Renate hat eine Wunschliste erstellt, die auch das Säuleck enthält. Mir soll es recht sein, am 20. August feiert Gernot Geburtstag. Das lässt sich verbinden. Das Arthur-von-Schmid-Haus hat Plätze frei und akzeptiert Hunde. Mio kommt mit.
Der Parkplatz im Dösental kostet pro Einfahrt fünf Euro, aber nicht pro Tag. Das habe ich auch noch nie gesehen. Uns soll es recht sein. Wir wandern los und hoffen, dass wir in einer Regenlücke zur Hütte kommen. Nicht nur die Wolken schauen grimmig drein, auch das Weidevieh. Mio knurrt, ich sehe mich schon in der Zeitung als Schlagzeile. Aber nichts dergleichen passiert. Wir wandern das Tal nach hinten, ehe es nach der Konrad-Lacke bei der Konrad-Hütte durch den Wald bergauf geht. Nach knapp zweieinhalb Stunden sind wir beim Arthur-von-Schmid-Haus am Dösener See. Der Regen ist uns bis auf ein paar Spritzer erspart geblieben.
Der Hüttenwirt weist uns den Winterraum zu, mir schläft das Gesicht ein. Und, zwei junge Steirer teilen sich mit uns den Raum. Okay, ich hatte andere Erwartungen. Na, zum Glück kommt es anders. In den Winterraum gelangt man nicht von außen, sondern über den Wintergarten. Damit muss ich schon mal nicht durch die Wildnis, wenn ich spätabends oder gar nächtens aufs Topferl muss. Auch sind Betten aufgestellt und nicht Lager. Also, Winterraum klingt übel, aber ist es nicht – uff!
Einer der beiden jungen Steirer geht seinen ersten Dreitausender an. Als Vorkenntnisse bringt er Rax und Schneeberg mit. Sein Kompagnon ist erfahrener. Die Terms und Conditions werden noch geklärt. Der Jungsteirer schreit, wenn er schlecht träumt. Mio schnarcht, aber furzt nicht. Was soll da schiefgehen?
Der Steirer hat nicht geschrien, der Mio hat nicht gefurzt, aber einer hat gesungen und eine kurze Rede gehalten. Mio war’s nicht. Egal, um halb sieben gibt es Frühstück. Der Hüttenwirt hat am Abend alle auf ein frühes Frühstück eingeschworen, weil es regnen wird. Die mit Smartphone wundern sich, denn die Wettermodelle sehen das anders.
So starten wir um halb acht in einer kleinen Kolonne Richtung Norden über steileres Gelände auf die Seealm. Landschaftlich schön ist das alles hier. Technisch wartet kaum eine Schwierigkeit. Mio nimmt, wo es sich anbietet, ein Bad. Das Wasser für ihn hätte ich nicht tragen müssen. Dann zweigt der Weg zum Klettersteig ab. Den haben wir heute nicht vor, er wäre auch nass. In der Nacht hat es ordentlich geregnet.
Bald münden wir in den Weg über den Blockgletscher zur Arthur-von-Schmid-Hütte ein. Links geht es zum Gipfel. Erst weiter nicht zu steil und dann steiler, sodass man das eine oder andere Mal die Hände braucht, geht es zum Gipfel. Kalt ist es, schön ist es. Der Nebel fliegt uns um die Ohren. So schnell es zuzieht, so schnell reißt es auf. Am Gipfel haben wir klare Sicht. Das neue Gipfelkreuz und ein Bankerl gehören uns teils alleine. Verlobt bin ich schon, verheiratet auch. Das erinnert hier alles an die Verlobung am Preber, auch wenn es hochalpiner ist. Mio bekommt seine Gipfeljause, für uns gibt es Mannerschnitten in Vollkornausführung.
Der Hüttenwirt hat alle, die gefragt haben, vor dem Abstieg über den Blockgletscher gewarnt. Er rät dringend ab. Jeder, der ihn gegangen ist, hat gejammert. Anderseits hat er auch fälschlicherweise gemeint, dass es regnen wird – hmm? Eine tschechische Familie dessen jüngstes Kind gerade mal neun Jahre alt ist, wählt diesen Weg. Weiter unten sieht man auch drei Personen im Steig. Der Normalweg zurück wäre in einer Stunde erledigt. Wir überlegen und entscheiden uns für den Weg über den Blockgletscher.
Die Tschechen sind schnell weg, und bald sind wir bei der Dreiergruppe. Oh, die beiden Engländer und die Grazerin kennen wir. Am Vorabend haben sie mich gefragt, ob sie mit Schwierigkeiten zu rechnen haben. Ich habe den Mann aus der Nähe von Liverpool beruhigt, dass das hier alles easy wird. Okay, ich hatte den Normalweg im Kopf, aber auch hier, am Blockgletscherweg, sehe ich keine Ausgesetztheit, nennenswerte Steilheit oder Kraxelei kommen. Andernfalls hätten wir uns mit Mio anders entschieden. Der Hüttenwirt meinte, dass der Hund die geringsten Probleme haben wird. Wenn wer Mühen hat, dann wir.
Der Engländer hat jedenfalls Probleme. Der Gipfel war schon nicht mehr machbar. Statt umzudrehen und den Normalweg zur Hütte zu gehen, sind sie nun im Blockgletscherweg und testen ihre Grenzen. Uh, der gute Mann sieht gar nicht mehr gut aus. Aber er scherzt, dass dieser Godfred vom Vorabend meinte, es sei easy. Kurz habe ich ein schlechtes Gewissen. Mit ein bisschen Erfahrung weiß man doch, dass man am Ende seiner Kräfte nichts Neues ausprobiert, sondern das Bekannte wieder zurückgeht, speziell, wenn es so einfach ist wie der Normalweg hier. Wie auch immer: „Good luck!“, Frau und Hund warten, ich muss los.
Erst ist der Weg einfach, aber dann geht das Theater mit den Blöcken los. Hier liegen Felsen herum, die so groß wie ein Sofa oder ein Kleinwagen sind. Mio springt erst tapfer hinter mir her. Wenn Mio in so einen Spalt fällt, schaut es schlecht aus. Mio macht auf Gämse. Aber irgendwann muss das erste Mal geholfen werden, wenn so ein Block bestiegen werden muss, der dann doch gut einen Meter hoch ist. Da springt Mio nicht mehr locker rauf, zumal die Landefläche auch noch schräg ist. Mio müsste ins Unbekannte springen, er sieht ja nicht, wohin er springt. So müssen wir Mio immer öfter helfen. Anfangs ist ihm das ein bisserl peinlich, aber im Laufe der Tour stellt er sich einfach hin und lässt sich von Block zu Block heben, wenn der Spalt zu groß oder die Landebahn zu unklar ist. Nicht wir, sondern der Hund hat das Problem. Und ich habe die Mühe, den Hund da tänzelnd durchs Labyrinth zu bringen.
Die meiste Zeit sieht man die Hütte am Ende des Sees, aber der Weg ist lang. Zumindest ist der Weg gut markiert. Wir fühlen uns wie in einem endlos langen Parcour. Langsam geht es voran. Und irgendwann fangen die grünen Flechten an, die sich auf den Felsbrocken angesiedelt haben. Die sind trügerisch, zweimal rutsche ich aus. Ich warne Renate. Mio ist mit seinen vier Pfoten hingegen sicher unterwegs. Meine Gedanken sind beim Engländer. Sicher ist, dass er heute gut schlafen wird. Trotzdem habe ich Mitgefühl für seine vermutlich nicht enden wollenden Strapazen.
Weit unten und schon bald im Flachen zaubert es dann Renate. Sie stürzt, fällt aufs Knie und auch schlimm, zwei Fingernägel sind ab. Die grüngelben Flechten! Ich mag diesen Belag nicht. Tapfer ordnet sich Renate neu, das Knie erlaubt noch die letzten 20 Minuten bis zur Hütte. Hier melde ich, dass der Engländer nach meiner Einschätzung mittlerweile vermutlich in Not ist. Der Hüttenwirt resigniert, hat er doch speziell diese Dreiergruppe vorm Abstieg über den Blockgletscher gewarnt.
Nach einer Suppe und ein paar Getränken steigen wir zum Parkplatz ab. Aber Mio ist das nicht zu erklären und bald nicht mal mit Leckerlis zu verkaufen. Anfangs findet er noch Ausreden, um sich hinzulegen, bald geht gar nichts mehr. Er legt sich in den nächstbesten Schatten und streikt. Die Pfoten müssen ihm auch schon ordentlich wehtun. An jeder Wasserstelle kühlt er sie. Es braucht Geduld, und irgendwann ist die Konrad-Lacke erreicht. Mio nimmt ein Bad. Renate tut auch schon alles weh und ich hätte wahrlich nichts dagegen, wenn wir schon am Parkplatz wären. Dort sind wir dann auch irgendwann. In Gedanken bin ich noch beim Engländer: ob er schon bei der Hütte ist?
Uns hat die Tour gefallen. Sie ist landschaftlich wirklich schön und mit der Variante über den Blockgletscher auch recht abwechslungsreich und in Summe anstrengend und fordernd.
Nach der Tour geht es an den Wörthersee in die Villa Miralago. Wir bewohnen die Seeseite der Beletage. Wir wähnen uns als die einzigen Gäste, treffen aber beim Frühstück auf eine Frau mit Sohn. Am zweiten Tag ist es gar voll mit einem weiteren Paar aus München. Die Fläche ist so groß, dass man nicht Gefahr läuft, sich in die Quere zu kommen. Der erste Eindruck bei der Ankunft war ein bisserl ein Schock. Für den Zimmerpreis haben wir das Service eines Fünf-Stern-Hotels erwartet. Aber diese Erwartung wurde enttäuscht, das Geld geht für die einmalige Lage und die unglaubliche Ruhe und Entspanntheit drauf. Mio versteht das am schnellsten. Er fühlt sich wohl und fühlt sich bald als Hund des Hauses. Im Erdgeschoss veranstaltet der Hausherr eine Ausstellung. Sobald sich ein Gast in den ersten Stock verirrt, weist ihm Mio den Weg nach unten. Wir erholen uns. Am nächsten Tag dann das Geburtstagsessen mit Gernot am See. Und dann nochmal Ruhe am See, ehe es über Pirkhof wieder nach Wien geht.



























