Mit Renate fahre ich nach Johnsbach zum Kölblwirt. Wir wollen hier übernachten und dann am nächsten Tag in der Früh über das Schneeloch aufs Hochtor und von dort über den Josefinensteig zur Hesshütte und wieder zurück nach Johnsbach.
Das Abendessen ist schon mal ein Genuss und auch das Zimmer ist fein. Der Gastwirt, mutmaßlich der Senior, der von der nächsten Generation gerade abgelöst wird, ist sympathisch und zuvorkommend. Er erkundigt sich zu den Bedingungen wie von Renate erbeten. Die neue, junge Hüttenwirtin der Hesshütte meint, dass geübte Bergsteiger mit dem Schnee, der noch liegt, fertig werden sollten. Na fein, ich bin in den leichten Trail-Bergschuhen und ohne Grödel unterwegs. Nicht einmal eine lange Berghose habe ich mit, abgesehen von der Regenhose. Der Wetterbericht sagt einen bedeckten, aber trockenen Vormittag und einen sonnigen Nachmittag ohne Gewitter voraus. Meteoblue, mein Lieblingswetterdienst, schätzt die Vorhersagekraft mit sehr hoch ein.
Nach ebenfalls feinem Frühstück steigen wir los. Über 1.600 Hm im Auf- und dann im Abstieg erwarten uns. Das wird also schon eine ordentliche Tour. So wandern wir bei feuchtwarmer Luft und dichten Wolken erst im Wald und dann allmählich durch Latschen immer höher. Dichte Nebelwolken umhüllen Hochtor, Ödstein und wie die so grimmig dastehenden Riesen noch heißen mögen. Die feuchtwarme Luft ist mittlerweile nicht mehr warm. Die ersten Schneefelder sind zu umgehen. Das geht noch alles leicht. Im Schneeloch dann das erste Schneefeld, das man tatsächlich überqueren muss. Es ist flach und kein bisschen gefährlich. Wenn ich hinaufschaue – und 400 bis 500 Höhenmeter sind es noch -, wird es mir jedoch mulmig. Einerseits könnte ich das erste Mal zu wenig zum Anziehen mithaben. Renate kann ich auch nicht beliebig antreiben, sodass mir wärmer wird. Anderseits könnte uns die Querung eines steileren Schneefelds eine unüberwindbare Barriere sein. Renate spürt meinen Zweifel und hat gleich „wild feuernde“ Nerven im rechten Arm.
Jeder bekommt einen der Wanderstöcke. Das wird schon gehen. Sonst müssen wir halt umdrehen. Der Weg führt zum Glück am Schnee vorbei. Die Stöcke sind bald hinderlich, weil wir nun unsere Hände zum Anhalten brauchen. Keine Sorge, wir haben uns vorbereitet, Renate hat sogar Videos auf YouTube zu den Steigen angeschaut. Trotzdem sind wir überrascht, dass es eine leichte Kraxelei wird. Mit jedem Höhenmeter steigt auch der Nebel höher. Der Wetterbericht passt. Das ist ja mal beruhigend. Die Schneefelder haben auch schon Platz gemacht. Auch das ist fein so. Schon sehen wir das Gipfelkreuz. Nach meiner Einschätzung hält uns da kein Schneefeld mehr auf. An den Beinchen friert es, aber das kann ich aushalten. Renate ist berauscht. Immerhin steht sie in kurzen Hosen da und friert kein bisserl. Am Gipfel hält es uns nicht lange, das ist den Temperaturen und der fehlenden Aussicht geschuldet. Man sieht die nächsten Gipfel, aber wenig Panorama oder Fernblick.
Nun kommt der Abstieg, das ist so gar nicht Renates Lieblingsdisziplin. Wir rechnen mit einem weniger steilen Abstieg als Aufstieg, Schon nach hundert oder zweihundert Metern stellt sich uns ein Schneefeld in den Weg. Man kann es umgehen, aber so richtig angenehm ist das nicht. Moment, das war so nicht ausgemacht. Was mag da noch kommen?
In der Ferne sehen wir einen Wanderer entgegenkommen, der erste Mensch auf der Tour heute. Er erkundigt sich nach den Bedingungen im Schneeloch. Okay, der ist noch übler ausgerüstet als ich. Seine Sneaker haben schon einige große Löcher, aus denen die Socken schauen. Dafür hat er einen Helm. Aha, wofür? Er ist alleine unterwegs. Sein Lachen ist voller Zuversicht. Nein, er wird kaum Schneekontakt haben. Einzig, eine Stelle wartet noch im Aufstieg auf ihn. Er sagt uns für den Josefinensteig absolut apere Bedingungen zu. Schauen ma a mal.
Der Josefinensteig ist landschaftlich recht spektakulär und bei weitem nicht so zahnlos, wie wir dachten. Wie schon erwähnt, geht es mit Renate kaum schneller bergab als bergauf. Da habe ich es schon viel leichter. Irgendwann habe ich alles am Körper, was ich im Rucksack finde. Ich könnte mir noch den Biwaksack überstülpen, aber das erscheint mir dann doch als übertrieben. Steil geht es da entlang eines doch eher dünnen Stahlseils die Ostseite hinunter. Der Wind hat aufgefrischt und vertreibt die Wolken. Aber je weiter wir absteigen, umso erträglicher wird das Wetter. Und irgendwann erreichen wir die Hesshütte, wo ich das letzte Mal 1978 war.
In diesem Jahr hat eine junge Slowakin die Hütte übernommen. 100 Schlafplätze bietet die Hütte mittlerweile. Zu Pfingsten waren die Hütte gar voll. Da hatte die junge Frau wohl ihre Feuertaufe. Sie wird das schaffen, wir wünschen ihr das Allerbeste. Das Essen ist jedenfalls schon mal eine Freude. Wird schon gutgehen. Zeit, die Wege selbst zu begehen, hat sie nicht. So geben wir Auskunft, wie die Überschreitung war. Ihre letzte Auskunft ist schon wieder eine knappe Woche alt. Tja, der Kölblwirt hat bei der Hesshütte angerufen und hier hatte man keine aktuellere Information, Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man den Wirt fragt.
Gestärkt treten wir den Abstieg nach Johnsbach an. Drei Murmel begrüßen uns. Die sind so fett. Das mag man gar nicht recht glauben. Der Winter ist doch erst vorbei. Renate ist wieder voller Zuversicht. Der Weg liegt ihr eher als das steile, rutschige Fels-Geröll-Zeugs im Josefinensteig. So werden Pläne geschmiedet. Keine Spur von Müdigkeit. Knapp vor Johnsbach kommt uns eine junge Frau entgegen. Sie ist im Aufstieg zu Rebecca, ihrer Freundin und Wirtin der Hesshütte. Aus dem Rucksack schaut ein übergroßer Spätzlehobel. Was soll da noch schiefgehen? Die nächste Generation hat übernommen, gut so!
So endet die Tour nochmals bei einer Kleinigkeit beim Kölblwirt. Respekt meiner Renate, die diese lange Tour mit ihren verschiedenen Herausforderungen ausgehalten hat. Renate meint, all das hat der Kurzweiligkeit gedient. Mir soll es recht sein, fein war’s, Heim geht’s!





















