Spontan sind wir wieder auf der Stüdlhütte. Und es ist nicht, weil man hier so gut schläft. Ein Wetterfenster hat sich noch kurz vor Saisonende geöffnet und das wollen wir nützen. Der Wetterbericht passt. Es könnte herbstlich kalt werden und das ist auf über 3.500m Höhe dann wirklich kalt. Gernot hat im Bergführerbüro Kals einen Bergführer angefragt. Bernhard wird uns über den Stüdlgrat führen.
Diesmal pfeifen wir auf die Akklimatisierung. Ich starte um 8 Uhr in Wien, hole Gernot um 12 Uhr in Klagenfurt ab und vor dem Abendessen sind wir auf der Stüdlhütte. Nach dem Abendessen gehe ich vor die Hütte und halte nach Bernhard Ausschau. Es ist ordentlich kalt, kein Zweifel. Und da kommt doch tatsächlich einer im Laufschritt den Weg von der Stüdlhütte herauf. Jö, der ist fit, das muss er sein.
Wir plaudern noch am Abend. Nein, den Pickel werden wir nicht brauchen, es sei denn, wir wollen ihn im Fels einsetzen. Ob es kalt sein wird, sehen wir am Morgen. Das hängt einzig und allein vom Wind ab. Um 05:30 geht es los, die ersten Sonnenstrahlen werden uns am Frühstückplatzl erreichen.
Die Nacht ist diesmal ruhiger bzw. unsere Erwartungen sind entsprechen niedrig. So kommt’s, dass wir verschlafen hätten, wenn nicht der Wecker uns aus dem Schlaf gerissen hätte. Der Wettercheck sagt, dass kein Wind geht. Es herrschen optimale Bedingungen. So starten wir vor halbsechs. Also, wenn das nicht kalt ist, was ist dann kalt?
Wir sind die ersten, die sich auf den Weg Richtung Stüdlgrat machen. Berni testet uns und Gernot hängt sich an die Fersen. Mein Körper rebelliert, zu nachtschlafender Zeit eine hochaerobe Session? Ich denke mir: der Gernot wird vor mir eingehen. Also, keuche ich hinten nach.
Runter zum Gletscher geht man aktuell nicht mehr. Also, nichts mit Erholung nach dem ersten Anstieg. Die neue Routenführung führt durch den Fels am Grat stetig bergauf. Wir scheuchen im Dunklen einen Schneehasen auf. Ja, was macht denn der auf 3.200m in dieser Geröllwüste?
Nach knapp eineinhalb Stunden sind wir beim Einstieg des Stüdlgrat. Ein bisserl Anspannung ist da, die ersten Anzeichen von körperlicher Belastung sind auch zu spüren. Die Morgendämmerung ist ein Hammer. Traumhafte Bedingungen – was soll da schiefgehen? Da darf man schon ein bisserl beansprucht sein. Der Antrengung vergeht, die Erinnerung bleibt!
Berni bindet uns ins Seil ein, erst Gernot und am Ende mit den vertrauten zwei, drei Metern Abstand mich. Alles kein Stress, ich muss nur darauf achten, dass das Seil zwischen Gernot und mir nicht allzu durchhängt und er stolpert. Ziehen lassen gilt aber auch nicht. Ein bisserl muss ich also aufpassen. Jede Kletterstelle muss Gernot vor mir meistern. Ich bin gesichert und habe eine Live-Übertragung zwei Meter vor mir. Na, wenn das nicht entspannt ist. Im Vorstieg schaut das 180 Grad anders aus!
Berni zischt los. Das ist lustig. Der ist so schnell, dass kein Warten und damit kein Auskühlen passieren kann. Die „Gehpassagen“ gehen wir am laufenden Seil. Wo wir von einem festen Platz aus gesichert werden, rennt(!) Berni vor und sichert uns nach. Die Seilausgabe ist dabei variabel und abhängig von der Länge der Passage, die es zu sichern gilt. Wir haben einen Profi im Vorstieg. 20 Jahre Bergrettung und Bergführerschaft haben Spuren hinterlassen. Das ist eine Freude. Das geht alles so schnell, dass kaum Zeit für uns zum Ausschnaufen ist. Ohne Bergführer, würde einer von uns beiden vorsteigen, müsste die Route suchen und klettern, bis er einen Stand findet. Dort holt er infolge das überschüssige Seil ein, der Nachsteigende baut seinen Stand ab, schließt zum Sichernden auf und klettert weiter, bis er einen Stand baut und sich das Spiel wiederholt. Das ist unendlich langsam und der Sichernde friert, auch wenn wie heute kein Wind geht.
Egal, wir sind heute mit Berni unterwegs und zischen über den Grat. Die Herausforderungen im zweiten Schwierigkeitsgrad sind spürbar aber durchaus bewältigbar. Anstrengend sind sie ebenfalls. Gernot geht die Luft aus – wie überraschend. Auch ich habe zu kämpfen und habe gerade noch so viel Kraft, um vorzutäuschen, dass alles halb so wild ist. Beim Frühstücksplatzl machen wir eine kurze Pause. Die Farben bekomme sogar ich mit, keine Wolke, nur Weite. Die Sonne ist auch schon wie vorhergesagt da. Traumhafte Stimmung.
Nun warten allerdings die wahren Herausforderungen. Schauen ma a mal, es sind „nur noch“ 226 Höhenmeter. Das sollte wir hinbekommen. Nach dem Frühstücksplatzl geht es auch gleich mal ein bisserl sportlicher an die Sache. Wenn dir aber jemand verrät, wo du hinsteigen sollst und wo der nächste Griff ist, ist das alles halb so schlimm. Merken muss man es sich halt. Das Hirn funktioniert in der klaren Morgenluft und in der Not überraschend gut. Zusätzlich sind die Stellen mit Fixseilen entschärft. Wer will, kann „schummeln“ und sich an diesen schaukelnden Hanfseilen raufziehen. Mit ein bisserl Anstand kann man die Seile auch links liegen lassen. Das ist jedermanns Entscheidung.
Immer wieder kommen wir auf der Westseite in Passagen, in denen frischer Schnee liegt. Auf den muss es aber drauf geregnet haben. Pickelhart und eisig – Obacht. Die kommenden Herausforderungen sind fein und für uns allesamt bewältigbar. Die „Große Platte“ bzw. das „Klapfl“ in der Topo ist mit III+ angegeben. Ohne Fixseil hätten wir beide hier keinen Auftrag. Aber nicht nur ein festgeschraubtes Drahtseil erleichtert die Sache, auch ein Hanfseil reicht dir einladend die Hand. Gernot entfleucht erst ein respektloses „das ist ja wie am Klettersteig“ und dann ein Jubel, dass wir es wohl geschafft haben. Der Rest kann uns nicht mehr aufhalten. Es ist nicht mehr weit.
Der Gipfel gehört uns dann kurz sogar alleine. Der Himmel fetzblau, der Wind verhalten, besser geht nicht. Nach 46 Jahren stehe ich wieder hier heroben. Wir probieren, das Foto von 1980 von mir nachzustellen und haben Erfolg. Jubel, Jause und leider auch baldiger Aufbruch, sodass wir einem etwaigen Stau in der Glocknerscharte zuvorkommen.
Im Abstieg darf ich als erster gehen. Teils am Hintern bzw. eher auf allen Vieren mit dem Gesicht nach vorne klettere ich wenig elegant ab. Berni hat seine Freude und ich höre von hinten immer wieder: „Na geh, das ist Gehgelände! Auf so was treiben wir die Kühe normal von der Alm.“. Das Glocknerleitl lassen wir aus. Es ist aufgrund der Klimaerwärmung stark abgeschmolzen und entsprechend steil geworden. Außerdem dämpft Steinschlag gehörig den Genuss. Stattdessen steigen wir über den Ostgrat vom Kleinglockner Richtung Adlersruhe ab. Das ist für uns eine leicht Kraxelei und für andere eben Gehgelände.
Die Erzherzog-Johann-Hütte hat schon geschlossen. Auf der Terrasse ist es aber traumhaft. Wir sitzen in der Sonne und plaudern lange. Ja, die Überschreitung der Glocknerwand sollten wir aus technischer Sicht schaffen. Aber an unserer Kondition müssten wir arbeiten, denn die würde nicht reichen. Auf der Hoffmannspitze beginnt erst die eigentliche Überschreitung der Glocknerwand, und die ist in etwa solange wie der Stüdlgrat. Mit zusätzlichen Abseilstellen und ein bisserl anspruchsvollerer Kletterei. Ob wir es nicht mal mit Intervalltrainings probieren wollen? Oder zwei Touren an aufeinanderfolgenden Tagen? Oder Höhentraining vielleicht? Jo, jo eh! Wir sind mal mehr als stolz auf das, was wir heute geschafft haben.
Von der Erzherzog-Johann-Hütte geht es dann steil über den Mürztaler-Steig runter, ehe es irgendwann aufs Ködnitzkees runtergeht bzw. auf das, was davon noch über ist. Es ist flach und Berni meint schon auf der Adlerruhe, dass wir bei den aktuellen Bedingungen keine Steigeisen brauchen werden. Die Oberfläche sollte nach seiner Einschätzung derart sein, dass der von der Sonne beschiene Neuschnee super griffig sein sollte. Und Recht hat er, Herrn Bernis Gespür für Schnee! So schaffen wir die gesamt Runde über den Glockner ohne Pickel und ohne Steigeisen. Ich staune.
Nach kurzer Pause auf der Stüdlhütte und Essen auf der Lucknerhütte erreichen wir dann recht müde und belastetet das Auto. Kurz vor 23 Uhr bin ich wieder daheim und falle in traumlosen Tiefschlaf!
Der Saisonabschluss war wirklich edel. Gernot kann es gar nicht packen, dass er nicht nur den Großglockner in der Tasche hat, sondern sogar noch den Stüdlgrat gemeistert hat. Ich finde es noch immer faszinierend, dass zwischen meinem ersten und zweiten Besuch am Großglockner, 46 Jahre und damit wesentliche Teile meines Lebens liegen.
Leider hat Renate gefehlt, ihr Knie hatte ein klares Veto eingelegt. Schade, dass hätte den Tag perfekt gemacht. Aber schauen ma a mal, was 2027 bringen wird!





















