Während sich Jasmin und Carina mit Lydia und Nico in Lech am Arlberg treffen, fahren wir in mein geliebtes Südtirol. Wir sind im Hotel Recort untergebracht. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gehört es einem Seilbahnbetreiber. Es ist neu renoviert, also vom Originalhof ist nichts über. Wir residieren luxuriös, die Mitarbeiter sind überaus aufmerksam. Das Abendessen haben wir dazu gebucht. Das tut uns nicht gut, ist aber zu gut, um ausgelassen zu werden.
In Sachen Ski und Schnee ist zu sagen, dass wohl noch weniger Schnee ist als in den anderen Jahren. Aber das Skigebiet liegt hoch genug, sodass der Schnee weitgehend trocken bleibt und ein Genuss ist. All das kann natürlich nur unter massivem Einsatz von Schneekanonen geboten werden.
Wir fahren die Sellaronda in beide Richtungen und schaffen es sogar einmal bis nach St. Christina. Erst, als wir in der „U-Bahn“ sitzen, kann ich mich erinnern, dass ich hier schon mal vor Jahrzehnten war.
Das Hotel mit Bike-Waschstation, Hundedusche und allen möglichen anderen Annehmlichkeiten können wir empfehlen. Unsere Suite ist eine gar nicht so kleine Wohnung. Vis-a-vis führt das Mittagstal vom Sellastock herunter. Die Rezeptionistin sagt, dass ihr Bruder in diesem Jahr die Tour wohl schon einmal gefahren ist. Vorstellen kann ich mir das aufgrund der Schneelage nicht so recht. Und dann schau‘ ich zufällig um halbsieben beim Fenster raus und sehe jemanden mit einer Stirnlampe am unteren Ende des Mittagstals. Ich pack’s nicht und lege mich noch einmal nieder. Das war a mal!
Langsam zweifle ich auch schon an, was die Klimaforscher sagen und werde zum Anhänger einer Verschwörungstheorie, leider halt mit anderem Vorzeichen. Aber dazu später. Gestern sind meine neuen Grödel angekommen. Die habe ich bestellt, da ich letzte Woche ein Grödel – der Duden sagt, dass Grödel ein Mehrzahlwort ist, aha! – verloren habe. Verloren und heute wieder gefunden – jetzt habe ich mit drei Paar doch zu viele Paare! Aber der Reihe nach.
Gernot begleitet uns auf die Rax. Wir sind alle nur halb ausgerüstet, weil der Plan war, die Mautstraße vom Pfaffensattel zum Alois-Günther-Haus zu spazieren. Gernot hat nicht einmal einen Rucksack mit. Trotzdem entscheiden wir uns für die Rax. Da geht heute mehr. Nicht viel mehr, aber doch mehr.
Am Preinergscheid geht – Achtung, Novum! – kaum ein Wind. Entspannt starten wir Richtung Reißthalerhütte. Gernot ist in seinen Christkindlmarktschuhen unterwegs und zieht sich meine XL-Grödel über. Auch Renate und ich entscheiden uns für Grödel – wir haben ja genug. Durch den Wald und auch danach ist wahrlich nicht viel Schnee. Aber ab der Baumgrenze wird es absonderlich. Es riecht nach Frühling, die Jacken haben wir in die Rucksäcke gestopft, ich suche nach den ersten Schneerosen, wir haben den 22. Jänner.
Nun zur Verschwörungstheorie: ich mag nicht glauben, dass sich das Klima erst um weniger als 2 Grad erwärmt hat. Hier nicht, hier muss es deutlich mehr sein – warum? Selbst bei vorsichtiger Schätzung liegt die Temperatur um 10° bis 15° zu hoch, es hat deutlich Plusgrade. Okay, das ist nur ein Tag und damit das Wetter und nicht das Klima. Zum Ausgleich müsste es an einem anderen Tagen um 10° weniger haben. Wenn man im Jänner auf 1.500m also Mitte Jänner -10° erwarten kann, müsste es nun einen anderen Tag mit -20° oder tiefer hier heroben geben. Natürlich können es auch zwei Tage mit -15° sein, um den Schnitt zu retten,.. Faktisch sind wir letzte Woche auf der Terrasse am Nachmittag um drei in der Sonne gesessen. Noch so ein „heißer“ Tag. Wie auch immer, ich bin keine Wetterstation auf zwei Beinen. Nach meiner Einschätzung ist es aber eher um vier bis fünf Grad im Schnitt hier heroben wärmer als in einem Jänner vor 25 Jahren oder früher. Entsprechend traurig schaut es mit dem Schnee aus.
All das überlege ich mir, während wir wieder einmal den Schlangenweg runter spazieren. In allen Farben schildere ich, wie uns die Abkürzung mein Grödel gekostet hat. Bei Besichtigung des Ortes des Verschwindens reicht auch ein Schritt ins Latschengestrüpp und da liegt es unübersehbar. Mein schlechtes Gewissen ist weg und weicht einer Reflexion. Was, wenn das nicht mir sondern jemand anderem passiert wäre. „Wie umnachtet kann man sein, dass man das nicht bei der Suche sieht?“, „Muss man halt die Augen aufmachen und schauen!“… Egal, ich habe es wieder und nun gar zwei zuviel. Keine Gams hat sich verletzt, alles gut!
Der Rest ist Routine. Essen am Waxriegelhaus, Abstieg zum Preinergscheid und heim nach Breitenfurt. Feine, entspannte und sonnige Tour!
Heute passt alles! Es hat ein bisserl geschneit, und es ist wenig Wind angesagt. Also, nochmals aufs Preinergscheid und dann weiter auf den Predigtstuhl. Das läuft alles prächtig. Die Fotos sprechen für sich. Wir sind die ersten, die nach dem Schneefall, aufsteigen. Viel Schnee ist ja nicht gefallen. Zumindest sieht es sehr fein aus. Den Predigtstuhl schaffen wir. Oben ist es doch recht kalt. Die Winterlandschaft macht wirklich etwas her.
Wir wandern noch zum Karl-Ludwig-Haus. Ich muss nicht nur ein Ingress-Portal holen, sondern auch zwei neue Portale besuchen. Das Rax-Kircherl und ein steinerner Rucksack sind damit auch in der Ingress-Datenbank aufgenommen.
Runter geht es den Schlangenweg. Der Karlgraben ist kein Option. Es fehlt der Schnee. Oberhalb des Siebenbrunnkessels queren wir zum Waxriegelhaus. Ich bin übermütig und will abkürzen. Das hat zur Folge, dass wir uns durchs Dickicht kämpfen müssen. Mein Grödel geht dabei verloren und ist unauffindbar. Schlechtes Gewissen macht sich breit. Vielleicht finde ich es ja im Sommer.
Am Waxriegelhaus kann man um 15 Uhr gar draußen in der Sonne sitzen. Wir sind verwirrt. Beim Abstieg sind wir dann aber schnell in der Kälte und damit wieder mitten im Jänner. Die Bergrettung baut einen Iglu – aha!
Eigentlich wäre bis auf die verlorene Grödel alles gut, würde die Q nicht meinen, dass sie wieder die Kühlflüssigkeit verloren hat. Oh, da wird jemand fluchen. Wir rollen nach Reichenau, kaufen eineinhalb Liter Kühlflüssigkeit und cruisen damit nach Wien.
Wir müssen ein bisserl den Fettstoffwechsel trainieren. Also fahren wir zum Preinergscheid. Da streiten die Eigentümer mit der Gemeinde, wer denn nun an der Parkfläche hier verdienen darf – oder so ähnlich. Wie auch immer, es stehen jedenfalls geschätzt nur die Hälfte der Parkplätze zur Verfügung. Der Rest ist abgesperrt. Der Parkautomat kennt sich auch nicht aus. Wer ganz doof ist, zahlt für den abgesperrten Parkplatz. Wer schlau ist, zahlt vermutlich gar nicht. Ich bin irgendwo dazwischen, zahle und hoffe, dass sie sich bis zum Sommer geeinigt haben. Wenn wieder der Bus kommt, wird wieder ein Stückerl vom Parkplatz abgezwickt, dann wird es wirklich eng, zumindest am Wochenende.
Am Preinergscheid weht es wie irre. Das ist zumindest nicht neu. So sind die Leute verleitet, ein bisserl mehr als notwendig mitzuschleppen. Meine Erinnerung an Renate, dass es bei den ersten Bäumen windärmer und wärmer werden wird, verfängt nicht. Wie auch? Ich musste ja schon selbst allzu oft die Erfahrung machen, ehe ich nun eben „leicht“ starte. Mio macht es jedenfalls Spaß.
Wenn schon nicht bei den Temperaturen so haben wir bei der Schneemenge einen Minusrekord. Dass im Jänner schon einmal so wenig Schnee war? Wahrscheinlich, aber erinnern kann ich mich nicht. Wir trinken etwas am Waxriegelhaus. Meine Mütze habe ich vergessen und da wir weitersteigen wollen, wäre so etwas schon fein. Auf einer gut besuchten Hütte kann einem geholfen werden. Gut behütet ziehe ich weiter.
Nur Renates Blick hinauf ist besorgt. Wir gehen einfach so weit, bis wir umdrehen. Das ist ein Plan, obschon ich nicht zu erkennen vermag, warum wir umdrehen sollten. Das Tageslicht wird reichen, das Wetter wird halten und Schneemassen sehe ich, wie schon erwähnt nicht. So steigen wir einen fast aperen Waxriegelsteig Richtung Predigtstuhl hinauf. Am Grat pfeift es ordentlich, beim Bismarcksteig dann teils in stürmischen Böen. Ausgestattet sind wir doch mehr als ausreichend, aber Renate will lieber zurück. Ich kann sie noch zu einer Runde Richtung Neue Seehütte und Abstieg über den Göbl-Kühn-Steig überreden. Erst nach der Tour offenbart Renate, dass sie den Wind oder Sturm nur nicht mag, sondern ihr ganz offenkundig den Spaß verdirbt. Oh, das ist etwas anderes. Künftig kann ich das berücksichtigen. Gerade in den Bergen sollte man so etwas ganz offen kommunizieren. Wieder etwas gelernt.
Das obere Ende des Langermanngrabens überqueren wir gar in Grödel. Den wenigen lockeren Schnee hat der Wind längst abtransportiert, übrig ist ein überaus harter Harschdeckel. Mio erkennt im 4×4-Modus das Problem nicht. Wir wandern den verlängerten Bismarcksteig Richtung Neue Seehütte. Hier im Lee hat der Wind die magere Ausbeute des Winters zwischen den Latschen abgelagert. Es ist so wenig, dass ich mich eine Abkürzung zu nehmen getraue. Das macht man nicht. Aber ich meine, das Gelände gut zu kennen, achte darauf, dass wir zur Not umdrehen können und die Online-Karte erwähnt hier keine erwähnenswerte Steigung. Und dann kommt es so wie geplant. Passiert selten, aber ist recht so!
Am Göbl-Kühn-Steig geht es zurück zum Waxriegelhaus, das wunderbarerweise 365 Tage im Jahr offen hat. Nach opulentem Mal wartet noch der Abstieg zum Preinergscheid.
Eigentlich habe ich schon recht viel zu tun. So komme ich erst fast ein Monat nach unserem Ausflug dazu, ein paar Fotos hochzuladen. Text fällt mir eh nicht mehr viel ein. An den gemachten Fotos erkenne ich, dass wir viel gutes Essen hatten und in einem feinen Hotel genächtigt haben.
Auch dieses Jahr fahren wir wieder einmal mit der Seilbahn aufs Raxplateau. Es geht raus aus dem Nebel und ab in die Sonne. Weil wir uns auskennen, lassen wir die Schneeschuhe, die an der Bergstation unter der Woche kostenlos verliehen werden, links liegen. Und bereuen das auch bald. Spätestens, als Gernot wieder einmal eine Abkürzung kennt. Mio ist wie immer der einzige, der nichts sagt. Aber die Verstörtheit sieht man ihm an, als er da in grundlosem Pulverschnee durch Latschenfelder muss.
Aber auch ich habe die Tour unterschätzt. Was soll ich da auf dem Plateau-Spaziergang den mit Garmin aufzeichnen. Tja, weit gefehlt!
Trotzdem ein überaus edler Tag in der Sonne. So einen Ausflug kann ich nur empfehlen. Im Dezember ist die Sonne besonders gut fürs Gemüt!
Kaiserwetter ist angesagt, die Q verweilt weiter in der Werkstatt und so entscheiden wir uns im E-Mini für die Hohe Wand. Der Gebirgssvereinsteig ist jener Steig in unserem Bereich mit den meisten Begehungen. So hat es mir der Steigerhalter auf der Rax erzählt. Das mag sein, aber heute sind wir fast alleine. Erst beim Ausstieg holt uns ein anderer Kraxler fast ein.
Die vielen Begehungen gehen nicht spurlos am Steig vorbei. Technisch ist er wirklich toll instand gehalten. Der Fels ist abgerieben, speckig und oft recht rutschig. Aber so passiert das halt, wo jedes Jahr Zehntausende rauf kraxeln.
Unsere Besteigung verläuft schon fast als Genusstour. Renate wird immer besser. Für den ÖTK-Steig müssen wir noch ein bisserl üben, aber das wird werden.
Dann gibt es doch noch ein „Erstes Mal“. Zum ersten Mal steigen wir den Springlessteig ab. Der ist fein und eine angenehme Möglichkeit, nach dem Gebirgsvereinssteig wieder zum Auto zurückzukommen.
Das wird Renates dritte Begehung und unsere erste als verheiratetes Paar. Renate überlegt, ob sie die beheizbaren Socken brauchen wird. Und da ist sie schon die erste Ehekrise: entweder die beheizbaren Socken oder ich! Auch die von Renate zusammengestellte Garderobe lässt den Gentleman in mir verschwinden. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Wer drei oder vier Jacken am Berg dabei haben will, muss schleppen. So schaut’s aus 😉
Renate berichtet, dass der Steig beim dritten Mal nun schon fast ein Genuss war. Alles klappt geschmeidig, die Bedingungen sind gut, die Sonne lacht, wir besuchen Ulli, und eine von uns ist am Plateau dann aber doch ein bisserl erschöpft. Sehr fein, eine sehr tolle Begleiterin habe ich da!
Der toneo hat meine Portale von grün auf blau gedreht. Das geht mal gar nicht. Die Madonna und das Preinerwandkreuz hole ich zurück. Das Portal im Königschusswandsteig sollte ich aber auch mitnehmen. Wer weiß, wie lange das Knie nach der OP nervt. Also, frage ich an, ob es denn okay sei, wenn ich den Königschusswandsteig ein Stückerl abklettere. Ein geduldiges „Mach nur!“ ist eine feine Antwort. Und da zum Glück kein Heizsockenwetter herrscht, kann Renate in einer ihrer vier mitgeschleppten Jacken die Sonne genießen, während ich immer weiter absteige. Gar durchs Felsfenster muss ich durch. Wenig elegant mache ich das im Rückwärtsgang, was aber eher wurscht ist, weil mich ja eh keiner sieht. An der ungünstigsten Stelle löst sich noch die Trinkflasche aus dem Rucksack. Die balanciert auf meinem Nacken. Ich bin begeistert. Wenn ich jetzt noch wie eine Seerobbe in die Pfoten klatsche, jubelt das Publikum. Da gelingt mir das Meisterstück: in der Höhle verstaue ich die Flasche wieder – yess! Na ja, das Portal hole ich auch noch. Auftrag erledigt, ich darf wieder durchs Fenster rauf.
Zur Auswahl stehen nun die Neue Seehütte oder der Holzknechtsteig. Der Steig ist echt mies, wie ich hier schon oft beschrieben habe, aber deutlich besser als die Seehütte zur Zeit. Renate ist fassungslos ob des Mangels an Genuss im Abstieg, ich bin seit Jahrzehnten auf den Mist hier vorbereitet. Diesmal hat es der Steig wieder in sich! Ja, das ist jedes Mal derselbe Steig. Aber nach jedem Starkregen schaut er anders aus. Und geregnet hat es diesen Herbst schon genug. Die Schotterfelder, die man sonst abfahren und so das Leid lindern kann, sind weggespült. Aber alles geht vorbei, irgendwie kommen wir zum Auto. Eine feine Tour heute!
Die Q ist mittlerweile gefühlt schon öfters in der Werkstatt als auf der Straße. So sind wir im E-Mini unterwegs. Der ist sehr fein, sehr umweltfreundlich und sehr schick, hat aber eine kleine Batterie und die ist in der Griesleiten mehr als zur Hälfte geleert. Ich soll fahren, auch wenn es anders vereinbart war. Aber ich darf nur 80 fahren, weil sich das sonst nicht bis nach Hause ausgeht. 80 auf der Autobahn ist hart! Einmal erwische ich mich dabei, wie ich die Grünstreifen längs der Autobahn absuche und tatsächlich einen riesigen Pilz entdecke. Beim Spazierengehen gelingt mir so ein Kunststück eher selten. Mah, das werde ich nicht aushalten. Da erinnere ich mich an die Zeiten vor 40 Jahren. Gernot und ich haben auf unseren Fahrrädern auf den 15A (Autobus) gewartet. Sobald der uns überholt hat, haben wir reingetreten und haben uns im Windschatten „ziehen“ lassen. LKW gibt es hier und heute auf der Autobahn einige, ich hänge mich bei 90km/h hinter so einem an. Wie ein Drängler klebe ich eine Autolänge hinter ihm und gewinne dabei an Reichweite. Mein grünes Herz triumphiert. Renate ist da nicht so entspannt, sieht uns schon schiebend, weil wir hier mit besinnungslosen 90 km/h dahinrasen. Es ist eigentlich eh klar, wer schieben wird müssen. Das sage ich auch zu, aber nur unter der Bedingung, dass sie das Rekuperieren deaktiviert, während ich schieben muss. Aber soweit wird es nicht kommen!
Überholt ein LKW, dann hänge ich mich an den schnelleren LKW. Jetzt sind wir schon mit über 100 unterwegs. Viel Abstand zur fahrenden Wand vor uns ist nicht. Die Stimmung ist im Wageninneren doch etwas angespannt. Aber wie kann ich mich wieder zurückfallen lassen?
So und so weiter vergeht diese Fahrt in ihrer eigenen Kurzweile. Wir erreichen Breitenfurt mit einer Reserve von ein paar Kilometer – geht doch! Garmin empfiehlt dem Mini eine Erholungszeit von 48 Stunden an der Steckdose. Einen ähnlichen Wert bekommt auch Renate aufgebrummt!
Leider habe ich bei der Madonna die Uhr gestoppt. Der Track ist damit gestoppelt und entfällt heute. Dies im Ersuchen um Nachsicht.
Wir gönnen uns ein paar Tage in Portugal, drei Nächte in Lissabon und zwei Tage in Porto. In Lissabon sind wir im Hotel Valverde untergebracht – ein überaus empfehlenswertes Haus! Michelin, dieser französische Reifenhändler, war auch schon hier und hat für Renate Restaurants herausgesucht. So besuchen wir das feine Restaurant Belcanto, das uns das feinste kulinarische Erlebnis seit langem bringt. Lissabon gefällt uns. Die Stadtspaziergänge sind eine Freude. Alles ist recht entspannt und zuvorkommend.
Diesmal sind wir auf eco unterwegs und fahren mit dem Zug von Lissabon nach Porto weiter. Meine letzte Zugfahrt auf dieser Strecke vor 40 Jahren habe ich anders in Erinnerung. Okay, damals war ich mit Oskar unterwegs.
In Porto besuchen wir die Fischfabrik Pinhais. Sie ist mit ihren Sardinen in der markanten Fischdose unter der Marke Nuri bekannt. Österreich ist einer der Hauptabsatzmärkte. Die Firma besteht seit 1920, fast alles wird noch per Hand gemacht. 2016 hat ein Österreicher die Firma übernommen. Wir staunen – hier mehr am Internet. Die Führung ist wirklich eine dringende Empfehlung! Esst mehr Nuri-Sardinen!
Natürlich spazieren wir auch durch Porto, die Bootsfahrt am Douro fällt allerdings leider im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Manchmal regnet es eben auch in Portugal. Am Tag unseres Heimflugs finden wir dann noch, und diesmal wirklich ungeplant, ein ganz besonderes, winziges Lokal. Der Eigentümer hat jahrelang im Belcanto gearbeitet und bietet nun für maximal zehn Gäste selbst Essen an. Das Lessa in Porto ist definitiv auch eine Empfehlung wert. Webseite und so modernen Schnickschnack hat das Lokal nicht, dafür gibt es hier vorzügliches Essen!
Ganz zum Schluss holt sich noch der Atlantik meine Renate. Diese wilden Wellen! Völlig unberechenbar! In unserem Hotel, der Vila Foz, ist das Personal gefordert, um bei der Trocknung zu helfen. Selbst so ein ungewöhnliches Anliegen bringt aber ein Haus dieser Kategorie nicht in Verlegenheit. Eh klar!
Renate und ich gehen den Stadelwandgrat an. Es ist Renates erster IIIer. Der Grat und die leichte Kletterei passen goldrichtig dafür. Was soll da schon schief gehen? In der Früh und beim Zustieg geht es Renate gar nicht gut. Ihr ist ein bisserl übel, der Magen will nicht bergsteigen! Aber sie will die Tour probieren. Schauen ma a mal!
Wir packen das 40m-Seil ein. Das ist ein bisserl kurz. Wir könnten natürlich auch das 60er mitnehmen. Aber das wäre ein bisserl schwer. So könnten wir auch ein 50m-Seil kaufen. Aber das wäre dann ein bisserl blöd.
Irgendwann muss man im Stadelwandgraben nach links abbiegen. Das kann man weit unten machen und sich dann eines steilen Schotterfeldes erfreuen oder weiter oben. Meist biege ich zu früh ab. So auch diesmal. Aber es ist nicht so schlimm, denn ich denke, es gilt: „Je weiter oben umso besser.“. Aber wer will schon zu weit gehen? Egal, beim Abstieg sehen wir auf 910m Seehöhe Markierungen an einem Baum. Gernot hat sich auch schon mal die 910m auf der Uhr fotografiert. Das Wegerl probiere ich jedenfalls das nächste Mal.
Das Gassl ist nach den irrwitzigen Regenmengen der letzten Tage und Wochen eigentlich in gutem Zustand. Keine Sorge! Der folgende Aufstieg hat jedes Mal bessere Markierungen. Vielleicht liegt es daran, dass ich den Aufstieg immer besser kenne. Aber selbst in der Kletterstrecke sind auffällig viele rote Punkte. Diese sind mir bislang gar nicht aufgefallen. Hat da wer nachgebessert? Alles wird besser.
Wie üblich folgen wir in entgegengesetzter Richtung dem markanten roten Pfeil und erreichen nach leichter Kraxelei die Anseilstelle. Schon wartet der erste Turm, der heute wieder einmal ein bisserl schwieriger erscheint. Renate schlägt sich tapfer. Dann wird abgeklettert zum ersten richtigen Stand. Von dort geht es gleich wieder scheinbar schwierig bergauf. All das muss Renate Respekt einflößen, aber sie kommt stets brav hinten nach. Der weitere Verlauf ist immer wieder spannend, aber stets machbar.
Die IIIer-Stelle laut Topo liegt Renate im Magen. Erst wollte sie vor dieser Stelle überlegen, ob sie die Stelle angehen will und dann im weiteren Verlauf der Kletterei war sie sicher, dass sie sie umgehen möchte. Aber ich bin ja vorne. Und als erster nehme ich die IIIer-Stelle in einer der Seillängen gleich mit. Uh, die Stelle gehe ich heute weiter rechts an, wo ein Haken aus der Wand schaut. Also, da fehlen irgendwie Griffe und Tritte für unser Können. Die letzten Male war ich ein, zwei Meter weiter links und dort ging es leichter. Trotzdem komme ich sicher über die Stelle und hole Renate nach.
Sie ist schnell da und steht jetzt unter dem Haken in der IIIer-Stelle. „Also, ich steh‘ jetzt an! wie soll ich da rauf kommen?“. „Immer dem Schnürl nach!“ ist meine beliebte Antwort, zur Unterstützung spanne ich das Seil ein bisserl. Jetzt tut sich lange nichts. Gelegentlich gelingt es mir, wieder ein paar Zentimeter das Seil weiter einzuziehen. Die Arme muss ja schon im Klettergurt hängen. Und dann taucht sie plötzlich auf, zuerst der Helm und dann immer mehr von ihr. „Boah, was war denn das jetzt?“. „Na, vielleicht haben wir schon, ganz ohne es zu bemerken, die IIIer-Stelle mitgenommen?“. „Sicher nicht, die kommt erst! Und sicher ist, die gehe ich nicht!“. „Oh ja, das war schon die IIIer-Stelle!“. „Was echt jetzt?“. „Ja!“.
Jetzt fehlt nur noch eine Stelle mit III-. „Spreizschritt“ erwähnt die Topo dazu. In meiner Erinnerung ist das aber eine wahrlich nicht schwere Stelle. Was allerdings in Renates Kopf vorgeht, kann ich nicht sagen. Jedenfalls steige ich vor, überwinde den Spreizschritt ohne sonderliche Aufmerksamkeit. Den nächsten Stand baue ich ums „Eck“ bei einer kräftigen Latsche. Von Renate höre ich derart nichts. Aber das Seil rutscht fein durch meine Sicherung. Sie kommt näher, bis es plötzlich stockt. Das ist nicht ungewöhnlich. Ich warte. Nix tut sich. Ich warte. Minuten, echte Minuten vergehen. Ich warte, ich rufe: „Alles okay?“. Keine Antwort! Ich fixiere den Stand und steige ihr entgegen. Nun bin ich in Rufweite. Renate steht vor dem Spreizschritt und weiß nicht weiter. Sie will mehr Seil. Anscheinend habe ich sie von oben mit meinem Probeziehen immer weiter nach vorne gezogen, und nun ist die Lage misslich. Ja, das auch, aber selbst mit mehr Seil weiß sie eigentlich nicht, wie sie darüber soll. „Nach links absteigen und drüben wieder rauf!“ rufe ich noch. Dann mache ich mich zurück zum Stand, um ihr mehr Seil geben zu können. Diesmal geht etwas weiter. Etwas erschöpft und fertig steht Renate vor mir. Sie war wirklich ratlos, hat das Offensichtliche nicht gesehen und sich nur gewundert, wie ich da rüber bin. Na ja, dass ich mit meiner Hüftprothese, zwei lädierten Knien nicht wie eine Katze gesprungen bin, sollte eigentlich offenkundig sein. Renate meint, dass sie sogar an die Bergrettung gedacht hat. Das wäre ein lustiger Einsatzbericht geworden: „Die gut ausgerüstete 54-jährige, die am Stadelwandgrat unterwegs war, kam bei einem Spreizschritt in eine brenzlige Lage und konnte weder vor noch zurück. Die zu ihr aufgestiegenen Bergretter sicherten die bereits leicht erschöpfte Bergsteigerin bei einem Schritt galant durch Reichen der Hand, ehe diese selbständig ihre Bergtour mit ihrem Partner, der wenige Meter oberhalb von ihr an einer Latsche gesichert, beim Handyschauen aufgefunden wurde, fortsetzen konnte.“. Auch ein Hubschraubereinsatz wäre fein gewesen. Es hätte ja gereicht, wenn sich Renate kurz am herunterhängenden Bergehaken festhalten hätte können, ehe sie sich mit einem „Danke und Tschüssi!“ verabschiedet hätte. Ging aber auch so, mit Geduld!
Nach diesem eigentlich eher unspektakulären Spreizschritt geht es dann nur noch in flacher werdendem und einfachem Gelände weiter. Ein Grat ist noch dabei. Auch wenn das technisch einfach ist, sichern wir weiter. Da ist eine von uns beiden schon ein bisserl über das Maß des Erwarteten hinaus müde. Vergnügt und zuversichtlich, aber eben doch gefordert. So schaffen wir noch eine Seillänge gesichert, ehe wir ungesichert den letzten Anstieg nehmen und über die Märchenwiese zur Forsthütte absteigen. Jippieh, geschafft und Gratulation an Renate.
Nach Jause und Nachbesprechung geht es wieder durch den Stadelwandgraben zum Auto. Nach den Anstrengungen zieht sich der Abstieg ein bisserl sehr. Aber was soll’s? Geht ja alles vorbei!