Schalfkogel (3.537m)

Die Tour von der Langtalereckhütte auf den Schalfkogel und weiter zum Ramolhaus war wohl meine intensivste Tour seit langem. Früher – ach früher – war das nach Aussage der Hüttenwirte und Bergführer eine feine Tour. Die Klimaveränderung hat sie wild gemacht. Aber der Reihe nach!

Gernot und ich steigen am Sonntag von Obergurgl zur Langtalereckhütte auf. Ein Bergrutsch von beträchtlichem Ausmaß hat die Straße verlegt. Zum Teil ist sie nun wieder frei. Man könnte auch wieder mit dem MTB fahren, aber sie ist behördlich gesperrt. Nach dem Abendessen fragen wir den Hüttenwirt zu unserer Tour. Nein, das ist nichts, er rät ab. Schön ist das nicht, wir sollen etwas anderes machen. Wir lassen nicht nach. Wie ist das, wenn wir stattdessen vom Ramolhaus aus auf den Schalfkogel gehen? Der gleiche Blödsinn! Und der Große Ramolkogel? Auch sinnlos. Mann oh! Jetzt sind wir schon hier. Am Telefon war auch kein klares Nein zu hören. Als ich dann nochmal frage, gibt der Hüttenwirt auf. Natürlich kann man gehen, aber kein vernünftiger Mensch würde gehen. Die Route, die er dann empfiehlt, kann im Nachhinein keiner recht nachvollziehen. Seine unwirsche Art macht es auch nicht leicht. Egal, wir haben Infos. Wir wissen, wie wir vom Gurgler Ferner auf den Kleinleitenferner und von dort auf den Schalfkogel kommen. Er empfiehlt die weitere Gratwanderung über die Firmisanschneid und den Spiegelkogel. Das ist uns zu viel, wir wollen zu den Ramoler Bänken absteigen. Geht alles, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen. Ich bin eher nachdenklich, Gernot eher zuversichtlich.

Um 05:15 läutet der Wecker, wir starten früh. Der Weg führt uns unter das Hochwildehaus, wo wir zum Gurgler Ferner absteigen. Hier ist es fein markiert. Erst die letzten Meter sind selbst zu suchen. Der Gletscher hat sich so weit zurückgezogen, dass die Leute mit dem Markieren nicht nachkommen. Wir finden schnell eine Stelle, an der wir aufs Eis wechseln können. Die Überquerung ist ebenso wenig ein Problem, wie der Wechsel auf der anderen Seite wieder ins Geröll. Ohne Schneebrücke wäre die Randkluft allerdings spannender gewesen.

Wir suchen nach dem Einstieg in die Wand. Steil ist sie ja nicht, aber Nässe und loses Gestein wirken wenig einladend. Links oder rechts vom herabschießenden Wasser? Wo geht es da rauf? Und wie weit müssen wir da rauf? Wir suchen, verplempern Zeit. Da entdecken wir ein Seil, das in der Wand hängt. Auch auf dieser Seite hat der Gletscher Volumen verloren. Zum Seil muss erst mal gekraxelt werden. Rutschiges, loses Gestein mindern auch hier den Fun Factor. Beim Seil die nächste Herausforderung: ohne Seil wird es nicht gehen, weil zu riskant. Zumal wir ja auch nicht wissen, wie die Tour oben weitergeht. Mit Seil stellt sich die Frage, wie sicher es denn ist. Reicht es zum Anhalten, fängt es gar einen Ausrutscher? Wir hängen dann sogar den Tibloc von Petzl ein. Das ist komfortabel, aber wenn das Seil nicht sicher ist, dann ist es eine trügerische Angelegenheit.

So gehen wir jedenfalls diese Felsstufe unter geringstmöglicher Belastung des Seils an. Ein bisserl blöd ist es allemal. Wenn das Seil uns fangen muss, wird die Belastung hoch sein. Also, schön vorsichtig! Am oberen Ende sehen wir, dass das Seil um einen Fels(brocken) gesichert ist. Ich habe ein Felsköpfel in Erinnerung. Gernot meint, dass es nur ein schwerer Brocken war, der auf einer Felsplatte gelegen ist. Oida!

Weiter geht es nun ein leicht begehbares Band Richtung Süden, ehe wir oberhalb eines großen Schutt- und Geröllkegels den Berg direkt Richtung Kleinleitenferner hinaufsteigen. Hier sind auch wieder gute Markierungen zu finden.

Der Kleinleitenferner ist einerseits einfach, weil weder sonderlich spaltenreich noch sonderlich steil . Einzig, wir finden keinen Weg, der ausschließlich übers Blankeis hinaufführt. Irgendwo müssen wir über den Schnee, und der sieht trügerisch aus. So wage ich mich auf den grundlosen weißen Schnee. Der Pickelschaft verschwindet immer wieder ohne Widerstand – wenig beruhigend. Ein-, zweimal breche ich ein. Der Schnee rieselt unter mir in ein dunkles Loch. Russisches Roulette mal anders. Zwei breitere Gletscherspalten könnten das da sein. Zwischen den beiden will ich aus dem Schneefeld zum sicheren Blankeis. Wahrscheinlich die beste Idee in dieser lausigen Situation. Könnte auch sein, dass ich auf einer Schneebrücke gehe. Aber hier heroben hat es in den letzten Tagen und Nächten kein bisserl gefroren.

Und dann ist das sichere Eis wieder da – uff! Nun geht’s nicht allzu steil hinauf aufs Schalfkogel Joch – heißt das so? Müde sind wir schon. Nicht nur die Anstrengung, auch die Anspannung macht sich bemerkbar. Der Rest zum Gipfel ist einfacher Fels, Geröll und Blockwerk. Yeah – erster Teil ist geschafft.

Der Nordgrat ist ebenso problemlos wie das darauffolgende Eis. Vor uns tut sich der Felsgrat auf. Na freundlich schaut der nicht drein. Also, Steigeisen wieder runter. Gernot probiert es. Dazu muss er mal um den ersten Block herum. Na servas, sofort machen sich Felsbrocken auf nach Westen Richtung Diemferner. Und der Grat sieht noch brüchiger aus. The Saxophones are getting louder! Na, das geht nicht! Gernot muss zurück. Und jetzt stehen wir da! Zurück geht nicht, weil es weit ist und keiner nochmals über den Kleinleitenferner will. Der Süden fällt damit aus. Im Norden wartet der wackelige Grat, dem Gernot gerade zu nahe getreten ist. Also, technisch würde der gehen, aber das Risiko, dass ein möbelstückgroßer Fels mit uns abfahrt, erscheint uns zu hoch. Ein Umgehung über den Diemferner im Westen wäre eine Option, aber darauf sind wir nicht vorbereitet. Ich vermute, dass wir da ein paar hundert Höhenmeter runter müssten. Wir verwerfen die Option. Erst wieder auf der Hütte, meint eine Bergführerin, dass diese Umgehung 150 Höhenmeter kostet, aber mittlerweile gemacht wird.

So bleibt der Osten, oder besser Nordosten. Schon beim Abstieg vom Schalfkogel sind mir Spuren aufgefallen, von einem, der vor kurzem ohne Steigeisen auf dem harten Schnee gegangen sein muss – wilder Hund! Und am Gletscher unter uns sieht man auch eine Spur im Schnee. Da könnten sogar schon mehrere gegangen sein. Nur der Hüttenwirt hat diese Variante am Vorabend entschieden verworfen. Doch diese Variante erscheint uns nun als geringstes Übel. Auf der Karte habe ich einen Hangneigungs-Layer eingeblendet. So meine ich, dass man auf 3.100 m Seehöhe zu unserem Weg queren könnte. Irgendwo muss man ja wieder rauskommen. Wenn nicht, dann sind wir geliefert. Wir haben zwar noch ausreichend Reserven in Sachen Tageslicht, aber die Kraftreserven sind aufgebraucht. Unausgesprochen bleibt, ob wir schon mal die Bergrettung verständigen sollen, dass wir vielleicht bald ein Problem haben werden. Das wäre das zweite Mal in meinem Leben – nach meinem Hoppala mit dem Steigeisen im Wadel.

Wir steigen zum Schnee ab und hoffen mal. Der Schnee ist schon wieder weich und tief. Am Seil geht Gernot vor und folgt den Spuren. Wir erreichen damit kein Blankeis, sondern weichen ins Geröll aus. Das erscheint sicher, ist aber auch kein richtiger Genuss. Gelegentlich liegen die Felsbrocken am Eis. So kommt es schon mal vor, dass man auch mit größeren Brocken abfährt. Bis hinunter auf 3.100 m ist es ein ganzes Stück ohne wirklich festen Untergrund, jeder Schritt löst ein Rutscherl aus.

Je näher ich den 3.100m komme, umso zuversichtlicher werde ich, dass wir rauskommen werden. Falls dem so ist, wandern wir noch die zwei, drei Kilometer rüber zum Ramolhaus. Auf 3.100 m angekommen, sieht Gernot einen Weg in der hier wie gehofft nicht steilen Flanke. Okay, Weg ist kühn, sieht eher so aus, als wären da schon mal zwei Gämsen rüber. Ich will noch ein paar Meter runter. Aber da sieht Gernot ein Steinmanderl. Okay. ich lass mich überzeugen, Gämsen bauen keine Steinmännchen. Jetzt noch 100m und wir sind wieder auf dem „offiziellen“ Weg. Vor dem hat der Hüttenwirt zwar auch gewarnt, aber hier herunten wird es wirklich nur noch eine Wanderung sein. Zugegebenermaßen ist die Wanderung in unserem Zustand schon ordentlich anstrengend. Kurz vor dem Abendessen begrüßt uns Lenka, die freundliche Hüttenwirtin, am Ramolhaus mit einem Schnaps.

Auf der Hütte plaudern wir am Abend noch mit Silvia, einer Bergführerin aus Kilians Team. Sie erkundigt sich nach den Bedingungen. Der Große Ramolkogel ist nach ihren Aussagen wohl ähnlich. Wir haben eh keine Kraft mehr. Die Uhr sagt, dass ich 5.100 Kalorien verbrannt habe. Angesichts dieser Fakten entscheiden wir uns spontan für die Freizeitarena in Sölden. Silvia erzählt, dass sie Kunden hat, die wie ich die österreichischen Berge mit mehr als 3.500 m sammeln. So wie sie das erzählt erscheint mir diese Leidenschaft als verwirrt und doch eher vertrottelt. In letzter Zeit sind ohnedies Zweifel bei mir aufgekommen, an dem Abend bin ich bereit, auf die paar fehlenden Gipfel zu verzichten. Schauen ma a mal!

Am nächsten Morgen steigen wir bei Kaiserwetter nach Obergurgl ab. Von dort nach Sölden in die Freizeitarena, die tatsächlich eine selten in Anspruch genommene Duschpauschale von 4,50 Euro anbietet. Das E-Auto wird geladen und auch wir füllen Kalorien nach. Dann geht es zurück Richtung Osten.

Garmin