Gernot hat Geburtstag – ein Grund nach Kärnten zu kommen. Am Vortag seines Ehrentages fahren wir gemeinsam vom Wörthersee auf den Plöckenpass. Zwei Klettersteige haben wir uns ausgesucht: den Cellonstollen und den „Weg ohne Grenze“. Ein gut besuchter Parkplatz auf italienischer Seite erwartet uns. Ein Stück müssen wir zurück Richtung Österreich (aber nicht im Tunnel!), ehe, gut angeschrieben, der Steig über die Verbauung bergauf führt. Der Zustieg ist kurz.
Geschichte ist hier angesagt, zumal der Cellon bzw. Frischkofel im ersten Weltkrieg wild umkämpft war. Wer die Gipfel hat, kontrolliert die Pässe und damit die Grenzen – so das damalige Motto. Als der Cellongipfel schon von den Italienern erobert war, schlugen die Österreicher den Stollen in den Stein, um die Stellung auf der Cellon-Schulter halten zu können. Steil geht es im Stollen hinauf. Alle 20 bis 30 Meter ein Luftloch. Damals waren Holzstufen verbaut, heute sind es ein Seil und dort, wo notwendig, Eisenklammern. Bei unserer Begehung war es feucht und ein bisserl rutschig, aber alles gut machbar. Wir haben so viele Fragen und sind voller Respekt, was das für eine Arbeit war. Die Begehung ist ebenso kurzweilig wie spektakulär.
An der Schulter angekommen, geht es weiter zum Klettersteig „Weg ohne Grenze“. Auch der Abschnitt ist nicht sonderlich weit und bald stehen wir am Einstieg des Klettersteigs. Die Schwierigkeit ist mit D angegeben. Entsprechend respektvoll blickt eine von uns den Herausforderungen entgegen. Einige Klettersteiggeher sind unterwegs, aber die lassen wir vor. Renate bekommt eine Blitz-Einschulung von Gernot in die Verwendung des Skylotecs, einem Sicherungsgerät, das die Sturzlänge im Falle eines Falles minimiert. Nicht wissend, was ich zwischenzeitlich mit meiner Zeit anfangen soll, mampfe ich den Proviant für den heutigen Tag in mich hinein.
Dann geht es los. Nach ein paar einfachen Metern erwartet uns eine steile Rampe. Sie ist mit B/C bewertet. Mit Erfahrung ist sie wirklich nicht annähernd so schwer wie sie spektakulär ist. Der gesamte Steig ist toll angelegt, der Fels ist durchgängig griffig und kein bisschen abgeschliffen (2025). Es warten eine C/D- und zwei D-Stellen. Alle drei Stellen sind eher kurz und somit nicht allzu kraftraubend. Dies vorausgesetzt, dass man zügig über die Stellen kommt. Zum Abschluss dann noch eine Wand mit der Schwierigkeit C und das Ende ist erreicht. Was sich kurz liest, ist zeitlich und von den Höhenmetern ein ganzes Stück. Es ist ein überaus feiner Steig, der das Prädikat „Empfehlenswert“ verdient. Für Anfänger und Kinder gibt es Passenderes. Wer es trotzdem probieren will, soll zu jedem Anfänger bzw. Kind jemand mit Erfahrung dabei haben, der gegebenenfalls an einem Seil sichert. Der Steig ist mit Klebehaken ausreichend versorgt.
Gegen Ende des Klettersteigs ist Nebel aufgezogen. Den Frischenkofel, oder besser bekannt als Cellon oder Creta di Collinetta, nehmen wir natürlich mit. Der Weg dorthin ist gesäumt, von von Menschen geschlagenen Höhlen mit Fenstern, um Richtung Plöckenpass feuern zu können. Hier auszuhalten, muss Irrsinn gewesen sein. Wie das im Winter war, 1916 war es sicher deutlich kälter, mag man sich gar nicht vorstellen. Gernots späte Berufung zum Immobilientreuhänder beweist sich hier. Er ist versucht, jede Höhle zu begehen, meint, Schlaf- und Essraum zu erkennen. Er schreitet ab, will ausmessen und überlegt wohl, wie er das potenziellen Mietern schmackhaft machen könnte. Jede Höhle beeindruckt ihn, uns weniger.
Wir rasten am Gipfel, die verbliebenen Kokoskuppeln müssen weg, aber ich explodiere gleich. Eine neue Form der Bedrohung hier heroben. Im Abstieg weichen wir von der geplanten Route ab, steigen kühn einen anderen, möglichweise zwar eingezeichneten, aber nicht offiziellen Weg ab und sparen uns derart doch einiges. Renates Fußballen streiken wieder einmal und so sind wir froh über die abgekürzten Kilometer.
Am Plöckenpass gibt es noch Pasta. Gernot hat nicht nur eine Leidenschaft für Erdlöcher sondern ebenso für alles, was aus Italien kommt. Er bestellt auf Italienisch – die vielen Duolingo-Stunden und Online-Kurse machen sich bezahlt. Ob es dann die beste Pasta war? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich einfach zu viel während der Tour in mich hineingestopft.
Die Runde kann man jedenfalls jedem empfehlen, der Freude an schönen, ausgesetzten und etwas fordernden Klettersteigen hat. Ein toller Tag war es auf jeden Fall!
Unsere Unternehmung steht an der Kippe, denn in Kärnten kommt am Vorabend Renate zur Erkenntnis, dass sie in Flip-Flops in Breitenfurt losgefahren ist, und derart ihre speziellen Einlagen für die Schuhe vergessen hat. Selbst mit Einlagen ist so eine Bergtour mitunter eine Mühsal, aber so! Das wird was!
Mit geliehenen Einlagen – von Renate zu Renate – geht es mit Gernot und Mio zur Talstation der Ankogel-Seilbahn und mit dieser bis auf 2.650m. Es ist warm. Das passt zum labilen Wetterbericht. So ziehen wir ein bisserl schwitzend in langen Hosen los. Heerscharen von Gipfelstürmern aus allen Herren Länder sind unterwegs, die meisten in Shorts und bei früher aufziehenden Gewittern in einer sicherlich unangenehmeren Lage. Aber meistens wird es wohl gutgehen. Wir sind halt überaus vorsichtig. So grüble ich, während wir in einer wilden Truppe Niederländer dahinziehen. Die Gruppe gibt alles und hält durch. Zumindest am ersten Teil, der leicht bergab Richtung Osten führt. Aber kurz nachdem sich der Anstieg ins ehemalige Lassacher Kees vom Tauern-Höhenweg trennt, trennen auch wir uns von der Gruppe. Da ist schon was los hier. Den weiteren Verlauf des Weges erkennt man leicht an den vielen Bergsteigern, die hier Richtung Ankogel bzw. zumindest Richtung Kleiner Ankogel stürmen.
Jetzt kommt die Stelle, an der ich schon manchmal geschrieben habe, wie das damals im vorigen Jahrtausend war, als ich mit dem Vater unterwegs war. Ich meine, es war damals eine Tour mit Begehung eines Gletschers. Aber es ist zu lange her, um mich belastbar zu erinnern. Also, diesmal kein Bericht von fast vor einem halben Jahrhundert.
Das bisserl Gletscher, das da noch über ist, bedarf keiner speziellen Ausrüstung. Entweder es liegt ausreichend weicher Firn oder das Eis ist dick von Geröll bedeckt. Mio ist völlig respektlos, er nimmt in den ärmlichen Gletschertümpeln ein Eisbad. Selbst, wenn ab sofort kein CO2 mehr ausgestoßen wird, der Gletscherrest wird hier in ein paar wenigen Jahren verschwunden sein. So steigen wir über loses Gestein und Blockwerk auf. Viel kann man da bei brauchbaren Bedingungen nicht falsch machen. Mittlerweile nehmen Wolken den größten Teil des Himmels ein, aber es sollte weiter trocken bleiben. Kurz, man überblickt fast die gesamte Strecke. Ich habe mir die Tour fast sträflicherweise nicht einmal heruntergeladen.
Der Kleine Ankogel ist bald erreicht. Hier findet Mio einen Kollegen, einen Irish Setter. Das Herrl will nicht weiter. Da sind wir zuversichtlicher, obschon Renate Sorge hat, ob sie denn mit ihren malträtierten Fußballen da wieder runterkommt – und vor allem wie. Anderseits, wie oft kommt man daher. Also, sie probiert es – tapfer! Mio wird auch den „Kletterteil“ mit I+ bis II schaffen. Der Grat und Hang sieht vom Kleinen Ankogel aus steil her. Aber das haben Gegenhänge so an sich. Schauen wir einmal, wie sich der Berg gibt, wenn wir dort sind. Und so ist es dann auch, was von gegenüber wild und abweisend wirkt, verliert bei näherer Betrachtung seinen Schrecken. Ganz oben warten noch zwei Stellen, wo Mio ein bisserl Hilfe in Anspruch nimmt. Aber ein IIer ist das ganz sicher nicht!
Beim Gipfelkreuz herrscht ein Treiben, das es einem anders werden lässt. Doch halt, die Felsnadel da drüben sieht doch höher aus. Mio hat Freundschaft mit einem Wurstsalat-Rudel gemacht. Schon davor hat er anderen Gipfelsiegern die Wurst aus dem Brot geschnorrt, aber so eine Tupperware-Schüssel mit Wurstsalat will sorgfältiger geteilt werden. Die einen bekommen den Salat, der andere die Wurst. Okay, Mio ist beschäftigt. Ich entferne mich unerlaubt von der Truppe und sehe mich nach leichtem Zustieg auf der Nadel. Schon macht sich der erste zu mir auf den Weg, und ich rufe Gernot zu, dass hier ganz heroben ist. Gernot kommt nach. Es werden Fotos gemacht. Das hat Auswirkung auf die Influencer und anderen Fotosüchtigen beim Gipfelkreuz. Man will jetzt ein Foto von dort oben auf der Felsnadel. Mein Plan geht auf, wir haben nun das Gipfelkreuz fast für uns alleine. An der Felsennadel müssen sich zwischenzeitlich tumultartige Szenen abspielen.
Die Wolken werden dunkler und wir haben es kurz ein bisserl eilig. Beim Abstieg heben wir Mio an zwei Stellen, aber das ist nicht so schlau. Denn wir stehen wackelig da und Mio will gar nicht, was wir da machen. Erste Protestrufe von aufgeschlossenen Bergsteigerinnen führen dazu, dass Mio die Route wieder selbst wählen darf. Das geht ohnedies besser. Ich bin wirklich erstaunt, wie er den Weg mit Leichtigkeit findet. Wir folgen ihm und stehen dann prompt einmal an. Das wäre ein Eintrag im Bergrettungsbericht: „Die gut ausgestatteten Alpinisten gaben an, ihrem Hund, einem italienischen Lagotto, in immer unwegsameres Gelände gefolgt zu sein…“. Es kam aber nicht so, wir konnten uns selbst retten.
Mio ist in der Zwischenzeit voraus und hat am Kleinen Ankogel wieder seinen Jausen-Check bei anderen Bergsteigern durchgeführt. Die sitzen am Boden. So eine Konstellation kann sich ein Lagotto nicht entgehen lassen. Als wir weiter absteigen, sieht Mio überhaupt keine Veranlassung, diesen für ihn so ertragreichen Flecken Erde hinter sich zu lassen. Wir sind für ihn außer Sichtweite, und ich schaue immer wieder hinter dem Felsen vor. Da steht Mio oben und bettelt. Die Leute sind jetzt irritiert. Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee, den Hund zu füttern. Na ja, machen wir es kurz, ich muss Mio holen. Denn nach den salzigen Snacks steigt er aus verständlichen Gründen in ein Schneefeld ab. Dort realisiert er, dass sein Betreuungsteam irgendwie abhandengekommen ist. Ah nein, da ist ja schon einer, nämlich ich. Uff, alles gut! Er springt das Blockwerk runter und holt Gernot und Renate rasch ein. Jetzt bin ich der, der als einziger aus der Gruppe noch knapp unterhalb des Kleinen Ankogels steht und nicht weitertut!
Der weitere Abstieg erfolgt im Beisein vieler anderer. Wie gesagt, alleine ist man da nicht. Zwei Bergsteigerinnen haben die Bergrettung angerufen, weil sich eine der beiden eine Wunde zugezogen hat und sich nicht in der Lage sieht, den Abstieg eigenständig zu bewältigen. Die beiden Frauen in meinem Alter wirken schon ein bisserl geschockt, scheinen aber recht bergerfahren. Sie haben gar einen Biwaksack mit. Was kann ich da noch an Unterstützung anbieten? Der Hubschrauber soll eh bald da sein. Wir gehen weiter, und tatsächlich hören wir nach ein paar Minuten schon den Hubschrauber, der sogar hier in dem Blockwerk etwas findt, um zu landen. Nochmal geschätzte zehn Minuten später stürzt sich ein gelber ÖAMTC-Rettungshubschrauber an un s vorbei spektakulär ins Tal hinunter. Wow, das funktioniert!
Wir hingegen schleppen uns Richtung Hannoverhaus. Renate stakst eher langsam dahin. Nach ihren Aussagen war die letzte Stunde wieder kein Genuss, aber es war die Tour jedenfalls wert. Beim Hannoverhaus gibt es reichlich Stärkung und die ersten Regentropfen.
Noch 70 Höhenmeter zur Bergstation und wir rauschen wieder runter in die Hitze. Beim Auto setz gar ein bisserl kräftigerer Regen ein. Auf die Minute genau, Glück muss man haben!
Der Tassilo-Klettersteig im Toten Gebirge steht auf der Liste. Und weil wir es gemütlicher angehen wollen, reservieren wir uns zwei Plätze auf der Welser Hütte.
Jede Tour beginnt mit einer sorgfältigen Vorbereitung. Diese sieht bei uns so aus, dass eine von uns beiden extrem großes Interesse zeigt, was der andere so einpackt. Also, ob ich eh weiß, dass es am Donnerstag in der Nacht nur 3° am Gipfel haben wird. Mag sein, aber um vier in der Früh werde ich da eh nicht oben sein. Sollen wir nicht doch auch die warmen Jacken mitnehmen? Zusätzlich zu den drei anderen? Mann oh! Während ich also packen will, bekomme ich das Handy vor die Nase gehalten, ob denn diese Kletterstelle mit jener vergleichbar ist, die sie am Hilde-Klettersteig bewältigt hat. Es reicht! Da bietet sich an, dass DPD heute eine neue Kaffeemaschine liefern will. Warum die alte Maschine bei der Reparatur ist? Na, da hat eine von uns beiden solange die Knöpfe gedrückt, bis eine Luftblase im Boiler hängen geblieben ist. Aber das ist eine andere Geschichte. Den Lieferwagen von DPD kann man am Internet verfolgen, und so kommt mir die Idee, ob Renate nicht dem Lieferwagen entgegenfahren will, um unsere neue Maschine zu holen. Das sollte mir Ruhe zum Packen verschaffen. Claro! Weg ist sie! Den findet sie nie.
Und schon läutet das Handy:
„Ich glaub‘, ich bin gerade am DPD-Auto vorbeigefahren? Kannst du schauen, wo es ist?“ „Wo bist du denn?“ „Da bei der Kreuzung, wo wir eh auch vorgestern waren.“ „Ah, dann kenn‘ ich mich aus!“
Das wiederholt sich so ein paar Mal. Mein Plan war also für die Fische. Tja, dann läutet es erneut: „Ich hab‘ den Fahrer! Er sitzt vorm Billa und macht seine Mittagspause.“. So erjagt Massima die Kaffeemaschine – Respekt! Mein Respekt gilt auch dem Fahrer, denn der hat es mit Humor genommen. Immerhin erspart er sich so eine Fahrt. Sagt er, was er denkt, wissen wir nicht.
Renate hat bei der Anfahrt schon jede Menge Fragen an den Wirt, unter anderem, ob er einen Rucksack-Service anbietet. Der arme Wirt wirkt entnervt. Okay, dann müssen wir schleppen. Ich überlege, Renate das Handy abzunehmen.
Wir starten vom Parkplatz des Almtalerhauses. Zuerst geht es über einige Kilometer eine Schotterstraße bis zur Talstation der Materialseilbahn, nun noch ein bisserl Schonfrist im mäßig steilen Wald, ehe die Route ordentlich bergauf zur bereits früh sichtbaren Welser Hütte ansteigt. Zwei, drei Leitern warten auf dem von der Nachmittagssonne gut ausgeleuchteten Anstieg. Zum Glück ist es heute nicht so heiß.
Es geht erstaunlich gut und wir schaffen es mit Leichtigkeit pünktlich zum Abendessen auf die Hütte. Den Tisch teilen wir mit zwei Oberösterreichern. Es sind zwei Strukturbiologen, der eine unterrichtet an der Uni, der andere erfindet mRNA-Impfstoffe. Na, damit hätte ich nicht gerechnet. Wir diskutieren Renates Lieblingsthema, nämlich die kabellose Stromübertragung mit Tesla-Spulen. Weiter geht es mit Fragen wie, welche Strahlen auf welche Art Körperzellen erwärmen und warum KI auch nur die konsequente und rechenintensive Umsetzung der alten Ideen aus dem vorigen Jahrtausend ist. Yeah, ich war der erste Jahrgang an der TU, bei dem schon einige Übungen auf einem PC gemacht wurden und habe meinen Abschluss am Institut für Datenbanksysteme und Künstliche Intelligenz gemacht. Ja, da schaut ihr alle!
Wir haben ein Achterzimmer zu zweit. Das klingt widersprüchlich, zumal die Hütte keine freien Betten hat. Aber der Wirt und die Infrastruktur sind am Limit und so haben wir zu zweit die geräumige Juniorsuite. Ober uns quietscht der Holzboden, wenn jemand herumgeht, wir hören die abschließende Worte anderer BergsteigerInnen aus anderen Etagen vor dem Einschlafen und sind fast live dabei, wenn jemand noch aufs WC geht. Hüttenleben vom Feinsten, und trotzdem finden wir unseren Schlaf.
Der Morgen erwartet uns mit traumhaften Bedingungen. Renate fühlt sich fit und so geht es nach dem Frühstück los. Die meisten besteigen den Großen Priel, aber wir biegen nach 20 Minuten gemeinsamen Wegs rechts in die Einsamkeit ab und erreichen nach weiteren zehn Minuten den Einstieg des Tassilo-Klettersteigs.
Die Bedingungen sind wirklich einmalig. Der Steig ist wohl selten begangen, denn der Fels zeigt keinerlei oder kaum Abriebspuren. Die technischen Schwierigkeiten sind mit C/D fair beurteilt. D erscheint mir dann doch zu hoch. Ein paar Mal hat man kurz Zug auf den Armen. Nach so einer Stelle lässt der Steig aber sofort wieder locker. So erreichen wir das Almtaler Köpfl, womit wir laut Topo die Schwierigkeiten hinter uns haben sollten.
Ein Hubschrauber schwirrt am Plateau herum. Er setzt Leute am Seil ab und nimmt wieder welche auf. Übt man hier? Jedenfalls stört das Gerattere die Ruhe da heroben. Erst wieder daheim werden wir lesen, dass einer der beiden Wissenschaftler gestürzt ist und aufgrund seiner Verletzung am Unterschenkel vom Hubschrauber geholt werden musste. Uje, ihm alles Gute!
Der restliche Anstieg auf den Schermberg ist dann länger als erwartet und auch noch ein paar Mal zum Anhalten. Renate schnauft. Am Gipfel erwartet uns ein eher bescheidenes „Gipfelkreuz“ und vier andere BergsteigerInnen, die von der anderen Seite heraufgekommen sind. Das Wetter lädt zu einer Pause ein. Tadellos!
Der Abstieg erfolgt über den Hermann-Wöhs-Steig. Der ist technisch nicht schwierig, aber eben der Abstieg. Es geht über Gletscherabschliff an teils ordentlichen Felsspalten und Dolinen vorbei. Die Sohlen halten auf dem steilen Fels recht gut. Aber dann passiert es. Renate hält sich an einem größeren Felsbrocken, und der bricht aus. Die Folge sind ein schmerzverzerrtes Gesicht und ein offenkundig bald blutendes Schienbein. Ich überlege. Blöd, dass der Hubschrauber schon weg ist, sonst hätten die zwei Sturzpiloten in Gegenwart des Hubschrauberpiloten ein bisserl über Renates zweites Lieblingsthema „Herausforderungen des Beamens und Klärung der Frage, ob Renate das noch erleben wird“ fachsimpeln können.
Aber so muss Renate tapfer alleine absteigen. Heute wird nicht gebeamt. Eher mühsam vernichten wir Höhenmeter, bis wir endlich die Welser Hütte wieder erreichen. Es gibt ein ausreichendes Mittagessen und ein bisserl Erholung.
Jetzt fehlen nur 1.012 Höhenmeter im Abstieg. Das klingt nicht übertrieben viel, ist aber so mühsam, dass Renate ab der Talstation der Materialseilbahn nicht mehr so recht weiß, wie sie ihre Füße aufsetzen soll. Die Ballen streiken. Den letzten Kilometer stakst sie mehr als sie geht. Schaue ich sie an, höre ich ein: „Der Klettersteig war es aber wert!“. Na, dann! Und wie so oft erreichen wir dann doch noch den Parkplatz, von wo wir nach einer gelungenen Tour Richtung Heimat gleiten.
Ganz ohne schlechtes Gewissen machen wir uns im E-Auto zu Mittag auf den Weg an die Hohe Wand. Renate möchte einen Klettersteig mit Seilbrücke ausprobieren. Das wird gemacht.
Bin ich mal zu ungewöhnlicher Zeit unterwegs, treffe ich ungewöhnliche Leute. Einige Novizen sind im Steig. Nach einem Klettersteig der Schwierigkeit A/B ist nun dieser Steig mit C/D dran. Und das klappt auch recht gut. Als nächstes Ziel verraten sie mir die Zugspitze. Ah ja, wer denn diese Ideen hat? Einer von den drei jungen Herren schaut YouTube und hat die Klettersteige entdeckt. Und es macht Spaß! Was soll da schon schiefgehen? Die Erfahrung wird kommen. Aufrichtig und ehrlich: alles Gute und viel Freude in den Bergen!
Die Krönung ist aber ein Paar, das wir nach der Frauenlucke im Abstieg treffen. Sie befinden sich im Aufstieg. Auch sie haben sich ein Klettersteigset ausgeborgt und sind begeistert. Welchen Steig sie denn gehen wollen? „We don’t mind!“. Ich vermute, sie wollen den Matthias-Prinner-Steig gehen, sind aber 50 Meter zu früh links weg, wo sie in der Frauenlucke recht wenig mit dem Klettersteigset als Sicherung anfangen können. Denn da fehlt das Seil. Sprachschwierigkeiten und meine vehement Aufmerksamkeit einfordernde Frau lassen es nicht zu, dass diese seltsame Situation aufgeklärt wird. Aber der junge Mann grinst, erkennt den Ernst meiner Lage und macht weiter. Den beiden gefällt es, was könnte besser sein?
Der Steig selbst ist nicht sonderlich lange und wird oft als einer von mehreren an einem Tag gemacht. Renate ist aber hier, um die Seilbrücke zu probieren. Am Königsjodler soll immerhin so ein Seiltanzstück auf sie warten. Da schau‘ her, ist mir gar nicht so erinnerlich.
Die steile Strickleiter am Einstieg des Matthias-Prinner-Steigs macht ihr keine Mühe und auch die Seilbrücke nicht. So sind wir recht rasch durch den Steig. Das Selbstvertrauen ist wieder ein bisserl gewachsen, neue Herausforderungen mögen kommen.
Runter dann durch die Frauenlucke, die mich mit ihrer 15 Meter hohen Leiter immer wieder überrascht. Also, es sind keine technischen Fähigkeiten nötig, wenn man von oben einsteigt. Aber ein bisserl Überwindung muss man schon aufbringen.
So rollen wir nach bestandener Probe wieder nach Breitenfurt. Strom haben wir so viel, da bleibt nur das bisserl Reifenabrieb. Alles gut!
Nach Jasmins Matura gönnen wir uns einen Familienurlaub auf Kreta. Ganz im Osten bei Agios Nikolaos haben wir uns im St. Nicolas Bay Resort Hotel & Villas, einem Ressort, einquartiert. Vierzehn Tage Sonne, Wind und griechische Küche erwarten uns. Bis auf einen Kochkurs, bei dem wir eifrig dem Chef zugeschaut haben, einen Ausflug in den kleinen Ort und meinen Supermarktbesuchen am E-Bike haben wir nichts Berichtenswertes unternommen. Niemand hatte Lust bei diesen Temperaturen, zu Wasserfällen zu wandern, in einem Leihauto zu schwitzen oder eine Olivenölfarm zu besichtigen. Das Ressort hat sich große Mühe gegeben, dass wir keinen Schritt außerhalb des Ressorts setzen müssen. Wir wurden vorzüglich abgeerntet. So haben wir mit den Mädels ein bis zweimal am Tag gemeinsam gegessen und vermutlich mehr aus ihrem Leben erfahren als daheim in Breitenfurt.
Das Fitness Center hat uns oft gesehen und meine ersten beiden Yoga-Lektionen hatte ich. Wir waren einmal gar zu viert in der Stunde! Der „Herabschauende Hund“ ist mir ab sofort ein Begriff. Na bitte, das hat doch was?! Und gefallen hat es uns auch – fix!
Renate fühlt sich als gebürtige Steirerin verpflichtet, den höchsten Berg der Steiermark zu erklimmen. Der Hohe Dachstein ist mit seinen 2.995 m nicht nur der höchste Berg der Steiermark und Oberösterreichs. Spitzfindige glauben zu wissen, dass das Gipfelkreuz auf der steirischen Seite steht. Nach italienischer Messung ist er übrigens 3.007 m hoch, aber das ist eine andere Geschichte.
Von meinem letzten Besuch vor fünf Jahren weiß ich, dass es sich am Klettersteig in der Früh ziemlich stauen kann. Ich weiß auch, dass damals um die Mittagszeit keine Bergsteiger mehr warteten. Die Wettervorhersage sieht windiges, aber sonst sonniges und trockenes Wetter. Sollte passen! Die Ausrüstung für den Randkluftsteig lassen wir daheim. Ich habe keine Lust auf das Schleppen der Gletscherausrüstung. Wir werden also den Schulteranstieg hinauf- und wieder hinuntersteigen.
Eigentlich wollten wir auf der Seethalerhütte übernachten. Wir hatten auf den Sonnenuntergang und Sonnaufgang gehofft. Aber leider ist laut Hüttenwirt alles voll. Vorort erfahren wir dann, dass eigentlich „alles leer“ richtig gewesen wäre, weil zwei Tage lang spontan geschlossen war oder geschlossen werden musste.
So wählen wir wieder einmal Schloss Pichlarn, von wo es eine knappe Stunde zur Südwand des Dachsteins ist. Wir reservieren unsere Bergfahrt für 10:45. Aber das habe ich mir anders vorgestellt! Die Parkplätze haben sich schon gefüllt, wir parken entlang der Straße und müssen die letzten paar Hundert Meter zu Fuß weiter. Zeitreserven waren eingeplant und wir schaffen es bis 10:45 zur Seilbahn. Aber statt einem „Kommen Sie nur vor!“ erwartet uns eine Schlange. Die 10:30-Reservierungen warten vor uns, wir inmitten der 10:45er. Die Sonne brennt runter, keine Gnade für mich in langen Hosen und langem Shirt, präpariert für den Gletscher. Meine Beobachtungen ergeben: bei normalem Andrang fahren die Gondeln alle 20 Minuten, bei hohem Andrang alle 7,5 Minuten. Da passen die Reservierungen alle 15 Minuten nicht dazu. Entweder ist das genial, weil es letztlich ganz gut gepasst hat – wir haben die Gondel um 10 Uhr 52 und 30 Sekunden erwischt und waren wie geplant um 11:00 bei der Bergstation – oder es ist dann doch im mathematischen Sinne irgendwie vertrottelt. Es gibt noch weitere Parameter wie die Kapazität der Gondel und die Anzahl der verkauften Plätzen. Die Verantwortlichen machen sogar Überbuchungen, cool! Steckt doch Software mit künstlicher Intelligenz hinter dem Algorithmus oder eher steirische Gelassenheit á la „Das geht sich jeden Tag irgendwie aus! Oben geblieben ist auf jeden Fall noch keiner und wenn, dann hat er auch irgendwie runtergefunden!“.
Bei der Bergstation warten die singenden Murmeltiere wie auch vor fünf Jahren auf ihre neuen Pflegeeltern. Wir sind es nicht, wir sind eher happy, dass wir nicht die kurzen Hosen gewählt haben, denn neben den Murmeltieren pfeift auch der Wind anständig. Die Bedingungen sind rauer geworden: Hütte geschlossen, lebhafter Wind,.. Zum Glück hat Renate ihre Polarbären bzw. Polarbeeren in die Trinkflasche gefüllt.
Nur wenige Wanderer sind auf dem Weg Richtung Seethalerhütte. Ich sehe keine Helme, unser Plan könnte aufgehen. Am Einstieg sehen wir dann doch schon aus der Ferne vier Kletterer in der Wand. Weit sind sie noch nicht gekommen. Sie bewegen sich auch nicht. Seltsam, sind die Deko? Wir kommen näher, aber die bunten Kleckse kleben mit gespreizten Beinen an der Wand. Hängen die schon seit den Morgenstunden da? Am Einstieg macht sich eine Einzelgängerin fertig, von der Seethalerhütte stürmt eine Gruppe in voller Montur und gut ausgerüstet aber in Trailschuhen herbei. Turnschuhe und Pickel – eine seltsame Kombi! Die fünf Herren kommen aus dem Osten, also nicht nur von der östlichen Seethalerhütte sondern auch aus Tschechien. Kein Gruß – stattdessen im Stechschritt in die Wand. Das verschreckt die Farbkleckse. Die Verstopfung löst sich und so sind bunte neunköpfige Perlenkette vor uns. Das wird gut gehen. Wir starten zu dritt in die Wand.
Der Steig ist am Anfang ein C und ein bisserl schwer, aber nicht sehr. Bei weniger Schnee ist der Einstieg vielleicht übler. Bei uns tut sich eher nur ein Randklüftchen auf. Trotzdem muss man sich da ein bisserl nach vorne fallen lassen. Nach links sollte man nicht schauen. Da tut sich hinter einem schmalen Spalt dann schon ein bisserl größerer Abgrund auf.
Die Sonne lacht, der Wind pfeift, der Fels ist ein bisserl abgeschliffen, aber okay. Es geht dahin. Die Einzelkämpferin ist Lise aus den USA. Ich plaudere angeregt und vergesse ganz, dass ich ja mit meiner Frau da bin. Renate hängt an einer der C-Stellen unter mir und will den passenden Tritt nicht finden. Ich bin mit meinem Schulenglisch oder besser mit meinem Deutsch-Italienisch-Polnisch-Englisch gut gefordert. Gut, dass mich Duo mit Spanisch und Arabisch unterstützen will, aber ich überhöre meine Frau, die ihre Seele in den Wind schreit. Die Situation könnte eskalieren, alles Welt hätte Verständnis. Da zeigen sich die Qualitäten meiner lieben Frau. Ich steige vorsichtig ab zu ihr. Mein Verhalten hätte eine neue Frisur gerechtfertigt. Und da hätten mich weder Helm noch mein Drei-Millimeter-Schnitt gerettet. Jeder Richter hätte sie verstanden, wenn sie mich in der Randkluft entsorgt hätte. Aber sie bleibt ruhig. Ich sehe nicht einmal einen „Stirb“ doch!“-Blick an ihr. Nichts, gar nichts! Das macht mir noch ein schlechteres Gewissen. Fix ist, ich bleibe besser hinter ihr.
Nun unterhält sich Renate mit Lise. Lise feiert ihren Geburtstag am nächsten Tag. Wir sind in also nur ein paar Jahre älter. Renate posaunt raus, dass sie im November 53 wird. Das ist mir zu dreist, ich erhebe inbrünstig Einspruch: „So ein Blödsinn, du wirst 56!“. Ein weiterer Grund, wenn auch im Affekt, der mir ein restliches und sehr kurzes Leben in der Randkluft bescheren hätte können. Ab jetzt muss das mit dem Zusammenreißen aber klappen für heute. Mann oh!
Der Steig ist mittlerweile leichter geworden, Schwierigkeitsstufe B bis B/C. Und doch ist er länger als gedacht. Das Gipfelkreuz scheint noch fern. Der Randkluftsteig hat optimale Bedingungen, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann. Aber ohne Pickel ist er im Abstieg wohl zu steil. Schade!
Ab dort, wo der Randkluftsteig in den Schultersteig mündet, geht es wieder etwas zünftiger bergauf. Uns kommen jede Menge Kletterer entgegen. Die Trailschuhgruppe springt wohl gelaunt in Richtung Randkluft. Na, das werden wir beobachten.
Wir erreichen das Gipfelkreuz – herrlich! Was für ein Panorama! Die Dohlen fressen mir die Manner-Schnitten aus der Hand. Ja, die Saison ist kurz da heroben. Da darf man nicht schüchtern sein. Ob die Skitourengeher auch so spendabel sind?
Nach den obligatorischen Fotos geht es wieder runter. Immer wieder schaue ich zum Randkluftsteig. Dort könnten wir viel Zeit sparen. Eine Fünfer-Gruppe versucht sich gerade. Sie sind ohne Seil, aber mit Pickel. Ich überlege, da stürzt einer in die Tiefe. Mit der Hand am Handy für die Bergrettung, „stürzt“ der zweite in die auf dieselbe Art und Weise in die Tiefe – am Hosenboden. Die haben Spaß dabei! Geht’s noch? Ob die beiden die Spalten kennen, die zum Vorschein kommen, wenn der Schnee weggeschmolzen ist? Lise fragt, ob wir das auch machen werden. Für mich ist die Antwort „Sicher nicht!“, schon aus Prinzip nicht.
So steigen wir den Klettersteig wieder ab. Erst gegen Ende, als die C-Stellen warten, halte ich es nicht mehr aus. Da hängt so ein altes Seil eine Felsrinne Richtung Gletscher runter. Ich bin weit vor Renate und Lise und will das probieren. Das Seil endet gut zehn Meter vor dem Gletscher. Das Gelände ist brüchig, aber was soll schon viel passieren.? Im schlimmsten Fall kollere ich da runter, bis ich noch ein paar Meter in den Auslauf des steilen Schneefelds rutsche. Renate ruft von oben. Mein Vorschlag ist also, ich checke, wie der Übergang zum Gletscher und die Querung am Gletscher zur ausgetretenen Spur ist und gebe danach meine Empfehlung. Gesagt, getan. Ich bald stehe ich in der Spur. Alles machbar, ein bisserl fordernd und sicherlich gut für die Erinnerung. „Ja, du kannst nachkommen!“. So stehe ich da und schaue zu, sehe wie Renate in interessanter Haltung absteigt. Ich kann gar nicht recht hinschauen, aber dann ist sie auch schon am Schnee und bald bei mir. Auch Lise ist gefolgt. Ich höre ein „The rope ends here!“, antworte mit „Jepp!“. Es folgt ein „That’s a bit scary!“, aber Angst ist nicht Lises Thema. So quert auch sie erfolgreich zu uns und bestreitet die letzten Meter auf mir fremde Art und Weise. Sie setzt sich in die Spur und rodelt am Hosenboden, offenkundig mit großer Freude, fast bis zum Einstieg des Klettersteigs. Sachen gibt’s!
Wir wandern wieder zur Bergstation und besuchen noch die Eishöhle. Ein Besuch, den ich empfehlen kann. Kalt ist es halt in so einem Gletscher. Hängebrücke und Skywalk sind Attraktionen, die die Besucher hier herauflocken. Auch diese Attraktionen sind beim Ticket inkludiert, aber für jemand, der gerade einen Klettersteig gemacht hat, nicht so beeindruckend, wie für viele andere Gäste. Toll gemacht sind die Sachen allemal.
Für uns geht es wieder mit der Seilbahn runter. Buchung, Reservierung und Verkauf verstehe ich auch jetzt nicht. Zehn Leute sitzen am Dach der Gondel im Freien. Ja, was haben denn die angestellt? Egal, für uns geht ein wunderbarer, kurzer Ausflug in die hohe Bergwelt zu Ende. Prädikat: tadellos!
Der Attersee Klettersteig auf den Mahdlgupf ist recht bekannt und klingt einladend. Vielleicht sind zu viele der Einladung gefolgt. Der Einstieg wurde im August 2020 verlegt und ist nun von furchteinflößender Schwierigkeit D/E. Das soll Anfänger und Ungeübte abhalten. Wer am Einstieg ernste Nöte hat, könnte am Steig in Schwierigkeiten kommen. Fluchtwege gibt es nicht und der Steig ist mit 600 Höhenmetern recht lange.
Leider hat diese Maßnahme auch Renate abgeschreckt. Ich soll mal vorkosten. Sie wird einen anderen Steig ins Höllengebirge nehmen. Wenn es klappt, treffen wir uns beim Dachsteinblick. Wir buchen uns für zwei Nächte im Hotel Das Traunsee ein. Von dort ist es eine gute halbe Stunde zum Klettersteig.
So sind wir an einem Mittwoch mit tadelloser Wettervorhersage in Weißenbach am Attersee. Die Parkplatzflächen lassen vermuten, dass hier am Wochenende so einiges los ist.
Wir wandern los und schon nach kurzer Zeit trennen sich unsere Wege. Renate wählt den Brennerriesensteig und ich zweige rechts bergauf Richtung Wand ab.
Der Einstieg und die Schlüsselstelle ist bald erreicht. Die eigentliche D/E-Stelle ist kurz. Wer geübt ist, hat sie nach kurzer Zeit hinter sich. Fehlen Übung und/oder Kraft, dauert es länger, womit auch die Chancen rasch schrumpfen werden, überhaupt in den Steig einzusteigen. Selbst finde ich die Stelle nicht so schlimm. Bei Nässe sieht das sicherlich anders aus. Aber wer geht so einen Steig schon bei Nässe? Nach der Schlüsselstelle geht es einige Zeit noch anspruchsvoll dahin. Nicht so wild wie auf den ersten paar Metern, aber auch nicht zum Verschnaufen.
Der restliche Steig ist lange, steil und damit anstrengend. Wer in der Früh bzw. am Vormittag geht, steigt im Schatten. Das ist im Sommer nicht zu vernachlässigen. Auch im Schatten habe ich anständig geschwitzt. In eineinviertel Stunden bin ich durch den Steig durch. Dabei versuche ich mich nicht zu hetzen, aber eine Pause baue ich auch nicht ein. Es geht einfach immer weiter, und irgendwann geht mir dabei die Luft aus. Ich gehe kurz langsamer, bis es eben wieder weitergeht. Die meiste Zeit geht es steil bergauf, technische Schwierigkeiten warten eigentlich kaum. Es ist viel Eisen in der Wand. Zwei D-Stellen sind in der Topographie noch erwähnt. Diese brauchen ein bisserl Kraft, sind aber sicher nicht so wild wie der Einstieg. Die D-Stellen sind vor allem kurz. Da ist man mit Übung schnell drüber. Ach ja, und landschaftlich! Landschaftlich ist der Steig ein Hammer. Die steilen Felsen vor einem und Attersee und Traunsee unter einem – edelst!
Nach dem Ausstieg, Abschnitt 30 „Snake Escape“, ist auch der Gipfel des Mahdlgupf schnell erreicht. Ich bin doch recht gefordert. Hier heroben brennt die Junisonne von steil oben mir auf das lichte Haar.
Renate habe ich das inReach umgebunden. Das sendet alle zehn Minuten ihre Position an Satelliten. Diese Positionen kann ich auf meiner Webseite abrufen und schauen, wo sie denn ist. Okay, Mobilfunkempfang vorausgesetzt, könnte ich anrufen und sie fragen. Diese Variante hat jedoch so ihre Tücken. In der inReach-Variante kann ich nachschauen, wo sie ist und wo sie in den letzten Stunden war. Damit das keiner falsch versteht, das ist kein GPS-Tracker für Mio oder eifersüchtige Ehemänner. Das Garmin inReach Mini ist ein ernstzunehmendes Gerät, das ich gerne selbst verwende, wenn ich alleine unterwegs bin.
Am inReach erkenne ich also, dass sich Renate planmäßig und schneller als gedacht unserem Treffpunkt, dem Dachsteinblick, nähert. Ich breche schweren Beines auf. Renate ist so schnell, dass sie gar noch die Bennerin mitnehmen wird. Ich bin so langsam, dass ich einen Holländer kaum abhängen kann und will. Der gute Mann hat irgendwie Orientierungsnöte. Nicht nur, wenn er vorne ist, auch wenn er hinter mir ist, biegt er immer wieder in den Wald ab. Ich bin zu müde, um zu ergründen, was er da macht. Irgendwie kommt er dann doch kurz nach mir beim Dachsteinblick an. Wir plaudern, er ist am Weg zum Hochleckenhaus. Oha, leck Fetten! Da waren wir doch letzte Woche? Mein Hirn braucht dringend Nährstoffe und Flüssigkeit.
„Huh, huh!“ ruft es aus den Latschen. Die Niederlande sind begeistert, dass da meine Wife daherkommt. Verständlich, wenn man alleine kaum den Weg findet! Was für ein Wunder muss es sein, dass sich dann zwei Menschen fast zeitgenau auf einem Gipfel treffen?
So treffen wir beide an unserem Tag der Verlobung – ein Jahr ist es her, dass ich Renate am Preber gefragt habe, ob sie meine Frau werden will – wieder auf einem Berggipfel aufeinander. An diesem 18. Juni ist Renate fitter als ich. Soll sein, alles passt.
Wir wandern zurück zum Mahdlgupf und dann am Schoberstein vorbei Richtung Weißenbach am Attersee. Erst begeistert der Ausblick und dann die Wegführung. Der Weg hat so viele Serpentinen, dass auch der Geduldigste irgendwann abzukürzen beginnt. So verlieren wir gegen Ende unseres Abstiegs auch den Weg. Mit Geschick und Glück schaffen wir es aber bis auf ein paar Minuten Umweg nach abenteuerlicher Dschungeltour fast punktgenau zum Auto.
Mit einem Durst, wie er mich selten quält, geht es zurück ins Traunsee, wo erst rehydriert wird, ehe wir im neuen Restaurant „Belétage“ alles verputzen, was der Koch aufzuwarten vermag. Der Jahrestag klingt dann bei ein, zwei Glaserln Champagner aus. Wunderbar, könnte nicht besser gehen! Mit der Tour und meiner Frau!
Nach zwei Tagen in Salzburg sind wir am Heimweg und wollen noch den einen oder anderen Berg spontan mitnehmen. Ohne viel Aufwand suche ich eine Tour mit ein bisserl Kraxeln auf unserer Route aus. Wir parken wie viele andere auch bei der Taferlklause.
Eine INTERSPORT-Tour auf die Bischofsmütze usw. finde ich und die klingt doch gut. Wer INTERSPORT verwenden darf, wird schon Qualitätsansprüchen genügen. Der Franz-Scheckenberger-Steig ist nicht markiert, aber gut ausgetreten. Einkehren kann man im Hochleckenhaus und ein paar Kletterstellen sollen den Anstieg auflockern. Na bitte, das sollten wir schaffen. Letztlich wird es auch eine wunderbare Tour, aber!
Nach einigen Mühen finden wir den Zustieg zum Steig. Der GPS-Track stimmt nicht, ist immer um einiges neben den tatsächlichen Gegebenheiten. Der Track lässt ein altes Gerät vermuten, das zur Aufzeichnung verwendet wurde. An einer Stelle bin ich sehr entnervt, denn hier kreuzen sich Auf- und Abstieg bzw. ist der Autor um den Brunnen herumgerannt. Da wird dir beim Blick aufs Handy ganz schwindelig. Die eigentliche Route zeigt irgendwo in den Wald, aber da ist nichts. Gut, gehen wir halt die Forststraße, und die passt dann auch.
Ab jetzt geht es konsequent bergauf. Wir sind fit und glücklicherweise ist es nicht zu heiß. Oberhalb der Baumgrenze kommen uns dann zwei sehr junge Bergsteiger entgegen. Sophie und Silvio steigen ab. Weiter oben wartet Kraxelei, die ihnen zu wild erscheint. Man findet den Weg nicht. Sie fühlen sich nicht wohl und haben die Größe umzudrehen. Ich überzeuge sie, dass wir es ja gemeinsam versuchen können. Wir sind mindestens doppelt so gut ausgestattet, aber voraussichtlich halb so schnell. Silvio in offenen Sneakers macht mir ein bisserl Sorgen. Aber die beiden sind im Sorglosalter. Probieren wir es.
Mit der Beschreibung in Einklang ist die Tatsache, dass der Steig nicht markiert ist. Dafür stimmt die Aussage nicht, dass der Steig gut ausgetreten ist. Wie denn auch? Es geht den Fels nicht steil, aber doch recht direkt nach oben. Zumindest sind wir nicht die Ersten nach dem Winter und so sehe ich, wo der Fels schmutzig und ein bisserl abgenutzt ist. Aber die Spur zu halten, ist nicht leicht. Wir passieren Kletterstellen, die wir und sicherlich speziell Silvio nicht im Abstieg klettern wollen. Na hoffentlich, habe ich die jungen Leute nicht in etwas hineintheatert. Zwischen den Felspassagen folgen immer wieder Abschnitte zum Gehen, teils zwischen den Latschen. Wir verlieren den Weg recht oft. Handy und Uhr korrigieren uns, wir suchen und finden. Die beiden erkennen zumindest die Bischofsmütze. Damit ist es leicht, das erste Ziel anzusteuern.
Nach kurzer Pause rätseln wir, wo es da weiter gehen soll. Mein Orientierungssinn und mein Geschick bei der Übersetzung vom Karteninhalt in die Realität lässt mich heute im Stich. Die jungen sind eh schneller als wir, weswegen wir als erster bei der Bischofsmütze aufbrechen. Sie werden uns rasch einholen.
Der Weg führt in eine andere Richtung als vermutet. Oder anders gesagt: wenn wir dort hinwollen, wo ich denke, dass wir hinmüssen, dann wird es spannend bzw. unangenehm. Zum Glück liege ich heute falsch. Uhr und Handy lassen sich nicht beirren und wir steigen konsequent höher.
An einer Stelle ist es gar so wild, dass die beiden schon mit Besorgnis in der Stimme fragen, ob es da oben noch wilder wird. Wird es aber nicht. Dadurch, dass wir keine Markierung bis auf zwei blaue Punkte auf der gesamten Strecke sehen, verliere ich den Steig und komme in etwas schwierigeres Gelände. Eine II- bis II scheint gerechtfertigt. Das ist aber mehr als genug für jemanden, der sich ziemlich viel mit den Knien im Aufstieg behilft. Ich habe ein bisserl Sorge. Es ist bis auf eine oder zwei Stellen kaum ausgesetzt, aber trotzdem will ich nicht, dass der junge Mann runterkollert.
Mittlerweile ist klar, dass wir nicht dorthin müssen, wohin ich denke, dass wir müssen. Wir kämpfen noch mit einer Rinne, in der ich Spuren vermute, aber der Regen hat die Rinne ordentlich verwüstet. Da wäre der Rand der Rinne im Fels sicher einfacher. Irgendwann ist auch das geschafft. Das Gelände wird weniger steil. Hier trennen wir uns von Silvio und Sophie. Sie meinen, dass sie den Steig bestimmt nicht ohne uns gegangen wären. Wir hätten ohne sie vielleicht die Bischofmütze nicht gefunden.
Am Brunnkogel herrscht dann Hochbetrieb. Ein mächtiges Kreuz steht da, die Leute genießen den Ausblick auf die Seenwelt. Wir ziehen weiter, nehmen noch den Mathiaskogel mit und steigen auf den Hochleckenkogel, gerne auch Hochleckfettenkogel genannt. Renate hat Hunger bekommen. Oh, die Lage ist ernst. Hinter der Kuppe muss doch irgendwann das Hochleckenhaus kommen. Tja, aber dann die tragische Erkenntnis: der Tourenbericht sagt, dass man im Hochleckenhaus einkehren kann. Kann man auch, so wie man auf jeder anderen geöffneten Hütte einkehren kann. Kurz, das Hochleckenhaus liegt nicht auf der Tour wie in der Karte eingezeichnet. Da muss man einen Umweg gehen. Ich schätze von 45 Minuten. Das lassen wir mal und steigen direkt ab.
Der Abstieg sind ein bisserl mühsame, enge Serpentinen im Geröll. Allerdings sehr gut präpariert und gewartet. Da hat jemand brav Material im Hang verbaut. Das wäre doch was für den Holzknechtsteig auf der Rax.
Fast wieder beim Auto zurück, führt der GPS-Track dann direkt in den Steinbruch. Aber das irrt mich nicht mehr. Eine kurzweilige und spannende Tour bei besten Bedingungen liegt hinter uns. Beim zweiten Mal würde der Steig aufgrund der Erfahrung und Kenntnis richtig Spaß machen. Aber wer weiß, wann wir wieder hierher kommen.
Meinen Track auf Garmin kann man auch vergessen. Also, bitte nicht nachgehen!
Schon am Freitagnachmittag reisen wir zum Bodenbauer. Wir haben gerade noch ein Zimmer an diesem langen Wochenende ergattert. Der Samstag soll seit langem ein schöner sonniger Tag werden. Da nehmen wir auch etwas mehr Betrieb in Kauf. Wir schlafen sehr gut, auch wenn es recht hellhörig ist. Hellhörigkeit führt dazu, dass keine Ruhe ist, bis der letzte im Bett ist und keine Tür mehr zukracht. Und die Bettruhe endet, wenn die erste munter ist und erstmals die Tür zukracht. Oder ganz schlau, vor dem Haus bzw. vor der Hütte ganz leise flüstert. Die Absicht ist edel, die Wirkung gegenteilig. Egal, wir sind gut ausgeschlafen und nach einem feinen Frühstück zum Aufbruch bereit.
Wir sind wahrlich nicht die einzigen, die an diesem Samstag Richtung Hochschwab starten. Eine Gruppe mit geschätzt 15 Steirern startet zeitgleich. Ihr Leithammel ist mir schon an der Kaffeemaschine aufgefallen, nun befehligt er seine Begleiterinnen und Begleiter unabhängig davon, ob sie ihn dazu gewählt haben oder nicht. Im Laufschritt ziehen sie davon, um auf der Trawiesalm wieder eingeholt zu werden. Große Gruppen sind langsamer. An dieser Erkenntnis kommt man nicht vorbei.
Der Anstieg verläuft ohne Zwischenfälle. Die Wege sind in gutem Zustand, etwaige Schäden vom Winter längst behoben. Spätestens beim Vogauerkreuz sehen wir, dass einige Vorsteiger im G’hackten das Schneefeld links im Geröll umgehen. Wir werden das prüfen, wenn wir näher sind. Und siehe da, als wir beim Schneefeld sind, steigen vor uns zwei rechts davon auf. Das Schneefeld liegt über den Leitern und gibt nur ganz wenig von diesen frei. Aber das Stahlseil ist heraußen, das werden wir also schaffen. So quetschen wir uns zwischen Schneefeld und Fels immer höher. Eine Schnauferei ist das heute. Renate ist wieder fit, wir schnaufen gleich viel.
Nach dem Ausstieg dann noch Bekanntschaft mit einem älteren Kärntner, der mit seinem langsamen Partner unterwegs ist. Dass wir überholen, muss ihn hart getroffen haben. So klebt er sich an die Fersen und lässt seinen Partner im Stich. Ich frage, ob er vor will, aber das verneint er. Er ist so knapp hinter mir, dass ich große Versuchung verspüre, einen fahren zu lassen. Vielleicht bin ich ein bisserl hysterisch, weil ich gewohnt bin, dass wir meist den ganzen Tag kaum jemand treffen. Aber der gute Mann wäre mir auch in der Wiener Innenstadt zu knapp. Dann setzt er zum Überholvorgang an, sprintet vor, nur um sich zwei-, dreihundert Meter weiter demonstrativ wie ein Auerhahn auf einen Fels zu setzen. Er packt eine Jause aus und ein Buch, in dem er umgehend tief versinkt! Nur mit einem Auge prüft er, ob wir ihn eh bestaunen, wie toll er ist. Was für Gene, so ein toller Kerl!
Am Gipfel herrscht Stimmung wie an einem Badetag am Gänsehäufel. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Bergsteiger herauf. Wir fotografieren, setzen uns abseits und lassen die Drohne ein bisserl herumfliegen. Wann hat man schon mal fast Windstille am Hochschwab? Renate bekommt noch ein kleines Präsent zur Motivation, ehe es zum Schiestlhaus geht. Essen, nochmal Fliegen mit der Drohne und dann Abstieg. Renate stimmt zu, dass wir die etwas längere Variante über den Graf-Meran-Steig und den Trawiessattel gehen.
Auch hier sind jede Menge Leute unterwegs. Erst am Aufstieg zum Trawiessattel wird es ruhiger. Murmel sind recht geschäftig. Sie erfreuen sich wohl auch der angenehmen Bedingungen. Am Trawiessattel studieren wir den Domeniggweg durch die Südwand. Der kommt bei einem der nächsten Besuche hier dran. Noch sieht man Schnee in der Wand. Aber das sollte gehen. Ein junges Paar macht sich um diese Uhrzeit mit langem Seil auf den Weg in die Wand. Offenkundig haben die Schwierigeres vor. Wow!
Um siebzehn Uhr sind wir wieder kurz vor dem Bodenbauer. Wir sind schon froh, dass wir es bald geschafft haben. Da höre ich eine vertraute Stimme hinter mir. Der morgendliche Leithammel ist auch zurück. Seine Truppe scheint mir ein bisserl dezimiert zu sein. Das scheint ihn nicht zu stören. Er muss jedenfalls auf den letzten Metern noch vor, weil er sonst keinen Tisch bekommt. Beim Bodenbauer erkennt er mich wieder und fragt nach den Bedingungen. Die Antwort interessiert ihn nicht sonderlich. Viel wichtiger ist, dass ich erfahre, dass sie übers Rauchtal runter sind und es echt geil war.
Wie auch immer, so schließt sich der Kreis. Wie waren acht Stunden auf den Beinen bei besten Bedingungen und sind jetzt mal ordentlich müde. Sehr fein und überaus erfreulich, dass Renate wieder fit ist. Neue Herausforderungen dürfen kommen!
Offensichtlich habe ich die Tour am Schiestlhaus irrtümlich gestoppt und gespeichert, so gibt es zwei Garmin-Tracks heute: Aufstieg und Abstieg.
Alles wandelt sich. So bin ich von 2016 bis 2019 viel am Mountainbike im Wienerwald unterwegs gewesen. Dann folgten drei Jahre mit Laufen. 2023 und 2024 waren überwiegend Pause. Hüfte und Knie waren beleidigt und wurden teils ausgetauscht. Anfang 2025 zog das Neobike von Tacx/Garmin bei uns ein. Mit Renate habe ich schon 2024 wieder ein paar MTB-Touren im Freien gewagt und an diesem Sonntag hat es sich ergeben, dass ich alleine und ohne Mio daheim war. Da könnte ich doch Vergangenes wiederholen.
Der Schöpfl von daheim aus sollte gehen. Ich werde es mir ein bisserl leichter machen, indem ich die Route überwiegend auf festem Untergrund plane. Nur der Anstieg auf den Schöpfl und die Abfahrt sind auf unbefestigtem Untergrund.
Mit jeder Menge neuem Wissen gegenüber von vor sechs Jahren starte ich also an diesem Sonntag mit seinen optimalen Bedingungen. Ich habe im Rucksack eine Banane und Süßigkeiten, in der Trinkflasche ist purer Apfel-Ribisel-Saft. Die aktuellen Erkenntnisse, das sind im übrigen die Fehler von morgen, sagen, dass ich mir Kohlenhydrate und auch Zucker während der Aktivität reinziehen darf und soll. Fein, ich bin vorbereitet. Der Leistungsdiagnostiker hat meine Trainingsbereiche definiert. Ich weiß also, bei welcher Anstrengung ich durchhalte. Auch Garmin hat ausgerechnet, wann und wo ich wie stark treten solle. Selbst während der Tour rechnet es unentwegt, wie lange ich die jeweilige Belastung noch durchhalten werde. Das ist eine Ausstattung und Vorbereitung, die selbst für einen Profi von vor ein paar Jahrzehnten nicht selbstverständlich war. Da fällt mir die Geschichte von der Tour de France 1950 ein oder Vaters Erkenntnis aus seinen jungen Jahren: möglichst wenig trinken, um möglichst wenig zu schwitzen. Warum wenig schwitzen? Weil da Mineralien verlorengehen. Die hat er damals übrigens nachgefüllt, indem er auf Touren Salztabletten gelutscht hat. In den 40ern und 50ern hat man wohl andere Sorgen.
Heute fühle ich mich jedenfalls fit und starte Richtung Breitenfurt West, wo mich die erste Steigung mit maximal 15% erwartet. Auch der Anstieg in Gruberau kann mir nichts anhaben. Die Fahrer auf ihren Rennrädern sind natürlich schneller als ich auf meinem Mountainbike. Fast am Tag genau vor zwölf Jahren habe ich es mir gekauft. Da gibt es definitiv schon Besseres. Aber ich habe viel in die Reparatur investiert. Ich bin zufrieden.
Klausenleopoldsdorf und Schöpflgitter – es geht voran. Dann verlasse ich den befestigten Untergrund und biege nach rechts in die Schöpflklause und den Salygraben ein. Der Radcomputer sagt mir voraus, was mich erwartet. In regelmäßigen Abständen holt sich der Radcomputer übers Handy die aktuellen Winddaten, sodass er auch diesen Faktor berücksichtigen kann. Mit solch einem elektronischen Coach geht es also da hinauf. Je dunkler das Rot in der Vorhersage, umso steiler wird es. Anfangs sind noch hellrote und orangefarbene Auflockerungen dabei, doch irgendwann ist der weitere Verlauf durchgängig in einem dunklen Bordeaux-Rot. In diesem dunklen Abschnitt geht mir gar einmal die Luft aus. Es ist durchgehend über 15% steil und teils rutschig. Wenn man sehr fit ist, geht das einigermaßen auch ohne Absteigen. Na ja, ich erhole mich kurz, wirklich kurz, und radle weiter. Die Anzeige verkündet einmal gar 20% Steigung. Da sind die Winddaten unerheblich.
Die Warte schaffe ich auch noch irgendwie, obschon die Oberschenkel knapp dran sind, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Einen Streik kann ich jetzt nicht gebrauchen. Wieder beim Schutzhaus stolpere ich in eine Siegerehrung. Fast jede und jeder hält einen Pokal in der Hand. Ich gehe leer aus. Vielleicht bestelle ich mir einen eigenen Pokal am Abend auf Amazon.
Ich soll ordentlich essen und trinken, sagt der Sportwissenschaftler. Kaspressknödelsuppe, Linsen mit Knödel, Schokokuchen, ein Liter Hollundersaft, Wasser und Kaffee sollen mich wieder munter machen. Fürs Erste werde ich mal müde. Soll so sein!
Nach einer Stunde dann der Abstieg. Ich kann mich erinnern, dass mich Wilderes erwartet. An meinem Rad kann ich den Sattel ohne abzusteigen tiefer stellen. Der Luxus ist neu. Doch viel hilft das nicht, ich bin noch nicht ganz auf Touren und fahre den Steig nach Forsthof runter. Der ist steil, mit Wurzeln versorgt und durch große lockere Steine erschwert. Das ginge alles noch irgendwie, wären da nur nicht so viele Wanderer an diesem Sonntag. Die meisten sind deutlich älter als ich. Das wären Schlagzeilen, wenn ich als „Junger“ so ein paar Schneekugeln abräume.
Ein paar Mal steige ich also ab. Einmal ruft mir gar einer zu: „Da hast dir aber nicht den besten Steig für die Abfahrt ausgesucht. Ist wohl besser, wenn du absteigst! Zahlt sich nicht aus.“. Ich steige ab und stimme ihm zu: „Ja, da hast Recht. Für den Scheiß bin ich wirklich zu alt!“.
Weiter geht’s durch Ansiedlungen, die mir alle nichts sagen, wie Pamet, Höfer und Edhof, Richtung Innermanzing. Immerhin gibt es Innerfurt mit und ohne h am Ende. Ich staune! Staunen lässt mich auch, dass es dauernd bergab geht. Ja, bin ich so viel raufgeradelt?
Nach Außerfurt dann die Westautobahn. Yeah, das sollte ich schaffen. Der Computer sagt, dass ich noch 15 Kilometer durchhalte. Ui, sind aber noch 26! Ziemlich guter Rückenwind treibt mich an. Hoffentlich hat das Garmin diesen nicht schon eingerechnet. Gerade sind erst die neuesten Winddaten reingekommen. So beschließe ich, die Tour ein bisserl zu straffen. Selbst die kleinen Umwege, um auf Radwegen zu fahren, lasse ich aus. Jetzt mache ich auf Straßenrennfahrer. Immerhin kann ich den letzten Anstieg, den Roppersberg, nicht auslassen. Da muss ich rauf.
Die Änderungen tragen Früchte. Am Wienerwaldsee sind es noch knapp zehn Kilometer und ich habe noch Energie für sieben. Am Wienerwaldsee findet heute der „Art Walk“ statt. Wirklich übel spielende Blasmusiker stehen da am Wegesrand und lenken die Besucher ab. Die ausgestellten Bilder an den Zäunen sind um nichts besser. Die Krönung dann die tanzenden Gauklerinnen. Mann oh, der Hindernislauf hier raubt Energie. Meine elektronische Klingel ertönt schrill, aber bis ich sie auf dem kleinen Touchscreen gefunden habe, habe ich schon ein paar Besucher umgekegelt.
Nach der Autobahnbrücke gilt endlich wieder freie Fahrt, und ich stehe überraschend bald am „Roppersbergpass“. Meine persönliche Tankanzeige sagt noch drei Kilometer, während noch gut vier Kilometer vor mir liegen. Also, Ohren ausklappen, Rückenwind nutzen und bergab Richtung Breitenfurt-Ost-Ende!
In der Liesingtalstraße bin ich kurz versucht zu erkunden, was passiert, wenn ich jetzt noch ein paar Kilometer weiterfahre. Aber die Waden und Oberschenkel haben ich sich zusammengetan. So brav haben sie duchgehalten. Da will ich es mir nicht verscherzen.
Tadelloser Tag und stolz, die Runde geschafft zu haben!