Mein neues Hüftgelenk

11.11.2023

Am Dienstag war ich beim Orthopäden. Es war die letzte Untersuchung, wenn sich nicht noch etwas verschlechtert. Somit ist alles gut am Weg, aber es wird noch dauern. Ich darf nun nach sechs Wochen wieder wandern, bergsteigen und auch ein bisserl kraxeln. Sogar ins Fitness Center darf ich wieder. Alles halt mit Maß und Ziel. Radfahren ist wieder möglich. Der Ellipsentrainer ist sicherlich optimal. Auf dem will ich mich ein paar Mal die Woche abrackern.

Eindrucksvoll hat mir der Orthopäde vorgehüpft, warum ich bergsteigen, aber nicht laufen kann. In sechs Wochen sollte dann aber auch Laufen wieder möglich sein. Im März besteht die Möglichkeit, dass alles so weit gefestigt ist, dass ich gar wieder skifahren kann. Es wird.

Ein bisserl einen Schrecken habe ich dem guten Mann auch eingejagt, als ich ihm berichtet habe, dass ich mit meiner Hüfte schnappen kann. Er hat das Vorführgelenk hervorgeholt und damit aufeinandergeschlagen. Klingt das so? Ja! Renate hat bestätigt, dass es so klingt. Ich habe aber auch gemeint, dass es bei mir so klingt, als ob ein gespannter Draht über eine Kante schnalzt. Es fühlt sich auch eher so an. Das hat ihn beruhigt. Seine Untersuchung hat bestätigt, dass mein verkürzter Hüftbeuger, der in den letzten Jahren wirklich nur noch kurz geführt wurde, jetzt ob der neuen Bewegungsfreiheit ein bisserl gestresst und angespannt ist. Meine Verdachtsdiagnose Coxa saltans hat sich damit bestätigt. Wenn es nicht besser wird oder sich gar verschlimmert, dann weiß der Orthopäde Mittel dagegen. Unter Lokalanästhesie wird die Sehne gedehnt. Ich denke, es hat sich schon gebessert, eigentlich spontan geheilt.

Meine grippaler Infekt und der Magen-Darm-Virus könnte auch eine andere Erklärung haben als ein unglücklicher Zusammenfall zweier Infekte. Die neue Covid-Variante bringt oft Durchfall mit. Das würde einige Symptome erklären, unter anderem, dass ich bei einem der Spaziergänge ordentlich beim Abstieg von der Wiener Hütte die Zähne zusammenbeißen musste. Da habe ich schon fast an die Bergrettung gedacht. Egal, Mio war eh mit und außerdem ist es Vergangenheit.

Vorgestern haben wir den Gebirgsvereinsteig gemacht. Damit endet auch mein regelmäßiger Hüftbericht. Ich bin froh, dass ich zu den 92,5% gehöre, für die die OP ohne Nacharbeiten ein Erfolg ist. Ich habe einiges dazugelernt und verstehe besser, warum man manches nach der OP so lange nicht tun darf. Die Muskelschmerzen stehen zumindest bei mir im Vordergrund. Ich bin beeindruckt, wie lange so ein Muskel und seine Sehnen nach so einem massiven Eingriff beleidigt sein können. Die Schmerzen sind im Ausmaß aktuell ähnlich wie vor der OP. Das halte ich problemlos aus. Vor allem, weil sie anders sind. Es überwiegt nämlich die Zuversicht, dass diese Schmerzen im Laufe der kommenden Wochen immer schwächer werden. Passt doch!

3.11.2023

Nun hat mich ein Magen-Darm-Virus niedergestreckt. Ich meine, geht’s noch? Da lässt sich schwer sagen, ob und wie die Genesung voranschreitet. So bin ich die Woche eben viel herumgelegen. Aber beim Herumliegen haben sich zumindest meine Oberschenkelmuskel erholt. Solange mich der Virus gequält hat, haben auch die Muskeln geschmerzt. Gestern konnte mein Immunsystem aber ein Ende der Kampfhandlungen bekanntgeben. Siehe da, die Beine waren okay, Das heißt, ich spüre nur noch minimale Auswirkungen der OP. Das ist sehr gut, aber auch nicht. Denn in meinem Übermut habe ich mich heute auf Renates Ellipsentrainer, was immer das auch ist, für 30 Minuten gestellt. Was war das für ein herrlicher Auslauf nach so langer Zeit! Allerdings habe ich schon nach einer Stunde ein vertrautes Gefühl wahrgenommen. Ein Gefühl, das einen ordentlichen Muskelkater in den nächsten 48 Stunden verspricht. Letzte Woche war ich schlapp, weil mich der Männerschnupfen erledigt hat, diese Woche war es das Magen-Darm-Virus und jetzt wieder gesund, ist es das erste Training, das mich ermüdet beim Fenster rausstarren lässt.

Egal, I’ll be back! Alles gut, am Dienstag geht es zum Orthopäden. Mal schauen, ob wir uns ein Glaserl Champagner auf den Erfolg reinzischen werden!

24.10.2023

Eine weitere Woche ist vergangen. Eine grippaler Infekt (Selbstdiagnose) hat mich mit Fieber wie schon seit Jahren nicht (mit Ausnahme Covid) umgelegt. Der Männerschnupfen (Fremddiagnose) hatte es in sich. Der Zustand war derart, dass ich gar beim Arzt angerufen habe. Denn plötzlich konnte ich nicht einmal Stiegen steigen und bin gar wieder auf Krücken durchs Haus. Nach einer Stunde waren die Schmerzen wieder weg. Ein Wunder? Was weiß ich! Für eine Obduktion ist es zu früh. Der Arzt hat am Abend zurückgerufen. Einen viralen Infekt hält die Hüfte aus, alles gut!

Seit gestern bin ich frei von Schmerzmitteln. Na ja, heute morgen habe ich mir ein einzelnes Novalgin gegönnt. Aber das zählt ja fast nicht. Die Physiotherapeutin meint, dass das eben die Muskeln sind. Auch der Chirurg meinte schon kurz nach der OP, dass die Muskelschmerzen gekommen sind, um eine ganze Zeit lange zu bleiben. Sehr gut!

So starte ich weiterhin zuversichtlich in die fünfte Woche nach der OP.

17.10.2023

Drei Wochen und einen Tag habe ich nun das neue Gelenk. Ich meine, dass sich die Genesungskurve abgeflacht hat. Gestern will es aber der Zufall, dass wir nochmals auf die Rax fahren. Eigentlich wollten wir auf den Schneeberg, aber die letzte Zahnradbahn fährt schon um 15:15. So wählen wir nochmals die Seilbahn, die immerhin bis 17:00 fährt. Renate und Gernot gehen den Alpenvereinssteig. Mio und ich fahren Seilbahn und besteigen wie vor knapp einer Woche wieder den Jakobskogel. Was merke ich da für einen Unterschied! Ich kann schnell gehen und das, obwohl ich gar keine Schmerztablette eingeworfen habe. Der Jakobskogel ist mir zu wenig und so gehen wir ihn ein zweites Mal. Ich habe vergessen, die Ingress-Schlüssel oben abzuholen. Da muss ich ein zweites Mal rauf – alles klar?

Danach gehen wir Renate und Gernot entgegen. Mio fetzt durch den ersten Schnee in dieser Saison, ich muss aufpassen, dass es mich bei meinem Geschick nicht auflegt. Es ist jedenfalls der erste Tag seit der OP, an dem ich über 1.000 kCal verbrannt habe. Kurz, es geht bergauf. Am Abend bin ich dann in den Beinen mächtig erschöpft, kann kaum gehen. Vielleicht ist das schon der Männerschnupfen, der sich über Nacht meiner bemächtigt. So gibt es an diesem Dienstag fix einen Rasttag mit weiterhin viel Zuversicht!

11.10.2023

Gestern waren es über 15.000 Schritte. Heute war die Rax dran. Renate ist mit Mio den Törlweg vom Knappenhof zum Otto-Haus gesprintet. Ich bin (noch) mit der Seilbahn rauf und von dort zum Otto-Haus. Auch wenn es ein bisserl mühsam für mich war, haben wir doch den Jakobskogel bestiegen.

Kurz, mir geht’s gut, auch wenn das Bein schon noch schmerzt. Natürlich bin ich bei meinen Ausflügen extra konzentriert. Heute und morgen ist jedenfalls eher Ruhe angesagt.

09.10.2023

Gestern wollte Mio erst gar nicht spazieren mit mir. Er war fassungslos, weil ich die Reste vom Grillhendl in der Mülltonne entsorgt habe und weil es nieselte. Aber dann konnte ich ihn doch überzeugen. Unverhofft waren wir bei der Wiener Hütte und einer von uns beiden stolz wie Oskar. Der Abstieg war von Vorsicht geprägt, weil ich nicht die Straße ausgehen sondern den direkten Weg durch den Wald nehmen wollte. Danach habe ich die Belastung ordentlich gespürt, aber das soll ruhig so sein.

Vor zwei Wochen wurde das rechte Hüftgelenk durch eine Prothese (TEP) ersetzt. Nach zwei Wochen kann ich mich bereits sehr gut bewegen. Schmerzmittel nehme ich auch wegen ihrer entzündungshemmenden Wirkung. Vor übermäßiger Belastung bin ich gefeit, weil mir das Körpergefühl davon abrät. Somit sieht das alles nach einem vollen Erfolg aus.

08.10.2023

Im Schrank habe ich noch ein Hydal gefunden. Als sparsamer Patient habe ich das im Krankenhaus, weil tadellos zugedröhnt, gespart und dann nicht übers Herz gebracht, es zu entsorgen. Noch ein bisserl Arthotec und gut geschlafen. All das hat mich am Freitag wieder gesund sein lassen. Ich habe mich gar als „bedingt geheilt“ erklärt. Als „bedingt geheilt“ habe ich die Krücken Krücken sein lassen. Falls jemand Interesse hat, ich habe da ein Paar kaum benützt zur Abgabe. Der erste Weg hat mich zur Tierärztin geführt. Das sind insgesamt gute zwei Kilometer. Den Polo habe ich auch gleich wieder in Betrieb genommen und den Weg zum Hofer riskiert. Am Abend haben wir uns mit Thomas und Ivana getroffen. Selbst die drei Stunden Sitzen beim Artner waren auszuhalten. Was heiß aushalten? Es war besser als vor der OP – kann aber auch an den Schmerzmitteln und den zwei Gläsern Rotwein liegen.

Am Samstag habe ich die Dosis dann weiter reduziert. Es geht gut. Heute am Sonntag habe ich bis lang (14:30) noch gar nichts genommen. Sicherlich werde ich mir aber noch eine Dosis reinzischen. Denn ich mag nicht, dass sich der Schmerz wieder allzu heftig meldet. Er ist da und sagt mir auf vernünftig erträgliche Art und Weise, dass ich eben nur „bedingt geheilt“ bin.

Meine Erlerntes aus den letzten ein, zwei Wochen ist: ich bin völlig fasziniert, dass man einem Menschen den Oberschenkelknochen abschneiden, diesen mit einem Titan-Span füllen, den Hüftknochen ausfräsen und dort eine Titanpfanne einschlagen kann. All das, ohne dass der Patient völlig aus dem Leben geschossen ist. Was war ich verwundert, dass ich am ersten Tag nach der OP aufstehen und über den Gang spazieren konnte. Da dachte ich mir schon, dass ich halt ein Wahnsinn bin. Das wahre Wunder ist, was Schmerzmittel zu leisten vermögen. Also, eigentlich beginnt es schon bei der Narkose. Der Chirurg hat mir erklärt, was während der OP mit mir gemacht wurde. Da möchte ich wahrlich nicht bewusst dabei sein. Deswegen auch meine super klare Empfehlung bei der Wahl, ob Narkose oder „Kreuzstich“. Beim Erwachen aus der Narkose hat das Bein geschmerzt, als wäre ich mit dem Mountain Bike gestürzt und mit dem Bein gegen einen Baum gekracht. Aber das war es. Am nächsten Tag habe ich ja, wie oben beschrieben, gedacht, dass ich mich wie ein Jugendlicher von dem Trauma erholt habe. Das fälschliche Absetzen der Schmerzmittel hat mir dann gezeigt, wie es bei und nach einer OP vor sechzig oder mehr Jahren gewesen sein muss.

Tja, und in dreißig Jahren wird der Knochen vielleicht gar nicht mehr abgeschnitten. Da wird eine Coxarthrose ohne chirurgischen Eingriff korrigiert. Irgendwo zwischen einst, heute und morgen bin ich jedenfalls recht zufrieden und in Vorfreude, was sich da noch alles verbessern mag.

05.10.2023

„Mutig“ gibt der Arzt als Antwort auf meine Ausführungen zu den letzten Tagen. Seit Dienstag geht es nämlich kontinuierlich bergab. Erst dachte ich, dass das schon mal vorkommen kann. Als es heute morgen nochmals härter war, habe ich mir mit „In zwei Wochen oder Monaten schmunzelst du darüber“ Mut zugesprochen. Sogar die Krücken kommen wieder zum Einsatz. Erwähnenswert ist das zeitliche Zusammenfallen des Einsetzens der Schmerzen mit dem Absetzen der Schmerzmittel. Als Informatiker habe ich nach ausführlicher Analyse den Verdacht, dass hier auch ein kausaler Zusammenhang bestehen könnte. Auch diese Vermutung bringe ich nicht unstolz vor. So fasst der Arzt zusammen: „Sie haben also alle Schmerzmittel am Dienstag abgesetzt. Das nenne ich mutig.“. „Na ja, steht ja so im Entlassungsbrief.“. „Es steht im Brief, was Sie mindestens nehmen müssen, um einer Ossifikation vorzubeugen. Da hätte ich vielleicht ausdrücklicher sagen sollen, dass Sie die Mittel danach nach Bedarf anpassen sollen.“. Ja, das mit der Ossifikation hat er gesagt. Das habe ich mir gemerkt und als Hypochonder auch sicherlich entwickelt. Egal, ich nehme jetzt nach Bedarf. Dann wird alles gut. Der Grat zwischen Mut und Dummheit ist bekanntlich ein schmaler.

Die Nähte sind draußen. Wir speisen noch im Stasta, ehe ich mich wieder daheim gierig der Drogenabteilung im Küchenkastl widme.

02.10.2023

Hier tut sich nicht viel. Die Krücken verwende ich nicht mehr. Wenn ich mich dann irgendwann von meiner Liegestatt erhebe, die Brüder Karamasov zur Seite lege, denke ich mir manchmal nach ein paar Schritten: „Halt, was ist denn mit meinem Bein?!“, um gleich zu erinnern: „Ah ja, ich hatte ja diese OP, das war wirklich und nicht nur geträumt.“. Eigentlich ein gutes Zeichen.

Am Donnerstag bin ich beim Orthopäden. Da werde ich mich meiner Punkte nochmals versichern. Auch zu meinem Verhalten werde ich ehrlich und ungefragt Auskunft geben. Er wird mich schon nicht entmündigen.

Also, am Donnerstagabend gibt es wieder ein Update hier. Ausgenommen sind natürlich Breaking News – eigentlich keine schöne Wortwahl in dem Zusammenhang. Falls am Freitag noch nichts da steht, hat man mich in Gewahrsam genommen. Schauen ma a mal!

30.09.2023

Renate sagt, das Foto könne ich ruhighochladen. Ich bin g’schamig, meinen durchleuchteten Hintern hier zu präsentieren, und habe das Foto daher ein bisserl verkleinert. Ich will ja meine Leserschaft nicht zu sehr belasten. Mich fasziniert es jedenfalls. Wie unvorstellbar ist mir, was medizinisch möglich ist! Ich habe Fragen über Fragen. Wieso stört der abgesägte Knochen nicht? Das ist sieht ja sogar ein bisserl ausgefranst aus. Muss man das Knochenmark vor dem Reintreiben der Prothese auskratzen oder wird das Mark komprimiert? Weitere Fragen zur Verwendung des Knochenmarks, speziell in Kombination mit Schwarzbrot, lasse ich bewusst aus. Wieso ist der Schaft so dünn? Ich dachte, ein Oberschenkelknochen ist extrem hart und bruchfest. Und dann wird er durch so einen dünnen Schaft ersetzt!

Heute haben anscheinend die Drogen nachgelassen. Ab morgen fallen dann alle Schmerzmittel weg. Das ist schlecht und das ist gut. Gut ist es, weil es meinen Bewegungsdrang dämpft. Mich stört der Schmerz nicht so, da ich ja daran gewöhnt bin, dass sich meine Hüfte meldet. Aber mit Schmerzmitteln möchte ich am liebsten loslegen.

Mittlerweile gehe ich die Treppen schon im normalen Schritt hinauf und das Gefühl dabei lässt vermuten, dass Bergsteigen richtig edel werden könnte, wenn das alles verheilt ist. Ich freue mich drauf! Hoffentlich erfüllt sich meine Erwartung. Haltet mir die Daumen!

29.09.2023

So, ich bin wieder daheim und mir ist ein bisserl gar fad. Sogar Tristan war auf Besuch.

Wofür die Krücken da sind, habe ich gehört. Aber anfangen kann ich mit denen nichts. Sie sollen mich nicht entlasten, sondern vor einem Sturz bewahren. So habe ich sie in den ersten Stunden im Haus rumgetragen und wäre einmal fast darüber gestolpert. Auch Stiegen steigen immer mit einem Bein voran und das andere nachsteigen lassen, ist gewöhnungsbedürftig. Okay, immerhin vertut man damit die doppelte Zeit.

Schaue ich mich im Spiegel an, so erkenne ich rechts eine recht venusförmige Rundung. Die neue Hüfte ist deutlich ausladender als die alte. Das wird sich hoffentlich zurückbilden.

Richtig lustig finde ich, dass ich am Hintern noch eine ähnliche Farbe habe wie der ehemalige, amerikanische Präsident im Gesicht. Das wird sich auch legen – also, bei mir, nicht bei ihm.

In meiner Langeweile habe ich bei Garmin nachgeschaut: im Schnitt verbrauche ich pro Nix-tu-Tag um 500 bis 1.500 Kalorien weniger als sonst. Nehmen wir 800 Kalorien im Schnitt. Das sind 100g Fett pro Tag! Upps, in sechs Wochen, also nach 42 Tagen habe ich um 4,2 kg mehr Fettdepots. Ein halbes Jahr bringen dann knapp über 18 kg zusätzlich, womit ich den 100er durchbrechen würde. Anderseits würde die geschwollene Hüfte dann nicht mehr auffallen. Hmm, seltsamer Ausblick.

28.09.2023

Geduscht und in Zivilkleidung warte ich auf die letzte Lymphdrainage. Mir geht es gut. Ich kann aufrecht stehen und gehen. Die Krücken verwende ich, weil sie vorgeschrieben sind. Ich fühle mich aber auch ohne sicher. Der Bewegungsapparat fühlt sich noch ein bisserl verzogen und beansprucht an. Das wird werden. Baba, Krankenhaus.

27.09.2023

Gestern habe ich mich mit einem Schlafmittel sediert. Hui, das hat gewirkt. Schmerzmittel gibt es reichlich, und so habe ich tief geschlafen. Der Therapeut war um halbacht da und musste einsehen, dass mit mir nichts anzufangen ist. Nach dem Frühstück gab es die Stiegen. Alles easy.

Die Krücken brauche ich nur als Schutz vor einem Sturz und nicht zur Entlastung. Somit könnte ich auch ohne Krücken gehen. Wenn ich so dastehe, hat sich mein Körpergefühl etwas geändert. Ich meine, dass ich aufrechter stehe. Dabei fühle ich mich gar jünger. Tja, da werdet ihr schauen.

Jetzt warte ich auf den Arzt. Lymphdrainage steht dann noch am Programm und natürlich Renates Besuch.

Kurz vor 20 Uhr kommt der Arzt. Alles gut! Schöne Bilder einer perfekt sitzenden Prothese hat er mit dabei. Einer Entlassung steht nichts im Wege. Gerne auch schon am Donnerstag. Ich brauche mir auch nicht allzu viel Sorgen machen. Das sitzt alles bombenfest. Wenn in ein paar Wochen der Muskelschmerz weg ist, wird es herrlich sein.

So gönne ich mir auch heute Abend wieder ein Schlafmittel. Der Wirkstoff macht sehr schnell süchtig, weiß das Internet. Dafür lasse ich halt das Morphin weg. Morgen endet das Drogenparadies ohnedies.

26.09.2023

Die OP gestern ist nach Aussagen der Ärzte optimal verlaufen. Die Keramiken (von Villeroy & Boch? ) und das Titan (Pfanne von Fissler?) passen perfekt. Die Beine sind gleich lang. Was will man mehr? Sieht gut aus.

Das Erwachen war mühsam und auch schmerzhaft. Das mag daran liegen, dass mein Aufwachengel nicht sonderlich aussagefreudig und ausschließlich auf die Sache fokussiert war. Der Arzt hat es dann in Ordnung gebracht. Alles tadellos. Das beruhigt.

Mein aufgefangenes Blut wollte nur langsam wieder in seine Heimat zurück. So hat es bis 19:45 gedauert, dass ich wieder ins Zimmer durfte. Ein paar Minuten später war auch schon Renate da. Sie war für 17 Uhr vorbereitet und wollte schon das Aufwachzimmer stürmen. In Renates Anwesenheit ging es dann gleich dramatisch bergauf.

Die Nacht war gut, da ich unter meinem Schnarchen ja nicht so leide. Um vier versuche ich wie ein Astronaut stoffzuwechseln. Da kommt nach einer halben Stunde zufällig der Pfleger, erfasst das erbärmliche Spiel, holt Krücken und macht wohl eine Ausnahme. Als ich in der Früh das Spiel wiederholen will, gibt’s ein Njet. Ich muss im Bett bleiben. Hoffentlich hat mein gnädiger Pfleger nicht Ärger bekommen. Auch er bleibt beim „Leider nicht“. Aber der Physiotherapeut wird zur offiziellen Mobilisierung angefordert.

Wie auf der Löwinger Bühne geht nach ein paar Minuten wieder die Türe auf und diesmal schaut der Arzt herein und stellt fest, dass ich topfit bin. Auf den Therapeuten warten? Der kommt nicht vor zehn. Was soll schon passieren? Weiß ja keiner. Problem gelöst.

Weil man hier ums Wohle der Patienten bemüht ist, steht nach zwanzig Minuten der Physiotherapeut da. Der reißt ein Aug‘ auf, weil ich ihm von meiner Übung nichts verrate und selbstsicher aus dem Bett springe. Das nennt er eine Auferstehung. Er wird mich für die Entlassung am Donnerstag bereit machen. Ich habe nach dieser kurzen Session die Lizenz zum selbständigen Aufstehen. Morgen wird Stiegensteigen geübt. Ob ich wieder ein bisserl üben soll? Das wird jedenfalls schwierig, da man mir noch das Gewand verweigert.

Auch wenn ich kaum Schmerzen habe, empfiehlt der Arzt die Einnahme der Tabletten. Ja, da ist ein Hydal dabei. Ich staune nicht schlecht, denn die gab es bei Ulli, weil morphiumhaltig, in der Apotheke nur mit Drogendealerpickerl.

Der Tag verläuft sonst unspektakulär. Ich bin ein bisserl zugedröhnt und schlummere vor mich hin. Zwei neue Patienten sind gekommen und werden sogleich operiert. Gelegentlich spazieren ich herum. Ruhige Genesung!

Kurz, weiterhin alles am besten Wege. Daumen halten!

25.09.2023

12:34 – eingeliefert, aufgenommen, ausgeliefert! Plötzliche Hektik – Fehlalarm, alles beim ursprünglichen Plan. Um 14 Uhr wird operiert.

Für sechs bis zehn Tage bin ich hier eingebucht. Detailliert darf ich die Essenswünsche für zehn Tage formulieren. Der Kaffee stark oder mild, die Milch warm oder kalt,… Blöd, dass ich nüchtern sein muss und hungrig bin. Ich kreuze mal alles an.

Ich liege alleine in einem Dreibettzimmer. Okay, bei der Buchung kein Wunder. Mein Bett steht hoffentlich ab Freitag dann auch leer.

24.09.2023

Morgen, am 25.9.2023, soll mein rechtes Hüftgelenk ersetzt werden. Seit Geburt an ist die Gelenkspfanne links und auch rechts ein Stückerl zu klein. Der Gelenkskopf ragt ein ganzes Stück aus der Gelenkspfanne. So ist eigentlich schon immer die Beweglichkeit eingeschränkt. Über die Jahre hat sich zu dieser Dysplasie eine Arthrose, also Abnützung, entwickelt. Mittlerweile liegt auf der rechten Seite Knochen auf Knochen. Das hat zur Folge, dass das Bein fast ständig leicht schmerzt. Schlafen geht noch gut, Laufen geht seit einem Anfang des Jahres nicht mehr. Dabei hält mich nicht ein starker Schmerz vom Laufen ab. Es ist eher ein dumpfer Dauerschmerz. Dass ich diesen nicht ignorieren kann, fasziniert mich.

Das Bergsteigen geht gut, solange es bergauf geht. Das Bergabgehen ist von Tour zu Tour nun schwieriger geworden. Der Körper weicht aus und belastet damit den restlichen Bewegungsapparat. So tun mir die Knie mittlerweile weh. Ich hoffe sehr, dass diese Beschwerden nach der OP und dem Wiederaufbau weg sind. Aber nicht nur der Bewegungsapparat sondern auch die Bewegung selbst hat gelitten. Mein Bergabgehen ist mehr ein Staksen als ein sportliches Runterzischen. Da leidet auch die Sicherheit darunter. Nein, das passt nicht.

Einigkeit besteht wohl, dass die Arthrose irreversibel ist. Mit Physiotherapie lassen sich die Symptome deutlich reduzieren, aber die weitere Verschlechterung kann sie auch nicht aufhalten. Da ich weiterhin Bergsteigen, Laufen und Radfahren will, habe ich mich zur OP entschieden. Schauen ma a mal!

Gretchensteig

Uh, in diesem Jahr war ich nicht viel auf meinen Hausbergen unterwegs. Und dieses Jahr kommt auch nicht mehr viel. Wenn mir nicht noch ganz schnell etwas einfällt, dann ist es am Montag mit meinem Hüftgelenk passé. In diesem Jahr werde ich nicht mehr in die Berge kommen.

Also, schnell noch mal eine kleine Hausrunde mit Mio. Mio ist ein bisserl wenig ambitioniert. Jetzt geht er schon ein paar Mal solche Steige mit, aber eine Verbesserung geschweige denn Begeisterung lässt sich nicht feststellen. Heute muss ich ihn gar ein paar Mal raufheben. Das ist ihm aber auch nicht peinlich. Seine Erfahrung spiegelt sich darin, dass er sich an die „kniffligen“ Stellen schön zur Wand stellt und wartet, bis der Lift losgeht. Steht er oben, will er sogleich ein Leckerli. Ob das noch was wird mit ihm als Berghund?

Am Plateau hat der Herbst Einzug genommen. Der Wind treibt den Nebel über die Wand rauf, hinter dem Gedenkstein auf der Heukuppe picknicken zwei verzweifelte Wanderer und üben ein bisserl Überleben in der Todeszone. Mios Herrl ist aber mit den Eigenschaften von Luv und Lee durchaus vertraut. Ja, auch wir könnten uns ins Lee des Denkmals flüchten. Stattdessen steigen wir zwanzig Meter ins Lee der Heukuppe. Da ist die Welt spätsommerlich.

Beim Abstieg zum Karl-Ludwig-Haus umstellen uns Gämsen. Mio ist älter geworden und hat auch da seine Ambitionen fast verloren. Er lässt sich an die Leine nehmen und beobachtet aus dieser Position. An Angriff denkt er ebenso wenig wie die Gämsen.

Schon im Winter habe ich mich gewundert, wie das hier heroben und auch irgendwann dann unten mit den geringen Schneemengen und der Wasserversorgung ausgehen soll. Hier heroben hat das Karl-Ludwig-Haus schon seit fast einem Jahr geschlossen und auch das Habsburghaus quält notorischer Wassermangel. So steigen wir zum Waxriegelhaus ab. Das ist entsprechend voll. Passt so!

Runde erledigt, das nächste Mal komme ich hoffentlich mit ein bisserl Keramik in mir hier vorbei. Frohe Weihnachten kann ich eigentlich auch schon wünschen.

Tour auf garmin

Amsterdam


Fotos


Diesmal habe ich von Amsterdam wesentlich mehr mehr mitbekommen, als bei meinem letzten Besuch. Und das, was ich mitbekommen habe, hat mir sehr gut gefallen. Hier ist jedenfalls etwas los. Vielleicht liegt es an der Jahreszeit, vielleicht an unserem Glück mit dem Wetter, vielleicht an der Hotelauswahl. Schön war’s, Amsterdam gefällt.

Wir haben uns im The Dylan einquartiert und dort ein Zimmer im letzten Stockwerk bezogen. Mit Blick über die benachbarten Häuser genießen wir hier absolute Ruhe. Für den ersten Abend ist ein Essen im Hotelrestaurant Vinkeles geplant. Ich erwarte nicht so viel und werde völlig überrascht. Das war dann doch das beste Essen seit vielen Jahren. Und ich war schon ein paar Mal gut essen 😉 Michelin, ja das testende Reifenmännchen, hat dem Restaurant zwei Sterne gegeben. Ich hätte da noch einen draufgelegt. Gehet hin und genießet es!

Am zweiten Tag machen wir es wie die Amsterdamer, wir radeln. Da die größten Anstiege die Brücken über die Grachten sind, macht das Spaß. So durchqueren wir die gar nicht so große Stadt mehrere Male.

Beim letzten Mal war die ganze Stadt eingeraucht. Der Kaiser hatte seinen 50er gefeiert. Diesmal ist es in diesem Belange weit ruhiger hier. Trotzdem verstehe ich jetzt Mio besser. Jedes Mal, wenn ich an so einem Coffeeshop vorbeiradle, reißt es mich. An diesen Orten muss man ein bisserl achtsamer unterwegs sein, sonst kracht man in so einen friedlich grinsenden Passanten, an dem alles gaaaanz schnell vorbeizieht.

Stockholm oder Amsterdam? Schwer zu sagen. Renate meint, dass Kopenhagen das jeweils Beste der beiden Städte vereint. Dann irgendwann auch noch diest Stadt!

Überaus fein war’s!

Hintere Schwärze (3.624 m)

Als Gernot und ich letztes Jahr über den Marzellkamm auf den Similaun gestiegen sind, haben wir immer wieder zur Hinteren Schwärze geschaut. Bedrohlich hat sie damals gewirkt. Das lag sicherlich am Nebel, den Wolken und dem spaltenreichen Marzellferner. Da war auch bald fix, dass wir da hinauf wollen. Doch dieses Jahr wird’s eng. Gernot ist mit seiner neuen Wohnung in Kärnten beschäftigt, und bei mir steht in zwei Wochen das neue Hüftgelenk an. Natürlich bin ich voller Zuversicht, dass der Tausch ein voller Erfolg werden wird. Anderseits gilt: was man hat, das hat man. So engagiere ich wieder einen Bergführer, denn alleine geht man so lange Gletschertour nicht.

Was ich mir immer vor so einer Tour an irrationalen Sorgen mache! Okay, durch die endlosen Gletscherspalten, wird mich Alex, der Bergführer, leiten. Das ist sein Job. Wie er überhaupt den Weg zu finden hat. Aber was, wenn Alex nicht bei der Martin-Busch-Hütte ist oder am Vorabend zu wild gefeiert hat. Lauter Mist geht mir durch den Kopf, sodass ich mich selbst nicht kenne!

Egal, um fünf Uhr läutet der Wecker. Leise stehle ich mich aus dem Zimmer. Renate wünscht mir Glück, Mio ignoriert mich. Das Hotel hat mir ein Lunch-Paket hergerichtet – sehr fein. Am Vortag habe ich mir in Vent ein E-Bike ausgeliehen. Das ist ein Hardtail, also hinten nicht gefedert. Egal, der Verleiher meint, dass ich damit mühelos zur Martin-Busch-Hütte komme. So starte ich um halbsechs. Es ist noch stockfinster, als ich losradle. Die Stirnlampe leuchtet den Weg. Aber das Radl ist suboptimal. Die Federung hinten bietet meines Erachtens nicht nur Komfort sondern auch Grip bei steilen Anstiegen. Passe ich nicht auf, liefert zwar der E-Motor ausreichend Kraft, aber der Reifen dreht durch. Zum Schieben ist das Radl viel zu schwer und die Zeit viel zu knapp. So bin ich ein bisserl gestresst. Aber was ist das? Was funkelt da so auf dem Weg? Wer hat da so viele Reflektoren aufgestellt? Ehe ich das checke, stehe ich schon in einer Herde schlafender Schafe. Mann oh, zur Seite! Ich hab’s echt eilig! Als dann noch zweimal die Kette rausspringt, bin ich knapp dran, den Dreck in den Graben zu werfen und weiter zu Fuß zu gehen. Das ist natürlich keine Option, und ich steige wieder auf mein „Haibike“ auf. Also, Gaßbock oder Bockende Sau fände ich passender!

Etwas zu spät, aber doch komme ich bei der Hütte an. Dort wartet schon Alex auf mich. Alex ist ein paar Jahre jünger als ich, hauptberuflich Berg- und Schiführer, Bergretter sowie gerichtlicher Sachverständiger für Alpinunfälle. Ich geniere mich für meine Sorgen. In besseren Händen könnte ich nicht sein.

Um kurz nach halbsieben starten wir. Ich bin vergnügt aufgekratzt. Alex geht vor, ich folge ihm auf den Marzellkamm. All das in einer Geschwindigkeit wie vor ein paar Jahren, als die Hüfte noch Laufen zuließ und ich entsprechend fit war. Auf 2.820m dann der Abstieg zum Marzellferner. 120 Höhenmeter muss man mittlerweile absteigen, um zum Eis zu gelangen. Wir legen Steigeisen und Klettergurt an. Ich bin umsorgt: „Ja Gottfried, du kannscht auch schon die Handschuhe bereithalten. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen dem Schutz vorm Eis! Vielleicht magscht auch schon die Sonnenbrille griffbereit haben.“.

Wir steigen los. Das Morgenlicht lässt einen Blick nach oben zu. Keine Spalte weit und breit im ersten Abschnitt. Das Eis ist griffig! Ich dachte, wir werden unentwegt über Spalten steigen. Völliger Quatsch, wieder eine Sorge fürs Erste entsorgt. Alex geht vor und ich steige nach. Schnell sind wir unterwegs, ich sage nichts. Im Nachhinein weiß ich, dass ich mir dazu Sorgen machen hätte sollen.

Rasch sind wir auf 3.000 Meter angelangt. Ein paar Spalten versperren den Weg, aber nichts Dramatisches. Alex sucht und findet schnell einen Weg. Springen kann ich nicht und balancieren will ich nicht, das habe ich rechtzeitig angemerkt. Vorgewarnt, dass sich das vielleicht nicht ganz vermeiden lässt, stehe ich nun da und sehe, dass mir da nichts als besonders herausfordernd erscheint. Abseits der Anstrengung, aber die kenne ich ja.

Der Gletscher ist nicht sonderlich steil, und so spazieren wir in dieser tollen Eislandschaft. Selten kommt hier jemand her, meint Alex. Auch heute macht sich von der Hütte niemand sonst auf den Weg. Die Hintere Schwärze liegt abseits der ausgetretenen Pfade. Die Nordwand ist noch bekannt. Noch hat die Klimaerwärmung genug übrig gelassen. Aber die lassen wir aus.

Der flache Teil liegt hinter uns und wir machen wieder Höhe. Das Eis ist griffig und nicht ganz hart. Optimale Bedingungen sind das. Wir sind bald auf knapp 3.400m und da ist sie plötzlich. Körperliche Erschöpfung ist da. Ja, woher denn? Sonst achte ich so sehr auf mich, aber diesmal bin ich da immer brav hinten nach marschiert. Das war nicht schlau, zumal der, dem ich nach bin, als Bergführer ein bisserl öfters als ich unterwegs ist. Und steil wird es jetzt auch nochmal im letzten Anstieg! Eine alte Spur führt den Hang schnurstracks hinauf. Alex meint, dass das Eis hier 35 bis 40 Grad steil ist. Mir kommt es steiler vor. Mulmig wird es mir. So vertraut sind mir die Steigeisen dann doch nicht. Mag sein, dass ich seit Jahrzehnten sie immer wieder anhabe, aber eben nur ein, zwei Mal pro Jahr. So folge ich am kurzen Seil. Wie Mio, wenn er Angst hat, weiche ich keinen Schritt von Alex Seite. Ich bezweifle, dass uns etwas hält, wenn einer von uns beiden ausrutscht oder stolpert. Meinen Hang zum Stolpern kenne ich. Also, Blick auf den nächsten Schritt und schön eng hinten nach. Die Luft geht aus und wir müssen gar ein paar Mal innehalten. Alles geht vorbei, auch diese wahrscheinlich nicht einmal 50 Höhenmeter. Eine paar Meter steiles Eis nochmals und wir legen Steigeisen, Pickel und Handschuhe ab. Jetzt geht es den Fels hinauf. Erst steil und dann flach. Bei mir ist die Luft draußen. Pech, dass mich das so knapp vorm Ziel einholt. Aber die letzten 50 Höhenmeter schaffe ich auch noch. Das weiß ich. Da beißt keine Maus einen Faden ab!

Schon weiter unten waren wir der Meinung, dass wir zwei Menschen am Gipfel sehen. Nun haben wir sie das letzte Mal gesehen. Lange waren sie heroben, aber begrüßen wollten sie uns nicht. Auch Alex ist ein bisserl ratlos, wo sie her und nun wieder hin sind. So bleibt uns der Gipfel alleine. Kein Wind, uneingeschränkt Sonne und angenehme Temperaturen. Jause und Plaudern stehen am Programm. Besser könnte es nicht sein.

Gut gestärkt und ein bisserl erholt gehen wir den Abstieg an. Wie ich den steilen Hang wieder runterkomme? Nun ja, mit dem Gesicht voran ist mir das zu steil. Im allgemeinen und auch ein bisserl wegen der Hüfte. Beim Abstieg merke ich sie doch beträchtlich, mein Gang hat sich in den letzten Monaten recht versteift. Keine Sorge, zur Not seilt mich Alex ab. Schon ist die erste kurze Steilstufe geschafft, wir kommen zum längeren Hang. Ich soll der alten Spur da folgen, die den Hang nach unten quert. Dabei soll ich immer nur auf den nächsten Schritt schauen. Ja, die Tipps kenne ich, nur halt nicht als Empfänger. Aber ich halte mich daran und mache mechanisch einen Schritt nach dem anderen. Querungen mag ich für gewöhnlich nicht, aber diesmal geht es deutlich besser als sonst. Und dann ist der Hang auch schon vorbei. Mann oh, nichts ist leichter als überstandene Herausforderungen.

Der Abstieg ist erträglich, ein Stolpern gehört bei mir fix dazu, aber sonst geht’s gut. Alex hatte beim Aufstieg die Augen offen. Und so umgehen wir den Spaltenbereich, in dem er beim Aufstieg ein bisserl suchen musste, orographisch ganz rechts. Alles ab nun unspektakulär bis zum Ende des Eises. Ein kleines Workout mit 120 Höhenmetern auf den Marzellkamm wartet und nervt ein bisserl. Oben angekommen biete ich Alex an, dass er schon vorzischen kann, aber er verweigert. So steigen wir noch die 300 Höhenmeter zur Hütte ab, wo wir uns Getränke und ein bisserl etwas zu essen gönnen. Tadellose Tour, tadellose Bedingungen! Ich bin stolz wie Oskar!

Auf mich wartet noch der mühsame Ritt auf meinem Geißbock. Der ist nicht angenehm, aber unvergleichbar besser als die knapp acht Kilometer zu Fuß. Auf einem Fully wäre es es ein Spaß, so ist es zumindest eine Erleichterung. Nach einer halben Stunde bin ich in Vent. Yes, geschafft! Ein bisserl ausgebrannt, ein bisserl sehr ausgebrannt. Stiegen steigen ist kein Spaß. Liege ich im Bett, kann ich meinen Oberschenkeln zuschauen, wie sie auf noch nie da gewesener Art und Weise krampfen. Das Schauspiel ist beeindruckend und auch schaurig. Egal, wie ich die Beine lagere, irgendwo krampft ein überanstrengter Muskel. Irgendwann ist das bislang in meinem Leben einmalige Phänomen vorbei. Das ändert nichts: wert war die Tour das allemal!

Resümee: Ich hatte wieder einmal viel mehr Sorgen als angebracht. Nicht ein Bruchteil ist eingetreten. Der Marzellferner ist zerklüftet, aber bei diesen Bedingungen meines Erachtens nicht sonderlich gefährlich. Ich war in besten Händen, ein erfahrener Bergführer hat mich durch das Labyrinth geleitet. Da lässt es sich leicht sagen, dass es eine einfache Angelegenheit ist. Der eine steile Abschnitt war für mich an diesem Tag die Schlüsselstelle. Da hatte ich mit mir selbst genug zu tun. An anderen Tagen mag dieser Hang einfacher oder auch deutlich schwerer sein. Oder die Herausforderung besteht im Finden des richtigen Wegs durch die Spalten. Ich hatte jedenfalls weit mehr Spalten erwartet! Die Tour ist lange und anstrengend. Aber das darf sie ruhig sein. Und edel ist die Tour! So edel, dass ich mir wiederum denke, warum die Hintere Schwärze im Sommer so selten besucht wird. Aber das muss ich ja nicht verstehen. Ich kann die Tour jedenfalls empfehlen!

Aufstieg auf Garmin
Abstieg auf Garmin (nicht vollständig)

Vent


Fotos


Nach dem Trüffelschnüffelkurs brechen wir nach Vent auf. Das Wetter soll noch bis mindestens Dienstagmorgen halten. Da mag ich noch einen Berg meiner Bergliste erledigen. Renate hat sich bei unserer Tour auf der Hochalmspitze ein bisserl zerstört und muss rasten. Ich lerne, dass man sich auch in 3.000m Höhe einen Tennsiarm holen kann. Sie wird wieder fit werden, da habe ich keine Sorge.

Wir sind diesmal im Hotel Post in Vent untergebracht. Vent ist ein kleines Bergsteigerdorf in den Ötztaler Alpen. Das Hotel bietet freundliche Gastgeber und feines Essen. Das Hotel kann ich empfehlen.

Am ersten Abend spazieren wir spontan zu den Rofenhöfen. Die Abendstimmung ist fantastisch. Mio ist froh, dass er die stets für ihn mühsame Autofahrt hinter sich hat, und bei den Temperaturen vergnügt ausgelassen. Die Fotos vermögen das kaum einzugfangen.

Am Montag starte ich um halbsechs zu meiner Tour auf die Hintere Schwärze – siehe eigenen Beitrag. Renate und Mio schlafen ein bisserl länger und meistern von Vent aus das Wilde Mannle (3.024 m). Am Nachmittag komme ich mit dem Gipfel in der Tasche, aber doch ziemlich zerstört zurück. Viel mehr als Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr, krampfende Oberschenkel und ein kleiner Abendspaziergang sind da nicht mehr drinnen.

Am Dienstagmorgen weckt Mio uns mit Bauchweh. Renate opfert sich für die Morgenrunde und ich kann in Summe 12 Stunden ausschlafen. Die für Dienstag geplante Fineilspitze habe ich schon am Vortag abgesagt. Stattdessen wählen wir den Gaislochkogel von Sölden aus. Die Gondel bringt uns auch dort auf über 3.000m. Das IceQ ist ein mit zwei Michelin-Hauben ausgezeichnetes Restaurant´, und so kommt Renate mit ihrer Vorliebe für exzellentes Essen auch noch auf ihre Rechnung.

Die Heimfahrt ist gewohnt lange. Aber die herrlichen Tage in Vent waren und sind den Aufwand jedes Mal wert.

Prädikat: unvergesslich!

Hochalmspitze (3.360m)


Fotos


Ein Besuch bei der Tauernkönigin steht an. Das Ötztal ist von den unglaublichen Regenmengen in Mitleidenschaft gezogen, Gernot verweilt in Viktring und der Wetterbericht ist für den Süden besser, obschon nicht tadellos. So treffen wir uns am Friedhofsparkplatz in Gmünd in Kärnten, von wo es weiter über Malta und dann nach Westen über eine doch recht lange einspurige Straße zum Gößkarspeicher geht.

Was alles mitnehmen? Vor sechs Jahren habe ich die Tour schon einmal gemacht. Ich kann mich noch allzu gut erinnern, wie ich den Rucksack nach der anstrengenden Tagestour in die Q fallen lassen konnte. Ich hatte fast alles mit, was die Bergsportabteilung so bietet. Auch erinnere ich mich an den Übergang vom Klettersteig aufs Trippkees.

Diesmal wollen wir einiges geschickter machen. Wir haben auf der Gießener Hütte zwei Doppelzimmer gebucht. Sogar Sauna, Whirlpool und Duschen sind angekündigt. Die Hütte ist überaus fein, die Mitarbeiter super nett. Und weil es weder GSM-Abdeckung noch WLAN gibt, geht der Wirt mit jeder Gruppe auf Wunsch die anstehende Tour und den Wetterbericht durch. Die Klimaerwärmung hat meine Tour von vor sechs Jahren so stark verändert, dass wir sie diesmal gegen den Uhrzeigersinn gehen wollen. Das heißt, wir wollen über den Rudolstädter Weg aufsteigen und über den Detmolder Grat wieder runter. Der Wirt bestätigt diese Option als vernünftige Wahl, die Tourenführer werden diese Richtung ab nächstem Jahr ohnedies vorschlagen. Vom Trippkees ist nicht mehr viel über. Mit Übung werden wir es laut ihm ohne Seil und ohne Steigeisen schaffen. In meiner Erinnerung ist es mulmig. Nein, das steile Eisfeld will ich weder ohne Steigeisen noch ohne Seil rauf oder runter. Auch der Einstieg in den Klettersteig am Detmolder Grat wurde verlegt. Das Seil, an dem ich mich noch hochziehen musste, ist Vergangenheit. Ein solider Klettersteig ist gebaut, in die Nähe des Gletschers kommt man nicht mehr. So weit die vorbereitenden Worte des Wirtes.

Wir starten kurz nach sieben mit Seil und Steigeisen in den Rucksäcken. Das macht sie recht schwer. Die Kamera habe ich mit, das Seil schleppt Gernot. Recht kurzweilig geht es bei Kaiserwetter über den Rudolstädter Weg zum Trippkees. Wir fotografieren, lachen, scherzen und haben definitiv eine gute Zeit. Das Trippkees schockiert mich dann ein wenig. Nicht, weil es so wild, sondern so wenig ist. Das Eis hat sich weitgehend zurückgezogen. Zwanzig Höhenmeter mit tadellosem Sommerfirn sind zu bewältigen. Das verlangt weder nach Steigeisen noch nach Seil. Dafür ist die Felswand länger. Aber das sollte alles gehen.

Im untersten Teil kann man sich entweder an Seilen über den glatten Fels hochziehen oder in Aufstiegsrichtung gesehen rechts herum über geschätzt 30 bis 35 Grad steilen Firn wandern. Das Seil ist mehr Show, die Wanderung entspannter. Wir mischen beides – siehe Fotos. Vom Einstieg des Klettersteigs trennen uns irgendwann noch vier, fünf Meter steile Felswand. Alte Seile hängen herunter. An diesen muss man sich nun „hinaufhangeln“. Das erfordert Kraft. Alternativ gibt es wieder eine „Umgehung“ in der Wand, aber die ist gar schmal.

So schicke ich Renate am Seil nach oben. Weil ich nicht will, dass sie mir entgegenkommt, gebe ich ihr eine Behelfsseilklemme mit. Ich sehe Knoten bei Beginn des Drahtseils am Klettersteig. Das muss aber gehen. Renate kraxelt die fünf Meter und hängt .. am Knoten. Gernot steigt die Umfahrung auf, ihm gleitet die Klemme nicht fein genug, um auch das Seil zu nehmen. Ich steige hinter Renate her. Bei ihr angelangt, drücke ich ihr die beiden Karabiner ihres Klettersteigsets in die Hand, die sie auch brav in das Drahtseil einhängt. Gut, die ist mal gesichert. Ich vermute, dass sie im Klettersteigset sitzt und es entspannt hat. Leider zieht sie die Behelfsklemme gegen den Knoten, und mir will das Aushängen des Karabiners nicht gelingen, ohne dass die Klemme in die Tiefe stürzt.

So fummle ich da rum. Selbst hänge ich an einem Arm. Die Handschuhe sind im Weg. Der Arm meint, dass er dafür nicht trainiert ist. Ich ziehe mir die Handschuhe aus, die jetzt lose herumbaumeln, aber noch will ich die Klemme nicht aufgeben. Renate jammert, dass sie sich nicht mehr lange halten kann. Was soll denn der Quatsch? Sie sitzt doch gut, bei mir wird es zäh! Gernot sieht aus zwei Meter Entfernung zu und bewahrt professionell die Ruhe. Auch er will ungesichert dort nicht weiter. Irgendwann habe ich dann die Klemme frei und nicht verloren.

Was ist denn da los? Da hat jemand mit blonden Locken vergessen, dass sie eh gesichert ist. Entsprechend hat sich Renate mit einem Arm am Stahlseil festgeklammert. Ihr linker Fuß wollte keinen Halt finden. So war ihre Situation zwanglos unkomfortabel. Mein linker Unterarm zeigt sich wenig zufrieden. Und da ist noch Gernot. Der hat mit aller Geduld und professioneller Unaufgeregtheit ausgeharrt und fragt nun mit britischer Gelassenheit, ob ich ihm das zweite, herunterhängende Seil reichen kann. Das würde seinen weiteren Aufstieg ermöglichen, einen Sturz vermeiden und unsere Tour dem Erfolg näherbringen. Aber sicher, my dear! So balanciert Gernot auf dem sieben Zentimeter breiten Felsband an der überaus steilen Felswand entlang. Wenn ihn diese abdrängt, dann fällt er nicht weit. Er würde mit Schwung pendeln und mich in die Sicherung wuchten. Nur darauf habe ich gar keine Lust. Alles halb so wild, denn es geht wie fast immer gut!

So stehen wir zu dritt im Klettersteig und der ist wirklich steil. Technisch ist er nicht schwer. Nur die Steilheit führt dazu, dass wir uns wie die Bergziegen an einer Staumauer an die Wand drängen. Wir sind nicht ganz so geschickt wie die Ziegen, aber dafür gesichert.

Die Steinernen Mandln sind bald erreicht. Nun geht es den Grat entlang Richtung Gipfel. Der erste Teil ist noch mit Stahlseilen gesichert. Alles keine Schwierigkeit oder Ausgesetztheit. Landschaftlich ist es traumhaft schön. Nebel steigt ein bisserl dramatisch auf. Neuschnee liegt noch da, sieht auch schön aus. Der Grat ist wenig überraschend länger als gedacht. Nach der Aufregung in der Wand machen sich da Motivationslücken breit. Da hilft nur eines – Weitergehen. Und da ist er schon der Gipfelaufschwung. Nochmals wird gekraxelt, teils mit Stahlseilen gesichert und schon stehen wir am Gipfel. Aber just jetzt hat es zugezogen. Schade! Aber ist das schon die angekündigte Veränderung für den Nachmittag? So bleiben wir nur kurz. Nach einigen Fotos und ein paar Schnitten machen wir uns auf den Weg.

Runter geht’s den Detmolder Grat. Das ist ein Klettersteig und der ist deutlich länger als jener vom Trippkees rauf. Die Sonne hat den neuen Schnee und das Eis weitgehend entfernt. Fein ist das! Ach, die Sonne ist wieder da. Aber zurück auf den Gipfel will nun auch keiner mehr. So steigen wir den Klettersteig ab. Wir steigen und steigen, verlieren aber keine Höhe.

Technisch ist der Steig manchmal spannend. So denke ich mir ein paar Mal, wie man da im Aufstieg raufkommen soll. Gelegentlich muss man sich ganz schön strecken. Aber was soll’s? Wir machen weiter und erreichen irgendwann den letzten Teil. Schon wie vor sechs Jahren geht es direkt am Seil über die abgeschliffenen Felsen runter bzw. damals rauf. Aber die elastischen, alten Bergseile sind durch gut verankerte Stahlseile ersetzt. Das macht die Sache wesentlich leichter. Geschafft, schon etwas müde und noch immer deutlich über 3.000m haben wir den Klettersteig geschafft. Na servas!

Jetzt kommt der mühsame Teil der Tour. Über endlos Blockwerk geht es zur Winkelscharte (2.860m). Hier treffen wir zwei junge Bergsteiger, die noch auf die Hochalmspitze und dann weiter zu irgendeiner Hütte wollen. Viel Spaß! Ich lasse das mal aus. Mir reicht der Abstieg zur Gießener Hütte. Und der ist zäh. Blockwerk, das nicht enden will. Dafür ist das Trinkwasser längst aus. Mühsal macht sich breit. Aber dann kommt das erste Bächlein, wir füllen die Wasserdepots auf und schon ist uns wieder ein bisserl Leben eingehaucht. Ein bisserl und sicher nicht mehr!

Die Zwischenräume im Blockwerk werden mit jedem Meter Höhe, die wir verlieren, mehr durch Gras und Erde aufgefüllt. Irgendwann geht es fast entspannt auf Wanderwegen zur Gießener Hütte. Kulinarisch hat sich eine neue Hirschvariante auf die Speisekarte verirrt. Wir konsumieren fleißig, ehe wir die verbleibenden sechshundert Höhenmeter zum Auto absteigen.

Eine lange, anstrengende, abwechslungsreiche und letztlich fantastische Tour geht zu Ende. Ob die Hochtourensaison damit auch zu Ende ist? Für heute und die kommenden Tage auf jeden Fall. Aber schauen wir einmal, wie es in ein, zwei Wochen aussieht.

Garmin
Zustieg Gießener Hütte vom Gößkarspeicher
Rudolstädter Weg – Hochalmspitze – Detmolder Grat – Gießener Hütte – Gößkarspeicher

Stockholm


Fotos


Mein letzter Besuch hier ist mir schwer in Erinnerung. Damals war ich Mitte März hier. Die Annahme der Überlegung war richtig, die Schlussfolgerung falsch. Wenn Mitte März, also um die Tagnachtgleiche, auf der ganzen Welt die Sonne für 12 Stunden scheint, muss es auf der ganzen Welt gleich warm sein. Klingt gut, ist aber Quatsch! Das Meer war teils zugefroren, so kalt war mir bislang selten.

Aber diesmal, in der zweiten Augusthälfte, ist es optimal. Hochsommerlich ist es. Das bedeutet, dass man bei 23° hier fast ins Schwitzen kommt. Mir gefällt das. Mit dabei sind Renate, Carina und Ilina. Wir residieren im Hotel Blique, das passt. Wir gönnen uns einen Tag in der Altstadt, einen Tag am Meer und einen Tag unterirdisch mit Abschluss beim himmlischen Japaner am Abend. All das kann man in den Fotos nachschauen. Die Mädels machen ihr eigenes Ding. Entspannter Urlaub also!

Schweden wirkt so etwas von entschleunigt. Die Leute sind entspannt und freundlich. Die Infrastruktur ist modern und funktioniert. Alles sehr angenehm, alles sehr empfehlenswert. Bei Tageslicht und Wetter sollte man aufs passende Monat achten. Aber das steht eh schon eingangs da!

Hochfeiler (3.510m) von Südtirol


Fotos gibt es diesmal hier!


Die Ziele für die Tour sind klar definiert. Wie geht es steirischen Mitochondrien in der Höhe und passen die neuen und fast revolutionären Schuhe zu den Füßen? Wir haben uns den Hochfeiler ausgesucht. Schon lange habe ich Zweifel, dass ich da je oben war. Ich erinnere mich, dass wir als Familie vor 45 Jahren oder mehr dort waren. Nun nach der Besteigung weiß ich, dass der Vater nur Karin, meine Schwester, mit auf den Gipfel genommen hat. So habe ich also Gelegenheit, spät aber doch den höchsten Berg der Zillertaler Alpen zu „erledigen“.

Wir könnten vom Schlegeisspeicher im Zillertal aufsteigen. Nur von Südtirol, vom Pfitschtal aus, ist es viel kürzer für uns. Für die Q ist es eine Stunde und viele Kilometer weiter. Mit ein bisserl einem schlechten Gewissen machen wir uns auf den Weg.

Die Anfahrt ist kurzweilig. Das liegt sicherlich auch daran, dass wir bei unserem Stopp in Salzburg Autostopper mit einem Schild „Innsbruck“ sehen. Für mich ist es sonnenklar, dass wir die beiden mitnehmen. Bei Renate ist das auch klar, aber halt mit anderem Vorzeichen. Mein zugegebenermaßen schwachsinniges Argument, dass uns der Blitz am Hochfeiler treffen wird, wenn wir sie nicht mitnehmen, überzeugt. Dass die beiden wahrscheinlich kein Paar sind, sehe ich dank meiner Rotsehschwäche nicht. So sind mir die rosafarbenen Socken und Fingernägel an ihm nicht aufgefallen. Eine leichte Behinderung fördert also meine Toleranz. Das gefällt mir. Renate gefällt hingegen die Begeisterung unserer Gäste, dass wir nach Italien fahren, nicht so ganz. In viel zu hoher Stimmlage quietscht unser Fahrgast vor Begeisterung, dass sie eine Mitfahrgelegenheit bis Italy haben. In Renates Blick lese ich ein: „Das war so nie ausgemacht! Und wenn du weiter so kreischt, dann hast du dein Little Italy am nächsten Parkplatz.“. Seine Begleiterin zieht sich den Hoody ein bisserl weiter ins Gesicht.

So sitzen auf der Rückbank ein schwuler Pole mit deutlichem Sprachfehler – der liebe Herrgott prüft ihn mit einem ordentlichen Lispeln – und rosa Socken und eine Begleitung, bei der ich nicht weiß, wie sie zu ihm steht. Die junge Dame schaut am Handy Videos, aber ohne Kopfhörer. Das gestaltet die Stimmung im Auto anfangs doch explosiv. Ein strafender Blick von der Beifahrerseite und das Handy verstummt, die Lage entspannt sich. Ich verzichte auf eine sonst übliche und doch ausführliche Einvernahme zum bisherigen Lebensweg. Ich will es ja nicht übertreiben.

Die Entspanntheit wehrt eine Weile. Doch dann spielt über Spotify Renates Playlist. Die Filmmusik von Fifty Shades of Grey passt ja irgendwie zu unserer illustren Besetzung. Aber was höre ich da erst ganz leise, aber dann immer lauter im Duett von der Rückbank? In gutem, polnisch angehauchtem Englisch singen die Fahrgäste mit, als hätten sie gemeinsame Erinnerungen an die Geschichte oder sonst was. Ich kenne mich nicht aus, was habe ich jetzt wieder angerichtet? Ich treibe meine Fingernägel ins Lenkrad. Ein weiterer strenger Blick von der Beifahrerseite, als wäre Christian Grey himself anwesend, und Schweigen kehrt auf der Rückbank ein. Wer will schon mit Rucksäcken auf der Europabrücke in der sengenden Mittagssonne stehen?

Eine gewisse Erleichterung in Sterzing, wo wir abfahren und nichts, aber auch gar nichts, ist, kann ich nicht leugnen. Wir lassen die beiden aussteigen und kommen noch auf ein Selfie. Besser ich weiß nicht, auf welchen Websites ich nun geführt werde. Die Bildererkennung wird es mich in den nächsten Jahren jedenfalls wissen lassen. Soll sein!

Aber nun zum Tourenbericht! Unser Ziel ist der Parkplatz „unbewirtschaftet“ in der dritten Kehre der Straße aufs Pfitscher Joch. Die Straße ist ebenso unbefestigt, wie unser Vertrauen in Google Maps groß ist. Google enttäuscht nicht. Die Parkplätze sind gut gefüllt. Hier endet auch die Fahrerlaubnis. Ins Pfitschertal geht es nur noch zu Fuß weiter. Es ist kurz vor drei am Nachmittag. Die Sonne hat schon viel Feuchtigkeit verdunsten lassen. Erste Gewitterwolken türmen sich auf. Hoffentlich hält das die nächsten drei Stunden.

Renates Rucksack ist ähnlich schwer wie meiner. Wow, Respekt! Wir starten auf über 1.700m in eine Hitzeschlacht. Die stechende Sonne, einiges an Wasser rings um uns, hohe Luftfeuchtigkeit,.. alles schön und gut für die Vegetation, aber mir treibt es alles aus. Renate rennt. Ich stapfe hinten nach, schwitze und denke mir, dass wir wahrscheinlich die letzten paar hundert Höhenmeter auf allen vieren zurücklegen werden müssen, wenn wir den Speed nicht bald rausnehmen. Anderseits, viel haben wir ja an diesem Tag nicht mehr zu tun.

So steigen wir also erst durch den Dschungel zu einem Ausblick aufs Tal und die schönen Berge. Keine Forststraße, keine Transportseilbahn zerschneiden das idyllische Bild. Oberhalb der Baumgrenze, hier bei um die 2.000m, geht es dann lange, nur leicht ansteigend Richtung Ostnordost. Die ersten Regentropfen melden sich. Ein Blick zurück zeigt, im Westen regnet es schon heftiger. Letztlich bleiben wir jedoch verschont. Wahrscheinlich, weil wir die Autostopper mitgenommen haben. Man weiß es nicht!

Nach einem erneuten Anstieg führt der Weg unterhalb von Gletschern vorbei. Nur diese haben sich in den letzten Jahren wohl weit in höhere, kühlere Regionen zurückgezogen. Einmal noch Serpentinen und einmal noch ein Anstieg und wird sind nach zweieinhalb Stunden bei der Hütte.

Zimmer 1 wird uns zugeteilt. 12 Quadratmeter sind mit zwei Dreifachstockbetten und einem normalen Stockbett bestückt. Sechs Betten sind schon belegt. Ein bisserl komme ich mir vor wie in einer Doku auf RTL II und frage mich, was ich angestellt habe. Wie muss sich da erst Renate fühlen, die es am liebsten stockfinster und absolut ruhig im Schlafraum hat? Die Vorfreude auf Essen in italienischer Qualität erfüllt sich leider in der Halbpension auch nicht ganz. Lediglich die Buchweizentorte ist eine Freude und lässt vermuten, wo wir da gelandet sind und was man auf der Speisekarte finden könnte.

Die Nacht ist übel, aber doch auch besser als gedacht. Sechs Männer, ein Bub und Renate. Da wird geschnarcht, gefurzt und ab vier rumgekramt. Die frühesten Vögel stellen sich den Wecker für 03:30. Zum Gipfel sind es 800 Höhenmeter – bei Absenz jeder technischen Schwierigkeit. Kein Gletscherkontakt, kein Firngrat und der frisch gefallene Schnee von vor über einer Woche ist wahrscheinlich wieder weg. Was macht man da also um diese Uhrzeit am Anstieg und Gipfel? Da muss man mit Stirnlampe los. Okay, man ist dann bei Sonnenaufgang oben. Klingt cool, wäre da nur nicht der Nebel. In der Nacht hat es ordentlich geregnet. Die Sonne wird kämpfen, um den Nebel aus der Luft zu nehmen.

Wir starten nach unserem Frühstück kurz nach sieben. Das reicht auf alle Fälle. Der Aufstieg sieht mächtig aus, ist aber letztlich eine Strecke zum Austesten der eigenen Ausdauer oder gar Leidensfähigkeit. Ab 3.000 Meter wird es kalt. Die Sonne hat sich, wie erwartet, noch nicht durchgesetzt. Etwas Wind pfeift. Da hat Renate bald alles an, was sie mithat. Gelegentlich erfrischt ein Trailrunner in kurzen Hosen und Halbschuhen. Das Klima und die Zeiten haben sich geändert – wow!

Vor zehn sind wir am Gipfel! Geschafft – jippieh! Renate überrascht mich total, zumal ihr Bergerfahrung nicht ganz, aber doch fehlt. So stehen wir da, freuen uns, ich bin stolz und Renate friert ein wenig sehr. Erste Löcher zeigen sich in den Wolken. Nein, lange wollen wir nicht hier bleiben. Wir steigen ab.

Bei der Hütte gibt es dann nochmals reichlich Mittagessen. Wir füllen die Rucksäcke mit den Sachen, die wir in der Früh hier zurückgelassen haben und steigen die 1.000 Höhenmeter zum Auto bei der dritten Kehre wieder ab. Die letzten Höhenmeter haben es in sich. Vom Gipfel bis zum Auto sind es inklusive der Gegenanstiege fast 2.000 Höhenmeter. Das ist einiges. Renate meckert nicht, obwohl offenkundig ist, dass sie an der letzten Stunde keine Freude mehr empfinden kann. Was für eine tapfere und angenehme Begleitung!

Der erste Dreitausender mit immerhin 3.510 Metern ist geschafft. Wir haben gut als Team funktioniert und die Schuhe haben gepasst. Ich habe damit die Liste der höchsten Gipfel der zehn höchsten Gebirgsgruppen in Österreich abgeschlossen. Noch ein Triumpf – was will man mehr.

Etwas mehr als vier Stunden fahren wir ins Hotel Post am See in Traunkirchen. Wir haben die Erholung notwendig. Autostopper zeigen sich (zum Glück) keine.


Garmin
Anstieg zur Hochfeilerhütte
Hochfeilerhütte – Hochfeiler und Abstieg


Fotos gibt es diesmal hier!


Haidsteig – Preinerwandsteig

Heute ist der Haidsteig dran. Was uns da nur erwartet? Ich habe mich bei der Einschätzung der Schwierigkeiten schon oft völlig geirrt. So erinnere ich mich an die Antwort auf Gernots Frage vor dem ersten Klettersteig, ob denn die Wildfährte steil ist. Ich meinte ehrlich: „Also, ich kann mich nicht so erinnern. Schon steil, mit dem Radl kannst nicht fahren, mit Skiern auch nicht – wahrscheinlich!“. Uje, dann am Steig mit ihm, im Angesicht der Tatsachen habe ich mir für diese Antwort öfters auf die Stirn geklatscht.

Nun also Renate. Die ist ebenso voller Zuversicht wie bar der Erfahrung. Ich bin auch zuversichtlich, aber eben schon ein bisserl erfahren. Schauen ma a mal!

Wie auch immer, wir stehen an diesem Freitag um 08:40 in der Griesleiten am Parkplatz und sind nicht alleine, wirklich nicht alleine. Ich mache mir Sorgen, dass wir lange warten werden müssen. Korrigiere aber sofort, dass wir Grund für den Stau sein könnten. Mann oh, das wird was! Warum kann es nicht ein Dienstag im Oktober sein? An so einem Tag wären wir hier alleine.

So machen wir uns an den Zustieg. Ausrüstung und Stimmung sind jedenfalls gut. Beim Anstieg entdeckt Renate eine prächtige Parasol-Familie und… Und erwägt sie mitzunehmen. Ist sie so aufgeregt? Will sie wirklich mit einem Sackerl in der Hand die Schwammerl da rauf tragen oder die schönen Pilze in den ohnedies recht vollen Rucksack stopfen? Ich nehme das Anliegen nicht ernst und stimme zu, dass wir sie am Rückweg mitnehmen werden. Ein Entschluss, den an diesem Tag wohl noch viele andere Wanderer fassen werden.

Am Einstieg stehen die Massen. Na ja, es sind sechs, sieben Leute. Das ist nicht viel in Relation zu den Schilderungen, die vom Wochenende erzählt werden. Mir sind es jedenfalls zu viele bei diesen Unsicherheiten heute. Renate findet aber alles cool und tänzelt herum. Zumindest vor dem runden Ungarn in Grün möchte ich starten. Ja, ja! Renate freut sich halt so. Können wir jetzt aber bitte los!

Uff, der Einstieg klappt ganz entspannt. Das sieht gut aus. So werden wir das schaffen. Ich habe die schöne Kamera mit und schieße erste Fotos. Auch der erste Steigbaum macht keine Schwierigkeiten. Ruhe kehrt in mir ein. Was soll da noch schiefgehen? Und dann kommt die erste Querung, technisch nicht schwer, aber erstmals ein bisserl ausgesetzt. Ich spaziere vor und positioniere mich zum Fotografieren. Da hängt Renate nun plötzlich und meint, dass es hier nicht weitergeht. Wie bitte? Das könnte an der 90° falschen Haltung liegen. Was ist denn da los? Und während ich noch analysiere, merke ich da leichten Kontrollverlust aufkommen. Upps, gelassen bleiben und auf Selbststabilisierung hoffen. Ein bisserl körperliche Unterstützung könnte auch helfen. So mache ich noch schnell ein Foto, ehe ich zurücksteige und Renate am Handgelenk ohne großes Trara zum Seil hochhebe. Leicht genug ist sie ja. Erinnert ein bisserl an den Umgang mit Mio bei Klettereien, ist aber viel respektvoller! Der arme Hund wird ja am Halsband nach oben gehievt.

Das dicke Grün im Nacken nervt Renate auch ein bisserl sehr. Aber der gute Mann ist selbst Teil einer Dreiergruppe, deren Rest nicht schnell vorankommt. Wir verwerfen Verschwörungstheorien zu seinen Absichten und steigen tapfer weiter. Ab jetzt läuft es entspannt und gut. Die Schlüsselstelle passieren wir auch recht g’schmeidig. Da kann ich ein bisserl helfen. Immerhin habe ich in diesem Kamin schon genug Blood, Sweat und vor allem Tears gesehen. Renate hält sich brav am Rande der engen Felsspalte. Alles gut, wir sind bei der Madonna und haben damit den technisch schwierigeren Teil hinter uns.

Die Vorstellung von Ulli erfolgt formlos. Ein schöner Platz ist es hier. Und es ist definitiv etwas los hier an Tagen wie diesen. So soll es sein!

Wir steigen noch bis zum Plateau auf. Geschafft! Renate ist zurecht stolz wie Oskar oder sonst wer. Bravourös hat sie den Steig gemeistert. Ich habe Freude, denn da können nun noch viele gemeinsame Touren kommen. Wir rasten umgeben von Edelweiß in großer Zahl. Kann es besser gehen?

Als Abstieg wählen wir den Preinerwandsteig. Der ist sicherlich besser als der Holzknechtsteig, aber halt ein Abstieg. Renate will ein Startup gründen, das Bergsteiger per Drohnentaxi vom Gipfel holt. Mir soll’s recht sein, solange ich mich da nicht engagieren muss. Mein Beitrag beschränkt sich auf ein gelegentliches „Hmm! Warum nicht?“.

Gegessen wird im Looshaus. Das muss ein bisserl im vorigen Jahrhundert stehen geblieben sein. Doch das ist an diesem Tag nebensächlich.

Prädikat des Tages und der Tour: edelst!

Die Tour auf garmin.com

Hawaii – Sommer 2023


Zu den Fotos


Der Urlaub wird spannend werden. Da steht so einiges am Programm. Jasmin hat ein Jahr in Kanada verbracht. Lydia hat sie am 30. Juni in Vancouver abgeholt und ist vierzehn Tage mit ihr durch Kanada. Die beiden werden am selben Abend wie wir auf Maui landen. Am 15. Juli starten auch Carina, Renate und ich von Wien aus. So treffen Carina und ich Jasmin wieder erstmals nach einem Jahr. Renate und Jasmin lernen sich überhaupt am anderen Ende der Welt kennen.

Maui

Der Flug ist recht erträglich, auch wenn Austrian bei der Zuteilung der Sitzplätze patzt. Wir haben für fußfreie Plätze bezahlt, sitzen aber trotzdem mitten drinnen. Aber das geht erstaunlich gut. Auch ist Westen als Flugrichtung von der Belastung durch die Zeitverschiebung angenehmer als ein Flug Richtung Osten. Der Tag dehnt sich einfach nur sehr. So sitzen Renate und ich also etwas müde am späten Abend am Flughafen Kahului auf Maui und schauen aufs Handy. Nichts tut sich am kleinen Flughafen. Die Rolltreppe, die Jasmin eigentlich runterkommen sollte, steht still. Und plötzlich spricht uns da eine junge Dame an. Sie lacht, wir schauen verdutzt. Ja, das ist sie ja, unsere Jasmin. Ein freudiges Wiedersehen und erstes, persönliches Kennenlernen am Ende eines langen Tages am anderen Ende der Welt. So kann Familie sein!

Wir holen unser riesiges Auto bei Sixt ab, rollen noch ins AC Hotel by Marriott in Wailea und holen mal Schlaf nach. Das Frühstück bietet Avocado-Toasts, der Urlaub ist wohl gerettet. Das Hotel liegt nicht am Strand. In Hawaii sind die Preise auf einem anderen Level. Da sind Schweiz und Norwegen günstig und so reicht unser selbst gegebenes Budget eben nur für die zweite Reihe. Aber auch hier lässt es sich leben.

In Wailea ist alles sehr gepflegt. Der Golfplatz ist gediegen und kaum bespielt. Im kleinen Einkaufszentrum reihen sich die Stores von Louis Vuitton, Prada, etc., aneinander.

Am ersten Tag fahren wir die Küste im Norden entlang, bestaunen Blow Holes und schwimmen in natürlichen Pools am Meer. Den Abend lassen wir in Lahaina ausklingen. Unter dem Baum, der nach den verheerenden Bränden traurige Berühmtheit erlangen wird, essen wir ein Eis nicht ahnend, dass die kleine Stadt nur noch ein paar Wochen hat.

Am nächsten Tag geht es auf den Haleakalā, den höchsten Berg auf Maui. Wir wollen den Sonnenaufgang sehen. Lydia hat reserviert und gebucht. Auch die Natur ist auf Hawaii eben gut organisiert. Wir starten gegen vier Uhr und schrauben uns in endlosen Serpentinen in eine Höhe von 3.055 Meter. Oben ist es kalt, starker Wind weht und wir sind fast die letzten, die noch rechtzeitig zum Sonnenaufgang eintreffen. Der Sonnenaufgang ist schön, aber irgendwie auch nur ein Sonnenaufgang im Beisein vieler anderer Touristen. Wir frieren. Carina kämpft mit der Zeitverschiebung, ihr Magen rebelliert. Da tun die endlosen Kurven auch nicht gut. Aber sie ist tapfer und schafft alle Kurven wieder runter. Erst am Heimweg eskaliert die Situation dann richtig. Renate lenkt das Auto in der linken Fahrspur und Carina sitzt am Beifahrersitz.

Carina: „Schnell, fahr rechts ran!“.
Renate: „Das geht nicht, der lässt mich nicht rüber!“
Carina reißt das Fenster auf und wirft dem ungewöhnlich sturen Ami ihr Frühstück mit einem „Nimm‘ das!“ entgegen. Der wird wohl seine Lektion gelernt haben, dass man spurwechselwillige Europäer nicht behindern sollte!

Und weil Kurven so lustig sind, geben wir uns am nächsten Tag noch die Road to Hana. Das ist angeblich eine der schönsten Straßen der Welt. Sie führt ins Nirgendwo zu seltsamen Menschen, die irgendwann wohl zum Surfen hierhergekommen und hängengeblieben sind. Nun nerven sie sich über die endlosen Kolonnen an Touristen. Am Ende der Straße gibt es nicht viel. Ein Food Truck hat sich und seine Zelte aufgestellt. Die Familie grillt und verkauft ihre Chicken und Ribs. Bargeldloses Zahlen geht nicht, Cash haben wir nicht. Aufgeregt und amüsiert werden unsere Euros akzeptiert. Nein, solche Scheine haben sie noch nicht gesehen. Google hilft bei der Umrechnung, denn Mom weiß den Umrechnungskurs, aber die Tochter multipliziert den Dollarbetrag mit 1,12 statt ihn zu dividieren. Das wäre bei den Mondpreisen auch egal, aber Ordnung muss sein.

Am Rückweg halten wir noch in Hoʻokipa am Wellenreiter- und Surferstrand. Robby Naish ist nicht da. Vielleicht liegt es an den fehlenden Wellen. Als ich das letzte Mal vor 30 Jahren hier waren, gab es riesige Wellen, aber heute ist Family Day und so dürfen die Kleinen auch mal raus aufs Wasser. Die Hauptattraktion sind diesmal die Schildkröten, die sich hier in der Sonne den Panzer wärmen.

Hawaii – The Big Island

Unser nächster Stopp ist The Big Island. Wir landen in Kona und bekommen ein noch größeres Auto. Der GMC Yukon Denali bietet drei Sitzreihen und einen riesigen Kofferraum. Auch wenn es ungewohnt ist, man fühlt sich sehr unverletzbar in diesem rollenden Panzer. Möge sich uns niemand in den Weg stellen! Renate wirkt etwas verloren am riesigen Fahrersitz, steuert aber souverän. Wir sind in Kona in einem Strandhaus untergebracht. Das ist recht edel und man schläft so gut bei den Wellen.

Hilo steht am Programm. Das war schon 1995(?) weit hinten und hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht recht weiter entwickelt. Wir lunchen, besuchen zwei Wasserfälle, die nur gegen Gebühr aus großer Distanz bestaunt werden dürfen und spazieren noch ein bisserl entlang der wilden Küste. Letzteres ist wohl das Highlight. Carina und ich haben Boogie Boards mit. Die tragen wir aber nur spazieren. Wir wollen beide nicht an die Felswände geklatscht werden. So reicht uns das Betrachten der wilden Szenerie.

Am nächsten Tag wollen wir auf den Mauna Kea. Der ist mit 4.205 Meter richtig hoch. Leider aber auch zu hoch für unseren Kleinlaster. Man braucht unbedingt Allrad und einen halb vollen Tank. Darüber wacht ein Ranger und der ist ebenso freundlich wie unerbittlich. Auf 3.000 Meter ist beim Besucherzentrum Schluss. Lydia und Jasmin kommen am letzten Tag mit einem geliehenen Allrad zurück und „erledigen“ damit den höchsten Berg der Erde. Dazu muss man den Teil des Berges unter der Meeresoberfläche einbeziehen. Denn dann ist der Berg gewaltige 10.203 Meter hoch.

Beim Baden im Meer touchiere ich nicht nur zuhauf Lava-Felsen, sondern kicke auch wieder einen Seeigel. Der lässt seine Stacheln in meinem Fuß, der sich umgehende schick blau um die abgebrochen Stacheln färbt. Aber mein Körper ist das fast gewöhnt und beginnt am zweiten Tag mit der Verwertung der zugeführten Mineralien. Da schaust aber!

Kauai

Auf Kauai beziehen wir wieder ein Haus in Strandnähe. An das Getöse der Wellen kann man sich gewöhnen. Ich schlafe so tief wie selten.

Ein erster Erkundungsspaziergang führt den Strand entlang. Neben vielen Badegästen liegt auch eine Robbe da. Bei solchen gewaltigen Naturphänomenen stellt sich in den USA gleich mal ein Freiwilliger ab. Der bezieht Posten und hält ahnungslose Zivilisten davon ab, das Tier zu kuscheln oder es gar zu grillen. Ähnliches sehen wir noch bei einem Nachtspaziergang, Eine Freiwillige hat sich mit ausreichend Tee und Wasser („Stay hydrated!“) sowie Campingstuhl und Rotlichtlampe für die Nacht eingerichtet. Sie wird die Schildkröten bewachen und ihnen regelmäßig in die Augen leuchten. Ich überlege, ob die gute Frau früher Krankenschwester war und Menschen mit Gefahr auf Hirnblutung überwacht hat. Aber ich weiß ja nicht einmal, ob Meeresschildkröten einen entsprechenden Pupillenreflex zeigen. Ich habe Fragen. Anderseits ist ihr Dasein mehr als berechtigt. Denn immerhin war ich es, der bei der Annäherung an die Frau und Turtles im schwachen Mondlicht von Stein zu Stein hüpfen wollte. Ein schriller Schrei aus der Finsternis hat mich davon abgehalten, einer Schildkröte ins Kreuz zu springen. Uff, gerade noch gutgegangen.

Kauai ist auch diesmal meine Lieblingsinsel. Sie heißt nicht umsonst „The Garden Isle“. An Polihale kann ich mich erinnern. Aber auch hier ist vieles anders. Die Straße ist zwar noch immer nicht geteert, aber Menschen sind hier. Noch immer nicht viele, aber eben nicht mehr menschenleer. Der schöne Strand zwischen Militärbasis und den steilen Felsen der Napali-Küste ist an diesem Tag so heiß, dass auch ich ihn nicht ohne Schuhe zu begehen vermag. Dafür sind die Wellen so harmlos, dass man schwimmen kann. Wir bleiben nicht lange. Die Mädels würden wohl noch den Tag draußen verbringen und auf den kühleren Teil des Tages hier am Ende der Welt warten.

Lydia hat dankenswerterweise auch Plätze für den Ha’ena Beach Park gebucht. Dort startet der 11 Meilen lange Kalalau Trail, dessen Anfang wir wandern wollen. Wir erreichen den
Hanakāpī‘Ai Strand, der selbst schon beeindruckend ist und wandern weiter zum gleichnamigen Wasserfall. Das ist alles in allem recht weit, aber auf jedem Fall lohnend. Das Bad unter dem von weit oben in die Tiefe stürzenden Wasser ist schon was. Ja, das macht Spaß. Der Weg zurück ist dann den einen doch schon ein bisserl lang, während es Renate ein bisserl Auslauf beschert. Am Abend dann noch ein Abstecher zur berühmten Buch von Hanalei. Alles gut!

Ein wilder Tag steht noch an. Während sich die Mädels in einem Motorboot entlang der Napali Coast von Wellen weichklopfen lassen, geben sich Renate und ich 22 Kilometer Trail weit oberhalb der Napali Coast. Die Mädels berichten von Schnorcheln, beeindruckenden Höhlenfahrten und freundlichen Delfinen. Wir gönnen uns zuerst den Awa’awapuhi Trail und danach noch den Nu’alolo Trail. Renate lässt sich nicht abschütteln. Die Ausblicke und die Kulisse entlang dieser Küste kann man ruhigen Gewissens als atemberaubend und „awesome“ bezeichnen. Wenige Amis gehen so weit und so gehört uns das Naturschauspiel fast alleine. Dazu muss man halt die Hubschrauber, die kühn zwischen den Klippen ihre Flugmanöver absolvieren, als Teil der Natur sehen. Egal, müde sind wir am Abend jedenfalls beide.

Oahu

Der letzte Stopp ist auf Oahu. Oahu ist die größte Insel, die Autobahn hat viele Spuren, Hochhäuser prägen das Strandbild in Honolulu. Bei unserem Start verstehe ich das Navi nicht und wir stürmen Pearl Habour. Der nette junge Mann mit Maschinengewehr nimmt mir den Ausweis ab und gibt ihn erst wieder zurück, sobald sicher ist, dass ich mit unserem Leihauto nicht mehr in sein Revier zurück kann. Er will wohl ausschließen, dass ich mich kamikazeartig auf eine Fregatte oder zumindest Frikadelle oder so stürze. Mir soll es recht sein.

Wir haben uns im Turtle Bay Resort einquartiert und sind alles in allem autofaul geworden. So bleiben wir im Ressort. Die Preise haben hier ein Niveau erreicht, dass es gar nicht mehr leicht zu packen ist. Einen Salat gibt es ab 25 USD, Steak und Fisch dann ab 60 USD, gerne aber auch ab 100 USD. Wer das Besondere liebt, kann auch 155 USD für eine Fischsuppe oder 160 USD für ein ausgewähltes Steak spendieren. Das Restaurant wird als elegant beworben. Beim ersten Mal ziehe ich gar eine lange Hose an und fühle mich unsicher, weil ich kein Hemd mithabe. Tja, und dann sitze ich als einziger in langer Hose da. Ein langärmliges Hemd gilt hier wohl als schrullige Tracht der Italiener. Die engstehenden Tische sind mit Bermuda- und Baseballkappenträger besetzt. Die Kellner haben sicherlich auch irgendeinen Beruf gelernt.

Wir sind im fünften Stock und blicken auf die Turtle Bay – das passt. Der Mond ist fast voll und strahlt den weißen Strand an. Wir spazieren weit am späten Abend vom Hotel weg. Keine dekadenten Amis weit und breit, keine Volunteers, die Tiere beschützen, die wahrscheinlich besser ohne sie auskommen würden. Da zeigt sich Hawaii zum Abschied in der Keiki Bay nochmals von seiner schönsten Seite. So soll es sein und so soll es in Erinnerung bleiben.

Resümee

Vor mehr als 25 Jahren war ich schon einmal auf diesen vier Inseln. Mir hat es auch diesmal wieder gut gefallen. Viel ist noch stärker kommerzialisiert. Häufig trifft man auf eine Kultur, die uns doch sehr fremd ist. Kulinarisch ist Hawaii Ödland. Entweder man ernährt sich an Food Trucks oder man speist in teuren Restaurants, die gut aber bar fast jeder Esskultur sind.

Wer sucht, findet nach wie vor unberührte, atemraubende Natur. Ein drittes Mal Hawaii wird knapp werden. Ich denke, es gibt noch ganz viel auf diesem Planeten zu sehen.