Tag 2 unseres Mondseeaufenthalts ist da. Renate ist nach Wien gereist und unterbreitet ein Angebot. Mio wollen wir heute Schnee bieten. Über 1.300 Meter sollten die Chancen dafür noch gut stehen. Wir suchen und suchen mit den vorgegeben Werten für zu bewältigende Höhenmeter und Tourenlänge. Die Wahl trifft auf die Postalm und den Braunedlkogel.
17 Euro beträgt die Maut auf der Privatstraße. Da habe ich mich schon einmal gewundert, was es so gibt. So halte ich mich diesmal nicht wieder mit den Gedanken auf, nach welchen Kriterien die Allgemeinheit die Kosten für eine Straße übernimmt und wann sie das nicht tut. Jetzt, wo ich diesen Beitrag tippe, komme ich schon wieder ins Grübeln.
Wie auch immer, die geplante Anreise biegt bald von der Asphaltstraße in eine Schotterstraße Richtung Rettenegghütte ab. Ein Schranken macht der holprigen Fahrt bald ein Ende, und wir bekommen noch ein oder zweihundert Höhenmeter dazu. Macht nichts, wir starten. Mio hat nach wenigen Metern seinen Schnee und ist vor Freude ganz aus dem Häuschen. So soll es sein.
Erst geht es über eine Almwiese und einen eher flachen Schotterweg mit tollem Panorama dahin. Der Föhn bläst und wir sind froh, noch Gewand dabei zu haben. Der Weg biegt ab, wird steiler und ein kleiner Nassschneerutsch legt sich über den Steig. Wir lassen uns nicht abschrecken und steigen höher. Die Schneefelder werden häufiger. Jetzt, am letzten Apriltag, sind sie durch und durch nass. Meine Füße bleiben nicht lange trocken. Aber alles ist machbar. Wir folgen einer frischen Spur und sind dankbar darüber.
Hundert Höhenmeter unter dem Gipfel kommt uns dann der einsame Bergsteiger entgegen. Er kennt sich hier aus. Ich bedanke mich für die Spur und frage, ob man auch über die Nordostseite absteigen kann. Kann man, aber wird halt viel Schnee sein.
Den Gipfel erreichen wir dann rasch, die Jause wird verzehrt und Mio bekommt traditionell auch etwas. Da schaue ich so weit möglich in die unverspurte Route und erkenne, dass es steil ist. Okay, das hat die Karte schon verraten. Und dass wohl einiges an nassem Schnee anzutreffen sein wird. Lydia stört es nicht, wenn wir denselben Weg wieder zurückgehen. Mio auch nicht, und ich kann auch damit leben. So steigen wir nach herrlichem Rundblick wieder unsere Spur hinunter zum Auto.
Der Braunedlkogel ist damit erledigt. Ein tadelloser Tag in den Bergen war das! Die Beine haben auch etwas getan, und nach den zwei Tagen steht definitiv nun ein Erholungstag an. So wird’s gemacht!
Lydia gönnt sich nach Projektende eine Woche Auszeit und so treffen wir uns am Mondsee. Renate, Mio und ich kommen aus dem Osten, Lydia aus dem Westen. Für den ersten Tag haben wir uns den Klettersteig auf die Drachenwand vorgenommen. Das ist ein Klettersteig der Schwierigkeit C bzw. C/D, wenn man die Hängebrücke umgeht. Das klingt nicht schwer und sollte als Einstieg passen. Die Berge in der Umgebung sind ordentlich angezuckert. Facebook sagt, dass der Steig und der Abstieg schneefrei sind. Das Wetter passt, und es ist Montag. Das sollte also alles perfekt passen.
Der Parkplatz lässt vermuten, dass hier an Wochenenden und Feiertagen die Hölle los sein muss. Aber an diesem Montag ist wenig los. Statt den Leuten ist der Wasserfall da. Beeindruckend fällt er neben dem Steig nach unten. Lydia hat sich ein Klettersteigset und neue Bergschuhe geleistet. Los geht’s!
Schwierigkeit B soll das hier neben dem Wasserfall sein? Da schau her! Das erscheint uns aber schwieriger, wenngleich auch nicht schwer. Aber wenn das B ist, dann…?
Am oberen Ende des Wasserfalls holen wir uns beim Überqueren desselben gleich mal nasse Füße. Nachdem Renate rechts durchs Wasser ist, möchte ich Lydia vorzeigen, wie das hier ein echter Bergfex angeht und steige dabei prompt ins Wasser, verheddere mich in den Armen des Klettersteigsets und mache, kurz gesagt, keinen guten Eindruck. Nach Lydias Überquerung, ebenfalls satt im Wasser, steigen wir also mit gut gekühlten Hufen weiter.
Steil ist das da, lang ist das da! Etwas überraschend, aber noch nicht wild. Ich hätte aber schon eher mit einem leichten Herumkraxeln gerechnet, als mit einem ordentlichen Klettersteig.
Renate steigt forsch vor. Gelegentlich hört man ein zuversichtliches „Ich schaff‘ das!“ und „Ich kann das!“ von oben. Dahinter folgen Lydia und ich in respektvollem Abstand. Habe ich schon erwähnt, dass der Steig länger als erwartet ist? Dann sind wir bei der Abzweigung. Rechts die kühne Hängebrücke, links die Umgehung in C/D mit guten Möglichkeiten, die Damen auf der Brücke zu fotografieren. Auch das C/D hat es in sich, hält mich aber nicht auf und ich hänge fotobereit in der Wand.
Vis-a-vis sehe ich die Leiter, die um den Felsen biegenden Damen und ein vertrautes „Boah! Na, bravo!“. Aber die Damen sind kein bisserl zögerlich. Renate fragt, wo man sich denn da einhängen soll. Mit der Beantwortung tue ich mir aus der Ferne schwer, aber die Frage war wohl ohnedies rhetorisches Stilmittel, denn schon ist sie über dem Abgrund unterwegs. Fotos werden geschossen, ehe Lydia ebenso vorgeht. Aha, ich staune. Mir soll es recht sein
Wir klettern weiter und der Steig ist doch länger als erwartet. Aber das habe ich schon weiter oben geschrieben. Allzu endlos können 385 Höhenmeter jedoch nicht sein und so sitzen wir bald nach ein paar Gipfelfotos oben und genießen unsere Jause. Der Ausblick auf den Mondsee ist eine Freude. Ein paar Fotos schießen wir noch beim Drachenloch. Schwindel ist den beiden Damen fremd. Ich bin nicht ganz so sicher, ob ich da ebenso entspannt auf dieser ausgesetzten Felsbrücke gestanden wäre. Die Fotos gelingen jedenfalls.
Dann kommt noch der Abstieg, vor dem am Internet so eindringlich gewarnt wird. Heute ist es trocken und wir vermögen die Gefahr nicht zu erkennen. Nach dem Gegenanstieg werden die Schilder eindringlicher. In allen Varianten wird gewarnt, wie verheerend ein Sturz hier wäre. Aber es ist trocken und so sehen wir uns auch hier keiner sonderlichen Gefahr ausgesetzt. Dass es trocken ist, ist eigentlich paradox, denn der Wasserfall, der im Sommer ganz versiegt, ist dieser Tage sehr gut gefüllt.
Wir erreichen jedenfalls das Auto unbeschadet. Bei der Jüngsten in der Runde zittern die Oberschenkel gewaltig. Da muss eine Ladung Magnesium nachgefüllt werden. Bei der zweitjüngsten Teilnehmerin schnalzt 50 Meter vor dem Auto das Knie und so werden es noch anstrengende 50 Meter für Renate. Wir danken es wem auch immer, dass das nicht mitten im Steig passiert ist. Uppsi!
Alles andere war und ist fein. Mio hat den Tag bei einer Betreuerin am anderen Ufer des Sees verbracht. Obwohl auch andere Hunde zu Besuch da waren, war Mio wohl fad. Das vermute ich unbestätigt, denn wie so oft schweigt er dazu. Er freut sich jedenfalls, dass wir wieder da sind und wir freuen uns über einen spannenden und leicht unterschätzten, aber letztendlich souverän gemeisterten Klettersteig.
Ein langes Wochenende in Palermo ist doch etwas Feines! Wir wollen Sizilien besuchen. Diesmal werden wir aber nicht von Stadt zu Stadt fahren. Ein langes Wochenende ist uns dafür zu kurz und so beschränken wir uns auf eine Stadt. Damit kann man einerseits nicht behaupten, Sizilien gesehen zu haben, aber anderseits auch einen Zeitverlust durch Herumreisen vermeiden. So genießen wir eben Palermo.
Untergebracht sind wir im Grand Hotel et Des Palmes. Hier fand 1957 ein Gipfel der Mafia statt. Der soll vier Tage gedauert haben – genauso lange wie unser Aufenthalt. Wer wohl in unserem Zimmer übernachtet hat? Hoffentlich war man damals in der Küche des Restaurants, das sich im Stock über unser Suite befindet, mit dem Herumschieben von Inventar rücksichtsvoller als während unserem Aufenthalt. So ein gestresster Mafia-Boss hätte wahrscheinlich nicht so geduldig zugewartet. Na ja, die Zeiten ändern sich.
Palermo haben wir punktuell besichtigt. Das heißt, wir haben es uns gut gehen lassen. Renate hat das Michelin-Essen im Gagini ausgewählt und ich per Zufall authentisches Essen in Mondello, dem schönen Strand in der Nähe Palermos. Während im Gagini nur Touristen das herausragende Essen genossen, waren wir in der Trattoria L’angolo in Mondello die einzigen Touristen. In der Trattoria wurden alle Klischees erfüllt. Temperament, Lebensfreude, Lautstärke und wir mit einer Flasche Weißwein bei authentischem, italienischem Essen mittendrin.
Zwischen den Essen verbringen wir die Zeit mit Spaziergängen in der Stadt und am Strand. Ruhig kommt es mir hier vor. An einem Tag regnet es, da ist es extra ruhig.
Die Herren von 1957 müssen fit gewesen sein. Zumindest ist der Fitnessraum beeindruckend. Wir machen davon als einzige Gäste ausreichend Gebrauch. Sehr angenehm!
Natürlich sehen wir auch die Kathedrale Maria Santissima Assunta. Diese ist überraschend schlicht innen. Wie auch das Hotel sind Fassade und Empfang ein bisserl beeindruckender als der Rest. Möglicherweise wurde da Geld von den anfangs erwähnten Herren in den Fitnessraum abgezweigt. Alles möglich, wenngleich unwahrscheinlich.
In der Kathedrale befindet sich vor dem Altarraum eine horizontale Meridianlinie und fungiert als Sonnenuhr. Man kann nicht nur die Tageszeit ablesen sondern auch, in welchem der zwölf Sternbilder sich die Erde auf ihrem ein Jahr dauernden Weg um die Sonne gerade befindet. Wir sind zu Mittag hier, die Erde sollte in das Sternbild des Stiers eintreten. Zufällig habe ich um halbeins einen Platz an dem im Marmorboden eingelegten Messingstreifen eingenommen. Menschen hängen ihren ReisegruppenleiterInnen an den Lippen, die wild gestikulierend auf den hell erleuchteten Fleck rechts von mir am Boden zeigen, und dabei ihr astronomisches Wissen mit großer Gestik zum Besten geben. Da erkenne auch ich die Sonnenuhr und aus Zufall wird fast Absicht. Der helle Fleck ist ganz in der Nähe des Stiers – das passt. Aber, dass sich das mit der Linie bis 13 Uhr (Anm.: es ist ja Sommerzeit) ausgehen soll, bezweifle ich. So sitzen wir da und beobachten den Fleck, der sich der Linie überraschend schnell nähert. Gelegentlich muss ich einen Touristen verscheuchen, weil sich dieses nicht so helle Touristenlicht zwischen den Boden und den Auslass in der Kuppel der Kathedrale schiebt. Und dann ist es 13 Uhr, aber der helle Sonnenfleck nicht exakt auf der Linie. Also, er ist um zwölf bis 15 Zentimeter von dem Platz entfernt, wo er meines Erachtens sein sollte. Echt jetzt, eine Fertigungstoleranz von diesem Ausmaß?! Ich meine, dass sich plötzlich und speziell die italienischen Reiseführer anderen Sehenswürdigkeiten widmen. Dabei ist doch die Frage so spannend: Es ist astronomisch 12 Uhr und die Sonne steht nicht symmetrisch über der Linie? Ich möchte den Architekten, den beratenden Astronomen oder sonst einen Verantwortlichen sprechen. Oder eiert die Erde gar um die Sonne und wird in sechs Monaten um die gleiche Distanz zur Meridianlinie auf der anderen Seite versetzt stehen? Hallo, ich habe Fragen! Aber niemand hat Interesse. Ich hätte sogar Vorschläge, wie man diesen Missstand korrigieren könnte, ohne dass man die Kuppel abtragen oder den Boden aufreißen muss. Aber niemand teilt meine Empörung. Renate lächelt milde und gibt sich interessiert. Muss sie ja – zwangsläufig. Aber ich bleibe unverstanden zurück. Vielleicht hat eine Künstliche Intelligenz eine Antwort. Doch die erfindet ja angeblich die Antworten, wenn die Frage nur absonderlich genug ist. Wer mir weiterhelfen kann, möge mir eine Nachricht zukommen lassen. Aber ich will eine Antwort und keine tröstenden Worte!
Bis auf diese Konfusion und die Tatsache, dass man von Taxlern übers Ohr gehauen wird, selbst wenn man Uber verwendet, verdient das Wochenende das Prädikat tadellos. Den Italienern scheint es jedenfalls egal zu sein, ob die Linie nun ein paar Zentimeter links oder rechts liegt. Die haben lieber eine gute Zeit in der Trattoria mit Freunden. So bleibt mir Palermo als überaus lebensfrohe Stadt in Erinnerung.
Und sollte mal jemand das Thema der falsch gehenden Sonnenuhr anpacken wollen, ich hätte ein paar Ideen!
Was im Kurs erlernt wurde, muss gefestigt werden. Renate sucht sich das Wilde Gamseck aus und wählt damit den klassischen Weg der Ostender Bergsteigerlaufbahn. Gerne hätte ich die erste Stufe dieses Weges übersprungen und wäre gleich in den Akademikersteig. Doch auch wenn mich der lange Zustieg und ebenso lange Abstieg nicht so reizen, so werden sie uns fitter machen. Soll sein.
Wir parken in Hinternasswald und wandern los. Bei der Gamseckerhütte wartet eine Gams. Nein, flüchten kann sie nicht mehr. Sie hofft, dass wir an ihr vorbeiziehen werden. Das tun wir auch. Das arme Viecherl hat den Winter überstanden und steht nun etwas lädiert da. Zumindest kann es sich, sofern es denn dazu noch in der Lage ist, am saftigen Grün erfreuen.
Nach zweieinhalb Stunden ist, wie in der Literatur angegeben, der Einstieg erreicht. Man kommt an der Wand in einer gewissen Demut an, wenn man nicht sonderlich fit ist. Der Anstieg ist in unserer aktuellen Form ein bisserl zach. Wir gönnen uns eine Pause und wärmeres Gewand, ehe es in die Wand geht. Renate debütiert in ihrer Kletterkarriere tadellos. Anfangs noch ohne Seil denke ich schon, dass wir das Kletterzeug wieder einmal umsonst herumtragen, aber dann türmen sich scheinbare Schwierigkeiten vor uns auf, an die ich mich gar nicht zu erinnern vermag. Ich meine gar, die „Schlüsselstelle“ schon hinter uns zu haben. Das ist aber nicht so wichtig, denn es bietet sich die Möglichkeit, Erlerntes anzuwenden, und das hat immer seinen Reiz.
Auch für mich hat der Kurs einiges gebracht. Bislang habe ich die Sachen sicherlich nicht falsch gemacht. Aber es war halt aus der Erfahrung bzw. aus dem Selbststudium. Nun habe ich Selbstvertrauen, und die Übungen laufen wie am Schnürchen. So soll es sein. Die Schwierigkeiten sind nach ein paar Metern zu Ende und so können wir uns aufs Üben von Mehrseillängen konzentrieren. Renate nimmt eine Seillänge gar im Vorstieg. Schwer ist der Steig jedenfalls nicht, Renate erlebt keine Schwierigkeiten.
Bei der Bodenalm gibt es eine längere Pause mit selbst mitgebrachter Jause, ehe es durchs Bärenloch zurückgeht. Auch der Abstieg ist lange. Für eine von uns beiden sogar überraschend, ja fast nervig, lange. Hmm? Schon unten auf den letzten Kilometern geht Renate ohne Schuhe. Der Fußballen schmerzt so sehr. Ich staune. Nun bin ich seit 50 Jahren in den Bergen unterwegs, aber das habe ich noch nie gesehen. Vielleicht ist das der Grund, dass es mich auf dem flachen Forstweg hinwirft. Die schöne Hose und meine Haut haben ein paar Löcher. Renate zieht vor Schreck wieder die Schuhe an und absolviert ohne Murren den letzten Kilometer. Geht ja! 😉
Nach sieben Stunden Gehzeit sind wir wieder beim Auto. Nur beim Start in der Früh hatten wir einen Bergsteiger gesehen. Die restliche Zeit mussten wir uns beide genug sein. Fein war’s!
Gernot hat mir ein Buch mit Klettertouren zum Geburtstag geschenkt. Am Akademikersteig war ich beim letzten Mal unsicher, wie denn das Sicherungsgerät zu verwenden ist. Renate will auch klettern. Jede Menge Gründe, um einen Kletterkurs beim Alpenverein zu buchen. Auch Gernots Renate entschließt sich zur Teilnahme. Tadellos, so stehen wir am Montag am Peilstein und harren der Dinge, die da kommen mögen.
Unser Trainer, Frans, erklärt kurzweilig das Material und fünf notwendige Knoten. Dann wird auch schon abgeseilt. Mutig stürzen wir uns in die Tiefe. Mit der Zuversicht von Kindern, die ganz darauf vertrauen, dass Frans schon alles vernünftig aufgebaut hat. Niemand prüft, was er denn da zusammengehängt hat. Warum auch? Alle vier haben ihren Spaß, ehe es nach Holzschlag zum Mittagessen geht.
Am Nachmittag werden Mehrseillängen geübt. Erst in der Ebene, dann am Gamseckgrat. Auch diese Übung schaffen alle ohne Not und dafür mit Freude. Und ehe der Tag vorbei ist, bekommen wir noch Tipps, deren es so viele gibt. Schauen wir einmal, was wir uns bis zum ersten Einsatz merken. Kurz vor fünf sind wir müde und zufrieden von unserem Arbeitstag draußen wieder am Heimweg. Fein war’s!
Osterurlaub steht an. Jasmin und Carina sind dabei. So patzigen Schnee wie in Zauchensee oder Ischgl wollen sie nicht mehr haben. Obergurgl bietet sich da als einer der höchsten Orte Österreichs an. Wir gönnen uns ein bisserl Luxus in den Appartements Gletscherblick und müssen dabei gar zwei Stockwerke in zwei getrennten Appartements nehmen. So haben wir drei Schlafräume und damit ein Gästezimmer, das auch Gernot spontan nützt. Die Mädels freut es, denn so kommen sie zu einem Skilehrer, der mit ihnen über die Pisten fetzt.
Renate und ich gehen es gemütlicher an. Mich stört das kein bisserl. Das Wetter ist durchwachsen, teils sperrt der Föhn die Lifte. So kommen Renate und ich nicht einmal nach Hochgurgl. Ein guter Grund, in den nächsten Jahren das nachzuholen. Während weiter unten der Schnee knapp wird, gibt es hier heroben davon reichlich. Sogar zum Tiefschneefahren kommen wir. Renate räumt erst danach ein, dass es ihr erster Versuch seit 2006 ist. Und 2006 war es auch der einzige Versuch. So schaufelt sie tonnenweise Schnee und kommt dabei anständig ins Schnaufen. Oder sie lässt sich tadellos in die Falllinie fallen, um sich dann im Schrecken darüber, wie gut das geht, gleich selbst fallen zu lassen. Tapfer ist sie auf jeden Fall und bald aus verständlichen Gründen müde. Das Knie und den Hals ein bisserl verdreht sitzt sie da und hat sich Respekt verdient. Gernot düst zwischenzeitlich mit den Mädels durchs Unverspurte. So soll’s sein.
Am Nachmittag gönnen wir uns noch das Schleppservice zur Schönwieshütte. Ui, die ist eine klare Empfehlung. Das Essen ist gut, die ersten Tiefschneeschwünge wollen gar mit Champagner begossen werden. So sitzen wir da in Mitten Tirolers Bergwelt, wundern uns leise, wie der Hüttenbau ohne Schlafmöglichkeit je in dieser Einsamkeit genehmigt wurde, und verpassen dabei ganz, wie dicke Schneeflocken draußen eine Winterlandschaft wie aus längst vergangenen Tagen zaubern.
An Tagen, an denen wir nicht auf den Skiern stehen, gehorche ich Amy. Amy trainiert mich für meinen nächsten 10km-Lauf. Nicht direkt sie, denn sie hätte in Tennessee sicherlich genug zu tun, sondern eine Software. Ach, was erkläre ich, neue Zeiten sind das. In jedem Fall absolviere ich auf über 1.900m Seehöhe ein Höhentraining. Renate steht um nichts nach und radelt am anderen Ende des großzügigen Fitnessraums.
Vor einem Jahr sind Renate und ich einander das erste Mal über den Weg gelaufen. Dem Schicksal war nachgeholfen, ja die Beziehung gewissermaßen arrangiert. Getroffen haben wir uns erstmals am Cobenzl. Fürs zweite Treffen gleich am nächsten Tag haben wir uns spontan auf den Weg zur Marillenblüte in die Wachau gemacht. Unser Weg dorthin darf als turbulent und verworren bezeichnet werden. Selbst Google war aufgeregt und hat uns über eine der letzten Staubpisten Österreichs dann doch nicht an den gewünschten Ort gebracht. Die Herausforderung haben wir trotzdem gemeistert und sind dort angekommen, wo weder die Marillen geblüht haben noch die Gastgeber auf solch einen, durch einen Artikel im Kurier provozierten Ansturm vorbereitet waren. So wichtig war das aber an diesem Tag nicht und wir haben letztlich in Senftenberg beim Nigl gegessen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass gutes Essen Renates fast größte Leidenschaft ist.
So ist nun ein Jahr mit vielen Gourmetgängen vergangen. Warum nicht wieder zu früh zur Marillenblüte? Selbst in Senftenberg ist die Zeit nicht stehen geblieben. Das Weingut hat einen neuen, modernen Hotelzubau. Wir essen fein und wandern zur Ruine Senftenberg, die mir im Vorjahr gar nicht aufgefallen war. Also, die werden sie hoffentlich nicht auch neu gebaut haben, oder?
Am nächsten Tag kommt dann der Ausflug nach Rossnatz an die Donau zu den Marillen und so. Wir sind gewohnt zu früh und ergattern einen der 12 Parkplätze. Viel getan hat sich hier im vergangenen Jahr nicht. Okay, die Vinothek, damals einziger, offener Gastronomiebetrieb, hat ihren Betrieb eingestellt. Der Stress im Vorjahr, neben den selbstverständlich alkoholischen Getränke am Vormittag noch Wasser und Kaffee für die Gäste aus aller Welt inklusive Breitenfurt Ostende auszuschenken, war wohl zu viel.
Wir flanieren zur Donau und sind uns nach einem dicht gepackten Jahr ganz sicher, dass es passt mit uns.
Heute habe ich mich mit einem Auerhahn geprügelt! Das ist natürlich etwas verstörend, zumal ich davon ausgegangen bin, dass ich mich nie wieder in meinem Leben mit jemandem prügeln muss. Aber kurz vor dem 56. Geburtstag war es so weit. Und der Tag war ohne Auerhahn auch schon nicht fad. Aber der Reihe nach!
Mio und ich nehmen uns die Breite Ries vor. Nein, nicht auf Skiern mit Schwung in der Abfahrt, sondern im Aufstieg mit Schnaufen. Elf Stunden Sonne hat der Wettbericht am Vorabend noch gemeldet, aber das schaut eher nach elf Minuten aus. Zum Glück habe ich extra viel Gewand mit. Na ja, wir starten in Losenheim und sind bald in der Breiten Ries. Hier beginnt auch der Schnee.
Da die Sonne hinter den Wolken steckt, ist der Schnee hart und tragfähig. Das ist gut so, jedenfalls besser als bei jedem Schritt einzubrechen. Ich lege die Steigeisen an und schnalle sie mit Körbchen an die leichteren und bedingt steigeisenfesten Bergschuhe. Schauen ma a mal! Mio bekommt das Brustgeschirr umgeschnallt. Schließlich wird es ja oben steiler und ich kenne ja den Experten. Mio ist stolz wie Oskar: endlich auch mal Equipment für ihn. Los geht’s! Mio hat Freude am Schnee, rennt rauf und runter. Ich nur rauf, dafür deutlich langsamer.
Viel Schnee ist nicht. Mit Skiern sollte man nicht zu schnell unterwegs sein. Wer stürzt und einen herausragenden Felsen erwischt, kann übel bedient werden.
Mit den Höhenmetern wird es steiler. Mios Begeisterung für Sprints nimmt ab. Die herausragenden Felsen nutzt er schon für eine Rast. Ganz so sicher fühlt er sich nicht mehr. Okay, er sagt nichts, aber ich nehme ihn trotzdem an die Leine. Der Wind fällt die Breite Ries runter, sodass es richtig ungemütlich ist. Die Engstelle verschwindet immer wieder im Nebel. Wir steigen höher. Manchmal helfen uns Trittspuren, die allerdings bergab angelegt sind und entsprechend weit voneinander entfernt sind. Irgendwann entwickeln wir eine Strategie und folgen den Aufstiegsspuren eines Tourengehers, der hier offensichtlich bei wärmeren Bedingungen unterwegs war.
Mittlerweile fühlt sich Mio nicht mehr so richtig wohl. Sein steigeisenloser Allrad verliert gelegentlich den Grip. Ich wünschte, ich hätte die schwereren Schuhe und will allgemein nicht so recht. Das Wetter ist bescheiden, und ich mache mir Sorgen wegen Mio. Aber ohne Hund würde ich weitergehen und Mio sagt nichts. Also, weiter! Ich kenne die Strecke von der Abfahrt und der Höhenmesser meint, dass es bald ein Ende haben wird.
Der Tourengeher hat nun auch offensichtlich die Skier auf den Rucksack gepackt. Eine erste, schwach ausgeprägte Treppe führt den steilen Harsch gerade hinauf. Die Stufen werden allmählich breiter, zumal hier wohl auch das Ende für jene Tourengeher erreicht ist, die es wissen wollen. Steil ist es, aber das merke ich in den gefrorenen Stufen nicht so sehr. Mio ist der Steilheit völlig ausgesetzt, murrt aber weiterhin kein bisschen. Und irgendwann ist es auch geschafft, wir stehen am Einstieg in die berühmteste Steilabfahrt im Schneeberggebiet. Müde ziehe ich mir weiter Schichten an, ehe ich in den Steigeisen über das gefrorene Plateau die paar Meter zur Fischerhütte weitertaumle.
Nach üppiger Jause und per Euro aktivierter Wandheizung steigen wir mit erholter Batterie den Wurzengraben ab. Nein, da kann man auch nicht mehr mit den Skiern fahren. Na ja, wenn man öfters die Skier trägt, geht es schon. Aus meiner Sicht ist die Saison 2023/24 extra früh aus. Wir traben dahin. Kein Mensch weiterhin weit und breit, kein Schnee beim Ende des Hoyosgrabens. Schneerosen und Waldboden übernehmen das Bild.
Jetzt noch die Querung vom Fadenweg zur Edelweißhütte. Ich wähle die einsamere, untere Variante ohne Höhenmeter. Mio läuft weit vor, da höre ich Geräusche, die wirklich nicht hierher gehören. Ich schau‘ mich um: „Was soll das?“. Und siehe da, auf einem Felsen im Wald ein Stück oberhalb vom Weg pudelt sich ein Auerhahn wie ein Hausmeister auf. Jö, schau‘, das sieht man selten. Ich drehe um, sodass ich ein Foto schießen kann. Der Auerhahn zögert nicht und schwattelt den Waldhang zu mir herunter auf den Wanderweg. Ein bisserl gar echauffiert wirkt er. Ich schieße zwei Fotos. Nein, um fotografiert zu werden, ist er anscheinend nicht da. Der meint es unfreundlich mit mir. Was tun? Ich schreie ihn an und hoffe sogleich, dass niemand mich gehört hat und die Bergrettung verständigt. Der Plärrer zeigt nur kurz Wirkung. Ich schlage mit den Stöcken vor mir so fest aufeinander, dass ein Stock bricht. Von Mio keine Spur! Wenn man den Hund braucht, ist er nicht da. Jetzt wäre seine Chance da.
Okay, ich werde mich also mit einem Stock verteidigen. Da höre ich endlich ein Knurren. An dieser Stelle gehen übrigens unsere Wahrnehmungen auseinander. Mio meint, dass er sich vor mich gestellt hat. Ich erinnere mich, dass das Knurren von hinter mir gekommen ist. Na ja, wir einigen uns, dass Mio an meiner Seite gekämpft hat. Der Vogel ist nun wirklich sehr nahe, sein Schnabel sieht ungemütlich aus.
Das Internet sagt, dass beim Herrn Auerhahn Anfang März die Balz beginnt und er in dieser Zeit mit einem 100-fachen Testosteronspiegel durchs Leben rennt. Diese kleinen Testosteron-Trotteln keine ich allzu gut aus meiner Jugend: chancenlos, aber furchtlos und immer dreister, wenn man sie gewähren lässt.
Nochmals, was tun? Vielleicht gefällt ihm meine bunte Jacke. Polizei und Vier Pfoten empfehlen sicher, dass ich gegenüber dem Aggressor keinen Widerstand leisten und ruhig und besonnen das Geforderte übergeben soll. Aber der Gefiederte sieht doch ein bisserl aufgeplustert aus. Ich wähle die Variante „Dosierter Schlag gegen das Haupt“. Ich will den Vogel nicht verletzen, aber doch klar machen, dass hier das Theater ein Ende zu haben hat. Also, zack und Treffer! Das Tier beutelt den Kopf und spürt dank dem 100-fachen Testosteron wohl wenig. Schmacko, zweiter Treffer! Also, hätte ich den abgekriegt, würde ich etwas spüren. Noch hat sich in mir keine Panik breitgemacht und ich habe weiterhin tierlieb dosiert. Ah, der zweite Hieb zeigt Wirkung: der Angreifer zeigt sich einerseits klar unverletzt, anderseits doch etwas reflektierend. Der Angriff ist gestoppt. Mio und ich schieben rückwärts ab, der Auerhahn schaut ein bisserl verstört. Mio möchte nun die Gelegenheit für einen Angriff über die Bergflanke nützen. Nur der Auerhahn hat wohl gecheckt, dass das leichte Surren im Spatzenhirn von meinem Stock kommt und nicht vom Hund. Der Flankenangriff bricht umgehend in sich zusammen. Mio und ich ziehen uns weiter zurück. Der Vogel sieht uns leicht, aber nicht völlig triumphierend nach.
Den Tierschützern hier sei versichert: der Auerhahn ist unverletzt, also physisch unversehrt. Wie sehr die Aktion seinem Ego und seiner Psyche geschadet hat, weiß ich nicht. Letztlich sind aber wir zwei Helden im Rückwärtsgang abgezogen. Das sollte ihm als Sieg reichen, auch wenn das Kopferl ein bisserl brummt.
Das Internet sagt, dass meine Begegnung mit dem Auerhahn eine sehr seltene war. Sehr selten war auch, dass mich der Vogel angegangen ist. Am Internet findet man ein paar Videos aus aller Welt, die einen Angriff zeigen. Na fein! Im Falle einer Attacke soll man sich mit einem Stock verteidigen und sich aus seinem Revier verziehen. Habe ich es richtig verstanden, so ist sein Revier riesig. Ich hoffe, ich muss nicht das Land verlassen. Aber sonst scheinen Mio und ich alles richtig gemacht zu haben.
So geht dann ein spannender Tag zu Ende. Für Mio war es ein bisserl viel. Erstmals steigt er nach einer Wanderung unaufgefordert ins Auto, wo er unmittelbar in tiefen Schlaf verfällt. Sachen gibt’s!
Ein ruhiger Montag an der ruhigen Seite des Schneebergs steht an. Renate, Mio und ich fahren nach Kaiserbrunn und parken als einzige Wanderer hier an diesem Tag. Wir starten Richtung Krummbachsattel. Die Route habe ich online geplant. Das kann mitunter herausfordernd werden. Dort, wo der Miesleitensteig nach rechts steil abzweigt, begrüßt uns gleich ein Schild „Futterstelle – Bitte nicht betreten!“. Mann oh! Wer so freundlich bittet! Ich überlege. Also, die Futterstelle berücksichtigt den Klimawandel nicht, es ist frühlingshaft, von einer Schneedecke keine Spur. Wild sollten wir da nicht stören. Wir prüfen mal die Lage, Mio kommt an die Leine und siehe da, schon nach 100 Metern liegt die Futterstelle hinter uns und auch die frischen Reifenspuren enden. Ich denke, da haben wir niemanden gestört.
Vermutlich sind wir den Brettschachersteig gegangen. Wild romantisch ist das hier und selten begangen. Mio zischt vor, uns gefällt es. Ebenso vermutlich steigen wir weiter über den Brandsteig auf zum Krummbachsattel. Fast immer finden wir einen Pfad, oft auch Markierungen.
Am Krummbachsattel sehen wir dann erstmals Wanderer. Sie sind Richtung Schneeberg unterwegs, wir drehen aber nach rechts Richtung Krummbachstein ab. Allmählich macht sich eine Schneedecke breit und kalt wird es auch. Die Alpenvereinshütte kommt und bald der Krummbachstein. Es ist mittlerweile richtig ungemütlich geworden. Ich kann die Finger kaum noch bewegen. Renate zieht sich gar trockene Sachen an. Schon beim Zuschauen wird mir nochmals kälter. Aber Mammut bringt es in Ordnung. Ausgerüstet sind wir gut. Ein paar Fotos sind auch noch möglich, aber dann geht es rasch runter zur Knofelebenhütte.
Der Winterraum ist uns recht. Würstel, Weckerl, Paprika und Schoko fühlen die Speicher. Mio bekommt auch ein Würstel, ausnahmsweise! Der Wirt hat Getränke aufgestellt. Wir sind aber bestens versorgt. Trotzdem werfe ich Geld für zwei Getränke in die Kassa. Jemand muss sich ja um den Raum kümmern.
Wieder erstarkt geht es von der Hütte über den Miesleitensteig nach Kaiserbrunn. Laut Renate der beste Abstieg seit langem. Der Holzknechtsteig vom letzten Mal hat sich wohl eingebrannt.
So geht eine tadellose und ermüdende Wanderung zu Ende. Fein war’s und wir haben wieder ein bisserl Kondition aufgebaut für die ambitionierten Pläne 2024!
Der Akademikersteig ist wieder einmal dran. Der Klimawandel lässt solche Aktionen im Februar zu. Statt gejammert wird gekraxelt. Die Hüfte lässt Bewegungen zu, mit denen ich halt nichts anfangen kann. Das soll mich nicht abhalten, wieder einmal zu erwähnen, wie toll die Hüft-OP gelaufen ist.
Am Steig geht alles reibungsfrei ab. Gefühlt sind wir im Vergleich zu den ersten Malen irre schnell. Experten laufen die paar Hundert Meter wahrscheinlich. Wir schaffen es seilfrei bis auf das Felsfenster. Dies sei notiert, weil es Gernot sonst beim nächsten Mal wieder nicht glauben kann. Und nach dem Felsfenster kommt nichts Schwieriges mehr. Auch das sei hier festgehalten.