Rote Schlurze

Die „Rote Schlurze“ ist eine historische und selten begangene Alpinklettertour im Schwierigkeitsgrad 2+ an den Hohen Umschweifwänden der Rax. So steht’s am Internet. Mühsamer Zustieg, aber schöne Kraxelei. Werden Gernot und ich das Seil brauchen oder können wir uns die Schlepperei ersparen? Wir nehmen es mit und wenn es nur ist, um ein bisserl das Abseilen zu üben.

Gernot erwischt es heute ein bisserl gar sehr. Er will mich netterweise abholen, aber dann blockiert ein Unfall das Nadelöhr in Kalksburg, So starten wir spät in Hinternaßwald. Aus dem Thai-Food nach der Tour wird es vermutlich nichts werden.

Über den Rehboden geht es Richtung Wildfährte. Wir verlassen die Forststraße und steigen im Wald hoch. Der Track, den wir vom Internet haben, will uns dann bald durch das Geröll der Großen Gries hinaufschicken. Aber wir verweigern. Stattdessen gehen wir weiter zu den hohen Wänden, wo die Wildfährte scharf nach rechts das Geröllfeld hinaufführt. Hier bei den Schildern gehen wir links und bleiben meist an den senkrechten Wänden. Das Geröll ist nicht annähernd so schlimm wie befürchtet, zumal man auch in den Fels ausweichen kann, und wenn es nur mit einem Fuß ist. Das macht den mühsamen Anstieg nicht mal so mühsam. Der Zustieg zum Einstieg ist in der Topo übrigens auch so beschrieben und passt sehr gut.

Die Uhr sagt, dass wir bald wieder am „richtigen“ Weg, also am Track vom Internet, sein sollten. Gernot sagt, dass es da bald losgehen wird mit dem unteren Teil der Roten Schlurze. Er hat Fotos vom Einstieg und Fotos vom „Verhauer“, den wir natürlich meiden wollen. Und siehe da, ich stehe genau am „markanten“ Felsblock, nur fünf bis zehn Meter vom Einstieg entfernt. Seil? Seil brauchen wir da keines. Ich darf vorfühlen. Schon nach einem Meter vom Start bricht ein mehr als faustgroßer Stein aus, an dem ich mich festhalten will. Upps, wir nehmen doch das Seil.

Ich kraxle den Spalt rauf, am Grat entlang, und zu meinem Glück ist am Ende des 40 Meter-Seils ein glänzender Bohrhaken. Ich habe in der Wiese sogar einen tadellosen Sitzplatz. Entsprechend doof sieht das Foto aus. Gernot schließt auf, wir nehmen das Seil auf und gehen eng hintereinander. Das geht solange gut, bis es wieder steiler wird und ein bisserl eine Absturzgefahr aufkommt, speziell wenn man am engen Seil miteinander verbunden ist. Gernot geht vor, alles nicht so schwer, aber schön. Die Schuhe rutschen ein bisserl. Einerseits ist es noch nass vom Vortag und anderseits ist da Erde drinnen. Sonne kommt da auch nicht so schnell her.

Jö schau, schon wieder ein Haken. Ich steige nun wieder gesichert vor. Irgendwer oder irgendwas in mir muss mich nach meinem Hoppala beim Start an der 3+ Stelle nach rechts ausweichen haben lassen. So lande ich in einer Rinne, die unschwer, aber sicher nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch ist. Das Seil endet, ich muss einen Stand bauen. Gernot kommt nach, weicht auf den Grat aus. Das ist eleganter und auch richtig, denn er findet den nächsten Bohrhaken.

Ja, wo sind wir denn? Ganz sicher sind wir nicht. Links – das soll vielleicht erst die 3+ sein? Rechts sieht es auch ein bisserl schaurig aus. Der Fels lässt nicht so schöne Griffe erkennen. Also, jemand der einigermaßen klettern kann, belächelt uns für die Sorge, die wir da zeigen. Die Platten sind gar nicht so steil. Wer Nerven hat, geht da vielleicht sogar ohne Einsatz der Hände rauf.

Aber wir fühlen uns nicht sonderlich wohl. Die Sohlen sind nass und erdig – wunderbare Erklärung – habe ich das schon gesagt. Rechts also die glatten Platten, die wir mit 2 auf der Topo vermuten, und links eineinhalb Schwierigkeitsgrade mehr. Oha! Da gehe ich lieber gerade hinauf. Das geht gut, und ich erreiche einen Bohrhaken. Die Sonne scheint oben in die Scharte und zwei Haken blinzeln mich an. Oha, wir sind schon oben! Der Rest schaut wieder ein bisserl ungemütlich aus, aber die Topo hat der Gernot. Ein bisserl Sorge habe ich, dass sich das mit dem Restseil ausgeht. Soll Gernot nachkommen und die letzten Meter bis zur Scharte gehen. Drücke ich mich schon wieder? Gernot kommt und zieht vorbei.

Er schaut links, er schaut rechts, schrubbt seine Sohlen und ich bin froh, dass ich da hänge. Von herunten vermag ich nichts zu sehen. Mit einem Mal geht er es an und ist auch schnell oben. Respekt! Im Nachstieg ist es dann sehr easy, aber das ist es hinten gut gesichert bei unseren Touren eigentlich immer. Egal, von unten hat es jedenfalls wilder ausgesehen.

Wo ich den 3+ umgangen habe, können wir uns nicht erklären. In Kletterrichtung war ich wohl zu weit rechts. Aber wir sind doch bei einem Bohrhaken rausgekommen? Möglicherweise war ich in der Rinne zwischen 3+ und 2. Gernot ist dann den 2er rauf und ich bin im nach. Klingt plausibel. 3+ ist mir nichts erschienen.

Wir nutzen die Gelegenheit und seilen ein paar Mal von der Scharte ab. Die Sonne lacht, ein herrlicher Tag. Wir haben unseren Spaß. Den weiteren Aufstieg meistern wir dann ohne Seil. Spannend ist noch die Querung zum Verbindungsweg zwischen Almboden und Habsburghaus. Dabei kommen wir in Latschfelder. Wir kämpfen, als müssten wir durch einen Dschungel. Da würde ich unserem Track keinesfalls folgen. Das nächste Mal probieren wir es in Aufstiegsrichtung viel weiter links. Wir wollten Höhenmeter sparen und wurden abgestraft.

Runter geht es dann den Bärenlochsteig und die Wildfährte. Doch etwas müde erreichen wir den Parkplatz. Edler Tag und eine weitere Tour nach unserem Geschmack in der Sammlung – passt!

Die Tour auf Garmin