Nach Glocknerwand und Stüdlgrat ist sich Gernot sicher, wir sind für höhere Schwierigkeiten gemacht. Wir wollen einen Kletterkurs in der Schwierigkeit III bis IV beim Alpenverein machen. Nur der Kurs ist schon ausgebucht. Wir können aber eine geführte Tour anfragen. Eigentlich ist die Sache längst vergessen, da landet eine E-Mail in Gernots Inbox. Für den Montag hat sich nun ein Klettertrainer erbarmt und führt uns in die Wachau oder Wiener Hausberge. Wachau? Die Marillenblüte ist doch im Frühjahr? Wurscht – mach ma!
Gernot organisiert und spricht mit Bernhard. Ein Routenvorschlag folgt von Bernhard: Tiroler Steig mit Zillertaler Hochzeitsmarsch. Wir studieren die Topo. Da steht verdammt oft V und VI – kurz, vergiss‘ es! Sag‘ das ab, das passt nicht. Gernot telefoniert nochmals und natürlich wird alles gut.
So treffen wir uns um 9 Uhr in Perchtoldsdorf und fahren an die Hohe Wand. Bernhard macht uns einen neuen Vorschlag. Im Laufe des Tages erzählt er, dass seine Partnerin den Vorschlag gemacht hat. Sie meint, dass wir aus dem Bergsteigen kommen und nicht aus dem Sportklettern. Damit versteht sie uns aus der Ferne. Ein Hoch auf sie. Wir sind mit dem Vorschlag einverstanden, vielleicht auch, weil wir keine Ahnung haben.
Wir finden sogar den Sonnuhrparkplatz gegen die Stimmen von Google und Gernot. Materialcheck und los geht’s quer durchs Gemüse im Laufschritt. So in etwa muss es beim Bundesheer zugehen. Zum Glück weiß ich, dass wir nach zehn bis 15 Minuten an der Wand anstehen werden.
Das tun wir auch – beim Einstieg des Postlsteigs. Der ist in rot an die Wand geschrieben mit 2-3. Was soll das? Ja, ja wir werden variieren. Alles recht und nein, für den ersten Teil brauchen wir keine Seilsicherung. Bald stehen wir vor dem ersten IVer. Wir sehen sofort, dass wir das Seil lieben werden. Mag sein, dass wir am Einstieg des SmokyJoki stehen. Kurze Einschulung und oben ist unser Vorsteiger, sichtlich geübt. Ich habe das blaue Seil gezogen und darf als erster nachsteigen. Juchhu!
Aber da ist nix zum Anhalten. Ich grabe meine Fingerspitzen in einen Felsriss, das geht noch. Aber kaum hänge ich meinen mit Vanillekipferln gestärkten Hochleistungskörper an diese kleinen Griffe schreit der linke Ringfinger laut um Hilfe. Ist das das Ende meiner Kletterkarriere? Ich bin 30cm über dem Standplatz. Da muss ich durch! Also, beherztes Agieren ist gefragt. Ich steige und hänge schnell eineinhalb Meter höher. Der linke Ringfinger ist so nachtragend wie mein Rückentraining im Fitnesscenter offenbar sinnlos war. Das einzige, das mich da rauftreibt, ist die Vorfreude, dass Gernot da auch rauf muss. Gebe ich auf, versäume ich die beste Show.
So die Stelle ist geschafft, ich bin bei Bernhard im leichten Teil des SmokyJoki angekommen und schon etwas beansprucht. Dann kommt Gernot ums Eck‘. Der lacht – geht’s noch? Zum Glück beklagt auch er mangelnde Griffe und überhaupt ist das alles ein Wahnsinn. Wir lernen: ein IVer bedeutet zwei Punkte für die Reibungsschuhe und ein kleiner Griff für die Hand. Und das war IV-. Gernot hat das gar nicht gehört. Ich habe den Verdacht, dass ich bzw. Left Pinky das nicht lange mitmachen werden.
Aber dann geht’s leichter weiter. Wir können nun durch Gehgelände queren oder noch dieses Wandstückerl mitnehmen? Her damit – ist ja nur ein Dreier! So jetzt macht es Spaß. Das geht alles. Aber ehe SmokyJoki nun unausweichlich in Fünfer- oder Sechsergelände führt, queren wir Richtung Postlgrat.
Erinnere ich mich richtig, so könnten wir links den einfacheren Postlsteig wählen oder rechts den schwierigeren Postlgrat. Dazwischen ist auch noch etwas, aber das ist ein Fünfer. Bernhard kennt da jeden Haken. Wir haben dafür keine Ahnung und wählen den Fünfer. Also, so schwer schaut das da nicht aus.
Blau geht vor, behält alle zehn Fingerkuppen und meint, dass das gar nicht so arg war. Gernot folgt knapp und triumphiert. Ein Fünfer ist geschafft. Es rufen die klassischen Nordwände der Westalpen. Zumindest hätte man auf unseren sechs Metern kein Biwak in die Wand hängen müssen.
Weiter geht’s Richtung Postlwand. Hier setzt die Erinnerung aus. Ich meine, da waren noch ein paar Vierer dabei. Alles halb so schlimm. Die Sonne brennt her, ein Wahnsinn für die zweite Oktoberhälfte. Im Geiste schon oben, folgt eine weitere Stelle, die Geschick erfordert. Meist ist Gernot vor mir unterwegs, aber auch hier beginnt Blau. Da ist nichts steil, aber da ist eigentlich gar nichts. Außer die Exe! Ja, wenn die da hängt, dann werden wir die ein bisserl zweckentfremden. Keine Bereitschaft in mir, den Heldentod zu sterben. Der Schalk in mir stirbt auch nicht. Ich überlege, ob ich die Exe mitnehmen soll. Das ist nicht unüblich bei einer Dreierseilschaft, da es in diesem Fall eh recht gerade nach oben geht und es egal ist, ob der erste oder der zweite im Nachstieg das Material einsammelt. Gernot würde schön schauen, wenn da nur noch ein Haken aus der Wand schaut.
Am Ende der Seillänge setze ich Gernot von meinen perfiden Plänen in Kenntnis. Er meint, er hatte das im Auge. Hätte ich nur einen Versuch gestartet, dass Hilfsmittel aus der Wand zu entfernen, hätte er wie am Spieß geschrien. Na geh, ich hätte es lustig gefunden.
Letzte Seillänge; rechts rum leichter, aber speckig, oder links rauf neu und ein bisserl schwieriger. Wir nehmen den linken Vierer zum Abschluss. Der ist wieder fordernder, wir kämpfen und schaffen es dann doch zum Ausstieg. Oben sind wir. Ui, das war fein!
Mittagessen beim Gasthof Postl, und wir unterhalten uns gut. Runter geht’s dann über die Frauenlucke und Völlerin zum Auto. Tadelloser Tag mit tadellosem Klettertrainer, Bernhard! Wunderbar und dringend zu empfehlen.















