Der Sonntag wird strahlendblau – mit Ausnahme Schneeberg. Aber dort hat die Fischerhütte offen. Zu Mittag sind wir in Losenheim. Mio muss auch mit. Die Tierärztin hat gesagt, dass er übergewichtig ist. Das ist nicht der einzige Grund, warum Mio die Tierärztin nicht mag. Aber das ist eine andere Geschichte. Für Mios Figur gibt es also Bewegung und Ende Mai einen Termin beim Tierfriseur. Den trimmen wir schon hin.
Am Wochenende ist die Bürklehütte besetzt. Das heißt, ein Mitglied der Bergrettung ist in Begleitung von ein paar Leuten am Stützpunkt. Aber viel ist nicht los, wenn man von uns absieht.
Wir nehmen uns den Nandlgrat vor und freuen uns schon aufs Essen auf der Fischerhütte. Aber bald sticht Renates Knie kurz aber heftig. Kommt vor, komm wir gehen weiter. Mio plagt sich auch ein bisserl beim Verbrennen seiner unnütz gespeicherten Kalorien. Wir haben schon mehr als die Hälfte der Höhenmeter, als sich das Knie ein weiteres Mal mit einem heftigen Stich meldet. Was sind die Optionen?
– Aufstieg zur Fischerhütte und Abtransport zur Zahnradbahn. – Dem gelangweilten Bergretter Kurzweil bescheren. – Abstieg zum Auto – Abstieg zur Edelweißhütte und Sessellift
Wir wählen die letzte Variante und machen davor noch eine kurze Fotopause. Und da kommt auch schon die spannende Frage: „Was machen wir bei der Edelweißhütte mit Mio?“. Okay, ich kann mit ihm unter dem Lift runter hetzen. Schauen ma a mal! Der Liftwart meint dann, dass Mio schon ruhig sitzen bleiben wird. Ich habe für Mio ein Brustgeschirr mit. Falls er doch hysterisch wird, hängt er wenigstens nicht mit einer Schlinge um den Hals am Sessellift. Doch es kommt alles ganz anders. Kaum sitzen wir am Sessel, legt sich Mio hin und macht keinen Mucks mehr. Den Kopf auf mein Knie gelegt staunt er fassungslos. Was das wieder für ein neuer Blödsinn ist? Irgendwie gefällt es ihm. Mal verhöhnt er Wanderer, die unter ihm zu Fuß absteigen müssen. Erst 30 Meter vor der Talstation wird er nervös. Es sieht ja so aus, als würden wir kerzengerade da unten in das Gebäude rauschen. Natürlich kommt es anders und Mio springt unter bewundernden Blicken vom Sessel. Ja, Mio kann jetzt Sessellift.
Wir belohnen uns beim Forellenhof mit wunderbarer Forelle und hoffen, dass sich das Knie so schnell wieder beruhigt, wie es sich aufgeregt hat.
Das Wetter ziert sich anständig in diesem Jahr! Wieder will es nicht so recht. Die Schönwetterfenster sind klein und schließen sich immer wieder. So stehen wir alleine in Hinternasswald. Trocken soll es bleiben, sechs bis acht Stunden lange soll die Sonne scheinen. Wir decken uns noch mit Regenschutz bei Mammut in der SCS ein und haben warme Sachen mit. Los geht’s!
Klettersteigset und Helm brauchen wir nicht – so Renate. Mir soll es recht sein. Bei der Talstation der Materialseilbahn wartet der Koch des Habsburghauses. Offen ist die Hütte noch nicht. Wir müssen uns bis zum 23.5. gedulden. Na, das glaube ich nicht. Wer öffnet an einem Dienstag? Aber Renates Anfrage, ob sie im Transportkorb mitfahren darf, gefällt dem Herrn. Der Koch weiß auch, dass im Steig nur ein Schneefeld liegt. Ja, ob er das denn vom Korb aus gesehen hat. Nein, von der Hütte sieht man das. Ah ja, das glaube ich auch nicht. So wandern wir weiter, wie es gedacht war.
Renate meistert den Zustieg und die Wildfährte bravourös. Da gibt es nicht viel zu berichten. Bei der Grasbodenalm habe ich auf Sitzgelegenheit und Tisch gehofft, aber die Hütten sind noch nicht aus dem Winterschlaf erwacht. So sitzen wir ohne Tisch und verspeisen unsere Jausen. Kalt wird es allmählich. Keine Sonne! Wenn die noch 8 Stunden scheinen will, darf sie erst gegen 23 Uhr untergehen. So brechen wir auf und haben längst alles angezogen, was wir mithaben. Ich hatte auf intensive Sonne gehofft. Nix da, vielleicht nächstes Mal.
Der Abstieg über den Bärenlochsteig geht gut. Oben liegt noch so viel Schnee, dass wir die eine kleine, gar nicht ausgesetzte und doch dämliche Stelle gar nicht mitbekommen. Im Klettersteig selbst gibt es auch kein Problem. Renate empfiehlt sich als Begleiterin. Die Wildfährte im Abstieg erfordert Konzentration. Alles tadellos, wäre da nicht das Geröllfeld. Eigentlich bieten Geröllfelder eine entspannte und gelenkschonende Möglichkeit, Höhe zu verlieren. Aber was macht denn Renate da? Mit ausgestreckten Beinen rammt sie die Fersen ins Geröll. Das klappt ebenso wenig, wie es seltsam aussieht. Ah, das Missverständnis ist schnell aufgeklärt. Sie wendet dieselbe Technik wie im Karlgraben bei Schnee an. Nein, das geht offensichtlich nicht und ist schnell korrigiert. Wieder etwas dazu gelernt.
Müde, aber doch kommen wir nach sechs Stunden am noch immer leeren Parkplatz an. Die Sonne scheint endlich, aber jetzt hat der Tag nur noch sechs Stunden. Das mit dem Wetterbericht wird eng werden.
Heute bin ich alleine unterwegs. Keine Renate, kein Mio und auch sonst niemand. Einen Menschen treffe ich, ein paar sehe ich in der Ferne. So starte ich meine vertraute Route. Los geht’s beim Griesleitenhof auf der Forststraße, diese verlässt man in der ersten Kehre, steigt durch den Wald, quert die Forststraße zweimal, ehe man am Ende des dritten Abschnitts noch einmal auf diese Forststraße trifft. Ich kenne mittlerweile einige der Bäume, die da rumstehen, auch ein paar Steine sind mir über die Jahre vertraut geworden. Die Wurzeln an markanten Stellen habe ich mir eingeprägt. Für die Menschheit eher unnützes Wissen!
So geht es weiter bis zum Bachinger Bründl und weiter zum Einstieg des Haidsteigs. Irgendein Schweindl mit Schnupfen muss am Wochenende unterwegs gewesen sein, denn verdächtig viele benützte Taschentücher liegen verteilt. Auch die Bananenschale ist noch frisch und stammt wohl auch vom Wochenende. Taschentuch und Banane verrotten, aber es dauert halt. Man sieht, ich mache mir Gedanken.
Beim Einstieg freue ich mich, dass ich wieder in passablem Tempo unterwegs bin. Müdigkeit? Nein, ich merke nichts. Sehr gut. Also, hinauf und weiter bis zur ersten Rast, der Schwarzen Madonna. Auch wenn ich teile, gehört mir das Packerl Mannerschnitten ganz alleine. Damit mich Ulli auch sicher erkennt, verlinke ich das Ingress-Portal. Habe ich da ein: „Das ist jetzt aber nicht wahr!?“ gehört?
Unspektakulär geht es den zweiten, leichteren Teil aufs Plateau und zum Preinerwandkreuz. Von dort runter über den Holzknechtsteig, der mich wieder überrascht. Jedes Mal denke ich mir, dass mich hier nichts mehr überraschen kann. Der ändert wirklich sooft sein Gesicht, dass ich überlege eine Timelapse-Kamera hier aufzustellen. Entsprechend schwierig ist es, die Querung zum Einstieg des Königschusswandsteigs zu finden. Mittelprächtig gelingt das heute, war schon schlechter, war schon komfortabler.
Ich bin noch immer nicht müde. Also, rein ins Vergnügen. Der Königschusswandsteig ist schon um eine echte Stufe schwerer als der Haidsteig. Während ich am Haidsteig, das Stahlseil über weite Strecken nicht nutze bzw. nur zur Sicherung verwende, hänge ich hier recht heftig im Stahlseil. Im Felsfenster mache ich wieder ein Figur, die mir eine negative Wertung für die Eleganz der Ausführung bei den Juroren einbringen müsste. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal hier langsam und konzentriert zu klettern. Das muss mit kleinen Schritten und mit deutlich mehr Leichtigkeit gehen.
Vom Felsfenster ist es dann nicht mehr weit aufs Plateau. Weiter geht es runter über den Holzknechtsteig wieder zum Einstieg des Haidsteigs. Zumindest in der letzten Stunde hat er sich kaum verändert. Mühsam ist er meist, auch heute. Beim Bachinger Bründl noch eine kleine Rast und dann zum Auto. Oh ha, ich verspüre Lust zu laufen. Geht doch!
Garmin meint, dass ich mich heute übernommen habe. Aber so fühle ich mich gar nicht. 45 Minuten vom Parkplatz zum Einstieg, 43 Minuten für den Haidsteig und 30 Minuten für den Königschusswandsteig sind recht fein. War ja nicht einmal im Wettkampffieber. Egal, es geht bergauf und das ist gut so!
Die adelige Familie Tacoli lädt zur Saisoneröffnung an den Millstätter See in ihre See-Villa. Ich leite die Einladung an Renate weiter und die hat Lust auf Tradition seit 1884. Carina findet es nicht so prickelnd und so sind wir zu zweit plus Hund unterwegs in Vorfreude auf ein Wochenende der anderen Art und des sicherlich guten Essens.
Wir sind im einstigen Privathaus der Familie untergebracht. Das Zimmer ist schön groß und direkt am See. Wir verpassen bei der Anreise den Prosecco-Empfang, aber für einen Spaziergang bei Sonnenuntergang sind wir zeitgerecht da. Es ist ruhig in der Vorsaison. Das hat was.
Die See-Villa hat nun eine neue Führung. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat einer der drei Söhne vom kinderlosen Onkel geerbt und seine beiden Brüder kellnern. Der Vater und die Frau Mama sitzen wie schon vor Jahren jeden Tag in tadelloser Tracht am selben Tisch. Ein bisserl hat man den Eindruck, dass die Familie sich selbst mehr als genug wäre in dieser wundervollen Umgebung. Die Umstände machen es halt notwendig, dass man auch einfache Leute empfängt und bewirtet. Ist ja großzügig, aber vielleicht auch nervig, wenn man die Besitzungen fremden Besuchern von zweifelhaftem Stande zugänglich machen muss. Ach, die Zeiten verlangen es! Der Kunde ist König. Sagen alle, sagt irgendwer, sagt auch die Familie. Aber glauben tut dies hier keiner so recht. Meinetwegen glauben die Gastgeber das auch, aber danach handelt hier keiner. Ja, vielleicht die beiden angestellten Kellner aus dem Ausland. Gehört Ungarn wirklich schon zum Ausland? Wie die Zeit vergeht!
So liegt der Schleier der Dekadenz über dieser tollen Location. Das Essen ist weiterhin ausgezeichnet. Speziell Wild und Fisch sind zu empfehlen, wenngleich der Versuch an Sashimi und Sushi beim Gala-Dinner doch ziemlich in den Hosen geht. Das restliche Gala-Buffet ist fein, wenngleich die Zahl der Sitzgelegenheiten deutlich unter dem Andrang steht. So stehen wir als etwas zu spät kommende Gäste mit dem Fasan in der einen und dem Hund in der anderen Hand ein bisserl wie bestellt aber nicht abgeholt herum.
Als dann am Samstagabend fürs Wochenende das Brot ausgeht, esse ich halt vermutlich ganz im Sinne der Gastgeber eben Kuchen. Geht doch! Lage und Essen sind toll, die Zimmer ordentlich groß und trotzdem werden wir nicht ein weiteres Mal zu Besuch kommen.
Am Samstag versäumen wir die in unserem Package enthaltene Bootsfahrt wie schon die Stiftsführung am Vortag. Der Grund ist eine geplante Spazierrunde oberhalb von Millstatt. Wir schrauben uns mit dem Auto ein bisserl in die Höhe. Aber da schau‘ her, da fährt einer noch weiter. Wir folgen. Ein Mautschranken wird passiert, der Asphalt endet und es geht stetig bergauf. Der Schnee ist schon in Sichtweite. Auf knapp über 1.600m Seehöhe dann der Parkplatz. Okay, dann wandern wir zur Alexanderhütte. Das reicht nicht, wir spazieren weiter zur Millstätter Hütte. Ich bin in sommerlichen Laufschuhen unterwegs. Auch sonst haben wir keinerlei Bergausrüstung dabei. Die Füße sind im Schnee schnell nass. Was soll’s!
Bei der Millstätter Hütte empfängt uns der Koch, viele Tattoos und wenig Ahnung von der Umgebung. Er verspricht Kaspressknödel und den besten Kaiserschmarren. Gäste sind keine da. Auf unsere Fragen, wie der Gipfel da heißt und ob ich mit meinen Turnschuhen da rauf komme, hören wir, dass er selbst erst seit drei Tagen hier ist, keine Ahnung von den Bergen hat und dass es heute mit den Schuhen schon gehen sollte. Ah ha! Da frage ich mich kurz, was sich denn seit gestern so viel geändert hat. Aber was soll’s, die Regel heißt: „Frag‘ besser Leute, die vom Berg kommen, als den Hüttenwirt.“.
So besteigen wir den Kamplnock, sehen das nächste Gipfelkreuz und erledigen auch noch diesen Nock mit dem Millstätter Kreuz. Das Wetter zieht rum, mal tröpfelt es, in der Ferne schüttet es. Wir sind wieder gut gelaunt und schießen Fotos. Beim Rückweg kehren wir in der Millstätter Hütte ein und haben fürwahr herrlich frische Kaspressknödel und kaiserlichen Schmarren. Da kann der Adel im Tale noch etwas lernen!
Kurz vor dem Auto beginnt es zu regnen. Im Auto erleben wir dann wolkenbruchartige Schauer. Uh, das wäre kalt und unangenehm geworden. Aber uns lacht das Glück. So soll’s sein!
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass nicht nur Mio im Millstätter See gebadet hat, sondern auch wir beide. Einer von uns drei musste doch recht überredet werden. Die beiden Zweibeiner waren da mutiger. Nicht weit entfernt haben sich Brautleute auf der Wiese vor der See-Villa das Ja-Wort gegeben. Da hatte ich schon Sorge, dass ich in meiner Badehose vielleicht das eine oder andere Foto verderbe. Gut, Renate war mangels passender Garderobe für das Bad im See deutlich leichter bekleidet als ich. Dafür hat ihr das doch kalte Wasser ein mehr als erfrischendes Jauchzen entlockt. Könnte sein, dass da jetzt ein Paar ein Hochzeitsvideo mit gesteigertem Erinnerungsfaktor hat.
Wieder herrliche Tage gehabt!
Beim AbendspaziergangFreitagmorgenSurrealMio un ddie KärntnerÜber MillstattGenug von der Gala!
Heute ist der Teufelsbadstubensteig dran. „Das Klettersteigset brauchen wir nicht, den Helm schon.“, so Renate. Mir soll es recht sein. Dafür nehme ich den Fotoapparat mit. Am späten Vormittag des Feiertags ist am Parkplatz vom Weichtalhaus schon einiges los. Aufgeregt eilt man zu Übungsfels oder schultert endlos Kletterseil und entsprechende Utensilien. Friends, Exen,.. alles klimpert aufgeregt. Aber auch Wanderer machen sich auf den Weg.
Schönbrunnerstiege und Höllental sind dann schon ruhiger. Bald sind wir am Ende des großen Höllentals und damit am Einstieg des Teufelsbadstubensteigs. Bei uns beiden ist es sicherlich schon zwanzig Jahre oder länger her, seit wir das letzte Mal hier waren. Der Steig macht uns keine sonderliche Mühe. Ich steige mit der Kamera locker baumelnd vor. Renate macht das Motiv. Entsprechend viele Fotos gibt es, vorrangig von Renate.
Wir sind vergnügt und nehmen die Sache nicht so ernst. Wir spielen Musik vom Handy und lachen viel. Schnell sind wir unterwegs. Oder sagen wir besser: nicht so langsam wie die Wochenendbesteiger, von denen reichlich unterwegs sind. Und so nehmen wir noch das gefürchtete Geröllfeld am Schluss des Steiges. Ein Seil ist gespannt und entschärft die aktuell ohnedies unspektakuläre Querung zusätzlich. Alles gut, alles easy. Wir sind bereit für die nächste Stufe!
Runter geht’s über den Wachthüttelkamm und der ist landschaftlich fein, aber sonst eher zach. Leitern über Leitern geht es scheinbar endlos bergab. Aber irgendwann ist Schluss und feines Essen mit Forelle wartet im Weichtalhaus.
Diesmal bei harmlosen Bedingungen und ebenfalls edel. Alles passt!
Wetter und freie Tage in Einklang zu bringen, erfordert Geduld. Aber die habe ich nicht. Aus welchem Grund auch immer will ich mit Renate heute auch auf einen Berg. Vielleicht rede ich mir auch ein, dass ich das schulde, weil ich ja am Vortag mit Gernot hier heroben war. An einem Tag, an dem sie arbeiten musste. Außerdem ist es vielleicht die letzte Chance, Renates neue Grödel und Gamaschen vor dem Sommer auszuprobieren. Wie auch immer, so stehen wir um halbzwölf am Preiner Gscheid und es schneit.
Was tun? Das Looshaus hat noch zu, der Knappenwirt auch. Oben sieht man Schneefahnen vom Plateau weit ins Lee ragen. Renate legt ein Veto ein. Was denn das bei diesen Bedingungen soll? Recht hat sie. Aber bei mir setzt es wieder einmal aus. Der Wetterbericht besteht auf Besserung, das Gelände sollte ich ausreichend gut kennen und die Tour ist auch ein bisserl kürzer als gestern. Lass‘ uns doch schauen, wie weit wir kommen. All das sind die Zutaten für einen Ausflug, der weitere gemeinsame Unternehmungen mit mir für immer vermiesen kann. So sitzen wir noch ein bisserl im Auto und schauen Mio zu, der draußen im Schnee die Welt nicht ganz packt.
Am Preiner Gscheid bläst der Wind und es ist ordentlich kalt. Das ist mir nichts Neues. Der Wind ist nach 100 Metern sicher weg. Nur heute nicht. Sachen gibt’s! So steigen wir im unverspurten Schnee Richtung Reißthalerhütte. Renate ist es sichtlich ein bisserl frisch. Also sichtlich heißt, dass ich das jetzt auf den Fotos sehe. Am Berg war ich im leichten Wahn. In eben diesem Wahn packe ich Renates Grödel und Gamaschen aus. Wir schnaufen den Rücken Richtung Gretchensteig hinauf. Zach ist es – no doubt! Kalt ist es, aber auch die Sonne lacht. Ebenso lacht Renate. Das nehme ich als Aufforderung für Weitergehen. Dann geht es durch die Latschen in immer tieferem Schnee. Der Puls steigt schneller als wir. Der Wind kann es auch. Wild schaut das aus.
Der Steig an sich ist ja nicht sonderlich lange und auch nicht technisch schwer. Nur bei den heutigen Bedingungen ist es ein bisserl spannend. Mio hat gut Schnee und Reif angelegt. Er versteht auch nicht, warum er da rauf muss. Wieder ziehe ich ihm die Schlinge um den Hals und diesmal schiebt Renate. Da ich kein Murren von hinten vernehme, steige ich weiter. Drehe ich mich um, sehe ich ein Lächeln und in den Windpausen höre ich ein „Muss gehen!“ als Antwort auf mein „Geht’s noch?“. Die Böen pfeifen den Steig hinauf, dass es eine Freude ist. Die Seile sind teils tief unter dem Schnee. Renate und ich funktionieren eingespielt, als hätten wir die letzten Jahre nichts anderes gemacht. Mit Ziehen und Schubsen kommt Mio den Berg rauf. Dicke Schneeknollen hat er am Fell. Ui, hoffentlich gibt der Hund nicht auf.
Dann ist der Steig erledigt. Das Plateau wartet. Erst habe ich Sorge, dass es Mio davon bläst, aber der hat wieder Energien und findet den Sturm da heroben lustig. Er hüpft und jagt herum. Wind oder Sturm haben Renate bei den Wetterprognosen auch immer alarmiert und jetzt steht sie da, Wind und Eiskristalle beißen im Gesicht. Und was höre ich: „Muss gehen!“. So stolpern wir in den Winterraum am Karl-Ludwig-Haus. Die Erholung tut gut.
Die Kette vom Karl-Ludwig-Haus führt heute durch Pulverschnee Richtung Karlgraben. Wann immer ich mich umdrehe, sehe ich Renate lachen. Aber hallo! Jetzt kommt noch der Karlgraben. Der ist unverspurt und recht tief. Renate fragt, ob das mein Ernst ist hier. Ist es, der direkte Abstieg durch den Graben geht doch schön entspannt. Mio hat heute keinen Übermut. Er bricht bis zum Bauch ein und will vermutlich schon gerne unten sein. Renate erkennt auch nicht ganz die Leichtigkeit, aber macht weiter gute Miene zu diesem Spiel. Blöd, dass ich meine Gamaschen vergessen habe. Aber irgendwie soll ich ja auch die Bedingungen spüren. Und das tue ich fast bei jedem Schritt, wenn der Schnee unter die Hose an die nackte Haut kommt.
Am Ende des Karlgrabens sagt Renate dann zu meiner völligen Überraschung, dass es ihr trotz der teils üblen Bedingungen auch irgendwie gefallen hat. Was staune ich!
Am Waxriegelhaus wird ordentlich gegessen. Auf der alten Schipiste geht dann ein Ausflug auf die Rax zu Ende, der sich sicherlich ganz tief in unsere Erinnerung eingebrannt hat.
Herminensteig, Novembergrat,.. Der Schneeberg soll es werden. Aber beim Spar in Reichenau kommen Gernot und ich drauf, dass wir ein bisserl gar falsch sind. Die Gewohnheit ist ein Hund. Mio ist übrigens auch mit. Statt 40 Minuten zurück, geht es aufs Preiner Gscheid. Der Fuchslochsteig ist das spontane Objekt der Begierde.
Das Wetter könnte besser sein. Für Ende April liegt noch gar viel Schnee. Stellenweise mehr als im Winter. Beim Blick in die Raxenmäuern wird es uns ein bisserl mulmig. Wir wissen ja nicht, dass wir in die falsche Rinne blicken. Wie sollen wir da rauf? Zum Glück haben wir Mio als Ausrede, wenn sie notwendig wird. Gernot meint auf der Rückfahrt, dass er es bei dem Anblick sein hätte lassen. Aber wir beschließen, uns zu nähern und zu inspizieren. Beim Fuchsloch wird dann das Wetter richtig dunkel. Ohne jede Rücksicht drängen wir uns in die Felshöhle. Die Gämsen sind sauer, zurecht. Gernot und Mio gönnen sich ein Camembertvollkornbrot. Der Schnee fliegt vorbei, und irgendwann auch der Niederschlag. Los geht’s.
Im tiefen Schnee halten die Schuhe gut. Mio sinkt nicht ein und hat es entsprechend schwerer. Aber als Quattro auch wieder viel leichter. Gernot hat die Grödel schon an und muss gar an einer Stelle spuren. Unter der klitzekleinen Kletterstelle lege ich auch die Grödel an. Zwei Meter sind es bei 60° Neigung. In der Literatur ist die Rede von fünf Meter und senkrecht. Quatsch! Aber bei dem Schnee ist es ein bisserl wild für Mio. Was denkt der arme Hund, hat er doch das Halsband mit spürbarem Zug um? Sichtlich ist ihm nicht recht wohl. Gernot „motiviert“ ihn zum Aufstieg über die Leine durch verstärktes Ziehen. Ich „motiviere“ von hinten und schiebe den Wollhintern Richtung oben. Geht doch – irgendwie!
Kaum ist die klebehakengesicherte Stelle überwunden, warten neue Herausforderungen. Das Schneefeld ist steil, aber gut begehbar. Wären da nicht die Gämsen. Wie in einem alten Winnetou-Film haben sie sich am Grat und auf jeder Felsspitze aufgestellt. Mio ist der Grund. Für dieses Setup ist das Schneefeld zu steil. Wenn da eine Gams, vermutlich ein Bock, losrennt, zieht es uns die Beine weg. Der Steinbock auf der Hohen Wand hat sich uns mit seiner ansatzlosen Attacke eingebrannt.
So gehe ich vor, jauchze, schlage mit den Stöcken und bewirke nichts. Also, fast nichts. Provokant langsam macht man den Eindringlingen Platz. Die Vertreibung aus dem Unterstand ist vielleicht noch nicht vergessen. Mio würde es gerne wissen wollen. Ebenso ein paar von den Jungtieren, aber wir Zweibeiner sind zu alt dafür.
So steigen wir aufs Plateau, weiter zum Karl-Ludwig-Haus und entlang der Eisenkette wieder ab Richtung Waxriegelhaus. Es hat wieder zu schneien begonnen. Soll sein. Es folgen der Abstieg über den schneegefüllten Karlgraben, ein reichliches Essen am fast leeren Waxriegelhaus und dann der Rest zum Auto.
Kaum aus Italien zurück gibt es die nächste Probe: wie geht’s mit uns in den Bergen? Eine Warmwetterfront und ärztlich angeordnete Erholung lassen uns weiter schnell vorwärts machen. Also, die Anordnung kann man mit einem Tag Verspätung umsetzen. Das sehen wir gleich. Nur die Warmwetterfront lässt sich nicht aufhalten. Also, los geht’s mit Mio aus der Wiener Innenstadt auf die Hohe Wand.
Kurzweilig und meines Erachtens mit keinerlei Erholungsbedarf geht es vom Seiser Toni den Wagnersteig hinauf. Mio umgeht elegant die Leitern, wir rutschen ein bisserl auf nassem Untergrund.
Oben warten schon die Steinböcke. Im Steig hat sich Mio ein bisserl von dem ernährt, was die Steinböcke so in der Landschaft herumliegen lassen. Nun ist er aufmunitioniert und findet schnell einen Jungbock, der auch Ärger will. Ich werde ein bisserl panisch, sehe ich doch Renate und Mio über die Leine verbunden. Wie ich erlebt habe, ist es nicht günstig, wenn Mensch, Hund und Steinbock in einer Linie stehen und der Bock ganz oben wartet. Renate vermag meine Aufgeregtheit vielleicht nicht nachzuvollziehen, aber mir gefällt das gar nicht. Sie steht mit dem Wagnersteig im Rücken denkbar ungünstig. Diese Steinböcke fragen ja nicht nach der Wahl der Waffen und warten auch nicht auf den Gong der ersten Runde. Also, Reihung ändern! Irgendwann ist Renate am weitesten oben, Mio stänkert ein Stück weiter unten und der Bock erkennt seine ungünstige Ausgangsposition. So oder so ähnlich – egal, mein Puls ist zum Glück wieder unten. Alles gut inklusive Abstieg!
Sieht so aus, als hätte ich die beste Bergbegleiterin gefunden!
Traumtage in Neapel und Positano! Wenn das nicht gewagt ist! Gerademal 13 Tage sind vergangen, dass Renate und ich einander über den Weg gelaufen sind und schon sitzen wir im Flieger nach Neapel. Völlig entspannt ziehen wir durch die Altstadt, genießen die angeblich beste Pizza, haben auch sonst Glück mit der Lokalauswahl, spazieren ans Meer und sind im Hilton The Britannique bestens untergebracht.
Schon nach zwei Tagen geht es weiter nach Positano, wo wir ganz oben im Hotel Villa Franca untergebracht sind. Das ist definitiv auch eine feine Wahl. Am Anreisetag regnet es ein bisserl und es ist doch recht kalt. Aber das Meer will begrüßt sein. Feinste Tage sind das! Am zweiten Tag kutschiert uns Gaitano in seiner noblen Limousine nach Pompeij, wo es mehr Geschichte und Kultur gibt, als ich mir zur merken vermag. Am Rückweg noch ein Abstecher in Gaitanos Heimatstadt, Sorrento. Im Ristorante Donna Sofia passt der Branzino und alles rundherum auch. Wir spazieren noch durch die Altstadt, ehe uns Gaitano wieder aufgabelt. Was bin ich froh, dass ich nicht selbst fahren muss! Der letzte Tag begrüßt mit strahlendem Sonnenschein. Da hätten wir das Pool am Dach unseres Hotels noch gern genutzt. Wir frühstücken und blicken über Positano, wo vielleicht gerade die ersten Sonnenliegen okkupiert werden. Zu Mittag wartet schon wieder Gaitano mit der Rückfahrt zum Flughafen.
Sieht so aus, als hätte ich die beste Reisebegleiterin gefunden!
Mit Carina fliege ich nach Zürich, um am Samstag, den 1. April, an zwei Feiern teilzunehmen. Am Vormittag werden die Absolventen des Lehrgangs Master in Banking and Finance gefeiert. Die Stimmung ist ausgelassen, die Freude groß. In den Ansprachen ist von Schnelllebigkeit, immer schneller werdendem Wandel und großen Herausforderungen die Rede. Das war es vor 30 Jahren auch. So sitze ich da und werde ein bisserl nachdenklich. Die Absolventen strahlen zu recht. Längst keine Kinder mehr. Die neuen Leistungsträger und Entscheider sitzen da, in den Kinderschuhen ihrer Karriere. Jeder und jede Einzelne sicherlich leistungsfähiger, belastbarer und schneller als ich. Eltern sind gekommen und gar noch ein paar Großeltern. Schon bei mir als Elter ist es allzu offenkundig, dass ich den übermütigen Jungen nur noch ein bisserl mit Erfahrung, Weitsicht und Gelassenheit entgegenhalten könnte. Aber was soll das ausrichten gegen diese unbändige Energie gepaart mit einem analytischen Verstand, der sie nun als Absolventen des angesehensten Lehrgangs an der Universität St. Gallen hier sitzen lässt?
30 Jahre ist es her, dass ich selbst vorne gesessen bin. Einerseits ist das eine Ewigkeit, in der liebe Menschen gekommen und gegangen sind. Selbst habe ich mein Berufsleben in der Zeit gelebt, vor sieben Jahren abgeschlossen und das sogar recht erfolgreich. Anderseits kommt es mir vor, als wäre meine Feier letzte Woche gewesen. Man hat uns erinnert, neugierig und interessiert zu bleiben. Zuversicht und Mut hat der immer schnellere Wandel schon damals von den Absolventen verlangt. Ach ja, und der Uni und der Wissenschaft mögen wir verbunden bleiben. Die Banker haben gestern noch die Mahnung mitbekommen, stets ethisch zu handeln. Das hätte den Informatikern auch nicht geschadet. Es war wohl nur vergessen, damals.
Und so spaziere ich nun hinter Lydia im Anzug und in anständigen Schuhen durch St. Gallen Richtung Messehalle zur großen Feier. Der Anzug ist mir nicht mehr zuwider wie einst. Nun schützt er mich ein bisserl wie die Schildkröte ihr Panzer, verleiht mir Seniorität und macht mich ein bisserl resistenter gegen das Andrängen der Jungen. Tut sich ja doch etwas in den Jahrzehnten. Nur die Schuhe passen nicht! Die komfortable Dämpfung fehlt. Sieht ja keiner, wie ich hinterher stakse! Mann oh, wie die Zeit vergeht!
Macht nichts, ich bin stolz! Und ich habe gar nichts gegen den Wechsel. Mögen andere übernehmen und sich probieren! In unser aller Interesse wünsche ich dabei viel, ganz viel Erfolg! Wir als Gesellschaft und unser Planet werden viele Erfolge brauchen. Sie werden sich einstellen, ich bin zuversichtlich.
Toll gemacht, Lydia! Und nein, dein Studium mit solch einem Abschluss hätte ich auch bei aller Anstrengung nicht geschafft. Das muss dir erst einmal einer nachhüpfen.
Viel Erfolg und Freude! Mögen deine und eure Ziele erreicht werden!