Der Bergführer in Jeans dirigiert die Gruppe ganz locker von oben. Aber halt, warum die rechte Spur? Die linke Spur führt doch zur Hütte. Will er direkt zur Martin-Busch-Hütte? Geht er über den Marzellkamm? Wir gehen links. Das geht auch gut so. Während ich den Weg so studiere, legt es mich wieder auf. Selbstzweifel kommen auf. Was ist denn los mit mir? Das kann blöd enden.

Irgendwann weicht der Firn und damit die Spur dem Blankeis. Gletscherwasser bahnt sich in selbst erschlossenen Rinnen den Weg ins Tal. Der Gletscher wird steiler, die erste Spalte tut sich auf. Gernot und ich erkennen auf den Uhren, dass die geplante Route über den Fels führt. Wir entscheiden uns für den Fels und hätten uns die Karte definitiv länger und besser ansehen sollen.

Geröll und weglos ist das, was wir antreffen. Aber es kommt schlimmer. Weiter unten trifft die Route wieder erneut auf Eis. Das liegt aber unter losem Schotter. Wir legen die Steigeisen wieder an, Spaß ist das keiner. Weit unten sehen wir die siebenköpfige Gruppe am Ende des Gletschers, wie sie sich bereitmacht, um zur Similaunhütte wieder aufzusteigen. Wir verlieren eine gute Stunde in dieser nicht ganz ungefährlichen Mühsal. Ärgerlich! Hätten wir ein bisserl länger auf die Karte geschaut, so hätten wir gesehen, dass eine Alternative über den Gletscher führt. Jetzt bei Niederschrift verstehe ich gar nicht mehr, was uns da in die Felsen getrieben hat. Ist halt so! Ist ja gut ausgegangen, wir kommen auch irgendwann zur Similaunhütte zur herzlichen Hüttenwirtin, die uns mit gutem, italienischem Essen und endlich wieder feinem Kaffee verwöhnt.

Jetzt bleibt noch der Abstieg zur Martin-Busch-Hütte. Wieder schlägt die Planung irgendeine Idiotie vor, aber wir schlagen einen direkten Kurs ein. Der Klimawandel erlaubt das, denn Gletscher ist hier längst keiner mehr. In der Ferne sehen wir jemand, der sein Motorrad hinter einem Fels hervorholt. Geht’s noch? Kapperl und Pullover kennen wir doch. Wir schildern unseren Irrtum und ernten ein: „Jo, durt geht schon seit Johren keiner mehr. Das geht schon lange nimma!“. Geht doch, aber ist echt mies.

Mann, das zieht sich bis zur Martin-Busch-Hütte, Der Regen holt uns ein. Ich lege die neue Regenhose an und wundere mich, dass sie doch nicht so gut passt wie im Geschäft. Siehe da, ich habe sie verkehrt rum an. Bedenklich, überaus bedenklich. Ich werde mich konzentrieren müssen, sodass ich noch heil ins Hotel komme.

Die Uhr sagt eine Ankunftszeit in Vent von 19:45 voraus. Aber bei der Martin-Busch-Hütte warten die Räder. Was für ein Segen! Wir lassen es laufen, triumphieren leise über die zermürbten und neidischen Fußgänger, die uns entgegenkommen. Um 18 Uhr, nach zwölf Stunden sind wir wieder in Vent im Hotel. Es wird immer gewisser, dass wir am morgigen Donnerstag nicht noch einmal so eine Tour schaffen. Die Hintere Schwärze bleibt damit von uns unbestiegen. Gernot, der deutlich fitter ist als sonst, erwägt noch die Fineilspitze. Aber die ist nicht einmal unter den Top 10.

Rettenbachferner per E-Bike

Am Morgen gibt es um 7 Uhr Frühstück und neue Pläne. Wir fahren mit den Rädern zum Tiefenbachferner und gondeln dort auf die umliegenden Dreitausender. Der Summer Card fürs Ötztal sei Dank! Die Fahrt ist ein Spaß. Nach Vent geht es fast nur bergab, das ist eine feine Sache. Aber noch lustiger ist die Fahrt von Vent zu den Gletschern. Jede Menge Rennradfahrer und Moutainbiker stellen sich der 14 Kilometer langen und Elends steilen Herausforderung. Da haben wir es auf unseren E-Bikes fein. Ohne nennenswerten Schweißverlust radeln wir vorbei. Mir ist es ein bisserl unangenehm. Bei den ersten Radfahrern entschuldige ich mich noch. Aber verdirbt man einem Masochisten nicht die Freude, wenn man sich entschuldigt. So schalte ich um, und filme gar die Kolonne der Verdammten beim Überholen. Möge uns nur nicht der Akku ausgehen! Sonst sind wir fällig.

Eigentlich wollten wir zum Tiefenbachferner. Aber den finden wir nicht. Es ist auch eigentlich egal. So fahren wir eben am Rettenbachferner ins Gletscherskigebiet. Aber ans Schifahren ist da nicht zu denken. Ui, ist das traurig und verzweifelt. Große Flächen sind abgedeckt. Dort, wo früher steile Flächen waren, schauen nun die nackten Felsen heraus. Als ich mit meinem Vater als Bub hier war, war hier alles weiß. Es gab auch damals schon Planen zum Schutz der Gletscher. Damals hat der Vater prophezeit, dass die Gletscher eines Tages verschwinden werden. Ich habe es mir nicht so recht vorstellen können, aber heute ist es unleugenbar.

Bei der Rückfahrt nach Vent sehe ich die Abzweigung zur Bergbahn Gaislachkogel. Dort wollten wir auch noch hin. Wie praktisch, da können wir abkürzen. 150 Meter vor der Mittelstation ist Gernots Akku leer und Gernot spürt, wie das so wäre. Ich schiebe am Rucksack an, solange mein Akku noch etwas hergibt. Das sieht so aus, als würde ich mich ziehen lassen. Egal, wir schaffen es zur Mittelstation, wo sich Downhiller bereit machen für die halsbrecherische Abfahrten auf ihren Trails im Wald. Wir machen uns bereit zur Auffahrt auf den nächsten Dreitausender.

Der Gipfel ist leicht über eine Eisenstiege zu erklimmen. Ein James Bond Museum sorgt für Kurzweil hier heroben. Das Beste ist ein Zwei-Hauben-Lokal, das wir natürlich einem Museum vorziehen. Kontrastprogramm halt, feines Essen, geschulte Bedienung. So soll es sein!

Wir wählen mit unseren Rädern die Asphaltstraße. Wir geben die Räder mit glühenden Bremsbelägen und leeren Akkus zurück und springen in den Bus, der uns nach Vent zurückbringt. Am Abend gibt es dann noch echt italienische Pizza im Venter Hotel Wildspitz.

Die Rückfahrt am nächsten Morgen ist völlig entspannt. Damit geht eine überaus erfolgreiche Bergwoche zu Ende. Vier der Top 10 Österreichs haben wir bestiegen. Wären wir jünger, fitter oder was auch immer gewesen, hätten wir noch die Hintere Schwärze mitgenommen. Aber in der Verfassung, in der ich war, bin ich froh, dass alles gut gegangen ist. Die Bilanz kann sich sehen lassen!

Hochtour: Hunerschartensteig – Hunerkogelsteig – Hoher Dachstein (2.995m)

Es gibt viele Argumente für Tirol und ein paar dagegen. Wir halbieren jedenfalls die Reisedauer und bleiben in der Nähe. Am Dienstag geht es zur vertrauten Türlwandhütte. Hier waren wir jedenfalls schon vor zwei Jahren. Am nächsten Morgen starten wir diesmal auf den Hohen Dachstein.

Am Vorabend erhalten wir noch eine Einschulung fürs Vorgehen beim Bergsteigerfrühstück. Gernot ist entzückt beim Anblick des Kaffeeautomaten. Weit weniger entzückt ist er um 6 Uhr am Morgen, als die angekündigt unversperrte Türe fest verriegelt ist. Nix mit Frühstück – bei ungefähr 50% der Bergsteigerschaft drückt das aufs Gemüt. Gar nicht so polternd schauen wir, dass wir nach draußen kommen. Das lockt die Wirtin. Mahh, ist ihr das peinlich. Aber jetzt schmollen wir. Los geht’s!

Erster Stopp ist die Dachsteinsüdwandhütte. Da muss es am Abend zugegangen sein, denn das Geschirr steht noch herum. Ich geh‘ jedenfalls davon aus, dass nicht jemand schon in der Früh Schnaps getrunken hat.

Der Aufstieg unter den Seilen der Gondel ist technisch einfach und landschaftlich recht fein. Im letzten Drittel beginnt ein Klettersteig. Bei A/B hätte ich mir Leichteres erwartet, aber Schwierigkeiten macht der Steig auch nicht. Das Klettersteigset habe ich gleich unten gelassen. Es geht sich leichter ohne.

Pünktlich um 07:50 nimmt die Seilbahn den Betrieb auf und karrt gletscherhungrige Touristen nach oben. Da sind sicherlich auch Dachstein-Besteiger dabei. Wir werden nicht alleine sein!

Knapp unter der Hunerscharte zweigt der Skywalk, ein Klettersteig der Schwierigkeitsstufe E, ab. Den lassen wir links liegen, er muss aber beeindruckend sein. Stattdessen kraxeln wir den Hunerschartensteig. Das Set fehlt nicht, auch wenn der Steig schon recht alpin ist.

Bald bin ich beim Ausstieg und zu meiner Überraschung begrüßt mich Baulärm. In geringer Ferne fuchtelt ein Bagger mit seiner Schaufel über meinem Helm. Na servas, eine Starkstromleitung liegt am Boden und schlängelt sich in ihrer Ummantelung über den Grat zum nächsten Gipfel. Die Gondel hat unter anderem zwei Langläufer ausgespuckt, die etwas desorientiert über die Gletscherreste hasten. Und da sind auch schon die ersten „Bergsteiger“ von der Gondel. Na wusch, falscher Film?

Am Baugerät vorbei ziehen wir zum Einstieg des Hunerkogelklettersteigs. Der ist kurz und mit C/D kategorisiert. Die Sonne brennt plötzlich runter und wir sind zwei von vielen freizeitnarrischen Idioten da heroben. Unser Hobby führt uns direkt zum Gondelausstieg. Der finale Kletterschritt geht über das Geländer. Die Leute staunen nicht viel weniger als wir. Der Kiosk bietet singende Murmeltiere – Oida!

An ein Frühstück ist nicht zu denken. Zu viele ziehen Richtung Hoher Dachstein und ich sehe jede Menge Kletterhelme. Ohne Espresso folgen wir dem Strome, der sich entlang einer Ratrac-Spur über den Gletscher zieht. Gernot ist sicher, dass die meisten zur Seethaler Hütte gehen. Aber ein Bruchteil reicht, um den Steig zu verstopfen. Also, weiter! Espresso kann man auch am Nachmittag schlürfen.

Schon aus größerer Entfernung erkennen wir die Menschentraube am Schnee-Fels-Übergang. Darüber zieht sich eine kurze, bunte Menschenkette in den Himmel. Je näher wir kommen, umso klarer wird, dass hier eine Person den Steig verstopft und zig gut ausgeschlafene Klettersteiggeher auch mal ran wollen.

Wir sind privilegiert und haben Steigeisen mit. So können wir den Randkluftsteig wählen. Ich sehe eine Vierergruppe, die ohne Schwierigkeiten die Randkluft überwindet. Das war noch ganz anders, als ich etwa vor 40 Jahren mit meinem Vater hier war. Da musste man sich vom Schnee über die ein Meter breite Randkluft an den Fels fallen lassen. Brrr! Der Vater hat mich ans „Strickel“ genommen. Aber da wusste ich schon als Kind, dass ich da keine 30 Sekunden drinnen hängen möchte.

So schwitzen wir also das recht steile Schneefeld hinauf. Die Randkluft ist abgesagt. Vielleicht war es der Klimawandel, aber statt Kluft gibt es einen angenehmen Platz zum Wechsel der Ausrüstung. Nach kurzem Stück münden wir in den Schulteranstieg. Da ich keine Sicherung habe, lässt man mich als Möchtegern-Bergfex solange überholen, bis ich keine Luft mehr bekomme. Aber irgendwann erhole ich mich und bin am Gipfel. Gernot hängt irgendwo in der Mitte von Aufsteigern und auch mittlerweile Absteigern. Vielleicht flechten die irgendetwas mit ihren Seilstücken. Nach einiger Zeit mache ich mir Sorgen, wo denn mein Begleiter ist. Und da ist er auch schon. Offensichtlich fehlt ihm auch ein bisserl Treibstoff. Die Schokoriegel haben mir schon geholfen und bewirken Ähnliches bei Gernot. Foto schießen und dann an den Abstieg!

Der geht leichter als vermutet. Uns kommen noch Leute entgegen, die wir in der Schlange unten gesehen haben. Es ist eine bunte Truppe. Eine der Damen meint, dass man mit ihr gerne einen Kaffee trinken gehen kann, auch ein Theaterbesuch wäre fein. Aber wieso sie sich zu diesem Scheiß‘ überreden hat lassen! Dafür hat sie im Moment keine Erklärung parat. Stattdessen hat sie Stilettos und ein Kleid dabei. Denn es hat sicher noch niemand in so einem Outfit Fotos da oben gemacht. Da ist sie sich ganz sicher. Das sehe ich anders und schränke in Gedanken auf „heute“ oder „diese Woche“ ein. Aber irgendwann war da sicher so eine ganz originelle Henn‘ oben. Kurz, überlege ich, ob ich da nicht doch eine Chance auf originelle Fotos verpasse.

Aber wir ziehen wieder über den Randkluftsteig zur Seethalerhütte weiter. Auch hier hat der liebe Herrgott eine bunte Auswahl aus seinem Zoo hergetrieben. Mein Favourite ist ein mittelalter Mann in Racing-Lycra mit kurzen Hosen über dem Hightech-Stoff und einer schnellen Sportbrille. Zwei Stöcke und eine Statur, die auf einen ausgiebigen Bürojob mit entsprechenden Verkürzungen schließen lässt, runden das Bild ab. Er rennt, als gäbe es kostenfreie Getränke hier. Kurz vor der Hütte dann der Griff an die Fitness-Uhr und ein lautes „Wahnsinn! 43:20! Super!“ lässt mich schmunzeln und rätseln. 43:20? Von der Seilbahn? Wurscht, letztlich sind auch wir nur zwei schräge Vögel, die ihre Steigeisen zum Abtropfen aufgehängt haben.

Der Kaffee schmeckt so schlecht, dass nicht einmal ich ihn trinke. Wir steigen ab. Zuerst über die Ratrac-Spur, wo Halbschuhe im Schmelzwasser versinken und dann über die Südwand wieder runter.

Alles in allem war es eine schöne Tour! Wer die Ruhe der Berge sucht, sollte den Dachstein vielleicht gänzlich meiden oder vom Gossausee her aufsteigen. Das hatte ich vor 17(?) Jahren gemacht. Da war es vergleichsweise menschenleer.

Unsere Tour auf garmin.com

Bergsteigen: Böses Weibl (3.119m)

Eben erst aus Istrien zurück, stellt sich die Frage, was wir in der zweiten Urlaubswoche anstellen. Wir scannen Österreich nach verfügbaren Hotels. Die, die noch über sind, sind wohl zurecht über. So rufe ich im Gradonna an, wo Carina des guten Essens wegen hin will und wir aufgrund unserer Stammkundenschaft auch wirklich zwei Zimmer bekommen, obwohl alles ausgebucht ist. Irgendwie kommt der Entschluss auf, dass es ein 3.000er sein soll.

Wir überlegen zwischen Tschadinhorn und Böses Weibl hin und her. Mir ist beides recht, und so entschließen wir uns letztendlich für das prominentere Böse Weibl. Im April 2018 war ich mit Gernot mit den Skiern oben. Damals war ich ja nicht bis beim Gipfelkreuz. Das wird diesmal nachgeholt werden.

Wir sind schon in der zweiten Augusthälfte und so ist es noch dunkel, als um 5 Uhr der Wecker läutet. Die Sachen sind gepackt. Zur Freude des lokalen Sportgeschäfts hat sich Sabines Nervosität noch in einer Shopping-Attacke am Vortag entladen, sodass wir nun auch zur Not ein, zwei Tage oder auch Wochen länger am Berg bleiben können.

Kurz nach sechs sind wir beim Lucknerhaus und suchen einen Parkplatz! Wo sind die alle? Da muss es sich abspielen am höchsten Berg Österreichs!

Der Aufstieg über die Nigglalm durchs Peischlachtal zum Peischlachtörl ist landschaftlich schön. Ich hatte befürchtet, dass der Weg über die schrägen Wiesen Sabine stresst, aber nichts davon. Auch der Aufstieg Richtung Gipfel geht super gut, obschon ich Anstrengung höre. Sabine marschiert mit ihrem ungewöhnlich hohen Puls zügig dahin, wir kommen schnell voran. Ich wundere mich, wie man diese Belastung so lange aushalten kann. Selbst tuckere ich wie ein alter Diesel niedertourig hinten nach.

Unter dem Tschadinsattel hat die Wanderung erstmals nachhaltig ein Ende. Ein Weg ist nicht so richtig auszumachen. Wir sind über 2.900 m, wo der Fels nur für kurze Zeit im Jahr ausapert und so führt es ein bisserl weglos hinauf zum Sattel. Das ist nicht unbedingt nach Sabines Geschmack. Aber sie hält sich ebenso tapfer wie auch oben am Grat. Hier ist was los, die Menschen tänzeln von Block zu Block und lassen Sabine staunen. Es ist ihr erster Dreitausender und ihr dritter Berg, da darf man staunen.

Am Gipfel findet sich all das, weswegen ich die Einsamkeit meiner Routen unter der Woche außerhalb der Ferien schätze: Ein Paar aus Bayern hat sich am Sockel des Gipfelkreuzes niedergelassen und erfreut sich an der Tatsache, dass sie wohl endlos Gipfelfotos zieren werden. Zierde sind sie aber wahrlich nicht, und das liegt nicht nur am fortgeschrittenen Alter. Ich ersuche sie höflich, sich doch ein bisserl zu schleichen. Erst verstehen sie es nicht, verziehen sich dann aber kichernd. Zumindest auch ein Hund ist heroben. Gehört dazu, wie die Bergkumpel, die ganz traditionell am Gipfel ihr Bier, ihren Schnaps oder ihr Weiß-ich-was-Gesöff kippen und sich dabei fotografieren. Natürlich darf nicht der Superportler fehlen, der seine neue Bestzeit aufgestellt hat (und es dich wissen lässt, egal ob du es willst oder nicht). Na ja, der liebe Herrgott hat einen großen Zoo.

Auch wir schießen schöne Fotos. Ich versuche mich an den gewünschten Boomerang-Aufnahmen eines jungen Pärchens und scheitere, weil ich ein Hochspringen erwarte, sie sich aber nur vom Sockel plumpsen lassen. Auf Facebook sieht das dann aber sicher super aus.

Wir verlassen das bunte Treiben und ich bestehe spontan auf den Abstieg über das Gernot-Röhr-Biwak. Diese Variante sollte ruhiger sein. Ist sie auch, sie ist aber auch steiler und mühsamer. Mit den Schiern war das im Aufstieg gar kein Problem, aber für Sabine ist es nun anstrengend. Da kann man hundertmal sagen, dass der Gipfel erst die Hälfte der Strecke ist. Aber man muss erleben, dass der Gipfel eben nicht den Sieg bedeutet. Der Abstieg kann schon noch ganz schön mühsam sein. Aber kein Motzen kommt von hinten und irgendwann ist dann doch das Biwag erreicht, wo eine Pause nun unerlässlich ist. Nochmals ein paar Meter über das rutschige und rutschende Gelände, ehe angenehmerer Untergrund erreicht ist und auch die Stimmung wieder steigt.

Der weitere Abstieg ist unspektakulär. Eine Stelle, für die sich Sabine im Aufstieg das Fürchten im Abstieg ganz fest vorgenommen hat, übersieht sie jetzt. Ich staune nicht schlecht, will aber auch nicht aufs Fürchten bestehen. So schnell kann man also Fortschritte machen. Nach knapp neun Stunden sind wir wieder beim Lucknerhaus und sind fertig, wirklich fertig. Zwei Tage später stellt sich ein grausamer Muskelkater bei Sabine ein – oder auf Steirisch liebevoller: Sabine hat „Spatzen“.

Feine Tour in noch feinerer Begleitung!

Details der Tour auf garmin.com