Predigtstuhl

Neue Bergschuhe wollen ausprobiert werden, und überhaupt war ich schon lange nicht am Berg. Der angesagte Wind schreckt Renate ab und so mache ich mich mit Mio auf den Weg.

In Reichenau stoppt ein junger Mann Auto. Er hat eine Stofftrainingshose und Sneakers an. Von den Bergen hat er wenig Ahnung, aber die Natur mag er. Sein Plan ist es, mit der Rax-Seilbahn aufs Plateau zu fahren. Ich empfehle ihm Schneeschuhe, die gratis bei der Bergstation verlieren werden. Bis zum Otto-Haus sollte er es schaffen. Von der Statur her ist ihm einiges zuzutrauen. Er ist mit dem Flugzeug gekommen und hatte nur wenig Handgepäck mit. Da ich ihm nicht abrate, will er mehr wissen, wie lange es geht, wenn er die Seilbahn sparen will. Da wird es mir zu viel. Ein bis zwei Stunden, aber mit diesen Schuhen heute wahrscheinlich gar nicht.

Mio und ich fahren aufs Preinergscheid. Es hat Schneeregen. Fein, was will man mehr? Aber das Wetterradar sieht eine trockene Zukunft. Am Waxriegelhaus trocknen wir die Jacke und warten kurz bei Kaffee und Kuchen aufs Ende des Niederschlags.

Der Waxriegelsteig hat ganz wenig Schnee. Eine Eisschicht von ein paar Zentimeter mir zwei bis drei Zentimeter Neuschnee ist nicht so übel. Keine Grödel, die neuen Schuhe halten auch so – edel!

Blickt man zur Preinerwand, sieht man schon reichlich blauen Himmel. Blickt man zur Heukuppe, drängt sich ein „Na, servas!“ auf. Die Fotos zeigen es. Wir steigen weiter auf. Auf der Leeseite des Grates ist es nicht wild. Beim Einstieg des Bismarcksteiges kommt der Wind. Nur noch geschätzt 80 Höhenmeter unter dem Gipfel setzt ein Inferno light ein. Ich halte mich vom Grat fern. Wenn eine Böe kommt, die noch ein bisserl mehr Kraft hat, haut es mich da runter. Mio muss auf sich selbst achten. Anfangs findet er es noch lustig, aber die bodennahen Eiskristalle, die der Sturm entgegenschleudert, werden ihm zu viel. Er flüchtet in den Langermanngraben. Ich folge und dort wird es auch erträglicher. Wir schaffen den Gipfel, und ich schieße ein paar Fotos.

Der Abstieg Richtung Karl-Ludwig-Haus ist wieder beeindruckender. Der Wind reißt an der Jacke. Der Lärm erinnert an ein losgerissenes Segel im Sturm. Mio ist auf Mission, er hat seine Freude an den Naturgewalten. Ein Bergsteiger kommt mir entgegen. Per Handzeichen und schreiend tauschen wir uns aus. Er will den Waxriegelsteig runter. Daumen hoch, viel Glück, wird gehen!

Der Winterraum IM Karl-Ludwig-Haus ist fast Luxus, mehrere Betten stehen da und ein WC gibt es auch. Tadellos! Trotzdem bleiben wir nicht lang. Heute hacke ich nicht einmal das Ingress-Portal. Wir folgen der Eisenkette Richtung Schlangenweg. Wie erwartet, verliert der Wind hier rasch an Kraft. Mir geht’s gut. Ich laufe in den neuen Schuhen bergab. Das wird ein Muskelkater werden. Heute, zwei Tage später, kann ich noch immer nicht die Stiegen geschmeidig runtergehen. Mio ist ganz gaga, er schnappt nach Schuhbändern, den Handschuhen und bellt seine Begeisterung in die kalte Luft hinaus. Immer wieder stürmt er vor, dreht um und schießt den Weg zurück herauf – ein Spiel, das wir gut kennen.

Das Waxriegelhaus lassen wir im Abstieg aus. Die alte Skipiste hat sich den Renaturierungsversuchen widersetzt. Der Schnee wird weniger, beim Preinergscheid sind nur noch ganz spärlich weiche Schneeflecken übrig. Eine Abfahrt vom Waxriegelhaus mit Skiern ist nicht möglich.

Wieder im Auto schaue ich bei der Fahrt noch einmal zurück zum Predigtstuhl. Weiß glitzert er vor blauem Himmel, als wäre nichts gewesen. Lediglich ein paar hohe Schneefahnen verraten noch, dass es sicher noch immer nicht allzu gemütlich da oben ist.

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