Stadelwandgrat

Der Stadelwandgrat war bislang der Höhepunkt der Saison. Dieses Mal starten wir damit. Der Zustieg inklusive Gassel fällt leichter als erwartet. Das mag daran liegen, dass wir schon wissen, was kommt. Gernot meint, ich soll notieren, dass der Weg bei 900m verlassen werden soll. Nun aber aufpassen, dass man nicht dem breiteren Steig zur Wand folgt, sondern eher eben in den Wald quert. Wer diesem Tipp folgt, kann in etwa 25 Höhenmeter sparen. Okay, aufgeschrieben ist es.

Gegen den fetten roten Pfeil und schon sind wir bei unserem ersten Turm. Ui, haben wir schon lange nichts am Fels getan. Sogar der erste HMS-Knoten will mir nicht gelingen. Wie ruft man sich diesen in Erinnerung, wenn er sonst doch immer automatisiert und ohne nachzudenken von der Hand geht? Einfach machen, nicht überlegen und geht schon. Die Saison kann beginnen.

Aber schon am ersten Turm mache ich einen schweren Fehler. Es fällt mir gar nicht leicht diesen aufzuschreiben. Ich bin gar nicht sicher, ob der erste Turm zur „offiziellen“ Routenführung gehört. Na ja, ich finde keinen Haken in der Wand und setze einen Friend. Ein bisserl Overkill, aber wenn ich ihn schon mithabe. Fast oben, möchte ich meinen zweiten Friend setzen. Immerhin möchte ich auf der anderen Seite gleich absteigen und den schönen Standplatz nutzen. Ich setze also den Friend, bin aber nicht sicher, ob der gut hält. Und dann weiß ich nicht, was in meinem Hirn abgeht. Ich ziehe und rüttle an der Sicherung, die sich auch prompt unter hoher Belastung löst. Blöd, dass ich mich aber nicht gut anhalte. Als der Friend aus der Wand fetzt, habe ich Glück, dass ich mich in der Wand irgendwie fangen kann. Na servas! Mir schießt alles ein.

Jedenfalls bin ich so verwirrt, dass ich den Friend wieder am Gurt befestige und zugleich sicher bin, den Friend gesetzt zu haben. Als Gernot nachsteigt und mir zum Stand folgt, sehe ich nur einen Friend. Meine Erklärung ist, ich muss so verwirrt gewesen sein, dass ich den Friend zwar in der Wand angebracht, aber das Seil nicht eingehängt habe. Gernot muss nochmal hinauf und den Friend holen. Nur er findet ihn auch bei gewissenhafter Suche nicht. Gut, dann muss eben ich nochmal zurück. Ich werde ja wissen, wo ich ihn angebracht habe. Beim Wechsel am Stand fummle ich am Beckengurt und – uppsi! – da ist er ja, mein Friend. Mah, ist das peinlich. Wie deppert kann man sein! Viel Glück und ein bisserl Demut schaden anderseits nie und ganz speziell zu Saisonstart nicht. Von wegen „der Berg verzeiht keine Fehler“.

Bei der restlichen Kletterei wechseln wir uns im Vorstieg ab. Es läuft gut. Einzig, bei einer anderen Stelle zum Abklettern vergesse ich einen Karabiner oben. Den darf ich gleich selbst holen. Der erste Zwischenfall zeigt also möglicherweise noch Auswirkungen. Und das, obwohl die Bedingungen optimal sind. Welche Entscheidungen trifft man, wenn die Bedingungen stressig sind oder sicher einer verletzt hat?

Alles andere läuft reibungslos. Die IIIer-Stelle gehört mir. Allmählich verstehe ich, was eine IIIer-Stelle auszeichnet. Fotografiert habe ich sie noch nie. Vermutlich sieht sie am Foto genauso aus, wie jede andere Stelle. Das nächste Mal gibt es ein Foto.

Am Ende des Steigs sind wir dann körperlich schon ein bisserl erschöpft. Wir jausnen im Schatten und erfreuen uns am Wind. Zufrieden über den Saisonstart steigen wir den Stadlwandgraben ab. Weiter unten liegt so viel Laub, dass man keinen Stein sieht und die Sohlen keinen Stein zu greifen bekommen. Dreimal wirft es mich hin. Fit wäre ich noch genug, aber dieses Gerutsche und Gestolpere nervt dann doch ein bisserl.

Irgendwann heißt es aber doch „Gut ist es gegangen, nichts ist geschehen!“. Ich habe viel dazugelernt, nicht theoretisch sondern überaus praktisch. So soll es sein. Wir hängen noch unsere Beine in die Schwarza, ehe wir in der VIP-Ecke des Spar in Reichenau Kalorien auffüllen.

Guter, aber auch wilder Saisonauftakt!

Die Tour auf Garmin