Für Tourengeher sollen die Bedingungen übel sein. Eisiger Harschdeckel und unten wenig Schnee. Das klingt doch nach passablen Bedingungen für Mio und mich. Der Altenbergersteig bietet sich an. Wenn da nur eine Spur nach der Karrer Alm zu finden ist, dann werden wir es diesmal schaffen. Wir parken uns am Preiner Gscheid ein und staunen, wie kalt es ist. Also, Mio ist das egal. Ganz im Gegenteil, er wirkt wesentlich agiler.
Zu meinem Erstaunen findet sich eine richtige Piste, die in diesen einsamen Teil der Rax führt. Mio sinkt nicht ein und ich spaziere mit den Grödeln. Vor der Karrer Alm ist es dann aber wieder erwartet einsam. Keine Spur ist da, wir spuren. Erst bei der Karrer Alm kommen Spuren vom Moassa herauf, biegen jedoch ab. Und dann findet sich doch etwas. Zwei Steigeisenspuren führen vom Plateau herunter. Zuversicht baut sich auf. Natürlich helfen auch die modernen Mittel der GPS-basierten Navigation. Aber so ein Anzeichen, hier nicht als einziger und erster Dodel seit langem herumzuirren, hat auch Beruhigendes.
An ein paar Stellen ist es am Steig bei diesen harten, abgeblasenen Bedingungen ein bisserl herausfordernd. Ohne Grödel ging da nicht viel. Aber mit zusätzlich zwei Stöcken fühle ich mich sicher. Mio hat ohnedies vierfachen Antrieb.
Am Preiner Gscheid war es gewohnt kalt. Im Routenverlauf hat sich die Warmfront mit ein paar Vorboten angekündigt und ich bin ohne Jacke gewandert, aber hier heroben am Plateau setzt Wind ein. Es ist eben Winter und da darf es hier unwirtlich sein.
Mio zeigt Interesse an den Gämsen. Nach 50 Metern Anlauf lässt er sich jedes Mal durch Rufen stoppen. Das verleitet mich zu einem Experiment. Ich rufe eben nicht und er stoppt nach fünfzig Meter trotzdem. Mio ist kein Jäger, wahrlich nicht.
Ein Gipfelfoto an diesem ungemütlichen Ort, und wir eilen weiter in unserer Überschreitung. Die ersten zwei Tourengeher kommen uns entgegen. Sie wirken als wären sie aus der Vorklimaerwärmungszeit. Wo die denn runterfahren werden? So eine richtig durchgängige Schneedecke mag ich nicht zu erkennen.
Das Karl-Ludwig-Haus ist nun schon über ein Jahr verlassen. Noch wirkt es gut in Schuss. Aber besser wird es sicher nicht werden so ohne Bewirtschaftung. Ich mache mir Gedanken.
Der Abstieg über den Schlangenweg wirkt wenig einladend. Von oben sehe ich schon ein Paar auf der harten, schrägen Schneefläche. Mit Schneeschuhen scheint das kein Spaß zu sein. So entscheiden Mio und ich, direkt den Karlgraben abzusteigen. Uh, der ist hart. Mit den Grödeln geht es einigermaßen, aber es ist ein Eiertanz. Mio versteht nicht was los ist, will spielen und bellt aufmunternd. Weiter unten schiebt die Warmfront wieder an. Plötzlich wechselt der Karlgraben von Streif- auf weiche Bedingungen. Jetzt stollen die Grödel an. Nach zwei Schritten habe ich Plateauschuhe mit 15 cm Auflage. Der Abstieg ist also heute eher zäh, aber zum Glück endlich. So erreichen wir das Waxriegelhaus und in Folge wieder das Auto.
Elīna Garanča singt in der Elbphilharmonie. Wir reisen an!
Hamburg hat mir schon immer gefallen. Garanca habe ich im vorigen Jahrhundert das erste Mal live gehört. Das muss einer ihrer ersten internationalen Auftritte gewesen sein. Ich war damals beeindruckt und diesmal war es nicht anders. Ein treuer Fan eben!
Wir haben uns in der Speicherstadt im Ameron in einer der Suiten im obersten Stockwerk einquartiert. Was für ein feiner Ausblick und dann gleich ein Regenbogen, der uns begrüßt. Volles Programm!
Renate hat natürlich auch in dieser Stadt einen soliden Überblick über die besten Restaurants. Entsprechend fein geht der Anreisetag zu Ende.
Der Montag bringt einen Ausflug an die Nordsee in einem Mietwagen. Wir besuchen Buxtehude – des Namens wegen – und Cuxhaven, weil wir beide das Meer im Winter sehen wollen. Bei der „Alten Liebe“ ist es kalt, wir wärmen uns in einem der wenigen offenen Fischlokalen bei zähem Fisch, ehe es zur Kugelbake geht. Hier ist die (willkürliche) Grenze zwischen Elbe und Nordsee markiert. Schnee liegt am Sandstrand. Das sehen wir beide zum ersten Mal in unserem Leben. Richtig kalt ist es. Die Schiffe fahren in die kalte Nordsee hinaus. Boah, das muss ein harter Job sein, auch wenn die See heute glatt ist und kaum Wind geht. Unerschrockene Spaziergänger sind unterwegs. Eine ganz besondere Stimmung fangen wir da ein und sind froh, bei Schnee hierher herausgefahren zu sein.
Der Dienstag bringt am Abend Elīna Garanča in der Elbphilharmonie. Ein weiteres erstes Mal. Die Bühne ist von Sitzplätzen umgeben, als auch hinter der Bühne. Wir sitzen an der Seite und schauen im rechten Winkel auf die Bühne. Na ja, beim Orchester ist das okay. Die Stimme ist mächtig, aber halt besonders in die „Singrichtung“. Garanča gibt sich Mühe, 360° zu singen. Aber leicht ist das nicht. Das ist der einzige Wermutstropfen an diesem feinen Abend und auch nur deswegen angeführt, damit der kunstliebende Leser bei der Wahl der Karten in der Elbphilharmonie auf „Frontalität“ achten kann. Egal, wir haben beide große Freude an der Darbietung!
Am Mittwoch dann noch ein Spaziergang im verschneiten Hamburg. Das ist ein weiteres „Erstes Mal“ – Hamburg im Schnee. Schneeräumung kennt man hier nicht, was schließen lässt, dass Schnee hier selten vorkommt. Und so stolpern wir ganz en passant am Parship-Headquarter vorbei. Was für lobenswerte Unternehmung!
Der Abschluss ist dann bei Ono by Hensler. Das ist fast ein bisserl bescheiden, aber vor dem Abflug gehen sich keine 15 Gänge mehr aus – hehe!
Am Jahresersten brechen Renate, Carina und ihre Freundin, Jasmin, sowie ich nach Kitzbühel auf. Im Boutiquehotel Erika haben wir Zimmer gefunden. Carina hat für Kitzbühel gestimmt, weil einige Freunde auch hier sind. Ich habe für Kitzbühel gestimmt, weil es nicht so hoch liegt. Meines Erachtens ist Jänner der chancenreichste Monat auf Schnee, wenn man hierher will . Wenn das Wetter schlecht ist, sollte es hier „herunten“ auch eher möglich sein, skizufahren. Selbst habe ich keine große Erwartungen, will mich und meine neue Hüfte schonen. Und dann fahre ich doch an drei Tagen. Nicht wild, aber wesentlich mehr, als ich gedacht habe. Jippieh!
Kitzbühel wirbt damit, dass es wieder zum besten Skigebiet weltweit gekürt wurde. Na ja, die Pisten sind fein, unbestritten. Der Kunstschnee ist nicht so jedermanns Sache. Naturschnee sieht man wenig. Abseits der Piste geht nichts! Das würde ich aber eh noch nicht riskieren.
So rutschen Renate und ich die blauen Pisten dahin. Das geht recht gut und macht Spaß. So soll’s sein!
In der Nähe von Kitzbühel wurde der Bergtrottel gedreht, und das ist nicht zufällig so. Kitzbühel ist vermutlich das, was sich die Deutschen und andere Nichtösterreicher als Österreich vorstellen. Ich sitze da und staune. Die Österreicher sind jedenfalls in der deutlichen Minderheit, beim Personal und auf der Piste. So lebt die Welt also Winter hier an der legendären Streif.
Einen Tag nutzen wir zu einer Wanderung auf der Seite des Kitzbühler Horns. Auf der Adlerhütte treten wir ins vorige Jahrhundert ein. Übernommen haben aber Kräfte aus dem vermutlichen östlichen Ausland. Als ich nach einem Taschentuch frage, kommt Nervosität auf. In unserem Hotel kommen wir noch mit Deutsch durch. In ein paar Jahren mag das anders sein. Schon in Ischgl wurden wir vor Jahren freudig als erste Gäste aus Österreich begrüßt. In St. Anton am Arlberg hat man mich bei der Reservierung schon am Telefon um Verständnis gebeten: „English only!“.
Das stört uns nicht so sehr. Renate und ich verbringen feine Tage im Winter. Ich bin entzückt, dass meine Hüfte so robust ist. Carina trifft ihre Freunde. Nur bei ihrer Freundin, Jasmin, können wir Freude am Winter und Skifahren nicht so recht wecken.
Ob wir bald wieder nach Kitzbühel kommen werden? Das bezweifle ich. Die Klimaerwärmung sorgt dafür, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Kunstschnee trifft, der bei diesen hohen Temperaturen rasch zu Eis wird. Wenn es dann noch regnet,.. Wir wählen wohl größere Höhen und lassen die Bergdoktoridylle den anderen.
Den Jakobskogel hatte ich bislang nicht am Radar. Alpinistisch ist er bestenfalls als leichte Plateauausbuchtung zu klassifizieren. Aber seit meiner Hüft-OP war ich jetzt schon viermal oben. Als Statistiker könnte man auf die Exponentialverteilung seltener Ereignisse verweisen. Egal, schauen ma a mal, wie oft ich den Jakobskogel in den nächsten Wochen noch erklimmen werde.
12 Wochen ist die OP her, und seit meiner Entlassung geht es bergauf. Wir sind wieder mit der Seilbahn in die Sonne. Skitouren will ich (noch) keine machen, da mir vom Skifahren abgeraten ist. Denn, auch wenn es mir gut geht, dauert es, bis das Titan fest von neuem Knochenmaterial umwachsen ist. Zu Fuß kommt man mit Hund im steileren Gelände nicht voran. Das haben wir beim letzten Versuch erfahren. So spazieren Renate, Mio und ich nach der kurzen Seilbahnfahrt am Plateau herum.
Ich erinnere mich. wie zäh meine erste Besteigung des Jakobskogels war. Ich hatte Stöcke und Schmerzen. Beides habe ich diesmal daheim gelassen. So steht einem gelungenen Tag in der Dezembersonne nichts im Wege.
So hat mich Krakau noch nie empfangen. Und ich war schon wirklich oft hier. Wir haben das neue, oder neu renovierte Hilton Saski ausgewählt. Das sollte gediegen sein. Doch im Foyer erwartet uns unter anderen ein aufgeregter Herr in Badehose, junge Damen in Bademäntel und Personal in Decken gehüllt. Auch sonst ist die Stimmung aufgeregt. Feuerwehrmänner hasten durchs Haus. Und ich will einchecken. Also, was jetzt? Behandelt man so jemand, der für Jahre weg war und nun wieder zurück ist? Ob denn auch die EDV-Anlage brennt, ist mein Gedanke. Doch dann die erlösende Durchsage in gepflegtem, polnischem Englisch: „The hazard has been eliminated!“. Na, das lobe ich mir. So können unsere Tage in Krakau beginnen.
Viel haben wir nicht vor. Krakau ist überschaubar. Wir essen fein, treffen Darek, der uns einen Ausflug ins nahegelegene Salzbergwerk empfiehlt. All das wird gemacht. Im hoteleigenen Fitnesscenter entdecke ich das Laufband und kann nicht widerstehen. Mah, das geht gut.
In Breitenfurt liegt so viel Schnee wie seit Jahren nicht mehr. Man könnte sicherlich schon eine Skitour gehen, aber das darf ich ja noch nicht. So machen wir uns auf den Weg zum Preiner Gscheid. Mios Beinlänge wird voraussichtlich der limitierende Faktor sein. Gernot meint, dass der Gretchensteig die richtige Wahl ist. Ich meine, dass der Waxriegelsteig und der Predigtstuhl besser geeignet sind. Wir fassen den Gretchensteig ins Auge. Ich denke mir: „Schauen ma a mal, wie es am Preiner Gscheid!“ ausschaut.
Bei der Anfahrt hat es weniger Schnee als in Breitenfurt. In Gloggnitz denke ich mir dann, dass es wohl wurscht sein wird, welchen Steig wir wählen. Wir starten also Richtung Gretchensteig. Upps, da ist jetzt aber doch viel Schnee. Mio kämpft schon jetzt tapfer. Ab der Reißthaler Hütte wird es abenteuerlich. Die Zweibeiner kommen noch voran, aber der Vierbeiner stochert im für ihn bodenlosen Pulver. Ich hebe die Beine schon nicht mehr, um einen Kanal für Mio zu formen. Der folgt auch im Kielwasser, aber eher begeisterungslos. Irgendwann geht er nicht mehr weiter. Er sagt nichts, aber er geht auch nicht. Mit ein bisserl Trara geht es ein Stückerl, aber im Windschatten einer vom Wind arg gebogenen Latsche ist dann endgültig aus. Gernot ist noch ein paar Höhenmeter weiter, aber die spannenden Abschnitte warten noch. Ohne Mio wäre es mühsam aber machbar. Nur mit geht es nicht. Mio schließt sich Calle Halfvarssons Forderung an. Dem guten Mann ist sein „Snorre“ eingefroren. Mios Snorre hängt auch die ganze Zeit im Schnee. Ich mache mir Sorgen. Wir drehen um.
Bergab versuche ich, den Kanal durch wuchtiges Auftreten zu verbreitern, aber Mio kommt nicht. So nimmt Renate Mio hoch. Der hat mittlerweile das Manterl seiner Nachbarin an und geniert sich gerade noch ein bisserl. So entsteht das einzige Foto, auf dem Mio getragen wird. Aber Gernot und ich werden noch schwitzen.
Wieder im Wald übernimmt Mio die Führung und zieht konsequent Richtung Auto ab. Aber wir wollen zum Waxriegelhaus queren. Im Wald wird schon nicht so viel Schnee sein – zweiter Fehlschluss. Da liegt erst Schnee und keine Idee von einer Spur. Zum Glück sind da Markierungen, aber für Mio ist es nicht zu packen. Gernot und ich tragen ihn abwechselnd und kommen dabei ordentlich ins Schwitzen. Mio zittert und grunzt. Ja, wie weit ist denn das noch! Aber alles geht vorbei, wenn man nur weitergeht. Und so kommen wir auch irgendwann zum Waxriegelhaus. Mio wird seiner anhaftenden Schneeklumpen befreit und wir kalorisch versorgt. Die beste offene Hütte weit und breit und auch die einzige.
Wieder bei Kräften ist die Welt in Ordnung. Einer von uns hat auf der alten Skipiste die größte Freude am Leben. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass Mios Snorre gerettet werden konnte. Ach ja, und am Waxriegelsteig wären wir auch nicht viel weiter gekommen.
Orthopäde, Physio und ich haben mich für geheilt erklärt. Da wird es Zeit für mehr Höhenmeter. Eigentlich habe ich damit gerechnet, dass ich frühestens wieder im Mai in die Berge komme, aber die Rehabilitation geht deutlich schneller, als erhofft. So fahren wir aufs Preiner Gscheid. Mio hat eine neue Frisur und würde vielleicht frieren. So starten wir zu zweit in den Winter hinauf.
Erfreulich gut geht das alles. Renate ist mittlerweile deutlich besser ausgerüstet als am Gretchensteig im April. Es geht wieder Wind, es liegt wieder Schnee, es ist wieder bitterkalt. Man möchte meinen, Renate sucht diese Bedingungen. Also, Schnee ist gar nicht so viel. So kommen wir leicht über die „Kletterpassage“ von ein paar Metern. Hund muss auch keiner hinaufgehievt werden. Rutschig ist es trotzdem ein bisserl. Ausreichend, um der Tour einen Schuss Abenteuer zu verpassen. Der Himmel ist fetzblau, aber sonst sind die Bedingungen unwirtlich. Am Grat bläst es Renate zweimal fast um. Übers Plateau fliegt der Schnee, dass es eine Freude ist.
Am Karl-Ludwig-Haus muss ich das Ingress-Portal erobern. So eine Macke will gepflegt werden. Renate flüchtet sich schon in den Windschatten Richtung Waxriegelhaus. Vier Tage vor meiner OP, im September bin ich auch den Schlangenweg hinunter. Damals war es definitiv wärmer, aber der Abstieg war mühsamer. Die alte Hüfte hat schon ordentlich gebockt. Da geht es mir heute viel besser. Die Knie und die Muskel müssen sich wieder an die Berge gewöhnen, aber das rechte Hüftgelenk ist geheilt. Na ja, es ist ja gar nicht mehr mit dabei und das neue Titanimplantat hat nichts zu melden.
Am Waxriegelhaus warten Linsen, Schweinsbraten und Kuchen. Kulinarisch ist es überschaubar, aber es ist die einzige Hütte weit und breit, die offen- und durchhält. So lassen wir einen gelungenen Tag hier ausklingen, ehe es zurück zum Auto geht.
Wir besuchen Lydia in Zürich! Carina, Jasmin, Renate und ich starten ins Wochenende. Das Hotel Ameron ist es diesmal. es passt gut, da kann man herfahren. Jasmin verbringt das Wochenende mit unterschiedlichen Freunden, die sie in Kanada kennengelernt hat. Am Samstag gibt es einen Stadtbummel durch Zürich. Groß ist Zürich ja nicht, da reichen zwei Stunden.
Am Nachmittag wartet Thomas Maschine in seinem Büro. Er hat über mehrere Jahre hinweg eine Fitness-Maschine entwickelt und von Schweizer Maschinenbauern zusammenbauen lassen. Die Maschine stimuliert innerhalb von 30 Minuten deine Muskeln, ohne dass du ins Schwitzen kommst. Man strengt sich schon an, aber bekommt keine Schweißflecken und auch keinen Muskelkater. Software berechnet die optimale Belastung. Das Gerät ist so groß wie ein Kleinwagen und daher nicht unbedingt für den privaten Abnehmer gedacht. Stattdessen sollte es in Büros stehen und die Mitarbeiter fit machen. So der Plan! Mittlerweile kenne ich Thomas schon über 20 Jahre und bin sicher, dass er Abnehmer finden wird, selbst wenn meine 40 Jahre Fitnesscenter-Erfahrung mich ein bisserl zweifeln lassen. Man sieht Thomas jedenfalls an, dass ihm die endlosen Selbstversuche gut tun, und das ist gut so.
Am Abend sind wir bei Thomas und seiner Familie zum Abendessen, pardon Nachtessen, eingeladen. Carina kommt mit und auch Darek stößt dazu. Ein gelungener Abend ist das! Am Sonntag regnet es, wie so oft um diese Jahreszeit, in Zürich. Ein paar Maroni am See und heim geht es wieder.
Der Herr Doktor hat’s erlaubt. So machen wir uns auf den Weg zum Seiser Toni. Renate hat ein mulmiges Gefühl. Sie sagt meinetwegen. Ich bin sicher, dass mir der Anstieg nichts machen wird. Der Abstieg könnte halt spannend werden. Denn Bergabgehen ist noch immer die Herausforderung mit dem neuen Hüftgelenk!
So ist jeder auf sein eigenes mulmiges Gefühl konzentriert und wir wandern los. Krücken habe ich nicht mit. Ich hätte sie ja beim Einstieg stehen lassen und von dort wieder holen müssen. Das ist doch mühsam. So nehme ich zumindest die Stöcke für den Abstieg mit. Man weiß ja nie. Das gäbe im Falle eines Falles auch so viele Fragen bei der Bergrettung und der Versicherung.
Im Steig sind drei Männer vor uns, die wahrlich langsam unterwegs sind. Es staut gar an diesem Wochentag. Zwei geduldig wartende Bergsteigerinnen aus dem Osten lassen uns den Vortritt und so steigen wir in die Gelbe Wand ein. Das Hüftgelenk macht überhaupt keine Probleme. Die großen Schritte, sofern denn überhaupt welche von Nöten sind, lasse ich dem nicht operierten Bein. Bei meiner Fokussierung auf mein Handicap vergesse ich ganz auf Renate. Die steht plötzlich an. „Wie komme ich da jetzt weiter?“. „Na ja, so wie du bis hierher gekommen bist. Immer dem Seil entlang.“. Meine jahrelange Erfahrung sagt aber, dass solche Aussagen wenig hilfreich sind. Ich steige wieder ab. Ja, auch das geht. Nun steigt Renate vor. Alles geht.
Ich bekomme ihr Schnaufen mit, aber nicht ihre Anspannung. Die überspielt sie gut. Ich blödle in meiner Freude herum. In dieser Konstellation schaffen wir den Steig mit seiner Hängebrücke, der Strickleiter, etc.. Sind wir zu schnell, so bremst uns das Dreiergespann vor uns. Und dann ist es auch geschafft. Renate freut sich. Ich weiß nicht, ob das jetzt gespielt ist. Nein, sie freut sich ehrlich. Ich freue mich vor allem darüber, dass ich so früh wieder nach der OP in die Berge kann, aber halt leiser.
Vor kurzem wurde übrigens ein Einsatz der Bergrettung ausgelöst, weil sich ein Kletterer zu laut gefreut hat. Diesmal war es aber nicht so. Zumindest bekommen wir nichts mit. Wir gehen weiter zur Wilhelm-Eichert-Hütte und vor allem ich völlere bei den neuen Pächtern.
Der Abstieg über das Zahme Pechersteiglein geht für mich überraschend gut. Kurz, alles gut. Im Auto sagt dann Renates Aufzeichnung, dass sie sich gewaltig angestrengt haben muss. Sie ist ein bisserl aufgekratzt, zeigt aber keine Spur von Erschöpfung. Ihre Uhr sieht das anders und verordnet ihr 95 Stunden Erholungszeit. Ich staune, das ist irre!
So haben wir beide einen überaus erfreulichen Tag in den Bergen gehabt. Ich war sicher, dass bis April 2024 in den nichts gehen wird und siehe da: es kommt immer ein bisserl anders, als man denkt! Sehr fein!
Am Dienstag war ich beim Orthopäden. Es war die letzte Untersuchung, wenn sich nicht noch etwas verschlechtert. Somit ist alles gut am Weg, aber es wird noch dauern. Ich darf nun nach sechs Wochen wieder wandern, bergsteigen und auch ein bisserl kraxeln. Sogar ins Fitness Center darf ich wieder. Alles halt mit Maß und Ziel. Radfahren ist wieder möglich. Der Ellipsentrainer ist sicherlich optimal. Auf dem will ich mich ein paar Mal die Woche abrackern.
Eindrucksvoll hat mir der Orthopäde vorgehüpft, warum ich bergsteigen, aber nicht laufen kann. In sechs Wochen sollte dann aber auch Laufen wieder möglich sein. Im März besteht die Möglichkeit, dass alles so weit gefestigt ist, dass ich gar wieder skifahren kann. Es wird.
Ein bisserl einen Schrecken habe ich dem guten Mann auch eingejagt, als ich ihm berichtet habe, dass ich mit meiner Hüfte schnappen kann. Er hat das Vorführgelenk hervorgeholt und damit aufeinandergeschlagen. Klingt das so? Ja! Renate hat bestätigt, dass es so klingt. Ich habe aber auch gemeint, dass es bei mir so klingt, als ob ein gespannter Draht über eine Kante schnalzt. Es fühlt sich auch eher so an. Das hat ihn beruhigt. Seine Untersuchung hat bestätigt, dass mein verkürzter Hüftbeuger, der in den letzten Jahren wirklich nur noch kurz geführt wurde, jetzt ob der neuen Bewegungsfreiheit ein bisserl gestresst und angespannt ist. Meine Verdachtsdiagnose Coxa saltans hat sich damit bestätigt. Wenn es nicht besser wird oder sich gar verschlimmert, dann weiß der Orthopäde Mittel dagegen. Unter Lokalanästhesie wird die Sehne gedehnt. Ich denke, es hat sich schon gebessert, eigentlich spontan geheilt.
Meine grippaler Infekt und der Magen-Darm-Virus könnte auch eine andere Erklärung haben als ein unglücklicher Zusammenfall zweier Infekte. Die neue Covid-Variante bringt oft Durchfall mit. Das würde einige Symptome erklären, unter anderem, dass ich bei einem der Spaziergänge ordentlich beim Abstieg von der Wiener Hütte die Zähne zusammenbeißen musste. Da habe ich schon fast an die Bergrettung gedacht. Egal, Mio war eh mit und außerdem ist es Vergangenheit.
Vorgestern haben wir den Gebirgsvereinsteig gemacht. Damit endet auch mein regelmäßiger Hüftbericht. Ich bin froh, dass ich zu den 92,5% gehöre, für die die OP ohne Nacharbeiten ein Erfolg ist. Ich habe einiges dazugelernt und verstehe besser, warum man manches nach der OP so lange nicht tun darf. Die Muskelschmerzen stehen zumindest bei mir im Vordergrund. Ich bin beeindruckt, wie lange so ein Muskel und seine Sehnen nach so einem massiven Eingriff beleidigt sein können. Die Schmerzen sind im Ausmaß aktuell ähnlich wie vor der OP. Das halte ich problemlos aus. Vor allem, weil sie anders sind. Es überwiegt nämlich die Zuversicht, dass diese Schmerzen im Laufe der kommenden Wochen immer schwächer werden. Passt doch!
3.11.2023
Nun hat mich ein Magen-Darm-Virus niedergestreckt. Ich meine, geht’s noch? Da lässt sich schwer sagen, ob und wie die Genesung voranschreitet. So bin ich die Woche eben viel herumgelegen. Aber beim Herumliegen haben sich zumindest meine Oberschenkelmuskel erholt. Solange mich der Virus gequält hat, haben auch die Muskeln geschmerzt. Gestern konnte mein Immunsystem aber ein Ende der Kampfhandlungen bekanntgeben. Siehe da, die Beine waren okay, Das heißt, ich spüre nur noch minimale Auswirkungen der OP. Das ist sehr gut, aber auch nicht. Denn in meinem Übermut habe ich mich heute auf Renates Ellipsentrainer, was immer das auch ist, für 30 Minuten gestellt. Was war das für ein herrlicher Auslauf nach so langer Zeit! Allerdings habe ich schon nach einer Stunde ein vertrautes Gefühl wahrgenommen. Ein Gefühl, das einen ordentlichen Muskelkater in den nächsten 48 Stunden verspricht. Letzte Woche war ich schlapp, weil mich der Männerschnupfen erledigt hat, diese Woche war es das Magen-Darm-Virus und jetzt wieder gesund, ist es das erste Training, das mich ermüdet beim Fenster rausstarren lässt.
Egal, I’ll be back! Alles gut, am Dienstag geht es zum Orthopäden. Mal schauen, ob wir uns ein Glaserl Champagner auf den Erfolg reinzischen werden!
24.10.2023
Eine weitere Woche ist vergangen. Eine grippaler Infekt (Selbstdiagnose) hat mich mit Fieber wie schon seit Jahren nicht (mit Ausnahme Covid) umgelegt. Der Männerschnupfen (Fremddiagnose) hatte es in sich. Der Zustand war derart, dass ich gar beim Arzt angerufen habe. Denn plötzlich konnte ich nicht einmal Stiegen steigen und bin gar wieder auf Krücken durchs Haus. Nach einer Stunde waren die Schmerzen wieder weg. Ein Wunder? Was weiß ich! Für eine Obduktion ist es zu früh. Der Arzt hat am Abend zurückgerufen. Einen viralen Infekt hält die Hüfte aus, alles gut!
Seit gestern bin ich frei von Schmerzmitteln. Na ja, heute morgen habe ich mir ein einzelnes Novalgin gegönnt. Aber das zählt ja fast nicht. Die Physiotherapeutin meint, dass das eben die Muskeln sind. Auch der Chirurg meinte schon kurz nach der OP, dass die Muskelschmerzen gekommen sind, um eine ganze Zeit lange zu bleiben. Sehr gut!
So starte ich weiterhin zuversichtlich in die fünfte Woche nach der OP.
17.10.2023
Drei Wochen und einen Tag habe ich nun das neue Gelenk. Ich meine, dass sich die Genesungskurve abgeflacht hat. Gestern will es aber der Zufall, dass wir nochmals auf die Rax fahren. Eigentlich wollten wir auf den Schneeberg, aber die letzte Zahnradbahn fährt schon um 15:15. So wählen wir nochmals die Seilbahn, die immerhin bis 17:00 fährt. Renate und Gernot gehen den Alpenvereinssteig. Mio und ich fahren Seilbahn und besteigen wie vor knapp einer Woche wieder den Jakobskogel. Was merke ich da für einen Unterschied! Ich kann schnell gehen und das, obwohl ich gar keine Schmerztablette eingeworfen habe. Der Jakobskogel ist mir zu wenig und so gehen wir ihn ein zweites Mal. Ich habe vergessen, die Ingress-Schlüssel oben abzuholen. Da muss ich ein zweites Mal rauf – alles klar?
Danach gehen wir Renate und Gernot entgegen. Mio fetzt durch den ersten Schnee in dieser Saison, ich muss aufpassen, dass es mich bei meinem Geschick nicht auflegt. Es ist jedenfalls der erste Tag seit der OP, an dem ich über 1.000 kCal verbrannt habe. Kurz, es geht bergauf. Am Abend bin ich dann in den Beinen mächtig erschöpft, kann kaum gehen. Vielleicht ist das schon der Männerschnupfen, der sich über Nacht meiner bemächtigt. So gibt es an diesem Dienstag fix einen Rasttag mit weiterhin viel Zuversicht!
11.10.2023
Gestern waren es über 15.000 Schritte. Heute war die Rax dran. Renate ist mit Mio den Törlweg vom Knappenhof zum Otto-Haus gesprintet. Ich bin (noch) mit der Seilbahn rauf und von dort zum Otto-Haus. Auch wenn es ein bisserl mühsam für mich war, haben wir doch den Jakobskogel bestiegen.
Kurz, mir geht’s gut, auch wenn das Bein schon noch schmerzt. Natürlich bin ich bei meinen Ausflügen extra konzentriert. Heute und morgen ist jedenfalls eher Ruhe angesagt.
09.10.2023
Gestern wollte Mio erst gar nicht spazieren mit mir. Er war fassungslos, weil ich die Reste vom Grillhendl in der Mülltonne entsorgt habe und weil es nieselte. Aber dann konnte ich ihn doch überzeugen. Unverhofft waren wir bei der Wiener Hütte und einer von uns beiden stolz wie Oskar. Der Abstieg war von Vorsicht geprägt, weil ich nicht die Straße ausgehen sondern den direkten Weg durch den Wald nehmen wollte. Danach habe ich die Belastung ordentlich gespürt, aber das soll ruhig so sein.
Vor zwei Wochen wurde das rechte Hüftgelenk durch eine Prothese (TEP) ersetzt. Nach zwei Wochen kann ich mich bereits sehr gut bewegen. Schmerzmittel nehme ich auch wegen ihrer entzündungshemmenden Wirkung. Vor übermäßiger Belastung bin ich gefeit, weil mir das Körpergefühl davon abrät. Somit sieht das alles nach einem vollen Erfolg aus.
08.10.2023
Im Schrank habe ich noch ein Hydal gefunden. Als sparsamer Patient habe ich das im Krankenhaus, weil tadellos zugedröhnt, gespart und dann nicht übers Herz gebracht, es zu entsorgen. Noch ein bisserl Arthotec und gut geschlafen. All das hat mich am Freitag wieder gesund sein lassen. Ich habe mich gar als „bedingt geheilt“ erklärt. Als „bedingt geheilt“ habe ich die Krücken Krücken sein lassen. Falls jemand Interesse hat, ich habe da ein Paar kaum benützt zur Abgabe. Der erste Weg hat mich zur Tierärztin geführt. Das sind insgesamt gute zwei Kilometer. Den Polo habe ich auch gleich wieder in Betrieb genommen und den Weg zum Hofer riskiert. Am Abend haben wir uns mit Thomas und Ivana getroffen. Selbst die drei Stunden Sitzen beim Artner waren auszuhalten. Was heiß aushalten? Es war besser als vor der OP – kann aber auch an den Schmerzmitteln und den zwei Gläsern Rotwein liegen.
Am Samstag habe ich die Dosis dann weiter reduziert. Es geht gut. Heute am Sonntag habe ich bis lang (14:30) noch gar nichts genommen. Sicherlich werde ich mir aber noch eine Dosis reinzischen. Denn ich mag nicht, dass sich der Schmerz wieder allzu heftig meldet. Er ist da und sagt mir auf vernünftig erträgliche Art und Weise, dass ich eben nur „bedingt geheilt“ bin.
Meine Erlerntes aus den letzten ein, zwei Wochen ist: ich bin völlig fasziniert, dass man einem Menschen den Oberschenkelknochen abschneiden, diesen mit einem Titan-Span füllen, den Hüftknochen ausfräsen und dort eine Titanpfanne einschlagen kann. All das, ohne dass der Patient völlig aus dem Leben geschossen ist. Was war ich verwundert, dass ich am ersten Tag nach der OP aufstehen und über den Gang spazieren konnte. Da dachte ich mir schon, dass ich halt ein Wahnsinn bin. Das wahre Wunder ist, was Schmerzmittel zu leisten vermögen. Also, eigentlich beginnt es schon bei der Narkose. Der Chirurg hat mir erklärt, was während der OP mit mir gemacht wurde. Da möchte ich wahrlich nicht bewusst dabei sein. Deswegen auch meine super klare Empfehlung bei der Wahl, ob Narkose oder „Kreuzstich“. Beim Erwachen aus der Narkose hat das Bein geschmerzt, als wäre ich mit dem Mountain Bike gestürzt und mit dem Bein gegen einen Baum gekracht. Aber das war es. Am nächsten Tag habe ich ja, wie oben beschrieben, gedacht, dass ich mich wie ein Jugendlicher von dem Trauma erholt habe. Das fälschliche Absetzen der Schmerzmittel hat mir dann gezeigt, wie es bei und nach einer OP vor sechzig oder mehr Jahren gewesen sein muss.
Tja, und in dreißig Jahren wird der Knochen vielleicht gar nicht mehr abgeschnitten. Da wird eine Coxarthrose ohne chirurgischen Eingriff korrigiert. Irgendwo zwischen einst, heute und morgen bin ich jedenfalls recht zufrieden und in Vorfreude, was sich da noch alles verbessern mag.
05.10.2023
„Mutig“ gibt der Arzt als Antwort auf meine Ausführungen zu den letzten Tagen. Seit Dienstag geht es nämlich kontinuierlich bergab. Erst dachte ich, dass das schon mal vorkommen kann. Als es heute morgen nochmals härter war, habe ich mir mit „In zwei Wochen oder Monaten schmunzelst du darüber“ Mut zugesprochen. Sogar die Krücken kommen wieder zum Einsatz. Erwähnenswert ist das zeitliche Zusammenfallen des Einsetzens der Schmerzen mit dem Absetzen der Schmerzmittel. Als Informatiker habe ich nach ausführlicher Analyse den Verdacht, dass hier auch ein kausaler Zusammenhang bestehen könnte. Auch diese Vermutung bringe ich nicht unstolz vor. So fasst der Arzt zusammen: „Sie haben also alle Schmerzmittel am Dienstag abgesetzt. Das nenne ich mutig.“. „Na ja, steht ja so im Entlassungsbrief.“. „Es steht im Brief, was Sie mindestens nehmen müssen, um einer Ossifikation vorzubeugen. Da hätte ich vielleicht ausdrücklicher sagen sollen, dass Sie die Mittel danach nach Bedarf anpassen sollen.“. Ja, das mit der Ossifikation hat er gesagt. Das habe ich mir gemerkt und als Hypochonder auch sicherlich entwickelt. Egal, ich nehme jetzt nach Bedarf. Dann wird alles gut. Der Grat zwischen Mut und Dummheit ist bekanntlich ein schmaler.
Die Nähte sind draußen. Wir speisen noch im Stasta, ehe ich mich wieder daheim gierig der Drogenabteilung im Küchenkastl widme.
02.10.2023
Hier tut sich nicht viel. Die Krücken verwende ich nicht mehr. Wenn ich mich dann irgendwann von meiner Liegestatt erhebe, die Brüder Karamasov zur Seite lege, denke ich mir manchmal nach ein paar Schritten: „Halt, was ist denn mit meinem Bein?!“, um gleich zu erinnern: „Ah ja, ich hatte ja diese OP, das war wirklich und nicht nur geträumt.“. Eigentlich ein gutes Zeichen.
Am Donnerstag bin ich beim Orthopäden. Da werde ich mich meiner Punkte nochmals versichern. Auch zu meinem Verhalten werde ich ehrlich und ungefragt Auskunft geben. Er wird mich schon nicht entmündigen.
Also, am Donnerstagabend gibt es wieder ein Update hier. Ausgenommen sind natürlich Breaking News – eigentlich keine schöne Wortwahl in dem Zusammenhang. Falls am Freitag noch nichts da steht, hat man mich in Gewahrsam genommen. Schauen ma a mal!
30.09.2023
Renate sagt, das Foto könne ich ruhighochladen. Ich bin g’schamig, meinen durchleuchteten Hintern hier zu präsentieren, und habe das Foto daher ein bisserl verkleinert. Ich will ja meine Leserschaft nicht zu sehr belasten. Mich fasziniert es jedenfalls. Wie unvorstellbar ist mir, was medizinisch möglich ist! Ich habe Fragen über Fragen. Wieso stört der abgesägte Knochen nicht? Das ist sieht ja sogar ein bisserl ausgefranst aus. Muss man das Knochenmark vor dem Reintreiben der Prothese auskratzen oder wird das Mark komprimiert? Weitere Fragen zur Verwendung des Knochenmarks, speziell in Kombination mit Schwarzbrot, lasse ich bewusst aus. Wieso ist der Schaft so dünn? Ich dachte, ein Oberschenkelknochen ist extrem hart und bruchfest. Und dann wird er durch so einen dünnen Schaft ersetzt!
Heute haben anscheinend die Drogen nachgelassen. Ab morgen fallen dann alle Schmerzmittel weg. Das ist schlecht und das ist gut. Gut ist es, weil es meinen Bewegungsdrang dämpft. Mich stört der Schmerz nicht so, da ich ja daran gewöhnt bin, dass sich meine Hüfte meldet. Aber mit Schmerzmitteln möchte ich am liebsten loslegen.
Mittlerweile gehe ich die Treppen schon im normalen Schritt hinauf und das Gefühl dabei lässt vermuten, dass Bergsteigen richtig edel werden könnte, wenn das alles verheilt ist. Ich freue mich drauf! Hoffentlich erfüllt sich meine Erwartung. Haltet mir die Daumen!
29.09.2023
So, ich bin wieder daheim und mir ist ein bisserl gar fad. Sogar Tristan war auf Besuch.
Wofür die Krücken da sind, habe ich gehört. Aber anfangen kann ich mit denen nichts. Sie sollen mich nicht entlasten, sondern vor einem Sturz bewahren. So habe ich sie in den ersten Stunden im Haus rumgetragen und wäre einmal fast darüber gestolpert. Auch Stiegen steigen immer mit einem Bein voran und das andere nachsteigen lassen, ist gewöhnungsbedürftig. Okay, immerhin vertut man damit die doppelte Zeit.
Schaue ich mich im Spiegel an, so erkenne ich rechts eine recht venusförmige Rundung. Die neue Hüfte ist deutlich ausladender als die alte. Das wird sich hoffentlich zurückbilden.
Richtig lustig finde ich, dass ich am Hintern noch eine ähnliche Farbe habe wie der ehemalige, amerikanische Präsident im Gesicht. Das wird sich auch legen – also, bei mir, nicht bei ihm.
In meiner Langeweile habe ich bei Garmin nachgeschaut: im Schnitt verbrauche ich pro Nix-tu-Tag um 500 bis 1.500 Kalorien weniger als sonst. Nehmen wir 800 Kalorien im Schnitt. Das sind 100g Fett pro Tag! Upps, in sechs Wochen, also nach 42 Tagen habe ich um 4,2 kg mehr Fettdepots. Ein halbes Jahr bringen dann knapp über 18 kg zusätzlich, womit ich den 100er durchbrechen würde. Anderseits würde die geschwollene Hüfte dann nicht mehr auffallen. Hmm, seltsamer Ausblick.
28.09.2023
Geduscht und in Zivilkleidung warte ich auf die letzte Lymphdrainage. Mir geht es gut. Ich kann aufrecht stehen und gehen. Die Krücken verwende ich, weil sie vorgeschrieben sind. Ich fühle mich aber auch ohne sicher. Der Bewegungsapparat fühlt sich noch ein bisserl verzogen und beansprucht an. Das wird werden. Baba, Krankenhaus.
27.09.2023
Gestern habe ich mich mit einem Schlafmittel sediert. Hui, das hat gewirkt. Schmerzmittel gibt es reichlich, und so habe ich tief geschlafen. Der Therapeut war um halbacht da und musste einsehen, dass mit mir nichts anzufangen ist. Nach dem Frühstück gab es die Stiegen. Alles easy.
Die Krücken brauche ich nur als Schutz vor einem Sturz und nicht zur Entlastung. Somit könnte ich auch ohne Krücken gehen. Wenn ich so dastehe, hat sich mein Körpergefühl etwas geändert. Ich meine, dass ich aufrechter stehe. Dabei fühle ich mich gar jünger. Tja, da werdet ihr schauen.
Jetzt warte ich auf den Arzt. Lymphdrainage steht dann noch am Programm und natürlich Renates Besuch.
Kurz vor 20 Uhr kommt der Arzt. Alles gut! Schöne Bilder einer perfekt sitzenden Prothese hat er mit dabei. Einer Entlassung steht nichts im Wege. Gerne auch schon am Donnerstag. Ich brauche mir auch nicht allzu viel Sorgen machen. Das sitzt alles bombenfest. Wenn in ein paar Wochen der Muskelschmerz weg ist, wird es herrlich sein.
So gönne ich mir auch heute Abend wieder ein Schlafmittel. Der Wirkstoff macht sehr schnell süchtig, weiß das Internet. Dafür lasse ich halt das Morphin weg. Morgen endet das Drogenparadies ohnedies.
26.09.2023
Die OP gestern ist nach Aussagen der Ärzte optimal verlaufen. Die Keramiken (von Villeroy & Boch? ) und das Titan (Pfanne von Fissler?) passen perfekt. Die Beine sind gleich lang. Was will man mehr? Sieht gut aus.
Das Erwachen war mühsam und auch schmerzhaft. Das mag daran liegen, dass mein Aufwachengel nicht sonderlich aussagefreudig und ausschließlich auf die Sache fokussiert war. Der Arzt hat es dann in Ordnung gebracht. Alles tadellos. Das beruhigt.
Mein aufgefangenes Blut wollte nur langsam wieder in seine Heimat zurück. So hat es bis 19:45 gedauert, dass ich wieder ins Zimmer durfte. Ein paar Minuten später war auch schon Renate da. Sie war für 17 Uhr vorbereitet und wollte schon das Aufwachzimmer stürmen. In Renates Anwesenheit ging es dann gleich dramatisch bergauf.
Die Nacht war gut, da ich unter meinem Schnarchen ja nicht so leide. Um vier versuche ich wie ein Astronaut stoffzuwechseln. Da kommt nach einer halben Stunde zufällig der Pfleger, erfasst das erbärmliche Spiel, holt Krücken und macht wohl eine Ausnahme. Als ich in der Früh das Spiel wiederholen will, gibt’s ein Njet. Ich muss im Bett bleiben. Hoffentlich hat mein gnädiger Pfleger nicht Ärger bekommen. Auch er bleibt beim „Leider nicht“. Aber der Physiotherapeut wird zur offiziellen Mobilisierung angefordert.
Wie auf der Löwinger Bühne geht nach ein paar Minuten wieder die Türe auf und diesmal schaut der Arzt herein und stellt fest, dass ich topfit bin. Auf den Therapeuten warten? Der kommt nicht vor zehn. Was soll schon passieren? Weiß ja keiner. Problem gelöst.
Weil man hier ums Wohle der Patienten bemüht ist, steht nach zwanzig Minuten der Physiotherapeut da. Der reißt ein Aug‘ auf, weil ich ihm von meiner Übung nichts verrate und selbstsicher aus dem Bett springe. Das nennt er eine Auferstehung. Er wird mich für die Entlassung am Donnerstag bereit machen. Ich habe nach dieser kurzen Session die Lizenz zum selbständigen Aufstehen. Morgen wird Stiegensteigen geübt. Ob ich wieder ein bisserl üben soll? Das wird jedenfalls schwierig, da man mir noch das Gewand verweigert.
Auch wenn ich kaum Schmerzen habe, empfiehlt der Arzt die Einnahme der Tabletten. Ja, da ist ein Hydal dabei. Ich staune nicht schlecht, denn die gab es bei Ulli, weil morphiumhaltig, in der Apotheke nur mit Drogendealerpickerl.
Der Tag verläuft sonst unspektakulär. Ich bin ein bisserl zugedröhnt und schlummere vor mich hin. Zwei neue Patienten sind gekommen und werden sogleich operiert. Gelegentlich spazieren ich herum. Ruhige Genesung!
Kurz, weiterhin alles am besten Wege. Daumen halten!
25.09.2023
12:34 – eingeliefert, aufgenommen, ausgeliefert! Plötzliche Hektik – Fehlalarm, alles beim ursprünglichen Plan. Um 14 Uhr wird operiert.
Für sechs bis zehn Tage bin ich hier eingebucht. Detailliert darf ich die Essenswünsche für zehn Tage formulieren. Der Kaffee stark oder mild, die Milch warm oder kalt,… Blöd, dass ich nüchtern sein muss und hungrig bin. Ich kreuze mal alles an.
Ich liege alleine in einem Dreibettzimmer. Okay, bei der Buchung kein Wunder. Mein Bett steht hoffentlich ab Freitag dann auch leer.
24.09.2023
Morgen, am 25.9.2023, soll mein rechtes Hüftgelenk ersetzt werden. Seit Geburt an ist die Gelenkspfanne links und auch rechts ein Stückerl zu klein. Der Gelenkskopf ragt ein ganzes Stück aus der Gelenkspfanne. So ist eigentlich schon immer die Beweglichkeit eingeschränkt. Über die Jahre hat sich zu dieser Dysplasie eine Arthrose, also Abnützung, entwickelt. Mittlerweile liegt auf der rechten Seite Knochen auf Knochen. Das hat zur Folge, dass das Bein fast ständig leicht schmerzt. Schlafen geht noch gut, Laufen geht seit einem Anfang des Jahres nicht mehr. Dabei hält mich nicht ein starker Schmerz vom Laufen ab. Es ist eher ein dumpfer Dauerschmerz. Dass ich diesen nicht ignorieren kann, fasziniert mich.
Das Bergsteigen geht gut, solange es bergauf geht. Das Bergabgehen ist von Tour zu Tour nun schwieriger geworden. Der Körper weicht aus und belastet damit den restlichen Bewegungsapparat. So tun mir die Knie mittlerweile weh. Ich hoffe sehr, dass diese Beschwerden nach der OP und dem Wiederaufbau weg sind. Aber nicht nur der Bewegungsapparat sondern auch die Bewegung selbst hat gelitten. Mein Bergabgehen ist mehr ein Staksen als ein sportliches Runterzischen. Da leidet auch die Sicherheit darunter. Nein, das passt nicht.
Einigkeit besteht wohl, dass die Arthrose irreversibel ist. Mit Physiotherapie lassen sich die Symptome deutlich reduzieren, aber die weitere Verschlechterung kann sie auch nicht aufhalten. Da ich weiterhin Bergsteigen, Laufen und Radfahren will, habe ich mich zur OP entschieden. Schauen ma a mal!