Schon vor geraumer Zeit haben wir uns den 12. August für die Glocknerwand ausgesucht. Das Bergführerbüro in Kals hatte mehrere Termine zur Auswahl, der 12. August war einer davon. Schon am Sonntag reise ich nach Klagenfurt, wo mich Gernot und Renate abholen. Den Montag will Gernot für die Akklimatisation nützen. Wir fahren nach Kals und stellen uns im Bergführerbüro vor. Das Wetter sieht super aus, den Bergführer, Toni Ponholzer, werden wir am Dienstag auf der Stüdlhütte treffen.
Das wäre also erledigt und wir können beruhigt zur Adlerlounge rauffahren und den Probelauf auf den Gorner absolvieren. Zur weiteren Akklimatisierung gönnen wir uns ein prächtiges Mittagessen da oben. Was soll da noch schiefgehen? Gernot hat kein Kopfweh, unsere Tour auf die Glocknerwand rückt näher. Wir gehen es wirklich super gemütlich an, am Abend fahren wir zum Lucknerhaus, wo wir übernachten.
Am Dienstag geht es dann los. Gewitter ab Mittag – wir starten also früh nach dem Frühstück und sind in zwei Stunden bei der Stüdlhütte. Upps, das war kurz! Wir langweilen uns gewaltig. Anfangs ist es auf der Terrasse noch lustig, die unterschiedlichen Bergsteigertypen zu studieren. Aber irgendwann realisieren wir, dass uns ein bisserl strafferer Ablauf nicht gekillt hätte.
Nach dem Abendbuffet plaudern wir mit Toni, unserem Bergführer. Steigeisen, Klettergurt, etc. hätten wir gar nicht mitbringen müssen, haben wir aber. Nach seinen Aussagen erwartet uns eine einsame, schöne aber wahrlich nicht leichte Tour. Mein Einwand, dass selbst die Seite des Bergführerbüros Kals die Tour mit II+ bewertet, lässt er nicht gelten. Wir werden sehen, Gernot ist elektrisiert.
Wir sind nach unseren Erfahrungen am Schalfkogel jedenfalls froh, dass wir diesmal nicht auf uns alleine gestellt sind. Die Bedingungen am Gletscher ändern sich fast im Tagesrhythmus. Auch die letzten Meter auf den Pöschlturm lasse ich gerne einem, der das kann. Gut so, um 4:30 wird es Frühstück geben, um fünf wollen wir los.
Die Nacht im Lager hat es in sich. Es dauert am Abend, bis Ruhe einkehrt. Was die Leute ihren Rucksack unentwegt umpacken können bzw. müssen! Zwischen eins und zwei gönnt sich gar einer ein Packerl Chips oder ähnliches. Dann wieder feilt einer seine Zehennägel mitten in der Nacht. Oida, geht’s noch? Kann man mögen, muss man aber nicht. Da haben wir diesmal aber ein paar Herzerln im Zimmer! Oder ist das immer so?
Um kurz vor vier hebt ein Beben an, Rucksäcke werden weitere dreimal umgepackt, die Stirnlampen sind im Blitzlichtmodus, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Wir erheben uns als letzte aus dem Lager. Kurz vor 4:30 warten die Frühaufsteher schon vor der verschlossenen Tür vor dem Frühstücksraum. Der Hüttenwirt hat es am Vorabend jedem angekündigt, dass es vor 4:30 kein Frühstück gibt und kein Klopfen die Türe öffnen wird. Trotzdem sind sie zu früh aufgestanden, aber wenn es halt so aufregend ist. Wir essen ein bisserl etwas und machen uns fertig.
Exakt um 5 Uhr starten wir. Vor uns sind schon Gruppen aufgebrochen. Eine Lichterkette führt den ersten Anstieg hinauf. Wir leuchten auch und sind mitten drin. Weit unten steigen wir am Gletscher ein. In einiger Entfernung tun es uns einige Gruppen gleich. Sie vertrauen auf uns. Wir beginnen unseren Aufstieg über das Teischnitzkees. Es geht Richtung Westnordwest aufs Eis hinaus. Uns folgen einige Gruppen mit Abstand. Nur, die wollen zum Stüdlgrat und wir eben nicht. Den anderen Bergführern, die ihre Gruppen zum Stüdlgrat führen, ist es recht, denn so haben sie ein bisserl Vorsprung und Ruhe am Stüdlgrat. Die „Privaten“ erkennen, dass wir „falsch“ sind oder anderes vorhaben und drehen wieder Richtung Grat ab. Das bringt ihnen einen Umweg und den mühsameren Weg übers Eis ein. Wir zählen in Summe zwanzig bis dreißig Bergsteiger für den Stüdlgrat. Da haben wir es besser, denn wir sind wie erwartet alleine auf der weiten Eisfläche.
Wir queren bei aperen Bedingungen über den flachen Gletscher zum Gramul. Dort drehen wir Richtung NNO, und es wird allmählich ein bisserl steiler. Ich bin übermütig, der Gletscher ist aper, nicht steil und wir sind schon auf 3.200 m. Was soll da noch viel kommen? Der letzte Nebel vom Morgen und die aufgehende Sonne bieten ein herrliches Szenario – wow!
Ab 3.350 m dann ein Eisbruch. Das sieht ja nach richtigem Gletscher aus. Wir lassen den Eisbruch rechts von uns und steigen weiter. 3.400 m und die Spalten beginnen. Das sind diesmal richtige Spalten, nicht so wie bei den vergangenen Touren. Tief und breit dehnen sie sich vor uns aus. Toni sucht, prüft Schneebrücken, indem er sich seitlich davon in die Spalte beugt und die Dicke abschätzt. Wie in längst vergangenen Zeiten müssen wir das eine oder andere Mal geschätzt 50 Meter umgehen.
Die Schneedecke schließt sich, keine Spalte ist mehr zu sehen. Schon tut sich der Bergschrund auf. Die Spuren im Schnee führen zu eine Schneebrücke, die mittlerweile viel zu dünn ist. Auf Alpernvereinaktiv.com lese ich am nächsten Tag, dass am Tag vor uns da noch jemand drüber ist. Eine Alternative vermögen wir nicht zu erkennen. Wir suchen, aber verwerfen die Optionen aber wieder. Ohne Toni wäre es für uns hier wohl zu Ende gewesen. Denn, auch wenn man da reinklettern kann, muss man auf der gegenüberliegenden, wesentlich höheren Seite wieder rauskommen. Das wäre auch noch möglich, aber wir müssen auch wieder am Rückweg dasselbe Hindernis von der anderen Seite nehmen. Der letzte hat es dann nicht lustig, denn der weiche Schnee auf dem harten Eis vor dem Bergschrund sieht nicht einladend aus.
Doch Toni gibt nicht auf. An einer Stelle steigt er in den Bergschrund auf eine stabile gut gefrorene Schneebrücke. Auf der gegenüberliegenden Seite „konstruiert“ er einen Aufstieg für seine Gäste. Zuerst schlägt er eine überstehende Eisplatte weg und schabt darüber den weichen Schnee zurseite, um einen Pickel zu setzen. Wir staunen. Ich soll einen Knoten ins Seil machen und meinen Pickel ins Seil hängen. Ich stehe auf der Leitung. Wenn ich das mache, ist der Pickel doch sicher weg. Meinen Pickel brauche ich aber dringend, wenn ich da rüber schaue. Was hat er vor? Aber wenn er es sagt? Irgendwann verstehe ich es doch und mein Pickel schwebt über die Kluft. Toni verwendet ihn, um eine zweite Haltemöglichkeit weiter oben ins Eis zu schlagen. So kann ich infolge recht kommod durch die scheinbar unüberwindliche Kluft klettern. Gernot kommt nach. Der Abstieg macht mir ein bisserl Sorge, wenn dann die Sonne den Schnee aufgeweicht hat. Toni wird sich etwas einfallen lassen.
Am Grat zwischen Teufelskamp und Hoffmannspitze legen wir Steigeisen und Pickel ab. Die Sonne lacht vom blitzblauen Himmel, aber ein kalter Wind treibt uns die Wärme aus der Kleidung. Der Grat zur Hoffmannspitze türmt sich auf und wirkt deutlich steiler, fast bedrohlich als auf den Fotos. Doch wir sind schon auf 3.550 m, da werden wir die 160 Höhenmeter auch noch schaffen. Von der wilden Stelle, die Toni am Vorabend erwähnt hat, vermag ich nichts zu sehen. So steigen wir los und sind schnell unterwegs. An ein paar Stellen sind Bohrhaken und die eine oder andere Stange bietet Möglichkeit zur Sicherung. Der Grat ist aper und trocken. Schnell, fast zu schnell, sind wir auf der Hoffmannspitze. Sogar der Pöschlturm schaut schon aus geschätzt 60 Meter Entfernung nicht unüberwindbar aus. Das schaffe ich, zumindest im Nachstieg.
So stehen wir am Fuße der letzten fünf bis zehn Meter Fels. Toni steigt vor und wird uns von oben sichern. Der erste Teil ist ein 20 bis 30 cm breiter Riss, den man hinauf muss. Eng, aber durchaus machbar. Aufs Material kann ich da keine Rücksicht nehmen 😉 Die Berghose muss mein Geschiebe aushalten. Schon quere ich zum letzten und keine zwei Meter hohen, etwas abdrängenden Felsen. Diese Passage erwische ich auch überaus gut und bei meiner Körpergröße von zwei Meter habe ich gar keine Not, mit meinen Händen die Stange am Gipfel zu erreichen. An dieser Stange sichert uns Toni. Der Kopf ist also schon am Gipfel, ich sehe ja, wo ich hinlange. Ich denke mir: „Das war es jetzt? War aber easy.“ und rutsche mit einem Fuß ab. Keine Gefahr, ich hänge ja wie ein Affe an der Stange. Trotzdem spüre ich, wie mir der Fels die untersten Rippen eindrückt. Nicht schlimm, aber die Erfahrung sagt: „Das wirst du länger spüren!“. Solange ich noch nichts spüre, also schnell ein Armzug und rauf auf den Gipfel. Gernot kommt noch nach. Er kämpft ein bisserl mit dem Riss, schafft den zweiten Teil dann jedoch gut. Wir sind oben – yeah! Tolles Gefühl, meine 10 der Top 10 in Österreich habe ich damit!
Wir schießen Fotos, was für ein Rundumblick! Der Glockner mit seinen Besuchern ragt schroff in den Himmel. Drüben tummeln sich die Besteiger, hier sind wir einsam. Die Überschreitung der Glocknerwand ginge weiter, als nächster Turm warten der Gerinturm und noch einige andere. Das Teufelshorn ist höher als der Pöschlturm, gilt aber wegen seiner Schartenhöhe von nur 32 Meter nicht als eigener Gipfel. Gerinturm und Teufelshorn sind deutlich schwieriger zu besteigen – Glück gehabt! Wir sind fertig hier und freuen uns einfach. Toni bereitet den Abstieg vor. Erst lässt er Gernot ab, dann mich, eher er selbst abseilt. Schöne Fotos bleiben – Baba, Pöschlturm, es war uns eine Freude!
Der Abstieg von der Hoffmannspitze über den Grat ist kein sonderliches Thema. Toni sichert uns, aber da fänden wir auch alleine gut hinunter. Steigeisen und Pickel warten mittlerweile in der Sonne, aber der Schnee auf den Steigeisen ist nicht geschmolzen. Mir ist das ebenso ein gutes Zeichen wie die Tatsache, dass die Stelle, an der wir den Bergschrund überquert haben, noch im Schatten liegt bzw. erst die ersten Sonnenstrahlen abbekommen hat.
An der Randkluft darf Gernot mit seinem Gewicht den Pickel, an dem ich gesichert bin, beschweren. Na, hoffentlich steht er gut auf dem steilen Schnee. Ich darf also als erster in den Bergschrund und über die Schneebrücke. Die Schneebrücke ist fest. Hier verirrt sich vermutlich nicht einmal zu Mittag ein Sonnenstrahl herein. Auf der Talseite geht es wieder aus der Kluft. Easy, die Seite ist ja nur ein bisserl über einen Meter hoch. Dann folgt Gernot, ich filme die Aktion, wie es sich für einen Internetjunkie gehört. Als letzter muss Toni runter, ihn sichert keiner. Aber er kann das, und ich bin froh, dass wir ihn haben, sonst hätte vermutlich ich alleine absteigen müssen. Ich sage es vorsichtig: so war es unvergleichbar bequemer!
Nun kommt noch das „Spaltenlabyrinth“. Unser Spuren sind noch da und der Schnee noch fest. Alles gut, die letzte Herausforderung ist geschafft. Der Gletscher ist wieder aper, und wir können über den flachen Gletscher zurück.
Wieder bei der Stüdlhütte bietet sich ein ähnliches Bild wie am Vortag. Mächtig stolze Glocknerbesteiger treffen auf aufgeregte Anwärter. Bergführer stellen sich ihren Gästen vor, rege Betriebsamkeit herrscht. Wir essen noch eine Kleinigkeit mit Toni. Den Stüdlgrat würden wir auch schaffen, meint er, wahrscheinlich auch ohne Bergführer. Jepp, aber mittlerweile erkenne ich die Vorteile eines Bergführers klar. Schauen ma a mal!
Nach Essen und Verabschiedung zischen wir den Weg zur Lucknerhütte und zum Lucknerhaus runter. Die befürchtete Hitze bleibt aus, ein Talwind kühlt. Nach 75 Minuten sind wir beim Auto. Nochmals Kuchen und Kaffee, ehe es nach Klagenfurt geht. Dort in den Zug und um halbzehn holen mich Renate, Jasmin und Mio in Meidling ab.
Die Glocknerwand kann ich dringend empfehlen. Während der Glockner von Heerscharen gestürmt wird, ist man hier den gesamten Tag über recht einsam. Ein Paar haben wir getroffen, das hat völlig cool die Überschreitung der Wand in Angriff genommen. Sonst haben wir niemanden getroffen. Und diese Einsamkeit gehört für mich auch ein bisserl zum Bergsteigen. Mit dem Pöschlturm habe ich meine zehn der zehn höchsten Gipfel in Österreich bestiegen. Das ist halt eher nur für mich von Bedeutung 😉
